Multitarget-DNA-Stuhltest (mtsDNA-Test) in der Darmkrebsvorsorge

Multitarget-DNA-Stuhltest (mtsDNA-Test) bezeichnet ein stuhlbasiertes, molekularbiologisches Screeningverfahren zur Früherkennung kolorektaler Neoplasien (Tumorvorstufen und Tumoren des Dick- und Enddarms). Das Verfahren kombiniert den Nachweis tumoras­soziierter DNA-Veränderungen im Stuhl mit einem immunologischen Hämoglobin-Nachweis und dient der nicht-invasiven Risikostratifizierung asymptomatischer (beschwerdefreier) Personen mit durchschnittlichem Risiko für ein kolorektales Karzinom (Dick- oder Enddarmkrebs) [1, 2].

Synonyme

  • Multitarget-Stool-DNA-Test
  • mt-sDNA-Test
  • stool DNA-FIT
  • DNA-iFOBT-Test
  • FIT-DNA-Test

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Stuhlprobe aus einer Spontanentleerung
    • Spezifisches Probenentnahmesystem des jeweiligen Herstellers
  • Vorbereitung des Patienten
    • In der Regel keine diätetische (die Ernährung betreffende) Vorbereitung erforderlich [5]
    • Keine Darmreinigung erforderlich [5]
    • Der Test ist nur für asymptomatische Personen im Screening-Kontext vorgesehen, nicht zur Abklärung symptomatischer (beschwerdebehafteter) Patienten [4-6]
  • Störfaktoren
    • Unzureichende Probengewinnung oder fehlerhafter Probentransport können die Analytik (Laboranalyse) beeinträchtigen
    • Ein positives Ergebnis ist nicht spezifisch für ein Karzinom und erfordert immer eine komplette koloskopische Abklärung (Abklärung durch Darmspiegelung) [4-6]
    • Die prädiktiven Werte hängen wesentlich von Prävalenz (Häufigkeit einer Erkrankung in einer Bevölkerung), Zielpopulation und Testintervall ab [1, 2, 4]
  • Methode
    • Kombination aus molekularer Analyse stuhlständiger DNA und immunologischem Nachweis okkulten (nicht sichtbaren) Hämoglobins [1, 2, 5, 6]
    • Die klassische erste Testgeneration umfasste KRAS-Mutationen, Methylierungsmarker wie NDRG4 und BMP3, einen Referenzmarker für menschliche DNA sowie eine FIT-Komponente [1]
    • Aktuelle Next-Generation-Verfahren basieren weiterhin auf einem kombinierten DNA-/Hämoglobin-Ansatz, jedoch mit modifizierter Marker- und Algorithmusarchitektur [2, 3]

Zielgruppe und Indikationen

  • Screening asymptomatischer Personen mit durchschnittlichem Risiko für kolorektale Karzinome [4-6]
  • Alternative nicht-invasive Screeningoption für Personen, die eine Koloskopie ablehnen oder nicht wahrnehmen [5, 6]
  • Nicht geeignet als Primärverfahren bei Symptomen, erhöhtem familiärem Risiko, erblichen Tumorsyndromen, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (lang anhaltenden entzündlichen Erkrankungen des Darms) oder nach vorausgegangenem kolorektalem Karzinom bzw. Adenom (gutartiger Drüsenpolyp) [4-6]

Testprinzip und molekulare Zielstrukturen

  • Der Test erfasst exfolierte Zellen (abgeschilferte Zellen) und freie Nukleinsäuren (Erbsubstanz-Bausteine) aus kolorektalen Läsionen (Gewebeveränderungen) im Stuhl sowie okkultes Blut [1, 2]
  • Dadurch können auch Läsionen detektiert werden, die nicht oder nur intermittierend (zeitweise) bluten und deshalb vom alleinigen FIT potenziell übersehen werden [1, 4]
  • Der diagnostische Vorteil wird mit einer geringeren Spezifität im Vergleich zum FIT erkauft, was zu mehr falsch-positiven Befunden und entsprechend mehr Folgekoloskopien führt [1-4]

Diagnostische Leistungsfähigkeit

  • Erste Testgeneration
    • In der Zulassungsstudie mit 9.989 asymptomatischen Personen im Alter von 50-84 Jahren betrug die Sensitivität für kolorektale Karzinome 92,3 % für den Multitarget-DNA-/FIT-Test gegenüber 73,8 % für den FIT [1, 4]
    • Für fortgeschrittene präkanzeröse Läsionen (fortgeschrittene Krebsvorstufen) lagen die Sensitivitäten bei 42,4 % versus 23,8 % [1, 4]
    • Die Spezifität war beim Multitarget-Test niedriger als beim FIT, in der Leitlinie wird für den Multi-Target-Test ein Bereich von 86,6-89,8 % gegenüber 94,9-96,4 % für den FIT angegeben [4]
  • Next-Generation-Test
    • In der BLUE-C-Studie mit 20.176 Personen zeigte der Next-Generation-Multitarget-Stuhl-DNA-Test eine Sensitivität von 93,9 % für kolorektale Karzinome gegenüber 67,3 % für den verwendeten kommerziellen FIT [2]
    • Für Stadium-I- bis -III-Karzinome lagen die Werte bei 92,7 % versus 64,6 % [2]
    • Für fortgeschrittene präkanzeröse Läsionen lagen die Sensitivitäten bei 43,4 % versus 23,3 % [2]
    • Die Spezifität bei fehlender fortgeschrittener Neoplasie betrug 90,6 % für den Next-Generation-Test gegenüber 94,8 % für den FIT [2]
  • Direkter methodischer Vergleich aus deutscher Perspektive
    • Eine 2025 publizierte JAMA-Internal-Medicine-Analyse auf Basis der deutschen BLITZ-Kohorte zeigte, dass ein hochwertiger quantitativer FIT bei abgesenktem Positivitätsschwellenwert eine dem Next-Generation-Multitarget-Test vergleichbare Sensitivität erreichen kann, allerdings ebenfalls zulasten der Spezifität [3]
    • Diese Arbeit stützt die Einschätzung, dass die Überlegenheit des mtsDNA-Tests gegenüber FIT stark vom verwendeten FIT, dessen Cut-off und vom gesundheitsökonomischen Kontext (wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems) abhängt [3]

Interpretation

  • Positives Ergebnis
    • Hinweis auf das Vorliegen eines kolorektalen Karzinoms oder einer fortgeschrittenen präkanzerösen Läsion
    • Keine histologische Diagnose (feingewebliche Diagnose)
    • Obligate Koloskopie zur Abklärung erforderlich [4-6]
  • Negatives Ergebnis
    • Spricht gegen eine fortgeschrittene kolorektale Neoplasie, schließt diese aber nicht sicher aus [1, 2, 5, 6]
    • Besonders kleinere, nicht ausreichend DNA-freisetzende oder biologisch untypische Läsionen können übersehen werden [1, 2]
  • Spezifische Konstellationen
    • Der mtsDNA-Test ist sensitiver als FIT, aber weniger spezifisch [1-4]
    • Die höhere Zahl falsch-positiver Ergebnisse ist klinisch relevant, weil sie zusätzliche Koloskopien nach sich zieht [1-4]
    • Ein positiver Screeningtest ersetzt niemals die endoskopische Bestätigung (Bestätigung durch Spiegelung) [4-6]

Stellenwert im aktuellen Leitlinien- und Versorgungskontext

  • In den USA ist stool DNA-FIT/sDNA-FIT weiterhin als Screeningoption etabliert; die USPSTF nennt ein Intervall von 1-3 Jahren, die American Cancer Society ein Intervall von 3 Jahren [5, 6]
  • Für Deutschland ist der Stellenwert deutlich zurückhaltender zu bewerten: Die aktuelle S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom (März 2026) empfiehlt für die asymptomatische Bevölkerung weiterhin iFOBT und Koloskopie und formuliert, dass andere molekulare Verfahren aus Stuhl- oder Blutproben nicht für die Darmkrebs-Früherkennung eingesetzt werden sollen [4]
  • Damit ist der mtsDNA-Test nach aktuellem deutschen Leitlinienstand kein Standardverfahren der bevölkerungsbezogenen Früherkennung, auch wenn die zugrunde liegende Technologie diagnostisch leistungsfähig ist [4]

Bewertung

  • Der mtsDNA-Test ist ein leistungsfähiges nicht-invasives Screeningverfahren mit hoher Sensitivität für kolorektale Karzinome und besserer Erkennung fortgeschrittener präkanzeröser Läsionen als der in den Zulassungsstudien eingesetzte FIT [1, 2]
  • Die höhere Sensitivität geht konsistent mit einer geringeren Spezifität einher [1-4]
  • Sein praktischer Zusatznutzen hängt stark vom Vergleichs-FIT, vom gewählten Cut-off, von Kosten, Akzeptanz und der Einbindung in das jeweilige Screeningprogramm ab [3, 4]
  • Für die deutsche Versorgung ist derzeit festzuhalten, dass der Test zwar wissenschaftlich relevant ist, aber nicht den leitliniengestützten Standard der asymptomatischen Darmkrebs-Früherkennung darstellt [4]

Literatur

  1. Imperiale TF, Ransohoff DF, Itzkowitz SH, Levin TR, Lavin P, Lidgard GP et al.: Multitarget Stool DNA Testing for Colorectal-Cancer Screening. N Engl J Med. 2014;370(14):1287-1297. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1311194
  2. Imperiale TF, Porter K, Zella J, Lieberman D, Ladabaum U, Ni M et al.: Next-generation multitarget stool DNA test for colorectal cancer screening. N Engl J Med. 2024;390(11):984-993. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2310336
  3. Seum T, Niedermaier T, Heisser T, Hoffmeister M, Brenner H. Next-Generation Multitarget Stool DNA vs Fecal Immunochemical Test in Colorectal Cancer Screening. JAMA Intern Med. 2025;185(1):110-112. https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2024.6149
  4. S3-Leitlinie: Kolorektales Karzinom. (AWMF-Registernummer: 021 - 007OL), September 2025 Langfassung
  5. US Preventive Services Task Force. Recommendation: Colorectal Cancer: Screening. 2021, aktuell online fortgeführt. https://www.uspreventiveservicestaskforce.org/uspstf/recommendation/colorectal-cancer-screening
  6. American Cancer Society. Colorectal Cancer Screening Guidelines. Aktualisierte Online-Empfehlungen, Stand 29.01.2024. https://www.cancer.org/cancer/types/colon-rectal-cancer/detection-diagnosis-staging/acs-recommendations.html