Myelodysplastisches Syndrom (MDS) – Klassifikation
Myelodysplastische Neoplasien (Erkrankungen des Knochenmarks mit gestörter Blutbildung) (MDS; traditionell myelodysplastische Syndrome) sind klonale myeloische Neoplasien mit ineffektiver Hämatopoese (unzureichend wirksamer Blutbildung), persistierenden Zytopenien (anhaltender Verminderung von Blutzellen), morphologischen Reifungsstörungen und einem variablen Risiko der Progression in eine akute myeloische Leukämie (akuter Blutkrebs der myeloischen Zellreihe) (AML). Die aktuelle Klassifikation integriert Knochenmarkmorphologie (Form und Struktur der Knochenmarkzellen), Blastenanteil, Zytogenetik (Untersuchung der Chromosomen) und Molekulargenetik (Untersuchung genetischer Veränderungen auf DNA-Ebene). Die frühere, überwiegend morphologisch ausgerichtete WHO-Klassifikation von 2016 ist daher nicht mehr maßgeblich [1, 2, LL1].
Seit 2022 bestehen zwei international verwendete Klassifikationssysteme [1-3]:
- 5. Auflage der WHO-Klassifikation hämatolymphatischer Tumoren (Tumoren des Blut- und Lymphsystems) (WHO-HAEM5)
- International Consensus Classification (ICC)
Beide Systeme stimmen in wesentlichen Grundprinzipien überein, unterscheiden sich jedoch insbesondere bei Erkrankungen mit 10-19 % Blasten (unreife Vorläuferzellen der Blutbildung), bei der Definition TP53-veränderter MDS (MDS mit Veränderungen des Tumorsuppressorgens TP53) und bei der Einteilung morphologisch definierter MDS [1-3]. Im diagnostischen Befund sollte daher angegeben werden, ob die Klassifikation nach WHO 2022 oder ICC 2022 erfolgt.
Diagnostische Grundprinzipien
Die Diagnose eines MDS setzt eine persistierende, anderweitig nicht hinreichend erklärte Zytopenie und den Nachweis MDS-definierender morphologischer oder genetischer Veränderungen voraus. Die aktuelle Diagnostik beruht auf der kombinierten Untersuchung des peripheren Blutes, der Knochenmarkzytologie (mikroskopische Untersuchung einzelner Knochenmarkzellen) und Knochenmarkhistologie (mikroskopische Untersuchung des Knochenmarkgewebes), der Chromosomenanalyse sowie der Molekulargenetik [1, 2, LL1].
Für die diagnostische und prognostische Beurteilung werden insbesondere erfasst:
- Hämoglobinkonzentration
- absolute Neutrophilenzahl
- Thrombozytenzahl
- Blastenanteil im peripheren Blut
- Blastenanteil im Knochenmark
- Dysplasie (Reifungs- und Formstörung von Zellen) in den einzelnen myeloischen Zellreihen
- Ringsideroblastenanteil
- Knochenmarkzellulärität
- Knochenmarkfibrose (Vermehrung von Bindegewebe im Knochenmark)
- Karyotyp (Chromosomenbild)
- somatische Genmutationen (erworbene genetische Veränderungen der Körperzellen)
- bei TP53-Veränderungen der Allelstatus (Zustand der beiden Genkopien)
Als relevante Zytopeniegrenzen wurden in der klassischen MDS-Klassifikation insbesondere folgende Werte verwendet:
| Zellreihe | Grenzwert |
|---|---|
| Hämoglobin | < 10 g/dl |
| Absolute Neutrophilenzahl | < 1,8 × 109/l |
| Thrombozytenzahl | < 100 × 109/l |
Diese Werte sind keine absoluten diagnostischen Ausschlussgrenzen. In der aktuellen WHO-Klassifikation besitzen die peripheren Zellzahlen für die Entitätszuordnung weniger Gewicht. Entscheidend ist die integrierte Beurteilung von Zytopenie, Morphologie und genetischen Veränderungen [1, LL1].
Eine signifikante Dysplasie liegt morphologisch in der Regel vor, wenn mindestens 10 % der beurteilbaren Zellen einer myeloischen Zellreihe typische Reifungs- oder Formstörungen zeigen [1, LL1].
Vor der Diagnose müssen nichtneoplastische Ursachen einer Zytopenie bzw. Dysplasie ausgeschlossen werden. Hierzu gehören insbesondere:
- Vitamin-B12-Mangel (Mangel an Vitamin B12)
- Folsäuremangel (Mangel an Folsäure)
- Eisenmangel (Mangel an Eisen)
- Kupfermangel (Mangel an Kupfer)
- Arzneimitteltoxizität (schädigende Wirkung von Medikamenten)
- Alkoholtoxizität (schädigende Wirkung von Alkohol)
- Akute und chronische Infektionen
- Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen durch Fehlreaktionen des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe)
- Lebererkrankungen
- Nierenerkrankungen
- Aplastische Anämie (Knochenmarkversagen mit verminderter Bildung von Blutzellen)
- Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (erworbene Erkrankung der Blutstammzellen mit verstärktem Zerfall roter Blutkörperchen)
- Vorausgegangene Zytostatika- oder Strahlentherapie
- Andere myeloische oder lymphatische Neoplasien
WHO-Klassifikation 2022
Die WHO-HAEM5 verwendet den Begriff „myelodysplastische Neoplasien“ und unterscheidet genetisch definierte von morphologisch definierten MDS [1, LL1].
Genetisch definierte MDS
| WHO-Entität | Blastenanteil | Wesentliche Kriterien |
|---|---|---|
| MDS mit niedrigem Blastenanteil und isolierter Deletion 5q – MDS-5q | KM < 5 % pB < 2 % |
del(5q) isoliert oder mit einer zusätzlichen Aberration außer Monosomie 7 bzw. del(7q); keine biallelische TP53-Inaktivierung (Funktionsverlust beider TP53-Genkopien) |
| MDS mit niedrigem Blastenanteil und SF3B1-Mutation – MDS-SF3B1 | KM < 5 % pB < 2 % |
SF3B1-Mutation; keine del(5q), keine Monosomie 7, kein komplexer Karyotyp |
| MDS mit biallelischer TP53-Inaktivierung – MDS-biTP53 | < 20 % | Biallelische bzw. Multihit-Inaktivierung (mehrfache genetische Schädigung mit Funktionsverlust beider Genkopien) von TP53 |
MDS mit niedrigem Blastenanteil und isolierter Deletion 5q
Das MDS-5q entspricht im Wesentlichen der früheren Entität „MDS mit isolierter del(5q)“. Typisch sind eine Anämie, häufig normale oder erhöhte Thrombozytenzahlen und charakteristische Megakaryozyten (Vorstufen der Blutplättchen im Knochenmark) mit kleinen, hypolobulierten Zellkernen (Zellkernen mit vermindert ausgeprägter Lappung) [1, LL1].
Neben der del(5q) ist eine weitere zytogenetische Aberration (Chromosomenveränderung) zulässig, sofern keine Monosomie 7 bzw. del(7q) vorliegt. Eine monoallelische TP53-Mutation (Veränderung nur einer TP53-Genkopie) ist mit der Diagnose vereinbar. Eine biallelische TP53-Inaktivierung führt dagegen zur Einordnung als MDS-biTP53. Bei gleichzeitigem Vorliegen einer del(5q) und einer SF3B1-Mutation besitzt die del(5q) in der WHO-Klassifikationshierarchie Vorrang [1, LL1].
MDS mit SF3B1-Mutation
Die frühere Kategorie „MDS mit Ringsideroblasten (Vorstufen roter Blutkörperchen mit ringförmigen Eisenablagerungen)“ wurde weitgehend durch die molekulargenetisch definierte Entität MDS-SF3B1 ersetzt. Bei nachgewiesener SF3B1-Mutation ist ein bestimmter Ringsideroblastenanteil nicht mehr obligat [1, LL1].
Ist keine SF3B1-Analyse verfügbar, kann nach WHO ein Ringsideroblastenanteil von mindestens 15 % als Ersatz für den Nachweis einer SF3B1-Mutation herangezogen werden [1, LL1].
Gegen die Einordnung als MDS-SF3B1 sprechen insbesondere:
- del(5q)
- Monosomie 7
- komplexer Karyotyp
- biallelische TP53-Inaktivierung
MDS mit biallelischer TP53-Inaktivierung
MDS-biTP53 ist eine biologisch und prognostisch eigenständige Hochrisikoentität (Erkrankungsform mit besonders ungünstigem Verlauf). Der TP53-Allelstatus besitzt eine wesentliche prognostische Bedeutung [1, 4].
Eine biallelische bzw. Multihit-Inaktivierung kann insbesondere vorliegen bei:
- mindestens zwei TP53-Mutationen
- einer TP53-Mutation und Verlust der Kopienzahl des zweiten TP53-Allels
- einer TP53-Mutation und kopienneutralem Verlust der Heterozygotie (Verlust der genetischen Unterschiedlichkeit beider Genkopien)
- einer TP53-Mutation mit einer Variantenallelfrequenz (Anteil der untersuchten DNA-Moleküle mit einer bestimmten Genveränderung) von mindestens 50 %, bei der eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine biallelische TP53-Inaktivierung besteht
Eine einzelne TP53-Mutation ist nicht automatisch mit einer biallelischen TP53-Inaktivierung gleichzusetzen. Der TP53-Allelstatus sollte daher ausdrücklich beurteilt und dokumentiert werden. Biallelische TP53-Veränderungen sind häufig mit komplexer Zytogenetik, ausgeprägter genomischer Instabilität (erhöhter Neigung des Erbguts zu genetischen Veränderungen) und einer ungünstigen Prognose verbunden [4].
Morphologisch definierte MDS
| WHO-Entität | Knochenmarkblasten | Blasten im peripheren Blut | Wesentliche Kriterien |
|---|---|---|---|
| MDS mit niedrigem Blastenanteil – MDS-LB | < 5 % | < 2 % | Mindestens 10 % Dysplasiezeichen in mindestens einer myeloischen Zellreihe; keine genetisch definierte MDS-Entität |
| Hypoplastisches MDS (MDS mit zellarmem Knochenmark) – MDS-h | < 5 % | < 2 % | Altersadaptiert verminderte histologische Knochenmarkzellulärität ≤ 25 % |
| MDS mit erhöhtem Blastenanteil 1 – MDS-IB1 | 5-9 % | 2-4 % | Blastenvermehrung; keine AML-definierende genetische Veränderung |
| MDS mit erhöhtem Blastenanteil 2 – MDS-IB2 | 10-19 % | 5-19 % | Blastenvermehrung; keine AML-definierende genetische Veränderung |
| MDS mit Fibrose – MDS-f | 5-19 % | 5-19 % | Blastenvermehrung und Knochenmarkfibrose Grad 2-3 |
Bei MDS-IB1 und MDS-IB2 erfolgt die Zuordnung anhand des Blastenanteils im Knochenmark und/oder im peripheren Blut. Maßgeblich ist die höhergradige Kategorie [1, LL1].
MDS mit niedrigem Blastenanteil
MDS-LB umfasst MDS mit weniger als 5 % Knochenmarkblasten und weniger als 2 % Blasten im peripheren Blut, sofern keine genetisch definierte MDS-Entität vorliegt [1, LL1].
Die WHO führt die frühere Unterteilung in unilineäre und multilineäre Dysplasie nicht mehr als getrennte Hauptentitäten. Morphologisch können weiterhin MDS mit Einliniendysplasie bzw. Mehrliniendysplasie unterschieden und im Befund dokumentiert werden [1, LL1].
Hypoplastisches MDS
Das hypoplastische MDS ist in der WHO-HAEM5 als eigenständiger MDS-Typ anerkannt. Kennzeichnend sind eine altersadaptiert verminderte histologische Knochenmarkzellulärität von höchstens 25 % und das Fehlen einer Blastenvermehrung [1, LL1].
Die Knochenmarkhistologie ist für die Diagnose wesentlich. Differentialdiagnostisch sind insbesondere abzugrenzen:
- aplastische Anämie
- hypozelluläre akute myeloische Leukämie (akute myeloische Leukämie mit zellarmem Knochenmark)
- paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie
- toxisch bedingte Knochenmarkhypoplasie (verminderte Zellbildung im Knochenmark)
- medikamentös bedingte Knochenmarkhypoplasie
- hereditäre Knochenmarkversagenssyndrome (erblich bedingte Erkrankungen mit Versagen der Blutbildung im Knochenmark)
MDS mit erhöhtem Blastenanteil
Die WHO unterscheidet [1, LL1]:
- MDS-IB1 – 5-9 % Blasten im Knochenmark und/oder 2-4 % Blasten im peripheren Blut
- MDS-IB2 – 10-19 % Blasten im Knochenmark und/oder 5-19 % Blasten im peripheren Blut
Vor der Einordnung als MDS-IB1 oder MDS-IB2 muss eine AML mit definierender genetischer Veränderung ausgeschlossen werden [1, 2]. MDS-IB2 ist gegenüber MDS-IB1 mit einer ungünstigeren Prognose verbunden [LL1].
MDS mit Fibrose
MDS-f ist durch eine Blastenvermehrung und eine Knochenmarkfibrose Grad 2-3 gekennzeichnet. Der Blastenanteil beträgt 5-19 % im Knochenmark und/oder 5-19 % im peripheren Blut [1, LL1].
Die Diagnose erfordert eine histologische Knochenmarkuntersuchung. Differentialdiagnostisch sind insbesondere abzugrenzen:
- primäre Myelofibrose (eigenständige Knochenmarkerkrankung mit zunehmender Bindegewebsvermehrung)
- postpolycythaemische Myelofibrose (Knochenmarkfibrose nach Polycythaemia vera)
- postthrombocythämische Myelofibrose (Knochenmarkfibrose nach essentieller Thrombozythämie)
- akute myeloische Leukämie mit Knochenmarkfibrose
- andere myeloische Neoplasien mit sekundärer Knochenmarkfibrose
International Consensus Classification 2022
Die ICC verwendet überwiegend weiterhin den Begriff „myelodysplastische Syndrome“. Sie unterscheidet genetisch definierte Kategorien, MDS ohne anderweitige Spezifikation und MDS mit Blastenexzess. Eine wesentliche Neuerung ist die Kategorie MDS/AML bei 10-19 % Blasten [2, 3].
| ICC-Entität | Wesentliche Kriterien |
|---|---|
| MDS mit del(5q) | del(5q), niedriger Blastenanteil, keine Multihit-TP53-Veränderung |
| MDS mit SF3B1-Mutation | SF3B1-Mutation, niedriger Blastenanteil, keine definierenden Ausschlussveränderungen |
| MDS mit Multihit-TP53-Mutation | Multihit-TP53-Veränderung und < 10 % Blasten |
| MDS, nicht anderweitig spezifiziert, mit unilineärer Dysplasie | Dysplasie einer Zellreihe; keine genetisch definierte Entität |
| MDS, nicht anderweitig spezifiziert, mit multilineärer Dysplasie | Dysplasie von mindestens zwei Zellreihen; keine genetisch definierte Entität |
| MDS, nicht anderweitig spezifiziert, ohne Dysplasie | MDS-definierende Zytogenetik bei fehlender signifikanter morphologischer Dysplasie |
| MDS mit Blastenexzess | 5-9 % Knochenmarkblasten oder 2-9 % Blasten im peripheren Blut |
| MDS/AML | 10-19 % Blasten im Knochenmark oder peripheren Blut |
Wesentliche Unterschiede zwischen WHO 2022 und ICC 2022
| Merkmal | WHO 2022 | ICC 2022 |
|---|---|---|
| Übergeordnete Bezeichnung | Myelodysplastische Neoplasien | Myelodysplastische Syndrome |
| 10-19 % Blasten | MDS-IB2 | MDS/AML |
| Unilineäre bzw. multilineäre Dysplasie | Keine getrennten Hauptentitäten | Unterteilung innerhalb von MDS, nicht anderweitig spezifiziert |
| Hypoplastisches MDS | Eigenständiger MDS-Typ | Keine eigenständige Hauptentität |
| MDS mit Fibrose | Eigenständiger MDS-Typ | Keine eigenständige Hauptentität |
| TP53-definierte Entität | Biallelische TP53-Inaktivierung bei < 20 % Blasten | Multihit-TP53-Veränderung bei < 10 % Blasten; bei 10-19 % Blasten Zuordnung zu MDS/AML |
| Ringsideroblasten als Ersatz für SF3B1 | ≥ 15 % Ringsideroblasten können den Nachweis einer SF3B1-Mutation ersetzen | Ringsideroblasten ohne SF3B1-Mutation definieren keine entsprechende eigenständige genetische Entität |
Die ICC-Kategorie MDS/AML bildet die biologische Kontinuität zwischen fortgeschrittenem MDS und AML ab. Die WHO behält demgegenüber die Kategorie MDS-IB2 bis zu einem Blastenanteil von 19 % bei, sofern keine AML-definierende genetische Veränderung vorliegt [1-3].
Abgrenzung gegenüber der akuten myeloischen Leukämie
Vor der Klassifikation als MDS mit erhöhtem Blastenanteil oder MDS/AML müssen AML-definierende genetische Veränderungen ausgeschlossen werden. Hierzu gehören je nach Klassifikationssystem insbesondere AML mit [1, 2]:
- PML::RARA
- RUNX1::RUNX1T1
- CBFB::MYH11
- DEK::NUP214
- RBM15::MRTFA
- KMT2A-Rearrangement
- MECOM-Rearrangement
- NUP98-Rearrangement
- NPM1-Mutation
Die erforderlichen Mindestblastenanteile unterscheiden sich zwischen WHO und ICC sowie zwischen einzelnen genetisch definierten AML-Entitäten. Die Diagnose darf daher nicht allein anhand einer pauschalen 20-%-Blastenregel gestellt werden [1, 2].
Abgrenzung gegenüber klonalen Vorstufen (Vorformen mit genetisch verändertem Zellklon)
Klonale Hämatopoese unbestimmten Potenzials (alters- oder mutationsbedingte Blutbildung aus einem genetisch veränderten Zellklon ohne Blutkrankheit)
Bei der klonalen Hämatopoese unbestimmten Potenzials (CHIP) besteht eine somatische Mutation oder eine klonale zytogenetische Veränderung, jedoch keine ungeklärte persistierende Zytopenie und keine definierte myeloische Neoplasie [1, 2, LL1].
Klonale Zytopenie unbestimmter Signifikanz (ungeklärte Verminderung von Blutzellen mit nachweisbarem genetisch verändertem Zellklon)
Bei der klonalen Zytopenie unbestimmter Signifikanz (CCUS) bestehen:
- eine persistierende, anderweitig nicht erklärte Zytopenie
- mindestens eine klonale molekulargenetische oder zytogenetische Veränderung
- keine ausreichenden Kriterien für die Diagnose einer myeloischen Neoplasie
CCUS ist keine MDS-Entität. Das Progressionsrisiko kann jedoch insbesondere in Abhängigkeit vom Mutationsmuster, von der Anzahl der Mutationen und von der Variantenallelfrequenz erheblich sein [1, 2, LL1].
Idiopathische Zytopenie unbestimmter Signifikanz (ungeklärte Verminderung von Blutzellen ohne nachweisbaren genetisch veränderten Zellklon)
Bei der idiopathischen Zytopenie unbestimmter Signifikanz (ICUS) besteht eine persistierende Zytopenie ohne ausreichende Kriterien eines MDS und ohne Nachweis einer für CCUS qualifizierenden klonalen Veränderung [LL1].
Abgrenzung gegenüber MDS/MPN
Myelodysplastisch/myeloproliferative Neoplasien (Knochenmarkerkrankungen mit gleichzeitig gestörter und gesteigerter Blutbildung) (MDS/MPN) bilden eine eigenständige Krankheitsgruppe und dürfen nicht als MDS-Untertypen klassifiziert werden [1, 2].
Zu den MDS/MPN gehören insbesondere:
- chronische myelomonozytäre Leukämie (chronische Blutkrebserkrankung mit Vermehrung von Monozyten)
- MDS/MPN mit neutrophiler Leukozytose (Vermehrung neutrophiler weißer Blutkörperchen)
- MDS/MPN mit SF3B1-Mutation und Thrombozytose (erhöhte Zahl der Blutplättchen)
- MDS/MPN, nicht anderweitig spezifiziert
- juvenile myelomonozytäre Leukämie (seltene Blutkrebserkrankung des Kindesalters mit Vermehrung myelomonozytärer Zellen)
Die frühere Bezeichnung „MDS/MPN mit Ringsideroblasten und Thrombozytose“ wurde durch eine stärker molekulargenetisch ausgerichtete Klassifikation ersetzt [1, 2].
Prognostische Klassifikation
Die diagnostische Klassifikation nach WHO oder ICC beschreibt die biologische MDS-Entität. Sie ersetzt nicht die prognostische Risikostratifikation (Einteilung in prognostische Risikogruppen). Hierfür werden insbesondere das revidierte Internationale Prognostische Punktesystem (IPSS-R) und das molekulare Internationale Prognostische Punktesystem (IPSS-M) verwendet [5, 6, LL1].
IPSS-R
Das IPSS-R berücksichtigt fünf Parameter [5]:
- zytogenetische Risikogruppe (Risikogruppe nach Chromosomenveränderungen)
- Knochenmarkblasten
- Hämoglobinkonzentration
- Thrombozytenzahl
- absolute Neutrophilenzahl
IPSS-R-Punktwerte
| Parameter | 0 Punkte | 0,5 Punkte | 1 Punkt | 1,5 Punkte | 2 Punkte | 3 Punkte | 4 Punkte |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Zytogenetik | sehr günstig | – | günstig | – | intermediär | ungünstig | sehr ungünstig |
| Knochenmarkblasten | ≤ 2 % | – | > 2-< 5 % | – | 5-10 % | > 10 % | – |
| Hämoglobin | ≥ 10 g/dl | – | 8-< 10 g/dl | < 8 g/dl | – | – | – |
| Thrombozyten | ≥ 100 × 109/l | 50-< 100 × 109/l | < 50 × 109/l | – | – | – | – |
| Absolute Neutrophilenzahl | ≥ 0,8 × 109/l | < 0,8 × 109/l | – | – | – | – | – |
Zytogenetische Risikogruppen des IPSS-R
| Risikogruppe | Zytogenetische Befunde |
|---|---|
| Sehr günstig | −Y, del(11q) |
| Günstig | Normaler Karyotyp, del(5q), del(12p), del(20q), zwei Aberrationen einschließlich del(5q), jedoch ohne Chromosom-7-Aberration |
| Intermediär | del(7q), +8, +19, i(17q), jede andere einzelne oder doppelte Aberration, unabhängige Klone |
| Ungünstig | −7, inv(3), t(3q), del(3q), zwei Aberrationen einschließlich −7 bzw. del(7q), komplexer Karyotyp mit drei Aberrationen |
| Sehr ungünstig | Komplexer Karyotyp (Chromosomenbild mit mehreren Veränderungen) mit mehr als drei Aberrationen |
IPSS-R-Risikogruppen und Prognose
| IPSS-R-Risikogruppe | Punktzahl | Medianes Gesamtüberleben | Zeit bis zur AML-Transformation (Übergang in eine akute myeloische Leukämie) bei 25 % der Patienten |
|---|---|---|---|
| Sehr niedrig | ≤ 1,5 | 8,8 Jahre | Nicht erreicht |
| Niedrig | > 1,5-3 | 5,3 Jahre | 10,8 Jahre |
| Intermediär | > 3-4,5 | 3,0 Jahre | 3,2 Jahre |
| Hoch | > 4,5-6 | 1,6 Jahre | 1,4 Jahre |
| Sehr hoch | > 6 | 0,8 Jahre | 0,73 Jahre |
Die Prognosewerte entstammen der ursprünglichen IPSS-R-Kohorte und sind populationsbezogene Schätzungen. Sie stellen keine individuelle Vorhersage der Überlebenszeit dar [5].
Das IPSS-R bleibt klinisch relevant, insbesondere:
- bei fehlender umfassender Molekulargenetik
- für die Interpretation älterer Studien
- für Therapieempfehlungen und Zulassungskontexte, die auf IPSS-R-Gruppen beruhen
- zur ergänzenden Dokumentation neben dem IPSS-M
IPSS-M
Das IPSS-M erweitert die prognostische Bewertung um somatische Mutationen in insgesamt 31 Genen. Es integriert 17 molekulare Variablen in 16 Genen sowie die Anzahl mutierter Gene aus einer weiteren Gruppe von 15 Genen [6, LL1].
In die Berechnung gehen insbesondere ein:
- Hämoglobinkonzentration
- Thrombozytenzahl
- Knochenmarkblasten
- zytogenetische Risikogruppe nach IPSS-R
- TP53-Multihit-Status
- prognostisch relevante Einzelmutationen
- definierte Muster gleichzeitig vorliegender Mutationen
Das IPSS-M unterscheidet sechs Risikogruppen. Gegenüber dem IPSS-R verbessert es die prognostische Trennschärfe für Gesamtüberleben, leukämiefreies Überleben (Zeit ohne Übergang in eine Leukämie) und AML-Transformation. In der ursprünglichen Entwicklung des IPSS-M wurden 46 % der Patienten gegenüber ihrer IPSS-R-Zuordnung neu klassifiziert [6]. Die verbesserte prognostische Differenzierung wurde in unabhängigen Kohorten bestätigt [7].
IPSS-M-Risikogruppen und medianes Gesamtüberleben
| IPSS-M-Risikogruppe | IPSS-M-Score | Medianes Gesamtüberleben |
|---|---|---|
| Sehr niedrig | ≤ −1,5 | 10,6 Jahre |
| Niedrig | > −1,5 bis −0,5 | 6,0 Jahre |
| Moderat niedrig | > −0,5 bis 0 | 4,6 Jahre |
| Moderat hoch | > 0 bis 0,5 | 2,8 Jahre |
| Hoch | > 0,5 bis 1,5 | 1,7 Jahre |
| Sehr hoch | > 1,5 | 1,0 Jahr |
Die medianen Gesamtüberlebenszeiten stammen aus der ursprünglichen IPSS-M-Entwicklungskohorte [6]. Das mediane Gesamtüberleben bezeichnet den Zeitpunkt, zu dem 50 % der Patienten der jeweiligen Risikogruppe noch lebten. Diese Werte sind populationsbezogene Orientierungsgrößen und dürfen nicht als individuelle Lebenserwartung interpretiert werden.
Eine unabhängige Validierung bestätigte die klare prognostische Abstufung des IPSS-M. In der untersuchten Kohorte betrug das mediane Gesamtüberleben von der sehr niedrigen bis zur sehr hohen Risikogruppe 11,7, 7,1, 4,4, 3,1, 2,3 bzw. 1,3 Jahre [7].
Leukämiefreies Überleben und AML-Transformationsrisiko nach IPSS-M
Die aktuelle Onkopedia-Leitlinie stellt die prognostische Abstufung nach IPSS-M anhand des medianen leukämiefreien Überlebens, des medianen Gesamtüberlebens und des AML-Transformationsrisikos dar [LL1].
| IPSS-M-Risikogruppe | Medianes leukämiefreies Überleben | Medianes Gesamtüberleben | AML-Transformation nach 1 Jahr | AML-Transformation nach 2 Jahren | AML-Transformation nach 3 Jahren |
|---|---|---|---|---|---|
| Sehr niedrig | 10 Jahre | 11 Jahre | 0 % | 1 % | 3 % |
| Niedrig | 6 Jahre | 6 Jahre | 2 % | 3 % | 5 % |
| Moderat niedrig | 4 Jahre | 5 Jahre | 5 % | 9 % | 11 % |
| Moderat hoch | 2 Jahre | 3 Jahre | 10 % | 14 % | 19 % |
| Hoch | 1 Jahr | 2 Jahre | 14 % | 21 % | 29 % |
| Sehr hoch | 0,7 Jahre | 1 Jahr | 28 % | 39 % | 43 % |
Die leicht abweichenden medianen Gesamtüberlebenszeiten gegenüber den exakten Werten der IPSS-M-Originalpublikation beruhen auf der gerundeten Darstellung der Prognosedaten in der aktuellen Leitlinie [6, LL1].
Klinische Einordnung der Prognosegruppen
Für die Therapieplanung werden in der aktuellen Leitlinie folgende Risikogruppen zusammengefasst [LL1]:
- Niedrigrisiko-MDS – IPSS-R sehr niedrig, niedrig und intermediär bzw. IPSS-M sehr niedrig, niedrig und moderat niedrig
- Hochrisiko-MDS – IPSS-R hoch und sehr hoch bzw. IPSS-M moderat hoch, hoch und sehr hoch
Die Risikogruppe darf jedoch nicht isoliert mit einer bestimmten Therapie gleichgesetzt werden. Zusätzlich sind zu berücksichtigen:
- biologisches Alter und Allgemeinzustand
- Komorbiditäten
- Ausmaß und klinische Folgen der Zytopenien
- Transfusionsabhängigkeit (regelmäßiger Bedarf an Blutübertragungen)
- Infektionsrisiko
- Blutungsrisiko
- WHO- bzw. ICC-Entität
- molekulargenetisches Risikoprofil
- Dynamik der Erkrankung
- bisherige Therapie
- Eignung für eine allogene hämatopoetische Stammzelltransplantation (Stammzellübertragung von einem Spender)
MDS sind dynamische Erkrankungen. Knochenmarkmorphologie, Blastenanteil, Karyotyp und Mutationsprofil können sich im Krankheitsverlauf verändern und eine erneute Risikostratifikation erforderlich machen. Bei erwartbaren therapeutischen Konsequenzen empfiehlt sich daher eine prospektiv geplante sequenzielle Diagnostik [LL1].
Anforderungen an den vollständigen Klassifikationsbefund
Ein vollständiger diagnostischer Befund sollte mindestens enthalten:
- verwendetes Klassifikationssystem – WHO 2022 oder ICC 2022
- genaue MDS-Entität
- Hämoglobinkonzentration
- absolute Neutrophilenzahl
- Thrombozytenzahl
- Blastenanteil im peripheren Blut
- Blastenanteil im Knochenmark
- Ausmaß und Verteilung der Dysplasie
- Ringsideroblastenanteil
- Knochenmarkzellulärität
- Fibrosegrad
- konventionellen Karyotyp
- ggf. Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (molekulargenetisches Verfahren zum Nachweis bestimmter Chromosomenveränderungen)
- molekulargenetisches Mutationsprofil
- TP53-Allelstatus
- IPSS-R
- nach Möglichkeit IPSS-M
Begriffserklärung
- Auerstäbchen (nadelförmige Einschlüsse in unreifen myeloischen Zellen) – nadel- oder stäbchenförmige, azurophile Einschlüsse im Zytoplasma myeloischer Blasten; ihr Nachweis belegt eine myeloische Differenzierung
- Blasten – unreife hämatopoetische Vorläuferzellen; der Blastenanteil wird getrennt im Knochenmark und im peripheren Blut bestimmt
- Dysplasie – qualitative Reifungs- und Formstörung hämatopoetischer Zellen
- Ringsideroblasten – erythroide Vorläuferzellen mit mindestens fünf Eisengranula, die mindestens ein Drittel des Zellkernumfangs ringförmig umgeben
- Komplexer Karyotyp – Vorliegen mehrerer voneinander unabhängiger chromosomaler Aberrationen; die genaue prognostische Zuordnung hängt von Anzahl und Art der Aberrationen ab
- Multihit-TP53 (mehrfache TP53-Veränderung mit Funktionsverlust beider Genkopien) – funktionelle Inaktivierung beider TP53-Allele durch mehrere Mutationen oder durch eine Mutation in Verbindung mit Deletion bzw. Verlust der Heterozygotie
- Zytopenie – Verminderung mindestens einer Zellreihe im peripheren Blut
Fazit
Die WHO-Klassifikation von 2016 ist für die aktuelle MDS-Diagnostik überholt. Maßgeblich sind die WHO-HAEM5 und die ICC von 2022. Beide Klassifikationen integrieren Morphologie, Blastenanteil, Zytogenetik und Molekulargenetik [1-3, LL1].
Die wichtigsten Neuerungen sind:
- Einteilung in genetisch und morphologisch definierte MDS
- Etablierung von MDS-SF3B1
- eigenständige Einordnung von MDS mit biallelischer TP53-Inaktivierung
- Anerkennung des hypoplastischen MDS und des MDS mit Fibrose in der WHO
- ICC-Kategorie MDS/AML bei 10-19 % Blasten
- molekulare prognostische Risikostratifikation durch das IPSS-M
Diagnostische Entität und prognostische Risikogruppe müssen getrennt dokumentiert werden. Optimal ist die kombinierte Angabe der WHO- bzw. ICC-Diagnose, des IPSS-R und des IPSS-M. Das mediane Gesamtüberleben reicht in der ursprünglichen IPSS-M-Kohorte von 10,6 Jahren bei sehr niedrigem Risiko bis zu 1,0 Jahr bei sehr hohem Risiko [6]. Diese Werte beschreiben Patientenkollektive und keine individuelle Lebenserwartung.
Literatur
- Khoury JD, Solary E, Abla O, Akkari Y, Alaggio R, Apperley JF et al.: The 5th edition of the World Health Organization Classification of Haematolymphoid Tumours: Myeloid and Histiocytic/Dendritic Neoplasms. Leukemia. 2022;36:1703-1719. doi:10.1038/s41375-022-01613-1
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