Polytrauma – Einleitung
Das Polytrauma (Mehrfachverletzung) bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Verletzungen unterschiedlicher Körperregionen, von denen mindestens eine oder die Kombination insgesamt lebensbedrohlich ist. Polytraumata entstehen typischerweise infolge hochenergetischer Unfallmechanismen (Unfälle mit hoher Krafteinwirkung), insbesondere bei Verkehrsunfällen, Stürzen aus großer Höhe, Arbeits- und Freizeitunfällen sowie Gewalteinwirkungen.
Synonyme und ICD-10: ICD-10-GM T07 (multiple Verletzungen); ICD-10-GM T00–T14 (Verletzungen mehrerer Körperregionen)
Definition und Abgrenzung
Ein Polytrauma liegt vor, wenn mehrere schwere Verletzungen gleichzeitig bestehen und eine systemische Reaktion (Ganzkörperreaktion) des Organismus (z. B. Schock (Kreislaufversagen), Gerinnungsstörung, inflammatorische Antwort (entzündliche Reaktion)) auslösen. Abzugrenzen ist das Polytrauma vom Schwerverletzten, bei dem zwar eine oder mehrere schwere Verletzungen vorliegen, jedoch ohne zwingende Lebensbedrohung durch die Gesamtverletzung.
Klassifikation des Polytraumas
Zur objektiven Einschätzung der Verletzungsschwere werden standardisierte Scores verwendet:
- Injury Severity Score (ISS) (Verletzungsschwere-Score): Polytrauma meist definiert als ISS ≥ 16.
- New Injury Severity Score (NISS) (erweiterter Verletzungsschwere-Score): Erweiterung des ISS unter Berücksichtigung der drei schwersten Einzelverletzungen unabhängig von der Körperregion.
- Abbreviated Injury Scale (AIS) (Kurzskala zur Verletzungsschwere): Grundlage für ISS- und NISS-Berechnung.
Zusätzlich erfolgt eine funktionelle Klassifikation nach physiologischen Parametern (Körperfunktionen):
- Stabiles Polytrauma: Keine manifeste Schock- (Kreislauf-) oder Organfunktionsstörung.
- Borderline-Polytrauma: Latente Instabilität (verdeckte Instabilität) mit Risiko der sekundären Verschlechterung.
- Instabiles Polytrauma: Manifester Schock (ausgeprägtes Kreislaufversagen), relevante Blutung oder schwere Organinsuffizienz (Organversagen).
- In extremis (akut lebensbedrohlicher Zustand): Akut lebensbedrohlicher Zustand mit unmittelbarer Reanimations- (Wiederbelebungs-) oder Notfalloperationspflicht.
Epidemiologie
Geschlechterverhältnis: Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen (ca. 2-3 : 1).
Häufigkeitsgipfel
- Junge Erwachsene (20-40 Jahre)
- Ältere Menschen ab dem 70. Lebensjahr (v. a. Sturzereignisse (Stürze))
Inzidenz (Häufigkeit von Neuerkrankungen) und Bedeutung
- In Deutschland werden jährlich ca. 30.000-35.000 Polytraumata behandelt.
- Polytrauma ist eine der führenden Todesursachen bei Menschen unter 45 Jahren.
- Bis zu 30 % der Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma weisen ein Polytrauma auf.
Akutmanagement und Versorgungskonzept
Die Behandlung des Polytraumas erfolgt leitliniengerecht (nach medizinischen Handlungsempfehlungen) nach strukturierten Algorithmen (Behandlungsschemata):
- Präklinisch (vor dem Krankenhaus): Atemwegssicherung, Blutungskontrolle (Stillung von Blutungen), Volumentherapie (Flüssigkeitsgabe), Immobilisation (Ruhigstellung), schneller Transport in ein geeignetes Traumazentrum.
- Schockraumversorgung (Behandlung im Notfallraum): Strukturierte Erstversorgung nach dem ABCDE-Schema (standardisiertes Notfallvorgehen).
- Bildgebung: Frühzeitige Ganzkörper-Computertomographie (Trauma-CT) (Schichtbilduntersuchung des gesamten Körpers) bei hämodynamischer Stabilität (stabilem Kreislauf).
Die Versorgung erfolgt vorzugsweise in zertifizierten Traumazentren im Rahmen des TraumaNetzwerks der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.
Verlauf und Prognose
Verlauf
- Der klinische Verlauf wird maßgeblich durch Ausmaß der Primärverletzungen (direkte Verletzungen), Blutverlust, Koagulopathie (Gerinnungsstörung), Hypothermie (Unterkühlung) und inflammatorische Reaktionen (Entzündungsreaktionen) bestimmt.
- Sekundäre Komplikationen umfassen akutes Lungenversagen (schwere Atemstörung), Multiorganversagen (Versagen mehrerer Organe), Sepsis (Blutvergiftung) und thromboembolische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel).
- Eine engmaschige intensivmedizinische Überwachung ist essenziell, insbesondere in den ersten 72 Stunden nach Trauma (Verletzung).
Prognose
- Die Letalität (Sterblichkeit) des Polytraumas liegt je nach Schweregrad und Begleitverletzungen zwischen 10 % und 30 %.
- Ein hoher ISS (Verletzungsschwere-Score), fortbestehender Schock (Kreislaufversagen), schwere Schädel-Hirn-Verletzungen und höheres Lebensalter sind mit einer ungünstigen Prognose assoziiert.
- Durch strukturierte Schockraumkonzepte (standardisierte Notfallbehandlung) und interdisziplinäre Versorgung (Zusammenarbeit mehrerer Fachrichtungen) konnte die Mortalität (Sterblichkeit) in den letzten Jahren signifikant gesenkt werden.
Beachte
- Die sogenannte „letale Trias“ (tödliche Dreierkombination) aus Hypothermie (Unterkühlung), Azidose (Übersäuerung) und Koagulopathie (Gerinnungsstörung) verschlechtert die Prognose erheblich und muss frühzeitig adressiert werden (früh behandelt werden).
- Bei älteren Patienten führen bereits niedrigenergetische Traumamechanismen (Unfälle mit geringer Krafteinwirkung) häufiger zu einem Polytrauma mit erhöhter Mortalität (Sterblichkeit).
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 187-023), Dezember 2022 Kurzfassung Langfassung
- S3-Leitlinie: Intensivmedizin nach Polytrauma. (AWMF-Registernummer: 040 - 014), Juli 2024 Kurzfassung Langfassung