Polytrauma – Weitere Therapie
Allgemeine Maßnahmen
- Alarmierung/Versorgungsstruktur:
- Versorgung nach standardisiertem Schockraum- und Traumateam-Algorithmus (festgelegtes Vorgehen im Notfallraum)
- Frühzeitige Kommunikation und strukturierte Übergabe (präklinisch → Schockraum → OP/Intensivstation) (geordnete Informationsweitergabe vom Unfallort bis zur Intensivstation)
- Primärstabilisierung (ABCDE) (erste strukturierte Notfalluntersuchung) und Schadenbegrenzung:
- Sicherung der Atemwege (Freihalten der Luftwege), ausreichende Oxygenierung (Sauerstoffversorgung) und Ventilation (Beatmung), Kreislaufstabilisierung (Stabilisierung von Blutdruck und Durchblutung), rasche Blutungskontrolle sowie konsequentes Temperaturmanagement (Vermeidung von Unterkühlung)
- Frühzeitige Blutungskontrolle (mechanisch, interventionell oder operativ) und Vermeidung der Kombination aus Hypothermie (Unterkühlung), Azidose (Übersäuerung) und Koagulopathie (Störung der Blutgerinnung)
- Adäquate Schmerztherapie (Schmerzbehandlung) und Sedierung (Beruhigung/Schlafmedikation) unter Berücksichtigung der hämodynamischen Situation (Kreislaufzustand)
- Infektions- und Hygienemaßnahmen:
- Konsequente Einhaltung allgemeiner Hygienemaßnahmen und sterile Wundversorgung (keimfreie Versorgung von Wunden)
- Frühzeitiges chirurgisches Debridement (operative Wundreinigung) und Kontaminationskontrolle (Beseitigung von Verschmutzungen) bei offenen Verletzungen
- Antibiotische Therapie (Behandlung mit Antibiotika) ausschließlich bei gesicherter oder hochgradig wahrscheinlicher Infektion (Infektion) bzw. Kontamination (Verunreinigung)
- Thrombose- und Ulkusprophylaxe:
- Frühzeitige mechanische Thromboseprophylaxe (Maßnahmen zur Verhinderung von Blutgerinnseln)
- Medikamentöse Thromboseprophylaxe (vorbeugende Medikamente gegen Blutgerinnsel) nach Blutungskontrolle und individueller Risiko-Nutzen-Abwägung
- Stressulkusprophylaxe (Vorbeugung von Magengeschwüren durch Stress) bei intensivmedizinischen Risikokonstellationen
- Impf- und Postexpositionsprophylaxe bei Wunden:
- Überprüfung des Tetanus-Impfstatus (Impfschutz gegen Wundstarrkrampf)
- Aktive und ggf. passive Tetanus-Immunisierung (Schutzimpfung gegen Wundstarrkrampf) abhängig von Impfstatus und Wundtyp
- Sorgfältige Wundreinigung und Entfernung von Fremdmaterial
Konventionelle nicht-operative Therapieverfahren
- Schockraum- und intensivmedizinische Therapie:
- Damage-Control-Resuscitation (lebensrettende Erstbehandlung mit begrenzter Flüssigkeitsgabe) mit zurückhaltender Kristalloidgabe (Infusionslösungen) und bedarfsadaptierter Blutproduktgabe
- Frühe Gerinnungssteuerung (Kontrolle der Blutgerinnung) und gezieltes Temperaturmanagement
- Beatmungsstrategien (Beatmungskonzepte) und Thoraxmanagement (Behandlung des Brustkorbs) entsprechend dem Verletzungsmuster
- Frühfunktionelle Therapie:
- Frühmobilisation (frühes Aufrichten/Bewegen) und Atemphysiotherapie (Atemübungen) zur Prophylaxe pulmonaler Komplikationen (Vorbeugung von Lungenproblemen)
- Physio- und ergotherapeutische Maßnahmen (Bewegungs- und Alltagstherapie) zur Vermeidung von Kontrakturen (Gelenkversteifungen) und zur Funktionswiederherstellung
- Psychische Stabilisierung:
- Frühe psychosoziale Unterstützung (seelische und soziale Hilfe) und Screening auf akute Belastungsreaktionen (Überprüfung auf starke seelische Stressreaktionen)
Operative Therapie
- Prioritätenprinzip:
- Lebensrettende Maßnahmen und Blutungskontrolle haben Vorrang
- Stufenweises operatives Vorgehen (mehrzeitige Operationen) bei physiologisch instabilen Patienten (Patienten mit instabilem Körperzustand)
- Typische operative und interventionelle Maßnahmen:
- Chirurgische oder interventionelle Blutstillung (operative oder kathetergestützte Blutungsbehandlung)
- Temporäre Stabilisierung von Frakturen (Knochenbrüchen), z. B. mittels externer Fixation (äußerer Stabilisierung)
- Definitive operative Versorgung nach hämodynamischer Stabilisierung (Stabilisierung des Kreislaufs)
Medizinische Hilfsmittel
- Akutversorgung:
- Immobilisationshilfen (Hilfsmittel zur Ruhigstellung) wie Schienen, Vakuummatratzen oder Zervikalstützen (Halskrausen)
- Beckengurt (Stützgurt für das Becken) bei Verdacht auf instabile Beckenverletzung
- Weiterbehandlung und Rehabilitation:
- Orthetische (Stützschienen) und prothetische Versorgung (künstlicher Ersatz von Körperteilen) bei schweren Extremitätenverletzungen
- Gehhilfen, Lagerungs- und Transferhilfen (Hilfen zum Umlagern)
Impfungen
- Aktualisierung des Tetanus-Impfschutzes (Schutz vor Wundstarrkrampf) entsprechend dem Impfstatus
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen
- Stationär:
- Engmaschige klinische Verlaufskontrollen zur frühzeitigen Erkennung von Komplikationen (Folgeproblemen)
- Überwachung auf Infektionen (Infektionen), Organfunktionsstörungen (Funktionsstörungen von Organen) und thromboembolische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel)
- Ambulant:
- Strukturierte unfallchirurgische und interdisziplinäre Nachsorge
- Funktionskontrollen, Schmerz- und Rehabilitationssteuerung
Ernährungsmedizin
- Akut- und Intensivphase:
- Frühzeitige bedarfsgerechte Ernährung (angepasste Nahrungszufuhr), bevorzugt enteral (über den Magen-Darm-Trakt)
- Rehabilitationsphase:
- Eiweiß- und energieadäquate Ernährung (ausreichende Zufuhr von Kalorien und Proteinen) zur Unterstützung von Heilung und Muskelaufbau
Sportmedizin
- Rehabilitation:
- Stufenweise Belastungssteigerung (langsamer Trainingsaufbau) mit individuell angepasstem Kraft- und Ausdauertraining
- Erstellung eines individuellen Return-to-Work- und Return-to-Sport-Konzeptes (schrittweise Rückkehr zu Arbeit und Sport)
Physikalische Therapie (inkl. Physiotherapie)
- Frühphase:
- Atemtherapie (Atemübungen), Lagerung und Mobilisation (Bewegung)
- Weiterbehandlung:
- Gelenkmobilisation (Beweglichmachen der Gelenke), Muskelaufbau, Koordinations- und Gangtraining
Psychotherapie
- Frühintervention:
- Screening (Früherkennung) und Behandlung akuter psychischer Belastungsreaktionen (starker seelischer Reaktionen)
- Langzeitbetreuung:
- Therapie posttraumatischer Belastungssymptome (Folgen seelischer Traumata) und chronischer Schmerzsyndrome (dauerhafte Schmerzkrankheiten)
Komplementäre Behandlungsmethoden
- Ergänzende Maßnahmen:
- Entspannungs- und achtsamkeitsbasierte Verfahren (Stress- und Entspannungsmethoden) als Ergänzung zur Standardrehabilitation
Schulungsmaßnahmen
- Patientenschulung:
- Umgang mit Hilfsmitteln, Schmerzmanagement (Schmerzbewältigung) und Training von Alltagsaktivitäten
- Aufklärung über Warnzeichen möglicher Komplikationen (Hinweise auf gefährliche Veränderungen)
Rehabilitation
- Frührehabilitation:
- Interdisziplinäre Frührehabilitation (früh einsetzende fachübergreifende Rehabilitation) nach der Intensivphase
- Weiterführende Rehabilitation:
- Orthopädisch-unfallchirurgische oder neurologische Rehabilitation (Wiederherstellungsbehandlung) je nach Verletzungsmuster
- Sozialmedizinische Begleitung (Unterstützung bei sozialer und beruflicher Wiedereingliederung) zur beruflichen und sozialen Reintegration
Organisationen und Selbsthilfegruppen
- Unfallversicherungs- und Rehabilitationsorganisationen
- Selbsthilfegruppen für Schädel-Hirn-Trauma (Hirnverletzung), Amputation (Verlust eines Körperteils), chronische Schmerzen und psychische Traumafolgen
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 187-023), Stand 12/2022 Kurzfassung Langfassung
- S3-Leitlinie: Intensivmedizin nach Polytrauma. (AWMF-Registernummer: 040-014), Stand 07/2024 Kurzfassung Langfassung