Erythrozytenverteilungsbreite (RDW)
Erythrozytenverteilungsbreite (RDW, Red Cell Distribution Width) ist ein quantitativer Hämatologieparameter (Blutwert aus der Blutzelluntersuchung) zur Beschreibung der Größenvariabilität der Erythrozyten (roten Blutkörperchen) im peripheren Blut (Blut außerhalb der blutbildenden Organe). Sie entspricht der automatisiert erfassten Anisozytose (ungleiche Größe roter Blutkörperchen) und wird im Rahmen des kleinen Blutbildes (Basis-Blutuntersuchung) beziehungsweise Blutbildes mit Erythrozytenindices bestimmt. Die RDW dient in der klinischen Labordiagnostik (Laboruntersuchung) zur differentialdiagnostischen Einordnung von Anämien (Blutarmut), zur Erkennung gemischter Erythrozytenpopulationen und zur Verlaufsbeurteilung der Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen).
Synonyme
- RDW
- Red Cell Distribution Width
- Erythrozytenverteilungsbreite
- Anisozytose-Index
- RDW-CV
- RDW-SD
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- EDTA-Vollblut
- Peripherer Blutausstrich (mikroskopische Untersuchung eines Blutfilms) bei pathologischem oder nicht plausibilisierbarem Befund
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Eine laufende Eisen-, Vitamin-B12- oder Folattherapie sowie kürzlich erfolgte Transfusionen (Blutübertragungen) sollten dokumentiert werden, da sie die Interpretation der RDW beeinflussen können.
- Störfaktoren
- Präanalytische Störfaktoren
- Unzureichend gemischte EDTA-Probe
- Gerinnsel (Blutklumpen) oder Mikrogerinnsel in der Probe
- Ausgeprägte Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen)
- Lange Lagerungszeit oder ungeeignete Lagerung, da Erythrozytenvolumen und Zellverteilung geräteabhängig verändert werden können
- Blutentnahme kurz nach Transfusion mit Mischpopulation aus Patienten- und Spendererythrozyten
- Analytische und biologische Störfaktoren
- Kälteagglutinine (kälteabhängige Verklumpungsantikörper) mit scheinbarer Veränderung von Erythrozytenzahl, MCV und daraus abgeleiteten Parametern
- Sehr hohe Leukozytenzahlen (Zahlen weißer Blutkörperchen) oder Erythrozytenfragmente mit möglicher Beeinflussung der Zellzählung, abhängig vom Analysensystem
- Retikulozytose (vermehrte junge rote Blutkörperchen), da Retikulozyten größer als reife Erythrozyten sind und die Größenstreuung erhöhen können
- Dimorphe Erythrozytenpopulationen, z. B. nach Transfusion, nach Therapiebeginn bei Eisenmangel oder bei kombiniertem Mangelzustand
- Geräte- und herstellerspezifische Unterschiede; RDW-Werte verschiedener Hämatologie-Analysatoren sind nur eingeschränkt austauschbar.
- Präanalytische Störfaktoren
- Methode
- Automatisierte Hämatologie-Analyse aus EDTA-Vollblut
- Messprinzip je nach Gerät: Impedanzmessung, optische Streulichtmessung oder kombinierte Verfahren
- RDW-CV wird als Variationskoeffizient der Erythrozytenvolumenverteilung angegeben und ist vom MCV abhängig.
- RDW-SD wird als Breite der Erythrozytenvolumenverteilung in fL angegeben und ist ein direkterer Streuungsparameter der Volumenverteilung.
- Bei nicht plausiblen Histogrammen oder auffälligen Flags ist die mikroskopische Beurteilung des Blutausstrichs erforderlich.
Normbereiche (je nach Labor)
| Parameter | Einheit | Referenzbereich | Hinweise |
|---|---|---|---|
| RDW-CV | % | Ca. 11,5-14,5 % | Geräte- und laborabhängig; abhängig vom MCV |
| RDW-SD | fL | Ca. 37-54 fL | Geräte- und laborabhängig; beschreibt die absolute Breite der Erythrozytenvolumenverteilung |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Differentialdiagnostik von Anämien zusammen mit Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozytenzahl, MCV, MCH und MCHC
- Abklärung einer Mikrozytose (verkleinerte rote Blutkörperchen), insbesondere zur Unterscheidung zwischen Eisenmangelanämie und Thalassämie-Konstellationen (erbliche Blutbildungsstörungen)
- Abklärung einer Makrozytose (vergrößerte rote Blutkörperchen), insbesondere bei Verdacht auf Vitamin-B12-Mangel, Folatmangel, Alkoholtoxizität (Alkoholschädigung), Lebererkrankung oder myelodysplastisches Syndrom (Knochenmarkserkrankung mit gestörter Blutbildung)
- Erkennung dimorpher Erythrozytenpopulationen, z. B. nach Transfusion, bei kombiniertem Eisen- und Vitamin-B12-/Folatmangel oder nach Therapiebeginn
- Verlaufsbeurteilung der Erythropoese nach Eisen-, Vitamin-B12- oder Folatsubstitution
- Hinweisparameter bei unklarer Anisozytose, Makrozytose oder Zytopenie (verminderte Blutzellzahl); die Diagnosesicherung hämatologischer Erkrankungen, insbesondere myelodysplastischer Syndrome, erfolgt nicht über die RDW, sondern über Morphologie (Zellformbeurteilung), Zytogenetik/Molekulargenetik (Chromosomen- und Genuntersuchung) und gegebenenfalls Knochenmarkdiagnostik.
- Plausibilitätskontrolle zusammen mit Erythrozyten-Histogramm und Blutausstrich
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Anisozytose mit vermehrter Größenstreuung der Erythrozyten
- Eisenmangelanämie; RDW kann bei Eisenmangel früh ansteigen, ist jedoch allein nicht ausreichend sensitiv oder spezifisch und muss mit Ferritin, Transferrinsättigung, CRP und Erythrozytenindices interpretiert werden.
- Vitamin-B12-Mangel oder Folatmangel, typischerweise mit Makrozytose und erhöhter Größenvariabilität
- Kombinierter Eisen- und Vitamin-B12-/Folatmangel, häufig mit normalem oder nur gering verändertem MCV trotz deutlich erhöhter RDW
- Hämolytische Anämie (Blutarmut durch Zerfall roter Blutkörperchen) mit Retikulozytose
- Akuter Blutverlust in der Regenerationsphase (Erholungsphase) mit Retikulozytenanstieg
- Myelodysplastische Syndrome als mögliche Befundkonstellation bei persistierender Anisozytose, Makrozytose, Zytopenien oder morphologischen Dysplasiezeichen (Zellreifungsstörungen); RDW ist hierfür kein spezifischer Diagnostikparameter.
- Transfusionsbedingte Mischpopulationen
- Fragmentozytose (vermehrte Bruchstücke roter Blutkörperchen) oder ausgeprägte Poikilozytose (auffällig veränderte Form roter Blutkörperchen), sofern das Analysensystem dadurch die Volumenverteilung beeinflusst abbildet
- Normale Werte
- Keine relevante Anisozytose im automatisierten Messverfahren
- Möglich bei Anämie chronischer Erkrankung, insbesondere bei normozytärer oder leicht mikrozytärer Konstellation
- Möglich bei Thalassämie-Trägerstatus mit relativ homogener Mikrozytose
- Ein normaler RDW-Wert schließt Eisenmangel, Vitamin-B12-Mangel, Folatmangel oder Knochenmarkerkrankungen nicht sicher aus.
- Erniedrigte Werte
- Erniedrigte RDW-Werte besitzen in der Regel keine eigenständige klinische Relevanz.
- Ein niedriger RDW-Wert ist meist Ausdruck einer sehr homogenen Erythrozytenpopulation und wird diagnostisch selten verwendet.
- Spezifische Konstellationen
- RDW ↑ und MCV ↓ – typisch bei Eisenmangelanämie; differentialdiagnostisch auch bei kombinierten Störungen möglich
- RDW normal und MCV ↓ – möglich bei Thalassämie-Trägerstatus oder chronisch stabiler Mikrozytose; weitere Abklärung über Erythrozytenzahl, Ferritin, Transferrinsättigung und Hämoglobinanalytik
- RDW ↑ und MCV normal – möglich bei frühem Eisenmangel, frühem Vitamin-B12-/Folatmangel, Mischpopulationen, Regeneration nach Therapie oder beginnender dyserythropoetischer Störung
- RDW ↑ und MCV ↑ – möglich bei Vitamin-B12-Mangel, Folatmangel, Retikulozytose, Lebererkrankung, Alkoholtoxizität, myelodysplastischem Syndrom oder medikamentös bedingter Makrozytose
- RDW stark ↑ bei unauffälligem oder nur gering verändertem MCV – Hinweis auf gemischte Mikro- und Makrozytose; Blutausstrich und gezielte Mangelabklärung sind erforderlich.
- Abgrenzung prognostischer RDW-Assoziationen
- RDW wurde in zahlreichen Studien mit Morbidität (Krankheitshäufigkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) bei internistischen Krankheitsbildern, z. B. Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Sepsis (Blutvergiftung), chronischer Nierenerkrankung oder kardiovaskulären Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen), assoziiert.
- Diese Assoziationen sind für den hier dargestellten Laborparameterartikel nicht als eigenständige diagnostische Indikation geeignet, da RDW ein unspezifischer Surrogatparameter (Ersatzmesswert) für Entzündung, Mangelzustände, Erythropoesestörungen, Komorbidität (Begleiterkrankung) und biologische Vulnerabilität (Verletzlichkeit) sein kann.
- Eine isolierte RDW-Erhöhung darf daher nicht zur Diagnose, Risikostratifizierung (Risikoeinschätzung) oder Therapieentscheidung außerhalb des klinischen und laborchemischen Gesamtkontextes verwendet werden.
Kombinierte Interpretation von RDW und MCV
| Konstellation | Typische Befundkonstellationen | Weiteres Vorgehen |
|---|---|---|
| RDW ↑, MCV ↓ |
|
Ferritin, Transferrinsättigung, CRP, Retikulozyten, Blutungsabklärung je nach klinischem Kontext |
| RDW normal, MCV ↓ |
|
Ferritin, Transferrinsättigung, Hämoglobin-Elektrophorese beziehungsweise Hämoglobinanalytik, ggf. genetische Diagnostik |
| RDW ↑, MCV normal |
|
Retikulozyten, Ferritin, Transferrinsättigung, Vitamin B12, Holotranscobalamin, Methylmalonsäure, Folat, Blutausstrich |
| RDW ↑, MCV ↑ |
|
Vitamin B12, Holotranscobalamin, Methylmalonsäure, Folat, Retikulozyten, Leberparameter, TSH, Blutausstrich, ggf. Knochenmarkdiagnostik |
| RDW normal, MCV normal |
|
Retikulozyten, Entzündungsparameter, Nierenparameter, Eisenstatus, klinische Kontextdiagnostik |
Weiterführende Diagnostik
- Kleines Blutbild mit Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozytenzahl und Thrombozytenzahl
- Erythrozytenindices – MCV, MCH, MCHC
- Retikulozytenzahl und Retikulozyten-Hämoglobin, sofern verfügbar
- Blutausstrich mit morphologischer Beurteilung der Erythrozyten, insbesondere bei Histogramm-Auffälligkeit, Fragmentozytenverdacht oder Verdacht auf Dysplasie
- Eisenstatus – Ferritin, Transferrinsättigung, Transferrin, Serumeisen
- Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) beziehungsweise BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit), insbesondere zur Interpretation von Ferritin
- Vitamin-B12-Status – Vitamin B12, Holotranscobalamin, Methylmalonsäure
- Folatstatus – Folat, Homocystein
- Hämolyseparameter – Lactatdehydrogenase (LDH), Bilirubin, Haptoglobin, Retikulozyten
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C beziehungsweise Kreatinin-Clearance
- Schilddrüsenparameter – TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), fT3, fT4 bei Makrozytose oder unklarer Anämie
- Hämoglobinanalytik, z. B. Hämoglobin-Elektrophorese oder Hochleistungsflüssigkeitschromatographie, bei Verdacht auf Thalassämie oder Hämoglobinopathie
- Knochenmarkdiagnostik bei persistierenden Zytopenien, Dysplasiezeichen, unklarer Makrozytose oder Verdacht auf myelodysplastisches Syndrom
Literatur
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