Fibromyalgie – Medizingerätediagnostik

Die Diagnose des Fibromyalgie-Syndroms (FMS) (chronisches Schmerzsyndrom mit Muskel- und Weichteilschmerzen) wird klinisch gestellt. Eine apparative Untersuchung mit ausreichender Sensitivität (Treffsicherheit zum Erkennen Erkrankter) und Spezifität (Treffsicherheit zum Ausschluss Gesunder) zur Bestätigung oder zum Ausschluss eines FMS steht nicht zur Verfügung. Die Medizingerätediagnostik dient daher nicht der Diagnosesicherung, sondern ausschließlich der gezielten Abklärung relevanter Differentialdiagnosen (möglicher anderer Ursachen), Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Red Flags (Warnzeichen) und funktioneller Einschränkungen [1, LL1-LL3].

Bei typischem Beschwerdekomplex (typischer Kombination von Beschwerden) mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen, Schlafstörung beziehungsweise nicht erholsamem Schlaf, Fatigue (ausgeprägter Erschöpfung), kognitiven Beschwerden (Denk- und Konzentrationsbeschwerden) und fehlendem klinischem Hinweis auf eine entzündlich-rheumatische, internistische, orthopädische, neurologische, infektiologische, maligne oder andere strukturelle Erkrankung (körperlich nachweisbare Krankheit) soll keine ungezielte Medizingerätediagnostik erfolgen [1, LL1-LL3].

Obligate Medizingerätediagnostik

  • Keine regelhafte obligate Medizingerätediagnostik bei klinisch typischem Fibromyalgie-Syndrom, unauffälliger Anamnese (Krankengeschichte), unauffälliger körperlicher Untersuchung und unauffälligem Basislabor
  • Keine routinemäßige Bildgebung (bildgebende Untersuchung) zur Bestätigung oder zum Ausschluss eines Fibromyalgie-Syndroms
  • Keine routinemäßige neurophysiologische Diagnostik (Untersuchung der Nerven- und Muskelfunktion), Schlaflaboruntersuchung, Ganzkörperbildgebung oder nuklearmedizinische Diagnostik (Untersuchung mit schwach radioaktiven Stoffen) ohne konkrete klinische Indikation (medizinische Begründung)

Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik und obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Gelenksonographie (Ultraschalluntersuchung der Gelenke)
    • Indikationen
      • Objektive Gelenkschwellung, Überwärmung, Erguss (Flüssigkeitsansammlung), Morgensteifigkeit mit entzündlichem Charakter oder klinischer Verdacht auf entzündlich-rheumatische Erkrankung
      • Differentialdiagnostische Abklärung einer rheumatoiden Arthritis (entzündliches Gelenkrheuma), Psoriasisarthritis (Schuppenflechte-Gelenkentzündung), Spondyloarthritis (entzündliche Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankung), Kristallarthropathie (Kristallablagerungserkrankung der Gelenke) oder anderer entzündlicher Arthropathien (Gelenkerkrankungen)
  • Röntgenuntersuchung betroffener Skelettabschnitte
    • Indikationen
      • Fokaler Knochenschmerz, Trauma (Verletzung), persistierende lokalisierte Beschwerden, Fehlstellung, Belastungsschmerz oder Verdacht auf strukturelle orthopädische Ursache
      • Verdacht auf Arthrose (Gelenkverschleiß), Fraktur (Knochenbruch), osteolytische Läsion (knochenauflösender Defekt), entzündlich-destruierende Gelenkerkrankung oder relevante degenerative Veränderung (verschleißbedingte Veränderung)
  • Magnetresonanztomographie (MRT) der Wirbelsäule oder betroffener Skelettabschnitte
    • Indikationen
      • Neurologisches Defizit, radikuläre Symptomatik (von einer Nervenwurzel ausgehende Beschwerden), Myelopathiezeichen (Hinweise auf eine Rückenmarkschädigung), Blasen- oder Mastdarmstörung, Sattelanästhesie (Taubheitsgefühl im Sitzbereich) oder Verdacht auf Cauda-equina-Syndrom (Nervenwurzelkompressionssyndrom im unteren Wirbelkanal)
      • Verdacht auf Spondylodiszitis (Entzündung von Wirbelkörper und Bandscheibe), Osteomyelitis (Knochenentzündung), Tumor (Geschwulst), Metastasen (Tochtergeschwülste), entzündliche Wirbelsäulenerkrankung oder andere schwerwiegende strukturelle Ursache
      • Entzündlicher Rückenschmerz mit Verdacht auf axiale Spondyloarthritis, insbesondere bei Beginn vor dem 45. Lebensjahr, nächtlichem Schmerz, Besserung durch Bewegung oder HLA-B27-assoziierter Klinik
  • Computertomographie (CT)
    • Indikationen
      • Nur bei konkreter Fragestellung, wenn die Computertomographie der Magnetresonanztomographie überlegen, schneller verfügbar oder aus klinischen Gründen erforderlich ist
      • Verdacht auf Fraktur, ossäre Destruktion (knöcherne Zerstörung), Tumor, Metastasen, komplizierte Infektion (Ansteckung/Entzündung durch Krankheitserreger) oder thorakoabdominelle Differentialdiagnose (mögliche Ursache im Brust- und Bauchraum)
  • Elektromyographie (Messung der Muskelaktivität) und Elektroneurographie (Messung der Nervenleitgeschwindigkeit)
    • Indikationen
      • Objektive Muskelschwäche, Muskelatrophie (Muskelschwund), pathologische Reflexbefunde (krankhaft veränderte Reflexe), sensible Ausfälle (Gefühlsstörungen), Paresen (Lähmungen), Faszikulationen (Muskelzuckungen) oder klinischer Verdacht auf Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer Nerven), Radikulopathie (Nervenwurzelerkrankung), Motoneuronerkrankung (Erkrankung der Bewegungsnervenzellen), Myopathie (Muskelerkrankung) oder neuromuskuläre Erkrankung (Nerven-Muskel-Erkrankung)
      • Nicht indiziert bei ausschließlich generalisierten Schmerzen ohne neurologisches Defizit
  • Elektroenzephalographie (EEG) (Messung der Hirnströme)
    • Indikationen
      • Nur bei klinischem Verdacht auf epileptische Anfälle (Krampfanfälle), nicht epileptische anfallsartige Ereignisse mit unklarer Genese (Entstehung) oder andere zerebrale Funktionsstörungen (Funktionsstörungen des Gehirns)
      • Nicht indiziert als Routinediagnostik bei Fatigue, kognitiven Beschwerden oder Schmerzen im Rahmen eines typischen Fibromyalgie-Syndroms
  • Polysomnographie (umfassende Schlafuntersuchung) oder kardiorespiratorische Polygraphie (Schlafbezogene Atmungs- und Kreislaufmessung)
    • Indikationen
      • Verdacht auf obstruktive Schlafapnoe (atemwegsbedingte Atemaussetzer im Schlaf), zentrale Schlafapnoe (hirnsteuerungsbedingte Atemaussetzer im Schlaf), periodische Beinbewegungen im Schlaf, Narkolepsie (Schlafsucht), schwere Insomnie (Schlaflosigkeit) mit unklarer Genese oder andere relevante Schlafstörung
      • Hinweise können lautes Schnarchen, beobachtete Atempausen, Tagesmüdigkeit, Einschlafneigung, morgendliche Kopfschmerzen, Adipositas (Fettleibigkeit), arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) oder Restless-Legs-Symptomatik (Beschwerden durch unruhige Beine) sein
  • 12-Kanal-Elektrokardiogramm (EKG) (Herzstromkurve)
    • Indikationen
      • Palpitationen (Herzklopfen), Synkopen (kurzzeitige Ohnmachten), thorakale Beschwerden (Brustkorbbeschwerden), Dyspnoe (Atemnot), Schwindel, Kreislaufinstabilität, relevante Vorerkrankungen oder vor geplanter medikamentöser Therapie mit möglicher kardialer Relevanz (Bedeutung für das Herz)
      • Differentialdiagnostische Abklärung kardialer Ursachen von Belastungsintoleranz (Belastungsunverträglichkeit), Erschöpfung oder Thoraxbeschwerden (Brustkorbbeschwerden)
  • Langzeit-Elektrokardiogramm oder Ereignisrekorder
    • Indikationen
      • Rezidivierende Palpitationen, unklare Synkopen, präsynkopale Episoden (Beinahe-Ohnmachtsanfälle) oder Verdacht auf paroxysmale Herzrhythmusstörungen (anfallsartige Herzrhythmusstörungen)
  • Langzeit-Blutdruckmessung
    • Indikationen
      • Verdacht auf arterielle Hypertonie, hypertensive Episoden (Phasen mit stark erhöhtem Blutdruck), Blutdruckschwankungen, orthostatische Beschwerden (lageabhängige Kreislaufbeschwerden) oder medikamentös relevante Kreislaufproblematik
  • Schellong-Test beziehungsweise Kipptischuntersuchung
    • Indikationen
      • Orthostatische Intoleranz (Kreislaufunverträglichkeit beim Aufstehen), Synkopen, präsynkopale Beschwerden, belastungsabhängige Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Schwindel oder Verdacht auf posturales Tachykardiesyndrom (lageabhängiges Herzrasen)
      • Nicht indiziert als generelle Routinediagnostik bei Fibromyalgie, sondern nur bei entsprechender klinischer Symptomatik (Beschwerdebild)
  • Echokardiographie (Herzultraschall)
    • Indikationen
      • Dyspnoe, Belastungsintoleranz mit kardialem Verdacht, pathologischer Auskultationsbefund (krankhafter Abhörbefund), auffälliges Elektrokardiogramm, Herzinsuffizienzverdacht (Verdacht auf Herzschwäche), Synkopen oder relevante kardiale Vorerkrankung
  • Lungenfunktionsdiagnostik
    • Indikationen
      • Dyspnoe, chronischer Husten, Giemen (pfeifendes Atemgeräusch), Belastungsintoleranz mit pulmonalem Verdacht (Verdacht auf Ursache in der Lunge) oder Verdacht auf Asthma bronchiale (anfallsartige Atemwegserkrankung), chronisch obstruktive Lungenerkrankung (dauerhaft verengende Lungenerkrankung) oder restriktive Ventilationsstörung (eingeschränkte Lungenausdehnung)
  • Röntgen-Thorax oder Computertomographie des Thorax
    • Indikationen
      • Persistierender Husten, Hämoptysen (Bluthusten), Fieber, unklare Dyspnoe, pathologischer Auskultationsbefund, Verdacht auf Pneumonie (Lungenentzündung), interstitielle Lungenerkrankung (Erkrankung des Lungenzwischengewebes), Tumor oder andere thorakale Differentialdiagnose
  • Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane)
    • Indikationen
      • Ungewollter Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß, abdominelle Beschwerden (Bauchbeschwerden), pathologischer Organbefund (krankhafter Organbefund), Hepatomegalie (Lebervergrößerung), Splenomegalie (Milzvergrößerung), Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung) oder auffällige Leber-, Nieren- oder Entzündungsparameter
      • Differentialdiagnostische Abklärung internistischer, infektiologischer, hämatologischer oder maligner Ursachen von Schmerzen, Fatigue oder Allgemeinsymptomen (allgemeinen Krankheitszeichen)
  • Ösophago-Gastro-Duodenoskopie (Spiegelung von Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm)
    • Indikationen
      • Dysphagie (Schluckstörung), persistierende Oberbauchbeschwerden, gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), Eisenmangelanämie, ungewollter Gewichtsverlust, rezidivierendes Erbrechen (wiederkehrendes Erbrechen) oder andere gastrointestinale Alarmzeichen (Warnzeichen im Magen-Darm-Bereich)
      • Nicht indiziert bei unspezifischen Reizdarmbeschwerden ohne Red Flags
  • Koloskopie (Dickdarmspiegelung)
    • Indikationen
      • Blut im Stuhl, positive Stuhlbluttestung, Eisenmangelanämie, ungewollter Gewichtsverlust, persistierende Stuhlveränderung, chronische Diarrhö (Durchfall), familiäre Belastung oder Verdacht auf chronisch-entzündliche Darmerkrankung (dauerhaft entzündliche Darmerkrankung) oder kolorektales Karzinom (Darmkrebs)
  • Knochendichtemessung mittels Dual-Röntgen-Absorptiometrie
    • Indikationen
      • Erhöhtes Frakturrisiko, stattgehabte Niedrigenergiefraktur, Langzeit-Glukokortikoidtherapie, manifeste Osteoporoserisikofaktoren oder klinischer Verdacht auf Osteoporose (Knochenschwund)
      • Nicht indiziert zur Diagnostik des Fibromyalgie-Syndroms selbst
  • Quantitative sensorische Testung (messende Empfindungsprüfung)
    • Indikationen
      • Ausgewählte schmerzmedizinische oder wissenschaftliche Fragestellungen zur Charakterisierung der Schmerzverarbeitung
      • Nicht geeignet als alleiniger diagnostischer Nachweis eines Fibromyalgie-Syndroms und nicht Bestandteil der Routinediagnostik
  • Standardisierte funktionelle Leistungsdiagnostik, zum Beispiel 6-Minuten-Gehtest, Handkraftmessung oder körperliche Funktionsmessungen
    • Indikationen
      • Objektivierung der Alltagsfunktion, Verlaufsbeurteilung, Rehabilitationsplanung oder sozialmedizinische Fragestellungen
      • Nicht geeignet zur Bestätigung oder zum Ausschluss eines Fibromyalgie-Syndroms

Nicht empfohlene Medizingerätediagnostik ohne konkrete klinische Indikation

  • Ganzkörper-Magnetresonanztomographie, Ganzkörper-Computertomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie/Computertomographie (kombinierte Stoffwechsel- und Schnittbilduntersuchung) zur ungezielten Tumor- oder Entzündungssuche
  • Routinemäßige Magnetresonanztomographie des Schädels bei kognitiven Beschwerden ohne neurologische Red Flags
  • Routinemäßige Magnetresonanztomographie der Wirbelsäule bei generalisierten Schmerzen ohne fokale neurologische Defizite, Red Flags oder entzündlichen Rückenschmerz
  • Routinemäßige Szintigraphie (nuklearmedizinische Bildgebung) ohne Verdacht auf entzündliche, maligne oder metabolische Knochenerkrankung
  • Routinemäßige Thermographie (Wärmebildmessung), Iridologie (Irisdiagnostik), Biofeldmessungen, Bioresonanzverfahren oder andere nicht validierte apparative Verfahren
  • Wiederholte Bildgebung bei unveränderter klinischer Situation und bereits ausreichender unauffälliger Vorbefundlage

Mögliche Befunde

  • Bei Fibromyalgie selbst findet sich in der Medizingerätediagnostik kein spezifischer beweisender Befund
  • Unauffällige apparative Befunde schließen ein Fibromyalgie-Syndrom nicht aus
  • Auffällige apparative Befunde müssen hinsichtlich klinischer Relevanz geprüft werden, da degenerative, inzidentelle oder altersassoziierte Befunde häufig sind und nicht automatisch die generalisierte Schmerzsymptomatik erklären
  • Entzündliche, neurologische, maligne, infektiologische, kardiale, pulmonale, gastrointestinale oder endokrine Zusatzbefunde sprechen nicht gegen ein zusätzlich bestehendes Fibromyalgie-Syndrom, müssen aber eigenständig diagnostisch und therapeutisch bewertet werden

Red Flags (Warnzeichen) bei Fibromyalgie

  • Neu aufgetretene fokale neurologische Defizite, Paresen, Sensibilitätsausfälle, Gangstörung, Blasen- oder Mastdarmstörung
  • Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust oder ausgeprägtes Krankheitsgefühl
  • Objektive Gelenkschwellung, Überwärmung, persistierende Synovitis (Gelenkinnenhautentzündung) oder entzündlicher Rückenschmerz
  • Persistierender lokalisierter Knochenschmerz, nächtlicher Ruheschmerz, Trauma oder Frakturverdacht
  • Hämoptysen, gastrointestinale Blutung, Eisenmangelanämie, Lymphadenopathie, Hepatomegalie oder Splenomegalie
  • Thorakale Schmerzen, Synkopen, relevante Dyspnoe, Rhythmusstörungen oder Kreislaufinstabilität
  • Rasch progrediente Symptomatik (rasch fortschreitendes Beschwerdebild), neue Tumoranamnese, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) oder schwere Infektionszeichen

Literatur

  1. Berwick R, Barker C, Goebel A; guideline development group. The diagnosis of fibromyalgia syndrome. Clin Med (Lond). 2022;22(6):570-574. https://doi.org/10.7861/clinmed.2022-0402

Leitlinien

  1. Deutsche Schmerzgesellschaft. S3-Leitlinie: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. AWMF-Registernummer 145-004; Stand März 2017, seit >5 Jahren nicht aktualisiert, Leitlinie in Überarbeitung. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/145-004
  2. National Institute for Health and Care Excellence. Chronic pain (primary and secondary) in over 16s: assessment of all chronic pain and management of chronic primary pain. NICE guideline NG193; 2021, updated version accessed 2026. https://www.nice.org.uk/guidance/ng193
  3. Royal College of Physicians. The diagnosis of fibromyalgia syndrome. UK clinical guidelines. London: RCP; 2022. Review date 2027. https://www.rcp.ac.uk/media/udlhnt1b/the-diagnosis-of-fibromyalgia-syndrome-guidelines_1_2_0.pdf