Fibromyalgie – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
    • Inspektion (Betrachtung)
      • Haut und Schleimhäute
      • Skleren (Lederhäute der Augen)
      • Gangbild
      • Körper- bzw. Gelenkhaltung [Schonhaltung]
      • Fehlhaltungen
      • Muskulatur (Muskeln)
      • Gelenke
      • Schilddrüsenregion
      • Extremitäten (Gliedmaßen)
    • Palpation (Abtasten)
      • Palpation der Muskulatur [diffuse Druckschmerzhaftigkeit, erhöhte Druckempfindlichkeit]
      • Palpation von Sehnen, Sehnenansätzen und Ligamenten (Bändern) [umschriebene oder generalisierte Druckschmerzhaftigkeit]
      • Palpation der Wirbelkörper, Dornfortsätze, Querfortsätze, Kostotransversalgelenke (Rippen-Wirbel-Gelenke) und paravertebralen Muskulatur (wirbelsäulennahen Muskulatur) [Druckdolenz (Druckschmerzhaftigkeit), schmerzbedingte Bewegungshemmung]
      • Palpation der Iliosakralgelenke (Kreuz-Darmbein-Gelenke) [Druckdolenz]
      • Palpation prominenter Knochenpunkte
      • Palpation der Gelenke
      • Palpation der Weichteile [Druckdolenz]
      • Palpation der Schilddrüse
      • Palpation der Lymphknotenstationen
    • Beurteilung der Schmerzverteilung und Druckschmerzhaftigkeit
      • Dokumentation der schmerzhaften Körperregionen bei seit mindestens 3 Monaten bestehenden Schmerzen
      • Erfassung von Schmerzen in mehreren Körperregionen unter Berücksichtigung des generalisierten Schmerzkonzeptes
      • Orientierende Prüfung der generalisierten Druckschmerzhaftigkeit an Muskulatur, Sehnenansätzen und periartikulären Weichteilen (gelenknahen Weichteilen) [generalisierte Druckschmerzhaftigkeit]
      • Erfassung von Hyperalgesie (gesteigerter Schmerzempfindlichkeit) bzw. Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize) bei klinischem Verdacht auf eine veränderte Schmerzverarbeitung [Hyperalgesie, Allodynie]
      • Keine obligate Tender-Point-Untersuchung (Untersuchung druckschmerzhafter Punkte) zur Diagnosesicherung
      • Ggf. Tender-Point-Palpation zur Befundbeschreibung, Verlaufsdokumentation oder historischen Vergleichbarkeit mit früheren Befunden
      • Bei Tender-Point-Palpation gleichmäßiger Druck bis etwa 4 kg/cm²; ein positiver Befund liegt vor, wenn der Druck als schmerzhaft und nicht nur als unangenehm empfunden wird
      • Differenzierung (Abgrenzung) gegenüber lokalisierten Triggerpunkten (Schmerzauslösepunkten), radikulären Schmerzen (von Nervenwurzeln ausgehenden Schmerzen), entzündlichen Gelenkbeschwerden und neuropathischen Schmerzmustern (Nervenschmerzmustern)
    • Messung der Gelenkbeweglichkeit und des Bewegungsumfangs
      • Aktive und passive Beweglichkeitsprüfung der klinisch relevanten Gelenke
      • Beurteilung der Halswirbelsäule, Brustwirbelsäule und Lendenwirbelsäule
      • Ggf. Messung nach der Neutral-Null-Methode (standardisierte Gelenkwinkelmessung)
      • Seitenvergleich zur Erfassung asymmetrischer Bewegungseinschränkungen
      • Dokumentation schmerzbedingter Bewegungshemmung ohne strukturelles Bewegungsdefizit (Bewegungsverlust durch Gewebeschädigung) [schmerzbedingte Bewegungshemmung]
      • Abklärung objektivierbarer Bewegungseinschränkungen
    • Ggf. spezielle Funktionsprüfungen in Abhängigkeit vom betroffenen Gelenk
      • Prüfung von Aufstehen, Gehen, Hinsetzen, Treppensteigen und Transfers
      • Beurteilung von Ausdauer, Belastbarkeit und schmerzbedingter Funktionslimitierung (Funktionseinschränkung) [schmerzbedingte Funktionslimitierung]
      • Prüfung der groben Kraft im Seitenvergleich
      • Ggf. gelenkspezifische Funktionstests bei lokal führenden Beschwerden
      • Beurteilung von Alltagsfunktion und Aktivitätsvermeidung
    • Beurteilung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität
      • Durchblutung
      • Motorik (Bewegungsfunktion)
      • Sensibilität (Gefühlsempfinden)
      • Reflexstatus (Prüfung der Reflexe)
      • Koordination und Gleichgewicht
  • Weitere orthopädische/rheumatologische Untersuchungen wg. Differentialdiagnosen
    • Kollagenosen (Bindegewebserkrankungen) – systemischer Lupus erythematodes (Schmetterlingsflechte), Polymyositis (Muskelentzündung) bzw. Dermatomyositis (Muskel-Haut-Entzündung), Sjögren-Syndrom (Trockenheitssyndrom), systemische Sklerose (Bindegewebsverhärtung) und Sharp-Syndrom (Mischkollagenose)
      • Beurteilung von Haut und Schleimhäuten auf Zeichen einer Kollagenose, insbesondere Photosensibilität (Lichtempfindlichkeit), orale Ulzera (Geschwüre der Mundschleimhaut), Raynaud-Phänomen (anfallsweise Durchblutungsstörung der Finger oder Zehen), Sklerodaktylie (Verhärtung der Fingerhaut) oder Purpura (kleinfleckige Hautblutungen)
      • Beurteilung der Gelenke auf Zeichen einer Synovitis (Gelenkinnenhautentzündung), objektivierbaren Gelenkschwellung, Rötung, Überwärmung oder eines Ergusses (Flüssigkeitsansammlung)
      • Beurteilung der Speichel- und Tränendrüsenregion auf Schwellung der Speicheldrüsen oder Zeichen ausgeprägter Sicca-Symptomatik (Trockenheitsbeschwerden)
    • Myopathien (Muskelerkrankungen)
      • Beurteilung der proximalen Muskulatur (rumpfnahen Muskulatur) auf objektivierbare Muskelschwäche, Muskelatrophie (Muskelschwund) oder Druckschmerz mit Schwäche
      • Funktionstests zur Beurteilung von erschwertem Aufstehen aus dem Stuhl, erschwertem Treppensteigen oder Schwierigkeiten beim Anheben der Arme
      • Beurteilung der Haut auf Hinweise auf Dermatomyositis, insbesondere heliotropes Exanthem (violetter Hautausschlag an den Augenlidern) oder Gottron-Papeln (Hautveränderungen über den Fingerstreckseiten)
    • Myalgie (Muskelschmerz) anderer Genese (Ursache)
      • Beurteilung der Muskulatur auf lokalisierten Muskelschmerz, belastungsabhängige Schmerzverstärkung oder fokale Verhärtung
    • Osteoporose (Knochenschwund)
      • Beurteilung der Wirbelsäule auf lokalen Klopfschmerz, Größenverlust, Kyphosierung (Rundrückenbildung) oder akuten belastungsabhängigen Rückenschmerz
      • Beurteilung auf umschriebenen Knochenschmerz oder Belastungsunfähigkeit
    • Polymyalgia rheumatica (entzündliche Muskelschmerzerkrankung des höheren Lebensalters)
      • Beurteilung von Schulter- und Beckengürtel auf schmerzhafte Bewegungseinschränkung oder ausgeprägte Morgensteifigkeit
      • Beurteilung des Allgemeinzustandes auf Fieber, Gewichtsverlust oder ausgeprägtes Krankheitsgefühl
    • Entzündliche Arthritiden (Gelenkentzündungen)
      • Beurteilung der Gelenke auf Zeichen einer Synovitis, eines Ergusses, einer Rötung, Überwärmung, Druckschmerzhaftigkeit oder Funktionseinschränkung
    • Degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen (verschleißbedingte Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen)
      • Beurteilung der Gelenke auf Krepitation (Reibegeräusch), Achsfehlstellung, knöcherne Auftreibungen oder belastungsabhängigen lokalisierten Gelenkschmerz
      • Beurteilung der Wirbelsäule auf lokalen Bewegungsschmerz, radikuläre Schmerzprovokation oder segmentale Bewegungseinschränkung
  • Ggf. gynäkologische Untersuchung wg. möglicher Begleitbeschwerden bzw. Differentialdiagnosen
    • Dysmenorrhoe (Regelschmerzen)
    • Chronische Unterbauchschmerzen
    • Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr)
    • Zyklisch verstärkte Schmerzen
    • Beurteilung auf Hinweise auf Endometriose (Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter), Adnexitis (Eileiter- und Eierstockentzündung) oder andere gynäkologische Schmerzursachen
    • Inspektion des äußeren Genitales (äußeren Geschlechtsbereichs) auf Entzündung, Läsionen (Gewebeschäden), Atrophie (Gewebeschwund) oder Narben
    • Spekulumeinstellung (Scheidenspiegeluntersuchung) zur Beurteilung von Fluor (Ausfluss), Blutung oder Portioveränderungen (Veränderungen am Gebärmutterhals)
    • Bimanuelle Palpation (Tastuntersuchung mit beiden Händen) zur Beurteilung von Druckschmerz, Adnexdruckschmerz (Druckschmerz im Bereich von Eileitern und Eierstöcken), Raumforderung oder eingeschränkter Uterusmobilität (Beweglichkeit der Gebärmutter)
    • Beckenbodenbeurteilung auf Hypertonus (erhöhte Spannung), Druckschmerz oder myofasziale Schmerzpunkte (Schmerzpunkte in Muskel- und Fasziengewebe)
  • Ggf. neurologische Untersuchung wg. möglicher Begleitbeschwerden bzw. Differentialdiagnosen
    • Parästhesien (Missempfindungen) an Händen und Füßen
    • Brennschmerzen oder Taubheitsgefühl
    • Vertigo (Schwindel)
    • Spannungskopfschmerz
    • Gangunsicherheit oder Koordinationsstörungen
    • Objektivierbare Kraftminderung
    • Multiple Sklerose (chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems)
    • Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer Nerven)
    • Radikulopathie (Nervenwurzelreizung oder Nervenwurzelschädigung)
    • Myopathie
    • Kraftprüfung zur Beurteilung von Paresen (Lähmungen) oder Seitenasymmetrie (Seitendifferenz)
    • Sensibilitätsprüfung zur Beurteilung von Dermatomdefiziten (Gefühlsausfällen in einem Nervenwurzelgebiet), Polyneuropathiemuster oder Allodynie
    • Reflexprüfung zur Beurteilung von Reflexasymmetrie, pathologisch gesteigerten Reflexen oder abgeschwächten Reflexen
    • Koordination zur Beurteilung von Dysmetrie (Zielbewegungsstörung) oder Ataxie (Koordinationsstörung)
    • Gang- und Standprüfung zur Beurteilung von Ataxie, Fallneigung oder Gangunsicherheit
  • Ggf. orientierende psychiatrische Untersuchung bzw. psychischer Befund wg. möglicher Begleitsymptome, Komorbiditäten bzw. Differentialdiagnosen
    • Angststörungen
    • Depression
    • Insomnie (Schlafstörung) mit der Folge eines nicht erholsamen Schlafes
    • Kognitive Störungen (Denk- und Gedächtnisstörungen) wie Konzentrationsstörungen oder Störungen des Kurzzeitgedächtnisses
    • Somatische Belastungsstörung (körperliche Beschwerden durch starke Krankheitsbelastung)
    • Chronisches Fatigue-Syndrom (chronisches Erschöpfungssyndrom)
    • Restless-Legs-Syndrom (Syndrom der unruhigen Beine)
    • Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf)
    • Beurteilung von Bewusstsein, Orientierung, Aufmerksamkeit und Konzentration auf Bewusstseinsstörung, Desorientierung oder ausgeprägte Aufmerksamkeitsstörung
    • Beurteilung von Affekt (Gefühlsausdruck) und Stimmung auf depressive Stimmung, Anhedonie (Freudlosigkeit), Angst oder Affektverflachung (verminderter Gefühlsausdruck)
    • Beurteilung von Antrieb und Psychomotorik (Zusammenspiel von seelischem Befinden und Bewegung) auf Antriebshemmung oder psychomotorische Unruhe
    • Beurteilung auf Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung), insbesondere Suizidgedanken, konkrete Suizidpläne oder akute Selbstgefährdung
  • Gesundheitscheck
    • Die körperliche Untersuchung bei Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz) ist kein alleiniger diagnostischer Beweis, sondern dient der strukturierten klinischen Einordnung, der Funktionsbeurteilung und der gezielten Abklärung relevanter Differentialdiagnosen.
    • Ein unauffälliger körperlicher Untersuchungsbefund schließt eine Fibromyalgie nicht aus.
    • Die Diagnose der Fibromyalgie wird klinisch gestellt und beruht auf chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen, Symptomschwere, Begleitsymptomen und Symptomdauer.
    • Objektivierbare Entzündungszeichen, neurologische Ausfälle, fokale Muskelschwäche, systemische Krankheitszeichen oder lokale Strukturpathologien (örtliche Gewebeschäden) sprechen gegen eine alleinige Fibromyalgie und erfordern eine gezielte weiterführende Diagnostik.
    • Die frühere Tender-Point-Untersuchung kann ergänzend dokumentiert werden, ist jedoch für die aktuelle klinische Diagnose nicht obligat.

In eckigen Klammern [ ] wird ausschließlich auf mögliche körperliche Befunde hingewiesen, die mit Fibromyalgie vereinbar sein können. Hinweise auf Differentialdiagnosen, Komorbiditäten und Red Flags werden außerhalb eckiger Klammern als Untersuchungsziele formuliert.