Polytrauma – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein Polytrauma (Mehrfachverletzung mit gleichzeitiger Beteiligung mehrerer Körperregionen) mitbedingt sein können:

Atmungssystem (J00-J99)

  • Akutes Atemnotsyndrom (ARDS) (schweres Lungenversagen)
  • Chronische respiratorische Insuffizienz (dauerhafte Atemschwäche) nach Lungenkontusion (Lungenprellung) oder thorakalen Verletzungen (Verletzungen des Brustkorbs)
  • Restriktive Ventilationsstörung (eingeschränkte Lungenentfaltung) nach Thoraxwandverletzungen (Verletzungen der Brustwand)
  • Nosokomiale Pneumonie (im Krankenhaus erworbene Lungenentzündung) (insbesondere bei prolongierter Beatmung)

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Posttraumatische Visusminderung (verminderte Sehschärfe nach Verletzung)
  • Traumatische Katarakt (durch Verletzung verursachte Linsentrübung)
  • Netzhautablösung (Ablösung der Netzhaut) nach Bulbustrauma (Verletzung des Augapfels)

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Posthämorrhagische Anämie (Blutarmut nach starkem Blutverlust)
  • Traumabedingte Koagulopathie (Blutgerinnungsstörung infolge des Traumas) (z. B. Verbrauchskoagulopathie)
  • Traumaassoziierte Immundysregulation (Fehlregulation des Immunsystems) mit erhöhter Infektanfälligkeit

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Stressinduzierte Hyperglykämie (stressbedingter erhöhter Blutzucker)
  • Posttraumatische Hypophyseninsuffizienz (Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse) (insbesondere nach Schädel-Hirn-Trauma (SHT))
  • Ausgeprägter kataboler Stoffwechselzustand (starker Abbauzustand des Körpers) (traumaassoziierte Hypermetabolie)

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Chronische Wundheilungsstörungen (lang anhaltende Probleme bei der Wundheilung)
  • Narbenhypertrophie (überschießende Narbenbildung) und Keloide (wulstige Narben)
  • Dekubitalulzera (Druckgeschwüre) bei Langzeitimmobilisation (längerer Bettlägerigkeit)

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen) nach Myokardkontusion (Herzmuskelprellung)
  • Herzinsuffizienz (Herzschwäche) im Verlauf (z. B. nach schwerer kardialer Beteiligung oder prolongiertem Schock)
  • Thromboembolische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) (tiefe Venenthrombose, Lungenembolie)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Sepsis (Blutvergiftung)
  • Wundinfektionen (Infektionen von Verletzungen) (inklusive Infektionen von Osteosynthesematerial)
  • Nosokomiale Infektionen (im Krankenhaus erworbene Infektionen) (z. B. ventilatorassoziierte Pneumonie, katheterassoziierte Harnwegsinfektion, katheterassoziierte Blutstrominfektion)

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Posttraumatische Leberfunktionsstörungen (Funktionsstörungen der Leber nach Verletzung) (z. B. nach Leberverletzung oder Schock)
  • Traumatische Pankreasverletzung (Verletzung der Bauchspeicheldrüse) mit Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) oder Pankreasfistel (krankhafte Verbindung nach außen)
  • Cholestatische Verlaufsformen (Gallenabflussstörungen) nach Schock oder biliärer Verletzung

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Stressulzera (stressbedingte Schleimhautgeschwüre)
  • Ileus (Darmverschluss) (paralytisch oder mechanisch, z. B. nach Bauchtrauma/Operation)
  • Posttraumatische Resorptionsstörungen (Störungen der Nährstoffaufnahme) (z. B. nach ausgedehnter Dünndarmresektion)

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Posttraumatische Arthrose (Gelenkverschleiß nach Verletzung)
  • Pseudarthrosen (Falschgelenke) und verzögerte Frakturheilung (verzögerte Knochenheilung)
  • Kontrakturen (Gelenkversteifungen) und Bewegungseinschränkungen
  • Muskelatrophie (Muskelabbau) und Sarkopenie (Muskelschwund) durch Immobilisation
  • Chronische Schmerzsyndrome (dauerhafte Schmerzzustände) (einschließlich neuropathischer Schmerzen)

Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)

  • Posttraumatische Hörminderung (Hörverlust nach Verletzung)
  • Vestibuläre Funktionsstörungen (Störungen des Gleichgewichtsorgans) (z. B. Schwindel nach Schädelbasisfraktur)

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Posttraumatische Belastungsstörung (psychische Reaktion nach extremem Ereignis)
  • Depressive Störungen (Depressionen) und Angststörungen
  • Kognitive Defizite (Einschränkungen von Denken und Gedächtnis) und neuropsychologische Folgestörungen nach Schädel-Hirn-Trauma (SHT)
  • Posttraumatische Epilepsie (anfallsartige Krampfanfälle nach Hirnverletzung) 
  • Periphere Nervenläsionen (Verletzungen von Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark) mit sensomotorischen Ausfällen

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Persistierende Schmerzen (anhaltende Schmerzen)
  • Belastungsintoleranz (verminderte körperliche Belastbarkeit) und reduzierte Leistungsfähigkeit
  • Fatigue (chronische Erschöpfung)

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akutes Nierenversagen (plötzlicher Verlust der Nierenfunktion) und chronische Nierenfunktionsstörung (dauerhafte Nierenschwäche) (z. B. nach Schock, Rhabdomyolyse, nephrotoxischen Einflüssen)
  • Posttraumatische Blasenentleerungsstörungen (Störungen beim Wasserlassen) oder Inkontinenz (unkontrollierter Urinverlust) (z. B. nach Becken-/Wirbelsäulenverletzungen)
  • Fertilitätsstörungen (Einschränkung der Zeugungs- oder Empfängnisfähigkeit) nach Becken- oder Genitalverletzungen

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Langzeitfolgen nach Verkehrsunfällen (z. B. bleibende funktionelle Einschränkungen, Behinderung)
  • Langzeitfolgen nach Arbeits- und Freizeitunfällen

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Folgezustände nach Frakturen (Knochenbrüchen) (z. B. Fehlstellungen, Gelenksteife)
  • Amputationsfolgen (Folgen nach Verlust einer Gliedmaße)
  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS) (schwere chronische Schmerzstörung)
  • Posttraumatische Narben- und Weichteilfolgen (Folgen von Verletzungen der Weichteile)

Weiteres

  • Einschränkung der Selbstständigkeit
  • Einschränkung der Erwerbsfähigkeit
  • Langfristiger Pflege- und Rehabilitationsbedarf

Prognosefaktoren

  • Verletzungsschwere und Verletzungsmuster (inklusive Schädel-Hirn-Trauma, Thorax- und Abdominalverletzungen)
  • Dauer und Ausmaß von Schock (Kreislaufversagen), Hypoxie (Sauerstoffmangel) und Hypotonie (niedriger Blutdruck)
  • Alter, Frailty (Gebrechlichkeit) und relevante Vorerkrankungen
  • Qualität und Timing der Akutversorgung (z. B. Blutungskontrolle, Schockbehandlung, Damage-Control-Strategien)
  • Frühzeitige, interdisziplinäre Rehabilitation (fachübergreifende Wiederherstellung) und strukturierte Nachsorge
  • Psychische Komorbiditäten (Begleiterkrankungen der Psyche) und psychosoziale Belastungen