Myelodysplastisches Syndrom (MDS) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein myelodysplastisches Syndrom (MDS) (Erkrankung des blutbildenden Knochenmarks) mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Rezidivierende Infektionen des Bronchialsystems – insbesondere bei Neutropenie (Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen) bzw. Funktionsstörung neutrophiler Granulozyten (bestimmter weißer Blutkörperchen) [LL1]
Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)
- Retinablutungen (Blutungen in der Netzhaut) – mögliche schwere Blutungskomplikation bei ausgeprägter Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) [LL1]
- Sehstörungen – insbesondere bei rascher Entwicklung einer ausgeprägten Anämie (Blutarmut) möglich [LL1]
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Anämie, häufig makrozytär (mit vergrößerten roten Blutkörperchen) – häufigste Zytopenie (Verminderung von Blutzellen) bei MDS; kann zu Transfusionsabhängigkeit (dauerhaftem Bedarf an Bluttransfusionen) sowie zu einer ausgeprägten Einschränkung der Lebensqualität und des Aktivitätsstatus führen [1, LL1]
- Neutropenie bzw. Funktionsstörung neutrophiler Granulozyten – erhöhte Anfälligkeit für rezidivierende und schwere Infektionen [1, 3, LL1]
- Thrombozytopenie bzw. Thrombozytenfunktionsstörung (Funktionsstörung der Blutplättchen) – erhöhte Blutungsneigung mit Petechien (punktförmigen Hautblutungen), Zahnfleischbluten, Hämatomen (Blutergüssen) und bei schwerem Verlauf Organblutungen [1, 4, LL1]
- Bi- bzw. Panzytopenie (Verminderung von zwei bzw. allen drei Blutzellreihen) – kombinierte Verminderung mehrerer Blutzellreihen mit kumulativer Anämie-, Infektions- und Blutungsproblematik [1, LL1]
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Sekundäre Hämochromatose (Eisenüberladung des Körpers) – transfusionsbedingte Eisenüberladung bei langfristiger Erythrozytentransfusionsabhängigkeit (dauerhaftem Bedarf an Transfusionen roter Blutkörperchen) [5, LL1]
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Akute neutrophile Dermatitis (Sweet-Syndrom) (entzündliche Hauterkrankung mit Beteiligung bestimmter weißer Blutkörperchen) – seltene entzündliche Hautmanifestation im Zusammenhang mit MDS [LL1]
- Rezidivierende Hautinfektionen – insbesondere bei Neutropenie bzw. Funktionsstörung neutrophiler Granulozyten [LL1]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Verschlechterung einer vorbestehenden Herz- bzw. zerebrovaskulären Insuffizienz (Herzschwäche bzw. unzureichende Blutversorgung des Gehirns) oder koronaren Herzerkrankung (Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße) – kann durch die MDS-bedingte Anämie verstärkt werden [LL1]
- Kardiomyopathie (Erkrankung des Herzmuskels) – mögliche kardiale Organschädigung infolge einer transfusionsbedingten Eisenüberladung bei transfusionsabhängigen Patienten [9]
- Intrakranielle Blutung (Blutung innerhalb des Schädels) – seltene, potenziell lebensbedrohliche Blutungskomplikation bei ausgeprägter Thrombozytopenie [4, LL1]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Schwere Infektionen – wesentliche Ursache der MDS-assoziierten Morbidität (Krankheitsbelastung) und Mortalität (Sterblichkeit); das Infektionsrisiko steigt insbesondere bei ausgeprägten Zytopenien und ungünstiger Zytogenetik (Chromosomenbefunden) [3, LL1]
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt) – mögliche schwere Blutungskomplikation bei ausgeprägter Thrombozytopenie [4, LL1]
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Akute myeloische Leukämie (AML) (akuter Blutkrebs der myeloischen Zellreihe) – leukämische Progression (Fortschreiten zu einer Leukämie) des MDS; das individuelle Transformationsrisiko wird wesentlich durch den medullären Blastenanteil (Anteil unreifer Vorläuferzellen im Knochenmark) sowie zytogenetische und molekulargenetische Risikofaktoren (genetische Veränderungen auf Ebene einzelner Gene) bestimmt [1, 7, LL1]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Fatigue (ausgeprägte Erschöpfung) und körperliche Leistungsminderung – insbesondere bei Anämie; häufig mit einer Einschränkung des Aktivitätsstatus und der Lebensqualität verbunden [1, LL1]
- Verminderte Kognition (geistige Leistungsfähigkeit) – insbesondere bei älteren Patienten mit MDS-bedingter Anämie [LL1]
- Verwirrtheitszustände – insbesondere bei rascher Entwicklung einer ausgeprägten Anämie möglich [LL1]
- Erhöhte Sturzhäufigkeit – insbesondere bei älteren Patienten mit MDS-bedingter Anämie [LL1]
- Hämaturie (Blut im Urin) – mögliche Manifestation einer schweren Blutung im Bereich der ableitenden Harnwege [LL1]
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Sturzbedingte Frakturen (Knochenbrüche) – erhöhtes Risiko insbesondere bei älteren Patienten mit anämiebedingt erhöhter Sturzhäufigkeit [LL1]
Prognosefaktoren
Zur Abschätzung der Prognose können neben Alter, Geschlecht und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) insbesondere krankheitsbiologische Parameter herangezogen werden. Die wichtigsten Prognoseparameter sind der medulläre Blastenanteil sowie zytogenetische und molekulargenetische Befunde, gefolgt von Transfusionsbedarf, Blutzellwerten und der Serum-Lactatdehydrogenase (LDH) [LL1]. Auch bei Niedrigrisiko-MDS tragen die Erkrankung selbst und MDS-assoziierte Komplikationen wesentlich zur Übersterblichkeit (über das erwartete Maß hinausgehende Sterblichkeit) bei [2].
Für die Risikostratifizierung (Einteilung in Risikogruppen) werden insbesondere das International Prognostic Scoring System-Revised (IPSS-R) und das International Prognostic Scoring System-Molecular (IPSS-M) verwendet. Der IPSS-R ist weiterhin ein wichtiges, validiertes und klinisch etabliertes Prognosesystem. Der IPSS-M ergänzt klinische und zytogenetische Parameter um molekulargenetische Daten und verbessert die prognostische Differenzierung hinsichtlich Gesamtüberleben, leukämiefreiem Überleben (Überleben ohne Entwicklung einer Leukämie) und AML-Transformation (Übergang in eine akute myeloische Leukämie) [7, LL1].
Der IPSS-M berücksichtigt den medullären Blastenanteil, die Thrombozytenzahl, den Hämoglobinwert (Hb), die zytogenetische Risikokategorie des IPSS-R, 17 molekulargenetische Variablen in 16 Genen sowie die Anzahl mutierter Gene aus einer Gruppe weiterer 15 Gene. Damit wird der Mutationsstatus (Vorliegen bestimmter Genveränderungen) von insgesamt 31 Genen einbezogen. Im Vergleich zum IPSS-R werden durch den IPSS-M 46 % der Patienten restratifiziert (einer anderen Risikogruppe zugeordnet) [7, LL1].
Bis zur vollständigen klinischen und validierten Etablierung des IPSS-M bleibt der IPSS-R insbesondere für die Stratifizierung in Niedrig- bzw. Hochrisikogruppen im Hinblick auf Therapieentscheidungen ein verlässlicher prognostischer Score [LL1].
International Prognostic Scoring System-Revised (IPSS-R) [6, LL1]
| Punktezahl | 0 | 0,5 | 1 | 1,5 | 2 | 3 | 4 |
| Karyotyp (Chromosomenbild) | A | - | B | - | C | D | E |
| Medulläre Blasten [%] | ≤ 2 | - | > 2 bis < 5 | - | 5-10 | > 10 | - |
| Hämoglobin [g/dl] | ≥ 10 | - | 8 bis < 10 | < 8 | - | - | - |
| Thrombozyten [/nl] | ≥ 100 | 50 bis < 100 | < 50 | - | - | - | - |
| Neutrophile Granulozyten [/nl] | ≥ 0,8 | < 0,8 | - | - | - | - | - |
Zytogenetische Risikogruppen des IPSS-R:
- A – sehr günstig: -Y, del(11q)
- B – günstig: normaler Karyotyp, del(5q), del(12p), del(20q), Doppelanomalie mit del(5q) ohne Chromosom-7-Aberration
- C – intermediär: del(7q), +8, +19, i(17q), andere Einzel- oder Doppelanomalien
- D – ungünstig: -7, inv(3)/t(3q)/del(3q), Doppelanomalie mit -7/del(7q), komplexer Karyotyp mit 3 Aberrationen
- E – sehr ungünstig: komplexer Karyotyp mit > 3 Aberrationen
| IPSS-R-Risikogruppe | Score |
| Sehr niedriges Risiko | ≤ 1,5 |
| Niedriges Risiko | 2-3 |
| Intermediäres Risiko | 3,5-4,5 |
| Hohes Risiko | 5-6 |
| Sehr hohes Risiko | > 6 |
International Prognostic Scoring System-Molecular (IPSS-M) [7, LL1]
| IPSS-M-Risikogruppe | Risiko-Score | Medianes leukämiefreies Überleben [Jahre] | Medianes Gesamtüberleben [Jahre] | AML-Transformation nach 1/2/3 Jahren [%] |
| Sehr niedriges Risiko | ≤ -1,5 | 10 | 11 | 0/1/3 |
| Niedriges Risiko | > -1,5 bis -0,5 | 6 | 6 | 2/3/5 |
| Moderat niedriges Risiko | > -0,5 bis 0 | 4 | 5 | 5/9/11 |
| Moderat hohes Risiko | > 0 bis 0,5 | 2 | 3 | 10/14/19 |
| Hohes Risiko | > 0,5 bis 1,5 | 1 | 2 | 14/21/29 |
| Sehr hohes Risiko | > 1,5 | 0,7 | 1 | 28/39/43 |
Besonders ungünstige molekulargenetische Prognosefaktoren im IPSS-M sind TP53-Multihit-Veränderungen, FLT3-Mutationen und partielle Tandemduplikationen (teilweise Verdopplungen unmittelbar benachbarter Genabschnitte) von KMT2A. SF3B1-Mutationen können mit einer günstigeren Prognose verbunden sein; der prognostische Effekt wird jedoch durch das jeweilige Ko-Mutationsmuster (Muster gleichzeitig vorhandener Genveränderungen) beeinflusst [7].
Die prognostische Leistungsfähigkeit des IPSS-M hinsichtlich Gesamtüberleben, leukämiefreiem Überleben und leukämischer Transformation wurde in einer großen externen Kohorte (Patientengruppe) von 2.355 Patienten mit MDS bestätigt [8].
MDS sind dynamische Erkrankungen. Im Krankheitsverlauf ist bei bis zu 30 % der Patienten mit einer Karyotypevolution (Veränderung des Chromosomenbildes im Krankheitsverlauf) und bei bis zu 70 % mit einer molekularen Evolution (Entwicklung zusätzlicher Genveränderungen) zu rechnen. Diese Veränderungen können die Risikostratifizierung wesentlich beeinflussen und stellen ungünstige Prognosekriterien dar. Bei möglicher therapeutischer Konsequenz sind daher sequenzielle zytomorphologische (die Zellgestalt und Zellreifung betreffende), zytogenetische und molekulargenetische Untersuchungen prognostisch relevant [LL1].
Literatur
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- Mądry K, Lis K, Fenaux P, Bowen D, Symeonidis A, Mittelman M et al.: Cause of death and excess mortality in patients with lower-risk myelodysplastic syndromes (MDS): A report from the European MDS registry. Br J Haematol. 2023;200(4):451-461. doi: 10.1111/bjh.18542
- Houtman B, Taylor A, van Marrewijk C, Smith A, Fenaux P, Cargo C et al.: Infections in lower-risk myelodysplastic syndromes - prevalence and risk factors: a report from the European MDS Registry. Haematologica. 2025;110(10):2367-2375. doi: 10.3324/haematol.2024.286880
- Mo A, Wood E, Shortt J, Hu E, McQuilten Z: Platelet transfusions and predictors of bleeding in patients with myelodysplastic syndromes. Eur J Haematol. 2023;111(4):592-600. doi: 10.1111/ejh.14049
- Angelucci E, Li J, Greenberg PL, Wu D, Hou M, Montano Figueroa EH et al.: Iron Chelation in Transfusion-Dependent Patients With Low- to Intermediate-1-Risk Myelodysplastic Syndromes: A Randomized Trial. Ann Intern Med. 2020;172(8):513-522. doi: 10.7326/M19-0916
- Greenberg PL, Tuechler H, Schanz J, Sanz G, Garcia-Manero G, Solé F et al.: Revised international prognostic scoring system for myelodysplastic syndromes. Blood. 2012;120(12):2454-2465. doi: 10.1182/blood-2012-03-420489
- Bernard E, Tuechler H, Greenberg PL, Hasserjian RP, Arango Ossa JE, Nannya Y et al.: Molecular International Prognostic Scoring System for Myelodysplastic Syndromes. NEJM Evid. 2022;1(7):EVIDoa2200008. doi: 10.1056/EVIDoa2200008
- Aguirre LE, Al Ali N, Sallman DA, Ball S, Jain AG, Chan O et al.: Assessment and validation of the molecular international prognostic scoring system for myelodysplastic syndromes. Leukemia. 2023;37:1530-1539. doi: 10.1038/s41375-023-01910-3
- Sarocchi M, Li J, Li X, Wu D, Montaño Figueroa EH, Rodriguez MG et al.: Cardiac effects of deferasirox in transfusion-dependent patients with myelodysplastic syndromes: TELESTO study. Br J Haematol. 2024;204(5):2049-2056. doi: 10.1111/bjh.19316
Leitlinien
- DGHO/ÖGHO/SGH+SSH/SGMO: Myelodysplastische Neoplasien (Myelodysplastische Syndrome, MDS). Onkopedia-Leitlinie, Stand März 2026. Leitlinie.