Fibromyalgie – Einleitung
Die Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz) ist ein chronisches Schmerzsyndrom (lang anhaltende Schmerzerkrankung), das durch chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen über mindestens 3 Monate gekennzeichnet ist. Betroffen sein kann das gesamte muskuloskelettale System (Bewegungssystem); zusätzlich können Steifigkeit, Empfindungsstörungen (Missempfindungen), Schlafstörungen bzw. nicht erholsamer Schlaf, Müdigkeit bzw. chronische Erschöpfungsneigung, körperlich und/oder geistig, sowie kognitive Beeinträchtigungen (Störungen von Denken, Konzentration und Gedächtnis) auftreten [1, 4, 5, LL1, LL2].
Synonyme und ICD-10: Fibromyalgie-Syndrom (FMS); Fibromyositis (Muskel- und Bindegewebsschmerz); Weichteilrheumatismus; ICD-10-GM M79.70: Fibromyalgie
Da das Beschwerdebild durch einen Symptomenkomplex (Kombination mehrerer Beschwerden) definiert wird, ist der Begriff "Fibromyalgie-Syndrom" angemessener als der Begriff "Fibromyalgie".
Kriterien für die klinische Diagnose (ärztliche Feststellung) des Fibromyalgie-Syndroms (FMS) siehe unter Klassifikation (Einteilung).
Einige Rheumatologen (Ärzte für rheumatische Erkrankungen) und Schmerzmediziner (Ärzte für Schmerzbehandlung) klassifizieren das FMS als "zentrales Sensitivierungssyndrom" (Schmerzüberempfindlichkeit des Nervensystems) bzw. als Teil eines Spektrums zentraler Sensitivitätssyndrome [1, 4].
Die chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen, englisch: chronic widespread pain (CWP), im Rahmen des Fibromyalgie-Syndroms können mit anderen Erkrankungen koexistieren (gleichzeitig bestehen), z. B. entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates). Bei den meisten Patienten mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen lässt sich jedoch keine einzelne strukturelle, entzündliche oder metabolische Ursache (stoffwechselbedingte Ursache) finden, welche das gesamte Beschwerdebild ausreichend erklärt. Das FMS wird deshalb häufig den funktionellen somatischen Syndromen (körperlichen Beschwerdebildern ohne ausreichenden Organbefund) bzw. den chronischen primären Schmerzsyndromen (eigenständigen lang anhaltenden Schmerzerkrankungen) zugeordnet. Psychische Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), insbesondere depressive Störungen (Depressionen), Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen (seelische Folgestörungen nach belastenden Ereignissen), können zusätzlich vorliegen, erklären das FMS jedoch nicht regelhaft allein [4, 8, 9].
Eine frühzeitige, positive klinische Diagnosestellung ist wichtig, da eine wiederholte, ungerichtete Ausschlussdiagnostik (Untersuchungen zum Ausschluss anderer Erkrankungen), diagnostische Verzögerung und fehlende Aufklärung die Krankheitslast erhöhen können [2, 5, LL1, LL2].
Formen der Fibromyalgie
Eine allgemein akzeptierte, biologisch validierte Einteilung (wissenschaftlich bestätigte Zuordnung) des Fibromyalgie-Syndroms in klar getrennte Unterformen besteht nicht. Klinisch kann die Einordnung nach Symptomschwere (Beschwerdestärke), funktioneller Einschränkung (Einschränkung im Alltag), Komorbiditäten und auslösenden bzw. mitwirkenden Faktoren erfolgen:
- Fibromyalgie-Syndrom ohne dominierende entzündlich-rheumatische oder strukturelle Grunderkrankung: Diese Konstellation (Zusammentreffen von Befunden) entspricht dem häufigen klinischen Bild mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen, Müdigkeit, Schlafstörung und kognitiven Beschwerden ohne Nachweis einer spezifischen somatischen Erkrankung (körperlichen Erkrankung), die das gesamte Beschwerdebild ausreichend erklärt [4, 5, LL2].
- Fibromyalgie-Syndrom bei somatischer Komorbidität: Das FMS kann zusätzlich zu Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis (entzündlichem Gelenkrheuma), systemischem Lupus erythematodes (entzündlicher Autoimmunerkrankung), Arthrose (Gelenkverschleiß), chronischem Rückenschmerz oder anderen chronischen Schmerz- und Entzündungserkrankungen auftreten. Die Diagnose einer solchen Komorbidität schließt ein FMS nicht aus; umgekehrt darf ein FMS relevante Differentialdiagnosen (Alternativdiagnosen) nicht verdecken [4, 5, LL2].
- Fibromyalgie-Syndrom nach belastenden Lebensereignissen oder Traumatisierung: Körperliche Traumata (Verletzungen), Infektionen, psychosoziale Belastungen (seelisch-soziale Belastungen) oder posttraumatische Belastungsstörungen können anamnestisch (in der Krankengeschichte) mit dem Beginn oder der Verstärkung der Symptomatik (Beschwerden) assoziiert sein. Daraus ergibt sich jedoch keine eigenständige, allgemein validierte nosologische Unterform (eigenständige Krankheitsuntergruppe) [4, 8, LL2].
- Schweregradbezogene Einteilung: Für die Versorgung ist die Einteilung nach Schmerzintensität, Fatigue (Erschöpfung), Schlafstörung, kognitiver Beeinträchtigung, psychischer Komorbidität, Aktivitätsniveau, Arbeitsfähigkeit und Teilhabeeinschränkung klinisch relevanter als die Einteilung in primäre oder sekundäre Formen [4, 5, LL2].
Epidemiologie
Geschlechterverhältnis: Frauen sind in klinischen Kollektiven häufiger vertreten als Männer. In bevölkerungsbasierten Studien fällt der Geschlechtsunterschied jedoch geringer aus als in älteren klinischen Serien; abhängig von den verwendeten Kriterien, der Stichprobe und dem Erhebungsverfahren werden Frauen häufiger diagnostiziert, Männer können aber erheblich untererfasst sein [6, 7].
Häufigkeitsgipfel: Die Erkrankung tritt überwiegend im mittleren Lebensalter auf; sie kann jedoch grundsätzlich in verschiedenen Altersgruppen vorkommen. Die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) nimmt in vielen Untersuchungen mit dem Alter zu [4, 6, 7].
Prävalenz: Die Prävalenz des Fibromyalgie-Syndroms hängt stark von den verwendeten Diagnose- bzw. Klassifikationskriterien ab. In populationsbezogenen Untersuchungen liegt sie meist im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Für Deutschland wurden je nach Kriterien und Erhebungsmethode Werte von etwa 2,1-3,8 % beschrieben; in einer repräsentativen deutschen Querschnittsstudie lag die Prävalenz nach den 2016-Kriterien bei 3,4 % [6, 7].
Verlauf und Prognose
Verlauf
Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) ist eine chronische Erkrankung, die durch Schmerzen in mehreren Körperregionen und eine Vielzahl weiterer Symptome wie Müdigkeit, Schlafstörungen und kognitive Beeinträchtigungen gekennzeichnet ist. Der Verlauf ist häufig wechselhaft und individuell unterschiedlich:
- Initialphase: Zu Beginn können die Beschwerden schleichend auftreten. Viele Patienten berichten über diffuse Schmerzen, erhöhte Schmerzempfindlichkeit, Erschöpfung und nicht erholsamen Schlaf. Die Diagnose wird häufig verzögert, da die Symptome unspezifisch sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden können [2, 4, 5].
- Chronische Phase: Im weiteren Verlauf können Schmerzen, Fatigue, Schlafstörungen, vegetative Beschwerden (Beschwerden des unwillkürlichen Nervensystems) und kognitive Probleme persistieren (fortbestehen) oder fluktuieren (schwanken). Die Symptomlast kann über Jahre bestehen und die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und soziale Teilhabe deutlich beeinträchtigen [4, 5, LL2].
- Langzeitverlauf: Langzeituntersuchungen zeigen meist eine Persistenz (Fortbestehen) der Beschwerden, jedoch mit wechselnder Intensität. Einige Patienten berichten über eine funktionelle Anpassung und bessere Bewältigung im Verlauf; eine vollständige und dauerhafte Remission (Beschwerderückgang) ist möglich, aber nicht zuverlässig vorhersagbar und insgesamt weniger gesichert als frühere hohe Remissionsangaben vermuten ließen [10].
- Remissionsphase: Eine vollständige Remission bei einem großen Anteil der Patienten innerhalb der ersten zwei Krankheitsjahre ist nicht ausreichend gesichert. Realistischer ist eine individuell unterschiedliche Besserung von Schmerz, Schlaf, Fatigue, Funktionsniveau und Lebensqualität unter multimodaler (mehrgleisiger), aktivierender und patientenzentrierter Behandlung [10, LL1, LL2].
Prognose
Die Prognose (Krankheitsvorhersage) des Fibromyalgie-Syndroms ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von mehreren Faktoren ab:
- Behandlungsbeginn und -intensität: Eine frühzeitige, positive Diagnosestellung, strukturierte Aufklärung und ein multimodaler Behandlungsansatz können Krankheitsverständnis, Selbstwirksamkeit, Aktivitätssteuerung und Symptomkontrolle verbessern. Vorrang haben nicht-medikamentöse Maßnahmen, insbesondere angepasste körperliche Aktivität, Edukation (Schulung) und psychologische bzw. psychotherapeutische Verfahren bei entsprechender Indikation (Behandlungsgrund) [5, 11, LL1, LL2].
- Symptommanagement: Die konsequente Anwendung von Therapieansätzen zur Schmerz- und Symptomlinderung kann die Lebensqualität verbessern. Dazu gehören dosierte aerobe Aktivität (Ausdaueraktivität), Krafttraining, Patientenedukation, Schlafmanagement, Behandlung relevanter Komorbiditäten und bei ausgewählten Patienten eine zeitlich überprüfte pharmakologische Therapie (medikamentöse Behandlung) [5, 11, LL1, LL2].
- Langzeitverlauf: Die Lebenserwartung ist durch das Fibromyalgie-Syndrom im Allgemeinen nicht herabgesetzt. Die Erkrankung ist nicht destruierend (gewebezerstörend) und führt nicht zu entzündlicher Gelenkzerstörung. Dennoch kann sie bei schwerem Verlauf zu erheblicher Aktivitäts- und Teilhabeeinschränkung führen [4, 10, LL2].
- Komorbiditäten: Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Schlafstörungen, chronische Kopfschmerzen, Reizdarmsyndrom (reizbarer Darm), chronischer Rückenschmerz, urogenitale Schmerzen (Schmerzen im Harn- und Geschlechtsbereich) und andere chronische Schmerzsyndrome können den Verlauf und die Prognose ungünstig beeinflussen. Ein umfassender Therapieansatz muss diese Komorbiditäten aktiv erfassen und behandeln [4, 8, 9, LL2].
Beachte: Bei einer Nachuntersuchung von Patienten mit der Diagnose "Fibromyalgie" entsprachen nur knapp 40 % der Diagnosen den vom American College of Rheumatology festgelegten Kriterien, d. h. die Diagnose "Fibromyalgie" kann im klinischen Alltag sowohl über- als auch unterdiagnostiziert werden [2]. Hinweis: Die Studie war mit einer Teilnehmerzahl von insgesamt nur 56 zu klein, um daraus allein allgemeingültige Schlussfolgerungen abzuleiten. Sie unterstreicht jedoch die Notwendigkeit einer strukturierten klinischen Reevaluation (erneuten ärztlichen Bewertung) bei unklarer oder lange zurückliegender Diagnose.
Eine optimale Behandlung setzt eine frühzeitige, nachvollziehbare Diagnosestellung, eine begrenzte, aber ausreichende differentialdiagnostische Abklärung (Abklärung anderer möglicher Erkrankungen) und eine patientenzentrierte Langzeitstrategie voraus. Wiederholte ungezielte Diagnostik ohne klinische Fragestellung sollte vermieden werden [LL1, LL2].
Komorbiditäten
Das Fibromyalgie-Syndrom ist häufig mit psychischen und somatischen Komorbiditäten vergesellschaftet. Dazu gehören insbesondere depressive Störungen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Schlafstörungen, Insomnie (Schlaflosigkeit), kognitive Beeinträchtigungen, chronischer Rückenschmerz, Arthrose, Kopfschmerz- und Gesichtsschmerzsyndrome, gastrointestinale Schmerzen (Magen-Darm-Schmerzen), Reizdarmsyndrom, urogenitale Schmerzen sowie Fatigue-Syndrome (Erschöpfungssyndrome) [4, 8, 9].
Beachte: Systematische Übersichtsarbeiten zeigen bei Patienten mit Fibromyalgie ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken, Suizidversuche und suizidbezogene Mortalität (Sterblichkeit) im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Dieses Risiko ist besonders bei komorbider Depression, Angststörung, Traumafolgestörung, hoher Schmerzintensität, Schlafstörung und ausgeprägter funktioneller Einschränkung klinisch relevant und sollte aktiv erfragt werden [12].
Literatur
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Leitlinien
- DGS-PraxisLeitlinie: FibroMyalgie-Syndrom. Februar 2021 Langfassung
- S3-Leitlinie: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. AWMF-Registernummer: 145-004, März 2017 Leitlinienregister