Fibromyalgie – Klassifikation

Kriterien für die klinische Diagnose des Fibromyalgie-Syndroms (FMS; chronisches Schmerzsyndrom mit Schmerzen in mehreren Körperregionen)

Die Diagnose des Fibromyalgie-Syndroms ist eine klinische Diagnose. Die American-College-of-Rheumatology-1990-Kriterien waren primär Klassifikationskriterien (Einordnungskriterien) und beruhen auf chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen sowie einer vermehrten Druckschmerzhaftigkeit von mindestens 11 von 18 Tender Points (Druckschmerzpunkten) [1]. Für die klinische Diagnostik (ärztliche Untersuchung zur Feststellung einer Erkrankung) werden heute überwiegend die American-College-of-Rheumatology-2010/2011-Kriterien und insbesondere deren 2016 revidierte Fassung verwendet, da diese keine Tender-Point-Untersuchung voraussetzen, die Symptomschwere (Ausprägung der Beschwerden) berücksichtigen und regionale Schmerzsyndrome (örtlich begrenzte Schmerzkrankheiten) durch das Kriterium des generalisierten Schmerzes (ausgedehnten Schmerzes) besser abgrenzen [2-4].

  American College of Rheumatology 1990 Klassifikationskriterien [1] American College of Rheumatology 2010 vorläufige diagnostische Kriterien/modifizierte American College of Rheumatology 2011 Kriterien [2, 3] American College of Rheumatology 2016 revidierte diagnostische Kriterien [4]
Einordnung
  • Klassifikationskriterien für Studien und vergleichende Patientenkollektive (Patientengruppen)
  • Für die alleinige klinische Diagnosestellung heute nicht mehr bevorzugt
  • Diagnostische Kriterien ohne obligate Tender-Point-Untersuchung
  • Erfassung von Schmerzverteilung und Symptomschwere
  • 2011 zusätzlich als modifizierte Selbstberichts-/Survey-Version für epidemiologische (bevölkerungsbezogene) und klinische Studien nutzbar
  • Aktuell bevorzugte Weiterentwicklung der American-College-of-Rheumatology-2010/2011-Kriterien für die klinische Diagnose bei Erwachsenen
  • Kombiniert Schmerzverteilung, Symptomschwere, Symptomdauer und generalisierte Schmerzlokalisation (ausgedehnte Schmerzstelle)
Obligates Hauptsymptom

Chronic widespread pain (CWP; chronischer ausgedehnter Schmerz) nach American-College-of-Rheumatology-1990-Kriterien:

  • > 3 Monate bestehende Schmerzen in:
    • Achsenskelett (Knochen- und Gelenkstruktur entlang der Körperachse), das heißt Halswirbelsäule (HWS), vorderer Thorax (Brustkorb), Brustwirbelsäule (BWS) oder Lendenwirbelsäule (LWS)
    • rechter und linker Körperhälfte
    • oberhalb und unterhalb der Taille
  • Widespread Pain Index (WPI; Index für ausgedehnte Schmerzen) ≥ 7/19 Schmerzorte und Symptom Severity Scale (SSS; Skala der Beschwerdeschwere) ≥ 5
  • oder WPI 3-6/19 Schmerzorte und SSS ≥ 9
  • Symptome (Beschwerden) seit mindestens 3 Monaten in vergleichbarer Ausprägung
  • Widespread Pain Index (WPI) ≥ 7/19 Schmerzorte und Symptom Severity Scale (SSS) ≥ 5
  • oder WPI 4-6/19 Schmerzorte und SSS ≥ 9
  • Generalisierter Schmerz in mindestens 4 von 5 Körperregionen:
    • linke obere Körperregion
    • rechte obere Körperregion
    • linke untere Körperregion
    • rechte untere Körperregion
    • axiale Körperregion (Körperregion entlang der Körperachse)
  • Kiefer-, Brust- und Bauchschmerzen werden für die Definition (Begriffsbestimmung) des generalisierten Schmerzes nicht mitgezählt
  • Symptome seit mindestens 3 Monaten in vergleichbarer Ausprägung
Obligate weitere Symptome/Symptomschwere
  • Vermehrte Druckschmerzhaftigkeit von mindestens 11 von 18 definierten Tender Points bei standardisierter Palpation (Abtasten)
  • Symptom Severity Scale (SSS) anhand von:
    • Müdigkeit
    • Nichterholsamem Schlaf
    • Kognitiven Problemen (Problemen mit Denken, Konzentration oder Gedächtnis)
    • Somatischen Symptomen (körperlichen Beschwerden) bzw. in der modifizierten 2011-Version Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Depression (Niedergeschlagenheit)
  • Symptom Severity Scale (SSS) anhand von:
    • Müdigkeit
    • Nichterholsamem Schlaf
    • Kognitiven Problemen
    • Kopfschmerzen
    • Schmerzen oder Krämpfen im Unterbauch
    • Depression
Ausschlussdiagnostik
  • Keine formale Ausschlussregel; begleitende klinische, radiologische (bildgebende) oder laborchemische Auffälligkeiten (auffällige Laborbefunde) schließen die Klassifikation nicht grundsätzlich aus
  • Die Beschwerden sollen nicht durch eine andere Erkrankung ausreichend erklärt werden
  • Eine FMS-Diagnose ist auch bei bestehenden Begleiterkrankungen (zusätzlichen Erkrankungen) möglich
  • Eine FMS-Diagnose schließt andere klinisch relevante Erkrankungen nicht aus
  • Differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung anderer möglicher Erkrankungen) müssen Erkrankungen abgeklärt werden, welche Schmerz, Müdigkeit, Schlafstörung oder kognitive Beschwerden besser oder zusätzlich erklären können
Klinische Bedeutung
  • Historisch bedeutsam
  • Tender-Point-Zählung kann die Schmerzempfindlichkeit dokumentieren, ist aber für die aktuelle klinische Diagnostik nicht obligat
  • Ermöglicht eine klinische Diagnose ohne Tender-Point-Untersuchung
  • Erfasst zusätzlich zentrale FMS-Leitsymptome wie Müdigkeit, Schlafstörung und kognitive Beschwerden
  • Reduziert Fehlklassifikationen (falsche Einordnungen) regionaler Schmerzsyndrome
  • Geeignet für die klinische Diagnose durch den Arzt
  • Die reine Selbstberichtsform ist für epidemiologische Studien geeignet, aber nicht als alleinige Grundlage einer individuellen klinischen Diagnose

Symptom Severity Scale (SSS): Summe aus Müdigkeit, nichterholsamem Schlaf und kognitiven Problemen, jeweils 0 = nicht vorhanden bis 3 = extrem ausgeprägt, sowie Kopfschmerzen, Schmerzen oder Krämpfe im Unterbauch und Depression, jeweils 0 = nicht vorhanden bzw. 1 = vorhanden. Die Spannweite des Summenscores beträgt 0-12.

Widespread Pain Index (WPI): Anzahl schmerzhafter Körperregionen aus 19 definierten Schmerzorten. Die Spannweite beträgt 0-19.

Fibromyalgie-Symptom-Skala/Polysymptomatic Distress Scale (Skala für mehrfache Beschwerdebelastung): Summe aus Widespread Pain Index (WPI) und Symptom Severity Scale (SSS). Die Spannweite beträgt 0-31 und kann zur Quantifizierung (zahlenmäßigen Erfassung) der polysymptomatischen Belastung (Belastung durch mehrere Beschwerden) verwendet werden, ersetzt jedoch nicht die klinische Gesamtbeurteilung.

Klinischer Hinweis: Es gibt keinen spezifischen Laborparameter, keinen spezifischen bildgebenden Befund und keinen pathognomonischen (krankheitsbeweisenden) körperlichen Untersuchungsbefund, der ein FMS beweist oder ausschließt. Die Diagnosestellung erfolgt anhand der charakteristischen Symptomkonstellation (Beschwerdekombination), der Symptomdauer, der Schmerzverteilung, der Symptomschwere, der körperlichen Untersuchung und einer gezielten differentialdiagnostischen Abklärung.

Literatur

  1. Wolfe F, Smythe HA, Yunus MB, Bennett RM, Bombardier C, Goldenberg DL, Tugwell P, Campbell SM, Abeles M, Clark P, et al. The American College of Rheumatology 1990 Criteria for the Classification of Fibromyalgia. Report of the Multicenter Criteria Committee. Arthritis Rheum. 1990;33(2):160-172. https://doi.org/10.1002/art.1780330203
  2. Wolfe F, Clauw DJ, Fitzcharles MA, Goldenberg DL, Katz RS, Mease P, Russell AS, Russell IJ, Winfield JB, Yunus MB. The American College of Rheumatology preliminary diagnostic criteria for fibromyalgia and measurement of symptom severity. Arthritis Care Res (Hoboken). 2010;62(5):600-610. https://doi.org/10.1002/acr.20140
  3. Wolfe F, Clauw DJ, Fitzcharles MA, Goldenberg DL, Häuser W, Katz RS, Mease P, Russell AS, Russell IJ, Winfield JB. Fibromyalgia criteria and severity scales for clinical and epidemiological studies: a modification of the American College of Rheumatology Preliminary Diagnostic Criteria for Fibromyalgia. J Rheumatol. 2011;38(6):1113-1122. https://doi.org/10.3899/jrheum.100594
  4. Wolfe F, Clauw DJ, Fitzcharles MA, Goldenberg DL, Häuser W, Katz RL, Mease PJ, Russell AS, Russell IJ, Walitt B. 2016 Revisions to the 2010/2011 fibromyalgia diagnostic criteria. Semin Arthritis Rheum. 2016;46(3):319-329. https://doi.org/10.1016/j.semarthrit.2016.08.012