Zwölffingerdarmentzündung (Duodenitis) – Einleitung

Die Duodenitis (Zwölffingerdarmentzündung) bezeichnet eine akute oder chronische Entzündung der Mukosa des Duodenums. Sie ist keine einheitliche ätiologische Erkrankung, sondern eine morphologische Sammeldiagnose, der peptisch-reaktive, medikamentöse, infektiöse, immunvermittelte, chronisch-entzündliche oder andere systemische Ursachen zugrunde liegen können [1].

Die Duodenitis kann endoskopisch, histopathologisch oder anhand beider Befunde diagnostiziert werden. Endoskopische Schleimhautveränderungen und histopathologische Entzündungszeichen stimmen jedoch nicht immer überein. Eine makroskopisch unauffällige Duodenalschleimhaut schließt insbesondere eine Zöliakie (glutenbedingte Dünndarmerkrankung), eine geringgradige chronische Duodenitis oder eine andere mikroskopische Erkrankung nicht aus [1, 2, LL2].

Die Duodenitis ist vom Ulcus duodeni (Zwölffingerdarmgeschwür) abzugrenzen. Das Ulkus (Geschwür) stellt einen umschriebenen, über die Muscularis mucosae hinausreichenden Gewebedefekt dar, während sich eine Erosion (oberflächlicher Schleimhautdefekt) auf oberflächliche Schleimhautschichten beschränkt [1, LL1].

Synonyme und ICD-10

  • Synonyme: Duodenalentzündung; Zwölffingerdarmentzündung
  • Lokalisierte Form: Bulbitis (Entzündung des Zwölffingerdarmbulbus); Bulbitis duodeni bei Beschränkung auf den Bulbus duodeni
  • ICD-10-GM 2026: K29.8 - Duodenitis
  • Abgrenzung:
    • K26.- - Ulcus duodeni
    • K29.9 - Gastroduodenitis (Magen- und Zwölffingerdarmentzündung), nicht näher bezeichnet
    • Bei einer ätiologisch gesicherten Grunderkrankung ist zusätzlich bzw. vorrangig deren spezifische Schlüsselnummer zu verwenden.

Formen der Duodenitis

Die Duodenitis kann nach unterschiedlichen Kriterien eingeteilt werden [1]:

  • Nach dem zeitlichen Verlauf:
    • akute Duodenitis
    • chronische Duodenitis
  • Nach der Lokalisation:
    • bulbäre Duodenitis bzw. Bulbitis
    • postbulbäre Duodenitis
    • diffuse Duodenitis bzw. Panduodenitis
  • Nach dem endoskopischen Erscheinungsbild:
    • erythematös-ödematöse Duodenitis (gerötete und geschwollene Zwölffingerdarmentzündung)
    • noduläre Duodenitis (knötchenförmige Zwölffingerdarmentzündung)
    • erosive Duodenitis (Zwölffingerdarmentzündung mit oberflächlichen Schleimhautdefekten)
    • hämorrhagische Duodenitis (blutende Zwölffingerdarmentzündung)
  • Nach dem histopathologischen Befund:
    • aktive bzw. akute Duodenitis mit neutrophiler Entzündungsaktivität, Kryptitis (Entzündung der Darmkrypten) und epithelialer Schädigung
    • chronische Duodenitis mit vermehrtem mononukleärem Entzündungsinfiltrat, gegebenenfalls verbunden mit foveolärer Metaplasie (Umwandlung des Schleimhautgewebes), Brunner-Drüsen-Hyperplasie (Vermehrung der Brunner-Drüsen) oder Veränderungen der Zotten-Krypten-Architektur
    • chronisch-aktive Duodenitis
    • granulomatöse Duodenitis (Zwölffingerdarmentzündung mit knötchenförmigen Entzündungsherden)
    • eosinophile Duodenitis (Zwölffingerdarmentzündung mit vermehrten eosinophilen Entzündungszellen)
    • Duodenitis mit intraepithelialer Lymphozytose (vermehrten Lymphozyten innerhalb des Oberflächenepithels) und gegebenenfalls Zottenatrophie (Rückbildung der Dünndarmzotten) [1, LL2]
  • Nach der Ätiologie:
    • peptisch-reaktive bzw. unspezifische Duodenitis, unter anderem im Zusammenhang mit gesteigerter Säureexposition, Helicobacter-pylori-assoziierter gastroduodenaler Erkrankung oder nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) [1, LL1]
    • immunvermittelte Duodenitis, insbesondere bei Zöliakie oder eosinophiler gastrointestinaler Erkrankung (eosinophiler Erkrankung des Magen-Darm-Trakts) [1, LL2]
    • Duodenitis bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, insbesondere bei Morbus Crohn (chronisch-entzündlicher Darmerkrankung) [1-3]
    • infektiöse Duodenitis, beispielsweise bei Giardiasis (Darmparasiteninfektion durch Giardia), Strongyloidiasis (Fadenwurminfektion) oder opportunistischen Virusinfektionen [1, 3]
    • Duodenitis bei Graft-versus-Host-Erkrankung (Reaktion von Spenderimmunzellen gegen den Empfänger), Vaskulitis (Gefäßentzündung), Ischämie (Minderdurchblutung), Amyloidose (Eiweißablagerungserkrankung), Strahlenexposition oder chemischer Schleimhautschädigung [1, 3]

Beachte: Die Bezeichnung „unspezifische Duodenitis“ beschreibt einen histopathologischen Befund ohne unmittelbar erkennbare spezifische Ursache. Sie darf erst nach klinischer, serologischer, mikrobiologischer und histopathologischer Abgrenzung relevanter Grunderkrankungen verwendet werden [1, 3].

Epidemiologie

  • Prävalenz: Belastbare bevölkerungsbezogene Prävalenzdaten liegen nicht vor. Die publizierten Häufigkeiten unterscheiden sich erheblich, weil endoskopische und histopathologische Definitionen nicht einheitlich verwendet wurden und die meisten Untersuchungen selektierte Endoskopiekollektive einschlossen [2, 3].
  • Pädiatrische Endoskopiekollektive: In einer retrospektiven Untersuchung von 2.772 Kindern mit oberer Endoskopie wurde bei 352 Kindern eine histopathologisch bestätigte Duodenitis nachgewiesen; dies entsprach 12,7 % des untersuchten, klinisch selektierten Kollektivs. Bei 63 % der betroffenen Kinder erschien das Duodenum endoskopisch unauffällig. Die häufigsten zugeordneten Erkrankungen waren Zöliakie mit 32 % und Morbus Crohn mit 13 % [2].
  • Erwachsene Endoskopiekollektive: In einer retrospektiven tertiärmedizinischen Serie wurden bei 231 von 3.776 untersuchten Erwachsenen aufgrund des endoskopischen Verdachts auf eine Duodenitis Biopsien entnommen. Dies entsprach 6,1 % der Endoskopien, stellt jedoch keine Prävalenz histopathologisch gesicherter Duodenitiden und keine bevölkerungsbezogene Erkrankungshäufigkeit dar. In diesem selektierten Biopsiekollektiv entfielen 58,4 % auf eine primär unspezifische Duodenitis und 29,9 % auf eine Zöliakie [3].
  • Inzidenz: Eine verlässliche bevölkerungsbezogene Inzidenz ist nicht bekannt [2, 3].
  • Geschlechterverhältnis: Ein eigenständiges, ätiologieübergreifendes Geschlechterverhältnis ist nicht belegt. Beobachtete Unterschiede werden wesentlich durch die jeweilige Grunderkrankung und die Zusammensetzung des untersuchten Kollektivs bestimmt [2, 3].
  • Häufigkeitsgipfel: Ein allgemeiner Häufigkeitsgipfel besteht nicht. Die Duodenitis kann in jedem Lebensalter auftreten; die Altersverteilung richtet sich nach der zugrunde liegenden Erkrankung [2, 3].

Verlauf und Prognose

Verlauf:

  • Akute Duodenitis: Der klinische Verlauf reicht von einer asymptomatischen, zufällig festgestellten Entzündung bis zu einer symptomatischen erosiven oder hämorrhagischen Duodenitis. Eine peptisch-reaktive, medikamentöse oder infektiöse Duodenitis kann nach Beseitigung des Auslösers bzw. kausaler Therapie vollständig abheilen [1, LL1].
  • Chronische Duodenitis: Bei fortbestehender Ursache kann die Entzündung persistieren oder rezidivieren. Chronische Verläufe finden sich insbesondere bei unbehandelter Zöliakie, Morbus Crohn, eosinophiler Duodenitis, persistierender Helicobacter-pylori-assoziierter gastroduodenaler Erkrankung, fortgesetzter Einnahme schleimhautschädigender Arzneimittel oder chronischer Immunsuppression [1, 3, LL1, LL2].
  • Komplikativer Verlauf: Mögliche Komplikationen sind Schleimhauterosionen, gastrointestinale Blutungen (Magen-Darm-Blutungen), Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel), eine Beeinträchtigung der Nährstoffresorption bei Zottenatrophie sowie selten entzündliche Stenosen (Verengungen) oder eine duodenale Obstruktion (Verschluss des Zwölffingerdarms) [1, LL1, LL2].

Prognose:

  • Unkomplizierte Duodenitis: Die Prognose einer kausal behandelbaren Duodenitis ist im Allgemeinen gut [1, LL1, LL2].
  • Prognosebestimmende Faktoren: Entscheidend sind die Ätiologie, die Ausdehnung und histopathologische Aktivität der Entzündung, bestehende Begleiterkrankungen, das Vorliegen von Komplikationen sowie das Ansprechen auf die kausale Therapie [1, 3].
  • Langzeitprognose: Bei persistierender oder nicht ausreichend behandelter Grunderkrankung sind chronische bzw. rezidivierende Verläufe sowie krankheitsspezifische Folgeerkrankungen möglich [1, 3, LL1, LL2].
  • Neoplasierisiko: Eine unspezifische Duodenitis gilt nicht als eigenständige Präkanzerose (Krebsvorstufe). Ein erhöhtes Neoplasierisiko kann jedoch aus bestimmten zugrunde liegenden Erkrankungen resultieren [1, LL2].

Leitliniengerechte Einordnung: Diagnostik, Therapie und Nachsorge erfolgen ätiologiebezogen. Von besonderer Bedeutung sind die aktuellen Empfehlungen zur Helicobacter-pylori-assoziierten gastroduodenalen Erkrankung und zur Zöliakie [LL1, LL2].

Komorbiditäten

Die Komorbiditäten sind von der jeweiligen Ursache abhängig. Häufige bzw. klinisch relevante Assoziationen sind:

  • Gastroduodenale Erkrankungen: Gastritis (Magenschleimhautentzündung), Helicobacter-pylori-Infektion (Infektion mit dem Magenkeim Helicobacter pylori) und peptische Ulkuskrankheit (säurebedingte Geschwürerkrankung) [LL1]; in einem pädiatrischen Endoskopiekollektiv bestand bei 64 % der Kinder mit Duodenitis gleichzeitig eine Gastritis [2]
  • Immunvermittelte Erkrankungen: Zöliakie, eosinophile Gastritis oder Enteritis (eosinophile Magen- oder Darmentzündung) sowie weitere atopische Erkrankungen [1-3, LL2]
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: insbesondere Morbus Crohn, seltener Colitis ulcerosa (chronisch-entzündliche Dickdarmerkrankung) [1-3]
  • Infektiologische bzw. immunologische Konstellationen: Giardiasis, opportunistische Infektionen bei Immunsuppression sowie gastrointestinale Graft-versus-Host-Erkrankung [1, 3]
  • Systemische Erkrankungen: Vaskulitiden, Amyloidose und andere Erkrankungen mit sekundärer Beteiligung des Duodenums [1, 3]

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • ICD-10-GM: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification
  • LL: Leitlinie
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika

Literatur

  1. Serra S, Jani PA: An approach to duodenal biopsies. J Clin Pathol. 2006;59(11):1133-1150. doi: 10.1136/jcp.2005.031260.
  2. Alper A, Hardee S, Rojas-Velasquez D et al.: Prevalence and Clinical, Endoscopic, and Pathological Features of Duodenitis in Children. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2016;62(2):314-316. doi: 10.1097/MPG.0000000000000942.
  3. Bulur A, Hacisalihoglu UP: Detailed Analysis of Rare Causes of Secondary Duodenitis in Patients Diagnosed with Endoscopic Duodenitis: A Cross-Sectional Study from a Tertiary Referral Center. Med Bull Haseki. 2021;59:424-430. doi: 10.4274/haseki.galenos.2021.7189.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit. (AWMF-Registernummer: 021-001), Juli 2022. Langfassung.
  2. S2k-Leitlinie: Zöliakie. (AWMF-Registernummer: 021-021), Dezember 2021. Langfassung.