Polytrauma – Medizingerätediagnostik
Die Medizingerätediagnostik (Untersuchungen mit medizinischen Geräten) beim Polytrauma (Mehrfachverletzung) erfolgt strukturiert und zeitkritisch im Schockraum (Notfallbehandlungsraum). Sie dient der raschen Erkennung lebensbedrohlicher Verletzungen, der Therapiepriorisierung sowie der vollständigen Erfassung des Verletzungsausmaßes. Grundlage ist das strukturierte Schockraumvorgehen gemäß den aktuellen S3-Leitlinien (medizinische Behandlungsleitlinien).
Obligate Medizingerätediagnostik
- Erweiterte fokussierte Sonographie beim Trauma (eFAST-Sonographie) (gezielte Ultraschalluntersuchung bei Schwerverletzten)
- Indikation: Sofortige Untersuchung im Schockraum
- Beurteilbare Befunde: Freie Flüssigkeit im Abdomen (Bauchraum), Perikardtamponade (Flüssigkeitsansammlung am Herzen), Hämatothorax (Blut im Brustraum), Pneumothorax (Luft im Brustraum)
- Vorteil: bedside durchführbar (direkt am Krankenbett), wiederholbar, ohne Strahlenexposition
- Einschränkung: begrenzte Aussagekraft bei retroperitonealen Verletzungen (Verletzungen hinter dem Bauchfell) und in Frühstadien
- Röntgenuntersuchung des Thorax (Brustkorb) (anteroposterior)
- Indikation: Primärdiagnostik im Schockraum
- Mögliche Befunde: Pneumothorax (Luft im Brustraum), Hämatothorax (Blut im Brustraum), Rippenserienfrakturen (mehrere Rippenbrüche), Mediastinalverbreiterung (Verbreiterung des Raums zwischen den Lungen)
- Hinweis: Durchführung parallel zu lebensrettenden Maßnahmen
- Röntgenuntersuchung des Beckens (anteroposterior)
- Indikation: Ausschluss instabiler Beckenringverletzungen (schwere Beckenbrüche)
- Therapiekonsequenz: z. B. Beckengurt oder Beckenzwinge (Stabilisierung des Beckens) bei klinischer oder radiologischer Instabilität
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik (Blut- und Laboruntersuchungen) und der obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- Ganzkörper-Computertomographie (CT) (Schichtbilduntersuchung mit Röntgenstrahlen) mit Kontrastmittel (Polytrauma-CT)
- Indikation: hämodynamisch stabile oder stabilisierbare Patienten (Patienten mit stabilem Kreislauf)
- Umfang: Schädel (Kopf), Halswirbelsäule, Thorax (Brustkorb), Abdomen (Bauchraum), Becken, ggf. Extremitäten (Arme und Beine)
- Vorteil: hohe Sensitivität (hohe Erkennungsgenauigkeit) für Organverletzungen, Gefäßläsionen (Gefäßverletzungen), Wirbelsäulen- und Beckenverletzungen
- Voraussetzung: strukturierter Schockraumablauf mit klarer Indikationsstellung
- Computertomographie (CT) des Schädels (Kopf)
- Indikation: Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma (Verletzung von Kopf und Gehirn), Bewusstseinsstörung oder fokalneurologische Defizite (umschriebene neurologische Ausfälle)
- Mögliche Befunde: intrakranielle Blutungen (Blutungen im Schädel), Kontusionen (Prellungen), knöcherne Verletzungen
- Computertomographische Angiographie (CTA) (Gefäßdarstellung mit CT)
- Indikation: Verdacht auf aktive arterielle Blutung (starke Blutung aus einer Arterie) oder relevante Gefäßverletzung
- Therapiekonsequenz: Planung interventioneller oder operativer Blutungskontrolle (gezielte Blutstillung)
- Magnetresonanztomographie (MRT) (Kernspintomographie)
- Rolle: keine Primärdiagnostik im Polytrauma
- Indikation: Sekundärdiagnostik bei spezieller Fragestellung, z. B. Rückenmarkläsion (Verletzung des Rückenmarks) ohne knöcherne Verletzung
- Voraussetzung: hämodynamische Stabilität (stabiler Kreislauf)
Zielsetzung der Medizingerätediagnostik
- Früherkennung unmittelbar lebensbedrohlicher Verletzungen
- Schnelle therapeutische Entscheidungsfindung
- Optimierung des Zeitmanagements im Schockraum
- Vermeidung unnötiger oder verzögernder Diagnostik
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 187-023), Stand 12/2022, Version 4.1 Kurzfassung Langfassung
- S3-Leitlinie: Intensivmedizin nach Polytrauma. (AWMF-Registernummer: 040-014), Stand 07/2024 Kurzfassung Langfassung