Transferrin
Transferrin ist ein in der Leber synthetisiertes β1-Globulin (Eiweißfraktion) und das zentrale Transportprotein für Eisen im Blutplasma (flüssiger Anteil des Blutes). Es bindet überwiegend dreiwertiges Eisen (Fe3+) reversibel an zwei Bindungsstellen und transportiert es zu Geweben mit hoher Eisenaufnahme, insbesondere Knochenmark (Blutbildungsgewebe), Leber, Milz (Abwehrorgan im linken Oberbauch) und proliferierenden Zellen (sich teilenden Zellen). Die Aufnahme erfolgt über Transferrinrezeptoren (Andockstellen für Transferrin), vor allem Transferrinrezeptor 1.
Transferrin ist ein negatives Akute-Phase-Protein (bei Entzündung abfallendes Entzündungseiweiß). Bei Entzündung (Abwehrreaktion), Infektion (Ansteckung), Tumorerkrankung (Krebserkrankung) und chronischer Erkrankung kann die Serumkonzentration (Konzentration im Blutserum) sinken, während Ferritin als positives Akute-Phase-Protein (bei Entzündung ansteigendes Entzündungseiweiß) ansteigen kann. Die isolierte Beurteilung von Transferrin ist daher für die Eisenmangeldiagnostik nicht ausreichend; klinisch entscheidend ist die Kombination mit Ferritin, Transferrinsättigung, C-reaktivem Protein (CRP) und gegebenenfalls löslichem Transferrinrezeptor (sTfR).
Synonyme
- Transferrin
- Tf
- Siderophilin
- β1-Globulin, eisenbindend
- Serumtransferrin
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Serum
- Heparinplasma (Blutplasma mit Heparin) oder Ethylendiamintetraacetat-Plasma (Blutplasma mit Ethylendiamintetraacetat) je nach Laborverfahren möglich
Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich, wenn ausschließlich Transferrin bestimmt wird.
- Bei kombinierter Eisenstoffwechseldiagnostik (Untersuchung des Eisenhaushalts) mit Serumeisen und Transferrinsättigung ist eine morgendliche Blutentnahme nüchtern oder unter standardisierten Bedingungen sinnvoll, da Serumeisen tageszeitlich und nahrungsabhängig schwankt.
- Akute Infekte (plötzlich auftretende Infektionen), aktive Entzündungen, Tumorerkrankungen, Schwangerschaft und Östrogentherapie (Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen) beziehungsweise orale Kontrazeptiva (Verhütungsmittel zum Einnehmen) sind bei der Befundinterpretation (Einordnung des Untersuchungsergebnisses) zu berücksichtigen.
Störfaktoren
- Akute und chronische Entzündungen mit erniedrigtem Transferrin als negativem Akute-Phase-Protein
- Leberinsuffizienz (Leberfunktionsschwäche), Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber) und schwere Mangelernährung (Unterernährung/Fehlernährung) mit verminderter Transferrinsynthese (Transferrinbildung)
- Proteinverlustsyndrome (Erkrankungen mit Eiweißverlust), insbesondere nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit starkem Eiweißverlust) und exsudative Enteropathie (Eiweißverlust über den Darm)
- Schwangerschaft und Östrogene mit erhöhter Transferrinkonzentration
- Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Lipämie (Fetttrübung des Blutes) und Ikterus (Gelbsucht) abhängig vom verwendeten Analysensystem
- Aktuelle Eisengabe oder Bluttransfusion (Blutübertragung) mit möglicher Beeinflussung begleitender Eisenparameter, insbesondere Serumeisen und Transferrinsättigung
- Methodenabhängige Unterschiede zwischen immunologischen Analysensystemen (Messsystemen des Immunsystems)
Methode
- Immunnephelometrie
- Immunturbidimetrie
- Weitere immunologische Verfahren je nach Laborplattform
- Elektrophoretische Verfahren (Trennverfahren im elektrischen Feld) nur ergänzend zur Proteinfraktionierung (Auftrennung von Eiweißfraktionen), nicht als Standardmethode zur quantitativen Transferrinbestimmung
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Situation | Referenzbereich |
|---|---|
| Erwachsene | Ca. 200-360 mg/dl beziehungsweise 2,0-3,6 g/l |
| Erwachsene, je nach Labor | Ca. 200-400 mg/dl beziehungsweise 2,0-4,0 g/l |
| Kinder und Jugendliche | Alters- und methodenspezifische Referenzbereiche des Labors verwenden |
| Schwangerschaft | Physiologisch häufig erhöht; Bewertung mit schwangerschaftsbezogenem Kontext |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Diagnostik und Verlaufskontrolle bei Verdacht auf Eisenmangel
- Differentialdiagnostik (Abgrenzung ähnlicher Erkrankungen) mikrozytärer (mit kleinen roten Blutkörperchen) oder hypochromer (mit vermindertem Blutfarbstoffgehalt) Anämien (Blutarmut)
- Abgrenzung von Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel), Anämie der chronischen Entzündung (Blutarmut bei lang andauernder Entzündung) und funktionellem Eisenmangel
- Berechnung der Transferrinsättigung im Rahmen der Eisenstoffwechseldiagnostik
- Beurteilung der Eisenverfügbarkeit bei chronischen Entzündungen, chronischer Nierenerkrankung (lang andauernder Nierenerkrankung), chronischer Herzinsuffizienz (lang andauernder Herzschwäche), Tumorerkrankungen und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (lang andauernden entzündlichen Darmerkrankungen)
- Abklärung von Proteinverlustsyndromen
- Nephrotisches Syndrom
- Exsudative Enteropathie
- Beurteilung der hepatischen Syntheseleistung (Bildungsleistung der Leber) bei chronischen Lebererkrankungen (lang andauernden Leberkrankheiten)
- Erweiterte Diagnostik bei Verdacht auf Eisenüberladung (zu viel Eisen im Körper) zusammen mit Ferritin, Serumeisen und Transferrinsättigung
Interpretation
Erhöhte Werte
- Absoluter Eisenmangel, insbesondere bei noch nicht entzündlich überlagerter Konstellation (Befundzusammenhang)
- Eisenmangelanämie, typischerweise mit erniedrigtem Ferritin, erniedrigtem Serumeisen und erniedrigter Transferrinsättigung
- Schwangerschaft, insbesondere im zweiten und dritten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel)
- Östrogeneinfluss, insbesondere orale Kontrazeptiva oder Östrogentherapie
- Regenerationsphase (Erholungsphase) nach Blutverlust, abhängig vom Eisenstatus
Erniedrigte Werte
- Akute oder chronische Entzündung, Infektion oder Tumorerkrankung durch negative Akute-Phase-Reaktion (Entzündungsreaktion mit Abfall bestimmter Eiweiße)
- Anämie der chronischen Entzündung, häufig mit normalem oder erhöhtem Ferritin und niedriger Transferrinsättigung
- Funktioneller Eisenmangel bei chronischer Entzündung, chronischer Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz oder Tumorerkrankung
- Leberzirrhose oder fortgeschrittene Leberinsuffizienz mit verminderter Synthesekapazität (Bildungsfähigkeit)
- Schwere Mangelernährung oder Malabsorption (gestörte Aufnahme von Nährstoffen)
- Proteinverlustsyndrome, insbesondere nephrotisches Syndrom und exsudative Enteropathie
- Schwere systemische Erkrankungen (den ganzen Körper betreffende Erkrankungen), Verbrennungen oder katabole Stoffwechsellage (abbauende Stoffwechsellage)
Spezifische Konstellationen
- Transferrin allein ist kein zuverlässiger Marker zur Sicherung oder zum Ausschluss eines Eisenmangels.
- Bei Eisenmangel ist Transferrin häufig erhöht, die Transferrinsättigung jedoch erniedrigt.
- Bei Entzündung kann Transferrin erniedrigt sein, obwohl gleichzeitig ein absoluter Eisenmangel besteht.
- Ferritin kann bei Entzündung, Lebererkrankung, Tumorerkrankung und chronischer Nierenerkrankung falsch normal oder erhöht sein.
- Eine Transferrinsättigung unter 20 % spricht für eine verminderte Eisenverfügbarkeit; die Bewertung muss zusammen mit Ferritin, C-reaktivem Protein (CRP), Blutbild und klinischem Kontext erfolgen.
- Bei Verdacht auf funktionellen Eisenmangel oder Anämie der chronischen Entzündung kann der lösliche Transferrinrezeptor (sTfR) beziehungsweise der sTfR-Ferritin-Index ergänzend hilfreich sein.
- Bei Verdacht auf Eisenüberladung sind Transferrinsättigung und Ferritin entscheidender als die isolierte Transferrinkonzentration.
Weiterführende Diagnostik
- Kleines Blutbild mit Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozytenzahl, mittlerem korpuskulärem Volumen (MCV), mittlerem korpuskulärem Hämoglobin (MCH) und Red Cell Distribution Width (RDW)
- Retikulozytenzahl und Retikulozytenhämoglobin, sofern verfügbar
- Ferritin
- Serumeisen
- Transferrinsättigung
- C-reaktives Protein (CRP) beziehungsweise weitere Entzündungsparameter zur Einordnung einer Akute-Phase-Reaktion
- Löslicher Transferrinrezeptor (sTfR) und sTfR-Ferritin-Index bei unklarer Abgrenzung zwischen Eisenmangelanämie und Anämie der chronischen Entzündung
- Hepcidin nur in speziellen Fragestellungen beziehungsweise wissenschaftlichem Kontext, da Methodik (Untersuchungsverfahren) und Referenzbereiche nicht flächendeckend standardisiert sind
- Gesamteiweiß und Albumin bei Verdacht auf Proteinverlust oder eingeschränkte Syntheseleistung
- Urinstatus und Albumin/Kreatinin-Quotient im Urin bei Verdacht auf nephrotisches Syndrom
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Kreatinin-Clearance
- Vitamin B12, Folsäure, Lactatdehydrogenase (LDH), Haptoglobin und Bilirubin bei differentialdiagnostischem Verdacht auf andere Anämieursachen
- Hämoglobin-Elektrophorese beziehungsweise molekulargenetische Diagnostik (Untersuchung des Erbguts) bei Verdacht auf Hämoglobinopathie (erbliche Störung des roten Blutfarbstoffs) oder Thalassämie (erbliche Blutbildungsstörung)
- Gastrointestinale Abklärung (Abklärung des Magen-Darm-Trakts) bei gesichertem Eisenmangel ohne plausible Ursache, insbesondere bei Männern und postmenopausalen Frauen (Frauen nach den Wechseljahren)
Literatur
- Rusch JA, van der Westhuizen D, Gill RS, Louw VJ. Diagnosing iron deficiency: Controversies and novel metrics. Best Pract Res Clin Anaesthesiol. 2023;37(4):451-467. https://doi.org/10.1016/j.bpa.2023.11.001
- Rohr M, Brandenburg V, Brunner-La Rocca HP. How to diagnose iron deficiency in chronic disease: A review of current methods and potential marker for the outcome. Eur J Med Res. 2023;28(1):15. https://doi.org/10.1186/s40001-022-00922-6
Leitlinien
- Hastka J, Metzgeroth G, Gattermann N. Eisenmangel und Eisenmangelanämie. Onkopedia-Leitlinie. Stand: April 2025. https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/eisenmangel-und-eisenmangelanaemie
- S1-Leitlinie: Eisenmangelanämie (AWMF-Registernummer 025-021) Oktober 2021 Langfassung
- Snook J, Bhala N, Beales ILP, Cannings D, Kightley C, Logan RP et al.: British Society of Gastroenterology guidelines for the management of iron deficiency anaemia in adults. Gut. 2021;70(11):2030-2051. https://doi.org/10.1136/gutjnl-2021-325210