Fibromyalgie – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Fibromyalgie mitbedingt sein können:
Die Fibromyalgie ist ein chronisches primäres Schmerzsyndrom (Schmerzerkrankung) mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen, Fatigue (Erschöpfung), Schlafstörungen, kognitiven Beschwerden (Denk- und Konzentrationsbeschwerden) und häufig erheblicher Einschränkung von Alltagsfunktion, Teilhabe und Lebensqualität. Sie führt nicht zu entzündlicher, degenerativer oder strukturell destruierender Schädigung von Muskeln, Gelenken oder inneren Organen. Klinisch relevante Folgeerkrankungen und Komplikationen entstehen vor allem durch chronische Schmerzbelastung, Schlafstörung, Aktivitätsverlust, psychosoziale Belastung, Stigmatisierung, ungünstige Krankheitsbewältigung und komorbide psychische Störungen [LL1, 1-5].
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Reizdarmsyndrom (funktionelle Darmerkrankung) – häufige komorbide funktionelle Beschwerdekonstellation bei Fibromyalgie; eine direkte kausale Folgeerkrankung ist nicht gesichert, die Symptomlast kann jedoch durch zentrale Sensitivierung (verstärkte Schmerzempfindlichkeit im Nervensystem), Stressbelastung, Schlafstörung und Schmerzchronifizierung (Chronischwerden von Schmerzen) verstärkt werden [2]
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Chronische Schmerzpersistenz (anhaltendes Fortbestehen von Schmerzen) mit funktioneller Einschränkung – anhaltende Einschränkung von Alltagsaktivität, Belastbarkeit, körperlicher Leistungsfähigkeit und Lebensqualität; keine destruierende Gelenk- oder Muskelerkrankung [LL1, 1, 4]
- Myofasziales Schmerzsyndrom (Muskelschmerzsyndrom) – häufige komorbide Schmerzkonstellation; relevant bei lokalisierbaren Triggerpunkten (Schmerzpunkten), regionaler Schmerzverstärkung und funktioneller Einschränkung; eine direkte kausale Folgeerkrankung ist nicht gesichert [2]
- Temporomandibuläre Dysfunktion (Funktionsstörung des Kiefergelenks) – häufige komorbide Schmerzkonstellation mit Kiefer-, Gesichts- oder Kopfschmerzkomponente; differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung anderer Erkrankungen) und therapeutisch relevant; eine direkte kausale Folgeerkrankung ist nicht gesichert [2]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Angststörung – häufige psychische Komorbidität (seelische Begleiterkrankung) beziehungsweise Verstärkungskomponente bei Fibromyalgie; aktuelle Metaanalysedaten zeigen bei Patienten mit Fibromyalgie eine hohe Prävalenz (Häufigkeit) von Angstsymptomen [2, 3]
- Depression – häufige psychische Komorbidität und relevante Belastungsfolge chronischer Schmerzen, Fatigue, Schlafstörung, Funktionsverlust und psychosozialer Einschränkung; aktuelle Metaanalysedaten zeigen bei Patienten mit Fibromyalgie eine hohe Prävalenz depressiver Symptome beziehungsweise depressiver Störungen [2, 3]
- Insomnie (Schlaflosigkeit) – häufige und prognostisch relevante Schlafstörung bei Fibromyalgie; kann Schmerzintensität, Fatigue, kognitive Beschwerden, affektive Belastung (gefühlsbezogene Belastung) und Alltagsfunktion ungünstig beeinflussen [LL1, 1, 3]
- Kognitive Dysfunktion (Störung von Denken und Konzentration) – häufige Beschwerdekonstellation mit Konzentrationsstörung, Aufmerksamkeitsstörung, mentaler Erschöpfbarkeit und subjektiver Gedächtnisbeeinträchtigung; funktionell relevant, aber kein Hinweis auf eine durch Fibromyalgie verursachte neurodegenerative Erkrankung (Nervenzellabbau-Erkrankung) [LL1, 1]
- Migräne beziehungsweise chronischer Kopfschmerz – häufige komorbide chronische Schmerzkonstellation; eine direkte kausale Folgeerkrankung ist nicht gesichert, klinisch aber relevant für Symptomlast und Therapieplanung [2]
- Posttraumatische Belastungsstörung (Traumafolgestörung) – bei einem Teil der Patienten komorbid nachweisbar; relevant für Chronifizierung, Krankheitsbewältigung, Schmerzerleben und psychotherapeutische Mitbehandlung [2]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Fatigue – Kernsymptom beziehungsweise häufig anhaltende Belastungsfolge der Symptomlast; verstärkt Alltagsbeeinträchtigung, körperliche Dekonditionierung (Abbau körperlicher Leistungsfähigkeit), berufliche Einschränkung und Lebensqualitätsverlust [LL1, 1, 4]
- Nicht erholsamer Schlaf – häufiges Leitsymptom mit relevanter Verstärkung von Schmerz, Fatigue, kognitiver Dysfunktion und psychischer Belastung [LL1, 1, 3]
- Schmerzbedingte Einschränkung der Alltagsfunktion – relevante Folge chronischer Schmerzpersistenz mit verminderter Aktivität, reduzierter Belastbarkeit und verminderter sozialer Teilhabe [1, 4]
Weiteres
- Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsminderung beziehungsweise Frühberentung – mögliche sozialmedizinische Folge bei hoher Schmerzintensität, ausgeprägter Fatigue, Schlafstörung, psychischer Komorbidität, ungünstiger Arbeitsplatzsituation und fehlender multimodaler Versorgung (Behandlung mit mehreren aufeinander abgestimmten Verfahren); nicht als Muskel-Skelett-Erkrankung im engeren Sinne zu klassifizieren [4]
- Gefühl der Verständnislosigkeit der Gesellschaft – häufig berichtete Belastungsfolge durch unsichtbare Symptomatik (Beschwerdebild), diagnostische Unsicherheit, Stigmatisierung und Infragestellung der Beschwerden [5]
- Soziale Isolation – mögliche psychosoziale Folge von chronischer Schmerzbelastung, Fatigue, eingeschränkter Belastbarkeit, beruflicher Einschränkung, depressiver Symptomatik und Stigmatisierung [3, 5]
- Stigmatisierung im sozialen und medizinischen Umfeld – systematisch beschriebene Belastung bei Fibromyalgie; kann Krankheitsbewältigung, Arzt-Patient-Beziehung, Versorgungserleben und psychosoziale Teilhabe ungünstig beeinflussen [5]
Prognosefaktoren
Günstige Prognosefaktoren
- Frühe biopsychosoziale Aufklärung (körperlich-seelisch-soziale Aufklärung) – realistische Erklärung der Erkrankung ohne Katastrophisierung und ohne Annahme einer organischen Destruktion (Zerstörung) [LL1, 1]
- Aktive Krankheitsbewältigung – Selbstwirksamkeit, akzeptanzorientierter Umgang mit Beschwerden, realistische Aktivitätsplanung und Vermeidung ausgeprägter Schonung [LL1, 1]
- Regelmäßige, individuell angepasste körperliche Aktivität – insbesondere bei niedriger Einstiegsschwelle, langsamer Steigerung und Vermeidung von Überforderung [LL1, 1]
- Behandlung relevanter Komorbiditäten – insbesondere Depression, Angststörung, Insomnie, Migräne, Reizdarmsyndrom und andere chronische Schmerzsyndrome [2, 3]
- Multimodale Behandlung – Kombination aus Edukation (Schulung), Bewegungstherapie, psychotherapeutischen Verfahren bei entsprechender Indikation (Anwendungsgrund) und symptomorientierter Therapie [LL1, 1]
Ungünstige Prognosefaktoren beziehungsweise Risikofaktoren für Chronifizierung
- Hohe Schmerzintensität und lange Beschwerdedauer – erhöhtes Risiko für funktionelle Einschränkung, reduzierte Aktivität und verminderte Lebensqualität [LL1, 1, 4]
- Ausgeprägte Fatigue – ungünstig für Alltagsfunktion, berufliche Belastbarkeit und soziale Teilhabe [LL1, 1, 4]
- Insomnie beziehungsweise nicht erholsamer Schlaf – Verstärkung von Schmerz, Fatigue, affektiver Belastung und kognitiver Dysfunktion [LL1, 1, 3]
- Modulation der Beschwerden durch Alltagsstress – Stressbelastung kann Schmerzintensität, Schlafqualität, Fatigue und Krankheitsbewältigung ungünstig beeinflussen [LL1, 1]
- Maladaptive Krankheitsbewältigung (ungünstige Krankheitsbewältigung) – insbesondere Katastrophisieren, Angst-Vermeidungsverhalten, passive Schonung und geringe Selbstwirksamkeit [LL1, 1]
- Komorbide psychische Störungen – insbesondere Depression, Angststörung und posttraumatische Belastungsstörung; relevant für Schmerzintensität, Teilhabe, Therapieansprechen und Chronifizierung [2, 3]
- Stigmatisierung und fehlende soziale Unterstützung – ungünstig für Versorgungserleben, Krankheitsakzeptanz, soziale Teilhabe und psychische Stabilität [5]
- Arbeitsplatzbezogene Belastungsfaktoren – körperliche oder psychische Überforderung, geringe Kontrolle über Arbeitsbedingungen, fehlende Anpassungsmöglichkeiten und geringe soziale Unterstützung am Arbeitsplatz [4]
Nicht als gesicherte Folgeerkrankungen der Fibromyalgie zu werten
- Entzündlich-rheumatische Gelenkdestruktion (entzündlich-rheumatische Gelenkzerstörung) – Fibromyalgie verursacht keine erosive Arthritis (gelenkzerstörende Gelenkentzündung) und keine strukturelle Gelenkzerstörung [LL1, 1]
- Progressive Muskelerkrankung (fortschreitende Muskelerkrankung) – Fibromyalgie verursacht keine primäre Myopathie (Muskelerkrankung) und keine fortschreitende Muskelzerstörung [LL1, 1]
- Organinsuffizienz (Organschwäche) – Fibromyalgie führt nicht zu spezifischer Herz-, Lungen-, Leber-, Nieren- oder Pankreasinsuffizienz [LL1, 1]
- Maligne Erkrankungen (bösartige Erkrankungen) – Fibromyalgie ist keine prämaligne Erkrankung (Krebsvorstufe) und verursacht nach aktueller Evidenz keine Tumorerkrankung [LL1, 1]
Literatur
- Macfarlane GJ, Kronisch C, Dean LE, Atzeni F, Häuser W, Flüß E et al.: EULAR revised recommendations for the management of fibromyalgia. Ann Rheum Dis. 2017;76(2):318-328. https://doi.org/10.1136/annrheumdis-2016-209724
- Kleykamp BA, Ferguson MC, McNicol E, Bixho I, Arnold LM, Edwards RR et al.: The Prevalence of Psychiatric and Chronic Pain Comorbidities in Fibromyalgia: an ACTTION systematic review. Semin Arthritis Rheum. 2021;51(1):166-174. https://doi.org/10.1016/j.semarthrit.2020.10.006
- Jafari M, Zadgari E, Amouzadeh-Lichahi M, Vesali-Moghaddam A, Amirian B, Kazemian N et al.: The global prevalence of depression and anxiety among fibromyalgia patients: A systematic review and meta-analysis. J Affect Disord. 2026;393:120340. https://doi.org/10.1016/j.jad.2025.120340
- D'Onghia M, Ciaffi J, Ruscitti P, Cipriani P, Giacomelli R, Ablin JN, et al. The economic burden of fibromyalgia: A systematic literature review. Semin Arthritis Rheum. 2022;56:152060. https://doi.org/10.1016/j.semarthrit.2022.152060
- Colombo B, Zanella E, Galazzi A, Arcadi P. The Experience of Stigma in People Affected by Fibromyalgia: A Metasynthesis. J Adv Nurs. 2025;81(10):6317-6332. https://doi.org/10.1111/jan.16773
Leitlinien
- Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. S3-Leitlinie Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. AWMF-Registernummer 145-004. Stand 17.03.2017. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/145-004
- Haute Autorité de Santé. Fibromyalgia in adults: diagnostic management and treatment strategy guideline. 2025. https://www.has-sante.fr