Polytrauma – Labordiagnostik

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Kleines Blutbild – Hämoglobin, Hämatokrit, Thrombozyten
  • Gerinnungsparameter (Blutgerinnungswerte) – Prothrombinzeit (Quick/INR), aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT), Fibrinogen
  • Blutgasanalyse (Untersuchung der Blutgase) (BGA) – pH, pCO₂, pO₂, Basenabweichung (Base Excess), Lactat
  • Elektrolyte (Mineralstoffe im Blut) – Natrium, Kalium, Calcium
  • Nierenparameter – Kreatinin, Harnstoff
  • Blutzucker (Glucose)
  • Blutgruppe und Antikörpersuchtest (Bestimmung der Blutgruppe und Suche nach Antikörpern) (Type and Screen), ggf. Kreuzprobe

Die Laborparameter der 1. Ordnung sind bei jedem relevanten Polytrauma (Mehrfachverletzung) obligat, da sie unmittelbar therapieentscheidend sind und die Steuerung der Akutmaßnahmen (Blutungs- und Schockmanagement (Behandlung von Blutverlust und Kreislaufversagen), Gerinnungstherapie (Behandlung von Blutgerinnungsstörungen), Transfusionsstrategie (Planung von Bluttransfusionen), Volumen- und Kreislauftherapie (Stabilisierung des Kreislaufs)) ermöglichen.

Typische pathologische Befunde (krankhafte Laborveränderungen) sind ein initial erniedrigtes oder im Verlauf rasch abfallendes Hämoglobin bei akuter Blutung, eine Thrombozytopenie (Verminderung der Blutplättchen) bei Verbrauch oder Verdünnung, eine verlängerte Prothrombinzeit bzw. ein erhöhter INR-Wert und erniedrigtes Fibrinogen als Ausdruck einer traumainduzierten Koagulopathie (durch Verletzungen ausgelöste Blutgerinnungsstörung) sowie ein erhöhtes Lactat und eine metabolische Azidose (Übersäuerung des Körpers) als Zeichen der Gewebehypoperfusion (Minderdurchblutung).

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Differentialblutbild – bei unklarem Verlauf oder Verdacht auf Infektion
  • Erweiterte Gerinnungsdiagnostik (vertiefte Blutgerinnungsuntersuchung) – viskoelastische Tests (z. B. ROTEM/TEG) bei relevanter Blutung oder Verdacht auf traumainduzierte Koagulopathie (durch Verletzungen ausgelöste Blutgerinnungsstörung)
  • Gerinnungsparameter – D-Dimere bei spezifischer Fragestellung (z. B. disseminierte intravasale Gerinnung (schwere, den ganzen Körper betreffende Gerinnungsstörung))
  • Leberparameter (Leberwerte) – AST (GOT), ALT (GPT), Bilirubin bei Verdacht auf abdominelles Trauma (Verletzung des Bauchraums) oder Schockleber (Durchblutungsstörung der Leber)
  • Pankreasparameter (Bauchspeicheldrüsenwerte) – Lipase bei Verdacht auf Pankreas- oder relevantes abdominelles Trauma (Verletzung im Bauchraum)
  • Rhabdomyolyse-Parameter (Werte bei Muskelzerfall) – Creatinkinase (CK), Myoglobin im Serum oder Urin bei Crush-Verletzungen (Quetschverletzungen) oder prolongierter Einklemmung
  • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein), Procalcitonin (PCT) zur Verlaufs- und Infektionsdiagnostik
  • Myokardmarker (Herzmuskelmarker) – hochsensitives Troponin T oder I bei Thoraxtrauma (Brustkorbverletzung) oder hämodynamischer Instabilität (Kreislaufinstabilität)
  • Urinstatus – bei Verdacht auf urogenitale Verletzungen (Verletzungen der Harnorgane) oder Myoglobinurie (Ausscheidung von Muskelprotein im Urin)
  • Toxikologie (Untersuchung auf Gifte) – Ethanol, Medikamenten- oder Drogenscreening bei unklarem Bewusstseinszustand
  • Schwangerschaftstest (quantitatives HCG) – bei Frauen im gebärfähigen Alter bei unklarem Status
  • Cortisol – bei therapierefraktärem Schock (nicht auf Behandlung ansprechendes Kreislaufversagen) (Verdacht auf kritische Erkrankungs-assoziierte Kortikosteroidinsuffizienz (Hormonmangel unter schwerer Erkrankung))

Die Laborparameter der 2. Ordnung dienen der gezielten Organ-, Komplikations- und Verlaufsdiagnostik und sind nicht bei jedem Polytrauma (Mehrfachverletzung) obligat. Ihre Bestimmung erfolgt indikationsbezogen und orientiert sich an klinischen Befunden sowie den Ergebnissen der obligaten Laboruntersuchungen.

Red Flags (Warnzeichen) bei Polytrauma (Mehrfachverletzung)

  • Persistierend erhöhtes Lactat oder fehlende Lactat-Clearance (Absenkung des Lactatwertes) trotz adäquater Volumen- und Blutprodukttherapie
  • Ausgeprägte metabolische Azidose (Übersäuerung des Körpers) mit deutlich negativer Basenabweichung (Base Excess)
  • Deutlich pathologische Gerinnung mit INR-Erhöhung und/oder verlängerter aPTT als Ausdruck einer schweren traumainduzierten Koagulopathie (durch Verletzungen ausgelöste Blutgerinnungsstörung)
  • Fibrinogen deutlich erniedrigt (kritisch meist < 1,5-2,0 g/l) als Marker der Massivblutung und Hyperfibrinolyse (übermäßiger Abbau von Blutgerinnseln)
  • Ausgeprägte Thrombozytopenie (starke Verminderung der Blutplättchen), insbesondere < 50 x 10⁹/l, mit hohem Blutungsrisiko
  • Hypocalcämie (erniedrigter Calciumspiegel) unter Massivtransfusion mit hämodynamischer (kreislaufrelevanter) und gerinnungsrelevanter Bedeutung
  • Rasch ansteigendes Kreatinin, Oligurie (verminderte Urinmenge) oder Myoglobinurie (Muskelprotein im Urin) mit stark erhöhter Creatinkinase (CK) als Hinweis auf Rhabdomyolyse (Muskelzerfall) und drohendes akutes Nierenversagen
  • Massiver Anstieg der Transaminasen (Leberenzyme) nach Schock oder bei stumpfem Bauchtrauma als Hinweis auf ischämische Hepatopathie (durch Minderdurchblutung bedingte Leberschädigung) oder Leberverletzung

Die dargestellte Labordiagnostik entspricht einer bewusst restriktiven, leitlinienkonformen Auswahl ohne Überdiagnostik und fokussiert sich auf Parameter mit unmittelbarer prognostischer und therapeutischer Relevanz in der Akut- und Frühphase des Polytraumas (Mehrfachverletzung).

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 187-023), Stand 12/2022, Version 4.1 Kurzfassung Langfassung
  2. S3-Leitlinie: Intensivmedizin nach Polytrauma. (AWMF-Registernummer: 040-014), Stand 07/2024 Kurzfassung Langfassung