Polytrauma – Klassifikation
Ein Polytrauma (Mehrfachverletzung) liegt vor, wenn gleichzeitig schwere Verletzungen mehrerer Körperregionen bestehen und mindestens eine Verletzung oder die Kombination insgesamt lebensbedrohlich ist. Für die klinische Einordnung sind anatomische Schweregrade (z. B. Injury Severity Score (Schweregrad-Index für Verletzungen)) wichtig, entscheidend in der Akutphase sind jedoch v. a. physiologische Kriterien (Körperfunktionen) und vitale Bedrohung (akute Lebensgefahr).
Synonyme und ICD-10: Polytrauma, Mehrfachverletzung, Schwerverletzter; ICD-10-GM T07 (Multiple Verletzungen), ICD-10-GM T00-T14 (Verletzungen mehrerer Körperregionen)
Begriffe und Schweregrad
- Polytrauma: Mehrere Verletzungen unterschiedlicher Körperregionen mit mindestens einer oder kombinierter Lebensbedrohung
- Schwerverletzter: Injury Severity Score (ISS; Schweregrad-Index für Verletzungen) ≥ 16 oder vitale Bedrohung (akute Lebensgefahr) unabhängig vom ISS
- Hochgradig Schwerverletzter: ISS ≥ 25
Anatomisch-traumatologische Klassifikation
Prinzip: Standardisierte Schweregradbewertung von Verletzungen und Gesamtschwere zur Vergleichbarkeit, Dokumentation und Prognoseabschätzung (Einschätzung des Krankheitsverlaufs).
| System | Definition/Bestandteile | Schwellenwerte und Bedeutung |
| Abbreviated Injury Scale (AIS; internationale Verletzungsskala) | Schweregrad einzelner Verletzungen je Körperregion (AIS 1-6) | AIS 1 leicht, AIS 2 mäßig, AIS 3 schwer, AIS 4 sehr schwer, AIS 5 kritisch, AIS 6 maximal/nicht überlebensfähig |
| Injury Severity Score (ISS; Schweregrad-Index für Verletzungen) | Quadratsumme der drei höchsten AIS-Werte aus drei unterschiedlichen Körperregionen (1-75) | ISS ≥ 16 Schwerverletzter, ISS ≥ 25 hochgradig Schwerverletzter |
Physiologisch-klinische Klassifikation
Kernaussage: In der Akutphase (Notfallsituation) hat die vitale Bedrohung (akute Lebensgefahr) Priorität. Unabhängig vom ISS spricht das Vorliegen eines oder mehrerer Kriterien für ein vital bedrohliches Polytrauma und erfordert die unmittelbare Priorisierung in der Schockraumversorgung (Behandlung im Notfallraum).
- Hämodynamische Instabilität: systolischer Blutdruck < 90 mmHg
- Schwere Bewusstseinsstörung: Glasgow Coma Scale (GCS; Bewusstseins-Skala) ≤ 8
- Respiratorische Insuffizienz: relevante Hypoxie (Sauerstoffmangel), klinisch relevante Atemfrequenzabweichung oder Intubationspflicht (Notwendigkeit eines Beatmungsschlauchs)
- Koagulopathie: klinisch relevante Blutung oder nachweisbare Gerinnungsstörung
- Hypothermie: Körperkerntemperatur < 35 °C
Zeitlich-pathophysiologische Klassifikation
| Phase | Charakteristik | Klinische Relevanz |
| Primäres Polytrauma | Unmittelbare Verletzungsfolgen durch Unfallmechanismus | Erstversorgung, Blutungskontrolle, initiale Stabilisierung |
| Sekundäres Polytrauma | Folgen von Schock (Kreislaufversagen), Hypoxie (Sauerstoffmangel), Gerinnungsstörung und Hypothermie | Vermeidung/Behandlung der letalen Trias (lebensbedrohliche Kombination), Reanimationsstrategie |
| Tertiäres Polytrauma | Spätkomplikationen wie Sepsis (Blutvergiftung) und Multiorganversagen (Versagen mehrerer Organe) | Intensivmedizin, Komplikationsmanagement, Outcome-Optimierung (Verbesserung des Behandlungsergebnisses) |
Klassifikation nach dominanten Verletzungsmustern
- Polytrauma mit Schädel-Hirn-Trauma: neurodominantes Verletzungsmuster (vorwiegend das Gehirn betreffend)
- Thoraxdominantes Polytrauma: respiratorisch/kardiovaskulär führend (Brustkorb, Atmung und Kreislauf)
- Abdominelles Polytrauma: viszerales Verletzungsmuster (Bauchorgane) mit Blutungs- und Ischämierisiko (Minderdurchblutung)
- Becken- und Extremitäten-dominantes Polytrauma: hohes Risiko massiver Blutung und Weichteilschaden
- Kombinationsverletzungen: mehrere kritische Regionen gleichzeitig betroffen
Therapie-strategische Klassifikation
Grundprinzip: Die Strategie richtet sich nach der physiologischen Stabilität (Stabilität der Körperfunktionen) und wird dynamisch angepasst.
| Strategie | Kernziel | Typische Indikation |
| Schadenskontroll-Reanimation (Damage-Control-Resuscitation; stabilisierende Notfallbehandlung) | Stabilisierung durch Blutungskontrolle, Gerinnungsmanagement, Hypothermie-Vermeidung | hämodynamisch instabiler oder kritisch instabiler Patient |
| Schadenskontroll-Operation (Damage-Control-Surgery; zeitlich begrenzte Notoperation) | Zeitlich begrenzte, lebensrettende Initialeingriffe | instabile Physiologie, komplexe Blutungssituation, hoher Operativstress zu vermeiden |
| Frühdefinitive Versorgung (Early Total Care; vollständige Frühversorgung) | Primär definitive Versorgung relevanter Verletzungen | hämodynamisch stabiler Patient ohne kritische physiologische Entgleisungen |
Prognostische Scores
- Revised Trauma Score (RTS; Notfall-Bewertungsskala): physiologische Erstbeurteilung
- Trauma and Injury Severity Score (TRISS; Überlebenswahrscheinlichkeits-Score): prognostische Abschätzung der Überlebenswahrscheinlichkeit
- New Injury Severity Score (NISS; erweiterter Verletzungsschweregrad): alternative anatomische Gesamtschweregradbewertung
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 187-023), Dezember 2022 Kurzfassung Langfassung
- S3-Leitlinie: Intensivmedizin nach Polytrauma. (AWMF-Registernummer: 040 - 014), Juli 2024 Kurzfassung Langfassung