Myelodysplastisches Syndrom (MDS) – Labordiagnostik

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Kleines Blutbild
    • Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten
    • Anämie (Blutarmut) – häufigste Erstmanifestation (erstes Krankheitszeichen) des myelodysplastischen Syndroms (Erkrankung der blutbildenden Stammzellen) (MDS), ggf. als isolierte Zytopenie (Verminderung einer Blutzellreihe)
    • Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen) bzw. Neutropenie (Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen) und Thrombozytopenie (Verminderung der Blutplättchen) – isoliert oder im Rahmen einer Bi- bzw. Panzytopenie (Verminderung von zwei bzw. allen drei Blutzellreihen)
  • Erythrozytenindizes – mittleres korpuskuläres Volumen (MCV), mittlerer korpuskulärer Hämoglobingehalt (MCH), mittlere korpuskuläre Hämoglobinkonzentration (MCHC), Erythrozyten-Verteilungsbreite (RDW)
    • Makrozytose (Vergrößerung der roten Blutkörperchen) mit MCV [↑] – häufiger Befund bei MDS; eine normozytäre Anämie (Blutarmut mit normal großen roten Blutkörperchen) schließt ein MDS nicht aus
    • Mikrozytose (Verkleinerung der roten Blutkörperchen) mit MCV [↓] – für MDS nicht charakteristisch; bei mikrozytärer Anämie (Blutarmut mit verkleinerten roten Blutkörperchen) gezielte differentialdiagnostische Abklärung erforderlich
    • RDW [↑] – häufig bei gestörter Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen)
  • Retikulozyten – absolut und relativ
    • Bei MDS trotz Anämie häufig inadäquat niedrige Retikulozytenantwort [↓] als Ausdruck einer ineffektiven Erythropoese
  • Differentialblutbild – inklusive absoluter Zellzahlen
    • Absolute Neutrophilenzahl
    • Monozyten absolut und relativ – bei persistierender Monozytose (anhaltender Vermehrung der Monozyten) differentialdiagnostische Abklärung einer chronischen myelomonozytären Leukämie (chronische Form von Blutkrebs mit Vermehrung der Monozyten) (CMML)
    • Periphere Blasten (unreife Vorläuferzellen im Blut) – Nachweis und Quantifizierung
  • Manueller peripherer Blutausstrich mit ärztlicher Morphologiebeurteilung (Beurteilung der Zellform und Zellstruktur)
    • Erythrozyten – Anisozytose (unterschiedliche Größe der roten Blutkörperchen), Poikilozytose (unterschiedliche Form der roten Blutkörperchen), Makrozytose bzw. Makroovalocyten (vergrößerte ovale rote Blutkörperchen), basophile Tüpfelung (punktförmige Einschlüsse in roten Blutkörperchen), ggf. kernhaltige Erythrozyten
    • Granulozyten – Hypogranulation (verminderte Körnchenbildung), Hypolobulation (verminderte Kernsegmentierung) bzw. Pseudo-Pelger-Huët-Formen (fehlgebildete neutrophile Granulozyten mit vermindert segmentiertem Zellkern), Dysgranulopoese (gestörte Bildung und Reifung der Granulozyten)
    • Thrombozyten – Anisometrie (unterschiedliche Größe der Blutplättchen), Riesenplättchen (ungewöhnlich große Blutplättchen) bzw. hypogranulierte Thrombozyten (Blutplättchen mit verminderter Körnchenbildung)
    • Blasten – Nachweis und Quantifizierung
    • Hypersegmentierte neutrophile Granulozyten (weiße Blutkörperchen mit übermäßig stark unterteiltem Zellkern) und Makroovalocyten – Hinweis auf eine megaloblastäre Anämie (Blutarmut durch gestörte Zellreifung) bei Vitamin-B12- bzw. Folsäuremangel
  • Laktatdehydrogenase (LDH) – ggf. [↑] bei ineffektiver Hämatopoese (gestörter Blutbildung) bzw. gesteigertem Zellumsatz
  • Eisenstatus
    • Ferritin
    • Transferrin
    • Transferrinsättigung
    • Serumeisen
    • CRP (C-reaktives Protein) – zur Beurteilung einer entzündungsbedingten Beeinflussung des Ferritins bzw. einer funktionellen Eisenrestriktion (eingeschränkten Eisenverfügbarkeit trotz vorhandener Eisenspeicher)
  • Vitamin-B12-Status – Gesamt-Vitamin-B12 oder Holotranscobalamin (Holo-TC; aktives Vitamin B12)
  • Folsäure – Serumfolat
  • Serum-Erythropoetin (EPO) – prognostisch und zur Abschätzung des Ansprechens auf Erythropoese-stimulierende Faktoren relevant
  • Blutgruppe

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Methylmalonsäure (MMA) – bei intermediärem Gesamt-Vitamin-B12 bzw. Holotranscobalamin und fortbestehendem klinischen oder hämatologischen Verdacht auf Vitamin-B12-Mangel; Cave: Beeinflussung durch eingeschränkte Nierenfunktion
  • Erweiterte Abklärung einer mikrozytären Anämie
    • Löslicher Transferrinrezeptor (sTfR) – ggf. bei unklarer Abgrenzung eines absoluten Eisenmangels von einer entzündungsassoziierten Eisenrestriktion (durch Entzündung bedingten eingeschränkten Eisenverfügbarkeit)
    • Hämoglobin-Analyse mittels Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) bzw. Hämoglobinelektrophorese – bei persistierender Mikrozytose ohne gesicherten Eisenmangel
    • HbA2 und HbF – insbesondere bei Verdacht auf Beta-Thalassämie (erblich bedingte Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs)
    • Ggf. molekulargenetische Diagnostik einer Alpha-Thalassämie (erblich bedingte Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs) – bei persistierender ungeklärter Mikrozytose und unauffälliger konventioneller Hämoglobin-Analyse
    • Blei im Vollblut – bei entsprechender Expositionsanamnese (Vorgeschichte einer möglichen Schadstoffbelastung) bzw. basophiler Tüpfelung
  • Kupfer im Serum und ggf. Coeruloplasmin – Ausschluss eines Kupfermangels als MDS-Mimik (MDS-ähnliches Krankheitsbild)
  • Zink im Serum – bei Verdacht auf eine Zink-Überversorgung als mögliche Ursache eines sekundären Kupfermangels
  • Hämolyseparameter – Haptoglobin, indirektes Bilirubin, Laktatdehydrogenase (LDH), Retikulozyten; direkter Antiglobulintest (Coombs-Test) bei Verdacht auf immunhämolytische Anämie (durch das Immunsystem verursachte Blutarmut infolge eines Abbaus roter Blutkörperchen)
  • TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) – insbesondere bei ungeklärter Makrozytose
  • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C und Berechnung der eGFR zur Abgrenzung einer renalen Anämie (durch eine Nierenerkrankung bedingten Blutarmut)
  • Leberparameter – ALT (GPT), AST (GOT), γ-GT (Gamma-GT; GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin – insbesondere bei ungeklärter Makrozytose
  • HIV-Serologie – bei ungeklärter Zytopenie bzw. entsprechender klinischer Konstellation
  • Parvovirus-B19-Diagnostik – bei ausgeprägter bzw. isolierter Erythropoeseinsuffizienz (unzureichenden Bildung roter Blutkörperchen)
  • PNH-Screening – Flowzytometrie mit FLAER und GPI-verankerten Markern bei Verdacht auf paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (seltene erworbene Erkrankung der blutbildenden Stammzellen mit verstärktem Abbau roter Blutkörperchen) (PNH), insbesondere bei hämolytischer Konstellation (Hinweisen auf einen verstärkten Abbau roter Blutkörperchen), hypoplastischem Knochenmark (zellarmem Knochenmark) bzw. anderweitig ungeklärter Zytopenie
  • Knochenmarkpunktion
    • Knochenmarkzytologie – quantitative Beurteilung der Dysplasie (Fehlentwicklung und Reifungsstörung von Zellen) in Erythropoese, Granulopoese (Bildung und Reifung der Granulozyten) und Megakaryopoese (Bildung und Reifung der blutplättchenbildenden Zellen)
    • Exakte Bestimmung des medullären Blastenanteils (Anteils unreifer Vorläuferzellen im Knochenmark)
    • Eisenfärbung – Nachweis und Quantifizierung von Ringsideroblasten (unreifen roten Blutkörperchen mit ringförmiger Eisenablagerung)
  • Knochenmarkhistologie
    • Beurteilung der Knochenmarkzellularität (Zellgehalts des Knochenmarks) und Knochenmarkarchitektur (strukturellen Aufbaus des Knochenmarks)
    • Beurteilung der Megakaryozytenmorphologie (Form und Struktur der blutplättchenbildenden Zellen)
    • Fibrosegrad (Ausmaß der Bindegewebsvermehrung)
    • Nachweis bzw. Ausschluss infiltrativer hämatologischer oder nicht hämatologischer Erkrankungen (Erkrankungen mit Eindringen krankhafter Zellen in das Knochenmark)
  • Zytogenetik
    • Konventionelle Chromosomenanalyse – möglichst 20 Metaphasen
    • Nachweis MDS-assoziierter Aberrationen (mit MDS verbundener Chromosomenveränderungen), insbesondere del(5q), Monosomie 7 bzw. del(7q), Trisomie 8 und komplex aberranter Karyotypen (Chromosomensätze mit mehreren Veränderungen)
    • Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) – ggf. bei unzureichender Metaphasenzahl bzw. nicht auswertbarer konventioneller Zytogenetik
  • Molekulargenetische Analysen mittels Next-Generation Sequencing (NGS)
    • SF3B1 und TP53 – besondere diagnostische bzw. klassifikatorische Relevanz
    • Myeloisches Genpanel – zur molekularen Charakterisierung und prognostischen Risikostratifizierung (Einteilung nach dem zu erwartenden Krankheitsrisiko), insbesondere im Rahmen des Molecular International Prognostic Scoring System (molekulares internationales Bewertungssystem zur Abschätzung des Krankheitsverlaufs) (IPSS-M)
  • Immunphänotypisierung mittels multiparametrischer Flowzytometrie – nicht obligat für die MDS-Diagnose; ergänzend zur Beurteilung des Blastenkompartiments (Anteils und der Eigenschaften unreifer Vorläuferzellen), aberranter Reifungsmuster (krankhaft veränderter Zellreifung) und zum Ausschluss hämatologischer Differenzialdiagnosen
  • Weiterführende hämatologische Differenzialdiagnostik
    • BCR::ABL1 – bei Verdacht auf chronische myeloische Leukämie (chronische Form von Blutkrebs mit krankhafter Vermehrung myeloischer Zellen)
    • Gezielte molekulargenetische Diagnostik – bei Verdacht auf eine myelodysplastisch/myeloproliferative Neoplasie (Erkrankung des Knochenmarks mit gestörter Zellreifung und vermehrter Zellbildung) bzw. myeloproliferative Neoplasie (Erkrankung des Knochenmarks mit krankhaft vermehrter Blutzellbildung)
    • Immunphänotypisierung und ggf. T-Zell-Rezeptor-Klonalitätsanalyse – bei Verdacht auf Large-granular-lymphocyte-Leukämie (Blutkrebs mit krankhafter Vermehrung großer gekörnter Lymphozyten) (LGL)
    • Immunphänotypisierung – bei Verdacht auf Haarzellleukämie (seltene Form von Blutkrebs der B-Lymphozyten)
  • UBA1-Mutationsanalyse – bei autoinflammatorischer Symptomkonstellation (Beschwerdebild durch fehlgesteuerte körpereigene Entzündungsreaktionen) und Verdacht auf VEXAS-Syndrom (seltene erworbene entzündliche Erkrankung mit Blutbildveränderungen)
  • Keimbahndiagnostik (Untersuchung auf erbliche genetische Veränderungen) – bei jungem Erkrankungsalter, positiver Familienanamnese bzw. klinischem Verdacht auf eine hereditäre Prädisposition (erbliche Veranlagung) für myeloische Neoplasien (Tumorerkrankungen der blutbildenden myeloischen Zellen)
  • HLA-Typisierung und CMV-Status – bei potenzieller Indikation zur allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation (Stammzellübertragung von einem anderen Menschen)

Vergleichstabelle zur Differenzialdiagnostik (qualitativ)

Erkrankung Typisches Blutbild Knochenmarkbefund Charakteristische Zusatzdiagnostik
Myelodysplastisches Syndrom (MDS) Isolierte Zytopenie, Bi- bzw. Panzytopenie; häufig makrozytäre oder normozytäre Anämie; Retikulozytenantwort häufig inadäquat vermindert Dysplasie einer oder mehrerer Zellreihen; ggf. Ringsideroblasten; variabler Blastenanteil Zytogenetik; molekulargenetische Analysen, insbesondere SF3B1 und TP53; myeloisches Genpanel zur Risikostratifizierung
Vitamin-B12- bzw. Folsäuremangel Makrozytäre Anämie; ggf. Leukopenie und Thrombozytopenie Megaloblastäre Hämatopoese; kann morphologisch ein MDS imitieren Gesamt-Vitamin-B12 oder Holotranscobalamin; ggf. Methylmalonsäure; Serumfolat
Eisenmangelanämie Mikrozytäre, hypochrome Anämie (Blutarmut mit verkleinerten und vermindert mit rotem Blutfarbstoff gefüllten roten Blutkörperchen); RDW häufig [↑] Eisenarme Erythropoese; fehlendes bzw. vermindertes Speichereisen Ferritin, Transferrinsättigung, Transferrin; ggf. löslicher Transferrinrezeptor
Kupfermangel Anämie, häufig Neutropenie; ggf. Panzytopenie Dysplastische Veränderungen, insbesondere der Erythro- und Granulopoese; mögliche MDS-Mimik Kupfer im Serum, ggf. Coeruloplasmin und Zink im Serum
Aplastische Anämie (Blutarmut durch Versagen der Blutbildung im Knochenmark) Panzytopenie; Retikulozyten [↓] Ausgeprägt hypozelluläres Knochenmark ohne für MDS typische klonale bzw. morphologische Konstellation (für MDS typische genetisch einheitliche Zellveränderungen bzw. Zellformveränderungen) PNH-Screening; Zytogenetik und molekulargenetische Diagnostik zur Abgrenzung eines hypoplastischen MDS
Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH) Anämie bzw. Zytopenien; bei Hämolyse (verstärktem Abbau roter Blutkörperchen) LDH [↑] und Haptoglobin [↓] Keine MDS-spezifische Dysplasiekonstellation; ggf. hypoplastisches Knochenmark Flowzytometrie mit FLAER und GPI-verankerten Markern
Chronische myelomonozytäre Leukämie (CMML) Persistierende absolute Monozytose ≥ 0,5 × 109/l und relative Monozytose ≥ 10 %; ggf. Anämie und weitere Zytopenien Dysplasie insbesondere der myeloischen Zellreihen (Vorstufen bestimmter Blutzellen); ggf. erhöhter Blastenanteil Dokumentation der persistierenden Monozytose; Zytogenetik und molekulargenetischer Klonalitätsnachweis (Nachweis einer genetisch einheitlichen krankhaften Zellpopulation); häufig TET2-, SRSF2- und ASXL1-Mutationen
Chronische myeloische Leukämie (CML) Leukozytose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen) mit Linksverschiebung (vermehrtem Auftreten unreifer weißer Blutkörperchen); Basophilie (Vermehrung basophiler Granulozyten); ggf. Thrombozytose (Vermehrung der Blutplättchen) Hyperzelluläres Knochenmark (zellreiches Knochenmark) mit ausgeprägter Granulopoese Nachweis von BCR::ABL1
Large-granular-lymphocyte-Leukämie (LGL) Neutropenie, Anämie; ggf. Lymphozytose (Vermehrung der Lymphozyten) Keine MDS-spezifische Dysplasiekonstellation; ggf. interstitielle bzw. intrasinusoidale lymphozytäre Infiltrate (zwischen den Gewebestrukturen bzw. innerhalb kleiner Gefäßräume gelegene Ansammlungen von Lymphozyten) Immunphänotypisierung und T-Zell-Rezeptor-Klonalitätsanalyse
Haarzellleukämie Panzytopenie bzw. Bi-Zytopenie; häufig Monozytopenie (Verminderung der Monozyten) Infiltration (Eindringen krankhafter Zellen) durch reife B-Zellen; häufig Knochenmarkfibrose (Vermehrung von Bindegewebe im Knochenmark) Multiparametrische Immunphänotypisierung; BRAF-V600E-Mutationsanalyse zur Diagnosesicherung und differentialdiagnostischen Abgrenzung