Retikulozyten

Retikulozyten sind junge, bereits kernlose Vorstufen der Erythrozyten (rote Blutkörperchen) mit noch nachweisbarer Rest-RNA. Sie entstehen im Knochenmark und spiegeln die aktuelle erythropoetische Aktivität (Bildung roter Blutkörperchen) wider. In der klinischen Labordiagnostik wird die Retikulozytenbestimmung vor allem zur Einordnung von Anämien (Blutarmut), zur Beurteilung der Knochenmarksantwort und zur Therapiekontrolle eingesetzt.

Synonyme

  • Retikulozyten
  • Reticulocytes
  • RET
  • Retikulozytenzahl
  • absoluter/relativer Retikulozytenwert

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • EDTA-Blut
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
  • Störfaktoren
    • Verzögerte Probenverarbeitung mit RNA-Abbau
    • Präanalytische Einflüsse und Lagerung
    • Methodenspezifische Unterschiede zwischen manueller Auszählung und automatisierten Analysatoren
    • Eingeschränkte Vergleichbarkeit abgeleiteter Retikulozytenparameter zwischen verschiedenen Gerätesystemen
  • Methode
    • Standard heute: automatisierte Bestimmung auf Hämatologieanalysatoren (Geräte zur Blutuntersuchung), in der Regel fluoreszenzbasierte/durchflusszytometrische Verfahren
    • Historisch bzw. ergänzend: manuelle Auszählung nach Supravitalfärbung (Anfärbung lebender Zellen), heute deutlich störanfälliger und weniger präzise

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Geschlecht / Alter Referenzbereich
Erwachsene relative Retikulozytenzahl methodenabhängig; laborinterne Referenzbereiche verwenden
Erwachsene absolute und abgeleitete Retikulozytenparameter ebenfalls geräte- und laborabhängig
Neugeborene/Kinder/Jugendliche altersabhängige Referenzbereiche; lokale labor- und analysatorspezifische Referenzintervalle erforderlich
Retikulozytenproduktionsindex (RPI)  

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Für Erwachsene wurden 2024 Referenzintervalle für Retikulozyten und abgeleitete Parameter in einer gesunden Erwachsenen-Kohorte publiziert; wegen der weiterhin unzureichenden Harmonisierung insbesondere für IRF und Retikulozyten-Hämoglobin (roter Blutfarbstoff)-Parameter sollten jedoch primär die jeweiligen laborintern validierten Referenzbereiche verwendet werden.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Differentialdiagnostik von Anämien
  • Unterscheidung zwischen hypo-/aregeneratorischer und hyperregeneratorischer Anämie
  • Beurteilung der Knochenmarksregeneration, z. B. nach Blutverlust, Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen) oder Therapie
  • Verlaufskontrolle unter Eisen-, Vitamin-B12- oder Folsäuresubstitution
  • Monitoring unter Erythropoetin (Hormon zur Bildung roter Blutkörperchen)-Therapie
  • Beurteilung der Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen) nach Stammzelltransplantation (Übertragung von Blutstammzellen) oder myelosuppressiver Therapie (unterdrückende Behandlung des Knochenmarks)
  • Ergänzende Beurteilung des funktionellen Eisenstatus über Retikulozyten-Hämoglobin (roter Blutfarbstoff)-Parameter

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Akuter oder subakuter Blutverlust
    • Hämolyse/hämolytische Anämien
    • Regenerationsphase nach Substitution bei Eisen-, Vitamin-B12- oder Folsäuremangel
    • Erholung der Knochenmarksfunktion nach Suppression
    • Chronische Hypoxie (Sauerstoffmangel) mit gesteigerter Erythropoese
  • Erniedrigte Werte
    • Aplastische Anämie
    • Knochenmarkinsuffizienz bzw. myelosuppressive Zustände
    • Erythropoetinmangel, z. B. bei chronischer Nierenerkrankung
    • Unbehandelter Eisenmangel
    • Megaloblastäre Anämie
    • Zytostatika- oder Strahlentherapie
  • Spezifische Konstellationen
    • Die isolierte Prozentangabe kann bei Anämie irreführend sein; klinisch sinnvoll ist häufig die zusätzliche Beurteilung der absoluten Retikulozytenzahl sowie korrigierter Kenngrößen wie des Retikulozytenproduktionsindex
    • Retikulozyten-Hämoglobin (roter Blutfarbstoff)-Parameter können früh einen funktionellen Eisenmangel anzeigen und sind gegenüber entzündungsbedingten Ferritinveränderungen weniger störanfällig, wobei Cut-offs analysatorabhängig sind

Weiterführende Diagnostik

  • Komplettes Blutbild und Erythrozytenindices
  • Peripherer Blutausstrich (mikroskopische Untersuchung eines Bluttropfens)
  • Eisenstatus mit Ferritin, Transferrinsättigung und ggf. löslichem Transferrinrezeptor
  • Vitamin B12 und Folsäure
  • Hämolyseparameter: Lactatdehydrogenase (LDH), Haptoglobin, Bilirubin
  • Nierenparameter und Entzündungsparameter
  • Bei unklarer hyporegeneratorischer Konstellation ggf. Knochenmarkdiagnostik

Literatur

  1. Obstfeld AE, Davis BH, Han JY, Urrechaga E. Report of the International Council for Standardization in Haematology working group for standardization of reticulocyte parameters. Int J Lab Hematol. 2024. https://doi.org/10.1111/ijlh.14209
  2. Posada-Franco Y, García-Álvarez A, Hernández-Álvarez E, Serrano-García I, Contera-Raposo R, Martínez-Novillo Gonzalez M, Sanz-Casla MT. Reference intervals for reticulocyte count and derived reticulocyte parameters in a cohort of healthy adults. Int J Lab Hematol. 2024;46(6):997-1003. https://doi.org/10.1111/ijlh.14332
  3. Wójcicka M, Tomasik P. Reticulocytes and related parameters in clinical practice. Int J Child Health Nutr. 2024;13(1). https://doi.org/10.6000/1929-4247.2024.13.01.2
  4. Pan LL, Yu HC, Lee CH, Hung KC, Tsai IT, Sun CK. Impact of staining methods and human factors on accuracy of manual reticulocyte enumeration. Diagnostics (Basel). 2022;12(9):2154. https://doi.org/10.3390/diagnostics12092154