Zwölffingerdarmentzündung (Duodenitis) – Anamnese

Die Anamnese stellt einen wichtigen Baustein in der Diagnostik der Duodenitis (Zwölffingerdarmentzündung) dar. Die Beschwerden sind häufig unspezifisch; zudem stimmen klinische, endoskopische und histopathologische Befunde nicht immer überein. Die Anamnese dient daher insbesondere der Erfassung möglicher Ursachen, Begleiterkrankungen und Komplikationen [1].

Familienanamnese

  • Gibt es in Ihrer Familie häufig Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes?
  • Leiden Familienangehörige an einer Helicobacter-pylori-Infektion, einer gastroduodenalen Ulkuskrankheit (Geschwürerkrankung von Magen und Zwölffingerdarm) oder rezidivierenden gastrointestinalen Blutungen (wiederkehrenden Blutungen im Magen-Darm-Trakt) [LL1]?
  • Ist bei einem erstgradig Verwandten ein Magen-, Duodenal-, Dünndarm- oder Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) aufgetreten [LL1]?
  • Bestehen bei Familienangehörigen eine Zöliakie (glutenbedingte Dünndarmerkrankung), ein Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung) oder andere Autoimmunerkrankungen [LL3, LL4]?
  • Sind in Ihrer Familie ein Hyperparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenüberfunktion), Hypophysentumoren (Tumoren der Hirnanhangsdrüse), pankreatische neuroendokrine Tumoren, ein Gastrinom (gastrinbildender Tumor) oder eine multiple endokrine Neoplasie Typ 1 (erbliche Tumorerkrankung mehrerer hormonbildender Organe) bekannt?

Sozialanamnese

  • Gibt es Hinweise auf psychosoziale Belastungen oder Belastungen aufgrund Ihrer familiären Situation?
  • Üben Sie einen Beruf aus, der Sie regelmäßig unter Stress setzt?
  • Gibt es Essensgewohnheiten, die durch Ihren Beruf, Schichtarbeit oder Ihre Lebensumstände beeinflusst werden?
  • Nehmen Sie aufgrund beruflicher oder körperlicher Belastungen regelmäßig Schmerzmittel ein, auch ohne ärztliche Verordnung?
  • Bestehen sprachliche, soziale, kognitive oder wirtschaftliche Hindernisse, die eine regelmäßige Medikamenteneinnahme oder ärztliche Behandlung erschweren?

Aktuelle Anamnese/Systemanamnese (somatische und psychische Beschwerden)

  • Haben Sie häufig Bauchschmerzen?
    • Wo sind diese Schmerzen lokalisiert, beispielsweise im Oberbauch, in der Magenregion, um den Bauchnabel oder im rechten Oberbauch?
    • Strahlen die Schmerzen in den Rücken oder in die rechte Schulter aus?
    • Sind die Schmerzen brennend, bohrend, stechend, dumpf oder kolikartig?
    • Wie stark sind die Schmerzen auf einer Skala von 0-10?
  • Wann treten die Schmerzen auf?
    • Vor dem Essen, während des Essens oder danach?
    • Treten Nüchternschmerzen oder nächtliche Schmerzen auf?
    • Besteht kein zeitlicher Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme?
    • Bessern sich die Beschwerden nach dem Essen, durch Antazida oder Protonenpumpeninhibitoren?
  • Wie haben sich die Beschwerden entwickelt?
    • Begannen sie plötzlich oder schleichend?
    • Sind die Beschwerden dauerhaft, intermittierend oder rezidivierend?
    • Haben Häufigkeit oder Intensität zugenommen?
  • Müssen Sie vermehrt aufstoßen?
  • Ist Ihnen häufiger übel? Müssen Sie erbrechen?
  • Falls Sie erbrechen müssen:
    • Wie häufig und in welchem zeitlichen Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme tritt das Erbrechen auf?
    • Enthält das Erbrochene unverdaut gebliebene Speisen oder Galle?
    • Ist das Erbrochene kaffeesatzartig oder blutig?
  • Leiden Sie unter Völlegefühl, frühem Sättigungsgefühl, Appetitlosigkeit, Sodbrennen oder Flatulenz (vermehrten Blähungen)?
  • Haben Sie bemerkt, dass Ihre Beschwerden durch bestimmte Lebensmittel oder Getränke ausgelöst bzw. verstärkt werden, beispielsweise durch fettreiche Speisen, Alkohol oder Kaffee?
  • Haben Sie zusätzliche Symptome wie:
    • Unbeabsichtigten Gewichtsverlust
    • Schwarzen Stuhl bzw. Teerstuhl
    • Sichtbares Blut im Stuhl
    • Bluterbrechen oder Kaffeesatzerbrechen
    • Schwindel, Kreislaufbeschwerden, Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht) oder Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit)
    • Müdigkeit, Leistungsminderung oder Schwächegefühl
    • Fieber, Schüttelfrost oder Nachtschweiß
    • Durchfall, insbesondere nächtlichen oder chronischen Durchfall
    • Fettglänzenden, voluminösen oder übel riechenden Stuhl
    • Rezidivierende Aphthen (wiederkehrende schmerzhafte Schleimhautgeschwüre), Gelenkbeschwerden oder entzündliche Hautveränderungen
  • Hat sich der Stuhlgang in Frequenz, Menge, Farbe oder Konsistenz verändert?
  • Bestehen zunehmendes postprandiales Erbrechen, frühe Sättigung oder das Erbrechen älterer Nahrungsreste als mögliche Hinweise auf eine duodenale Stenose (Verengung des Zwölffingerdarms)?
  • Trat ein plötzlich einsetzender, sehr starker und anhaltender Oberbauchschmerz auf, der sich auf das gesamte Abdomen ausbreitete?
  • Bestehen Beschwerden einer Malabsorption (gestörten Nährstoffaufnahme) wie Gewichtsverlust, Muskelkrämpfe, Parästhesien (Missempfindungen), erhöhte Frakturanfälligkeit oder rezidivierende Mangelzustände [LL3]?

Vegetative Anamnese inkl. Ernährungsanamnese

  • Hat sich Ihr Appetit verändert?
  • Hat sich Ihr Körpergewicht unbeabsichtigt verändert? Wenn ja, um wie viele Kilogramm und innerhalb welchen Zeitraums?
  • Ernähren Sie sich ausgewogen? Essen Sie regelmäßig?
  • Verzichten Sie auf bestimmte Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen?
  • Ernähren Sie sich glutenarm oder glutenfrei? Wenn ja, seit wann und wie konsequent? Eine verminderte Glutenexposition kann die Zöliakiediagnostik beeinflussen [LL3].
  • Besteht ein reproduzierbarer Zusammenhang zwischen den Beschwerden und glutenhaltigen Lebensmitteln?
  • Bestehen bekannte Nahrungsmittelallergien oder andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten?
  • Trinken Sie Kaffee, schwarzen oder grünen Tee? Wenn ja, wie viele Tassen pro Tag?
  • Trinken Sie andere koffeinhaltige Getränke, beispielsweise Energydrinks? Wenn ja, in welcher Menge?
  • Trinken Sie ausreichend Flüssigkeit oder ist die Flüssigkeitsaufnahme wegen Übelkeit bzw. Erbrechen eingeschränkt?
  • Rauchen Sie? Wenn ja, wie viele Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen pro Tag und seit wie vielen Jahren?
  • Trinken Sie Alkohol? Wenn ja, welche Getränke, in welcher Menge und wie häufig?
  • Nehmen Sie Drogen oder andere psychoaktive Substanzen? Wenn ja, welche und wie häufig?
  • Bestehen Schlafstörungen, eine vermehrte Schweißneigung oder eine verminderte körperliche Belastbarkeit?

Eigenanamnese

  • Vorerkrankungen:
    • Bestehen bekannte Magen-Darm-Erkrankungen, beispielsweise eine Helicobacter-pylori-Infektion, eine Gastritis (Magenschleimhautentzündung), eine frühere Duodenitis, eine gastroduodenale Ulkuskrankheit, eine Zöliakie oder ein Morbus Crohn [LL1, LL3, LL4]?
    • Kam es bereits zu einer gastrointestinalen Blutung, einer Ulkusperforation (Durchbruch eines Geschwürs), einer Ulkuspenetration (Durchdringen eines Geschwürs in benachbartes Gewebe) oder einer duodenalen Stenose?
    • Wurde bei Ihnen eine gastrointestinale Infektion, eine Giardiasis (Darmparasiteninfektion durch Giardia), eine Lebensmittelinfektion oder eine Lebensmittelvergiftung diagnostiziert?
    • Leiden Sie an chronischer Diarrhö, Malabsorption oder wiederkehrenden Mikronährstoffmängeln?
    • Bestehen Autoimmunerkrankungen, beispielsweise eine Autoimmunthyreoiditis (durch das eigene Immunsystem verursachte Schilddrüsenentzündung), ein Diabetes mellitus Typ 1 (Zuckerkrankheit durch Insulinmangel) oder eine Autoimmunhepatitis (durch das eigene Immunsystem verursachte Leberentzündung)?
    • Bestehen ein angeborener oder erworbener Immundefekt (Abwehrschwäche), eine HIV-Infektion, eine hämatologische Erkrankung oder ein Zustand nach Organ- bzw. Stammzelltransplantation?
    • Leiden Sie an Erkrankungen der Leber, Gallenwege oder Bauchspeicheldrüse?
    • Bestehen eine chronische Niereninsuffizienz (chronische Einschränkung der Nierenfunktion), eine Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber) oder eine Störung der Blutgerinnung [LL2]?
    • Wurden bei Ihnen eine Hypercalcämie, ein Hyperparathyreoidismus, ein Gastrinom oder eine multiple endokrine Neoplasie Typ 1 festgestellt?
    • Bestehen eine Tumorerkrankung oder eine laufende antineoplastische bzw. immunonkologische Therapie?
  • Haben Sie Operationen im Magen-Darm-Bereich, an den Gallenwegen oder an der Bauchspeicheldrüse gehabt?
  • Wurden bei Ihnen endoskopische Eingriffe am Magen, Duodenum oder an der Papilla Vateri durchgeführt?
  • Wurden Sie einer Radiatio im Bauchraum oder Retroperitoneum unterzogen?
  • Haben Sie bekannte Allergien, insbesondere gegen Nahrungsmittel, Penicilline oder andere Medikamente?
  • Frühere Helicobacter-pylori-Behandlung:
    • Wurde bereits eine Eradikationstherapie durchgeführt?
    • Welche Antibiotika wurden eingesetzt?
    • Wurde die Behandlung vollständig eingenommen?
    • Wurde der Eradikationserfolg überprüft?
  • Bisherige Untersuchungsbefunde:
    • Wurde bereits eine Ösophagogastroduodenoskopie durchgeführt?
    • Wurden Duodenalbiopsien entnommen?
    • Wurden Erosionen (oberflächliche Schleimhautdefekte), Ulzera (Geschwüre), Blutungen, eine Zottenatrophie (Rückbildung der Dünndarmzotten), intraepitheliale Lymphozytose (vermehrte Lymphozyten im Oberflächenepithel), eosinophile Infiltrate oder Granulome (knötchenförmige Entzündungsherde) beschrieben?

Medikamentenanamnese

  • Nehmen oder nahmen Sie regelmäßig Medikamente ein, die gastroduodenale Schleimhautschäden oder Blutungskomplikationen begünstigen können, insbesondere:
    • Nicht-steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen oder Indometacin
    • Acetylsalicylsäure
    • Cyclooxygenase-2-Hemmer
    • Thrombozytenaggregationshemmer wie Clopidogrel, Prasugrel oder Ticagrelor
    • Vitamin-K-Antagonisten oder direkte orale Antikoagulanzien
    • Unfraktioniertes oder niedermolekulares Heparin
    • Systemische Glucocorticoide, insbesondere gemeinsam mit nicht-steroidalen Antirheumatika
    • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer bei gleichzeitigem Ulkus- oder Blutungsrisiko
  • Nehmen Sie Arzneimittel ein, die eine Enteropathie (Darmerkrankung) oder entzündliche Duodenalveränderungen verursachen können, beispielsweise:
    • Olmesartan
    • Mycophenolat
    • Colchicin
    • Methotrexat oder andere Zytostatika
    • Immuncheckpoint-Inhibitoren
    • Kaliumchlorid oder Eisenpräparate
  • Nehmen Sie Protonenpumpeninhibitoren, H2-Rezeptorantagonisten oder Antazida ein? Wenn ja, welches Präparat, in welcher Dosierung und seit wann?
  • Haben sich die Beschwerden unter einer säuresuppressiven Therapie gebessert?
  • Haben Sie innerhalb der letzten 2 Wochen Protonenpumpeninhibitoren eingenommen?
  • Haben Sie innerhalb der letzten 4 Wochen Antibiotika eingenommen oder eine Helicobacter-pylori-Eradikationstherapie erhalten? Diese Zeitabstände sind für die Zuverlässigkeit der Helicobacter-pylori-Diagnostik relevant [LL1].
  • Nehmen Sie Medikamente ohne ärztliche Verordnung oder Nahrungsergänzungsmittel ein? Wenn ja, welche Präparate und in welcher Dosierung?

Umweltanamnese

  • Sind Sie in einem Gebiet mit hoher Helicobacter-pylori-Prävalenz oder hoher Magenkarzinominzidenz geboren bzw. aufgewachsen [LL1]?
  • Haben Sie sich in den vergangenen Monaten im Ausland aufgehalten? Wenn ja, wo und wie lange?
  • Hatten Sie Kontakt zu unbehandeltem oder möglicherweise kontaminiertem Trinkwasser?
  • Bestanden nach einer Reise oder Trinkwasserexposition länger anhaltende Diarrhö, Gewichtsverlust oder Flatulenz?
  • Gab es in Ihrem Haushalt Personen mit einer Helicobacter-pylori-Infektion, einer Ulkuskrankheit oder vergleichbaren gastrointestinalen Beschwerden?
  • Bestehen berufliche oder private Expositionen gegenüber ätzenden Substanzen, Schwermetallen oder anderen potenziell toxischen Stoffen?
  • Besteht eine frühere oder aktuelle Exposition gegenüber Tuberkulose (Infektionskrankheit durch Tuberkulosebakterien), insbesondere bei Immunsuppression oder Herkunft aus einem Hochprävalenzgebiet?

Red Flags (Warnzeichen) bei Duodenitis

  • Klinik:
    • Hämatemesis (Bluterbrechen) oder Kaffeesatzerbrechen
    • Meläna (Teerstuhl) oder Hämatochezie (Abgang von frischem Blut über den After) bei vermuteter massiver oberer gastrointestinaler Blutung
    • Orthostatische Beschwerden, Präsynkope, Synkope, Vigilanzminderung (verminderte Wachheit) oder Kreislaufinstabilität
    • Plötzlich einsetzender stärkster Oberbauchschmerz mit Ausbreitung über das Abdomen
    • Anhaltendes Erbrechen oder fehlende orale Flüssigkeitsaufnahme
    • Zunehmende frühe Sättigung, Erbrechen älterer Nahrungsreste oder Verdacht auf duodenale Obstruktion (Verschluss des Zwölffingerdarms)
    • Unbeabsichtigter Gewichtsverlust, Anorexie (Appetitlosigkeit) oder progredienter Leistungsknick
    • Fieber oder Schüttelfrost, insbesondere bei Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr)
    • Neu aufgetretene oder progrediente Beschwerden bei einem Patienten über 60 Jahre, bei positiver Familienanamnese für Magenkarzinom (Magenkrebs) oder Herkunft aus einem Hochrisikogebiet
    • Rezidivierende, multiple, postbulbäre oder therapierefraktäre Ulzera
  • Labor:
    • Hämoglobin [↓], Hämatokrit [↓]
    • Ferritin [↓], Transferrinsättigung [↓]
    • Lactat [↑]
    • Leukozyten [↑], C-reaktives Protein [↑], Procalcitonin [↑]
    • Harnstoff [↑], Kreatinin [↑]
    • Thrombozyten [↓], Quick [↓], International Normalized Ratio [↑], partielle Thromboplastinzeit [↑]
    • Lipase [↑]
    • Bilirubin [↑], alkalische Phosphatase [↑], γ-GT [↑]

Unsere Empfehlung: Drucken Sie die Anamnese aus, markieren Sie alle mit „Ja“ beantworteten Fragen und nehmen Sie das Dokument mit zu Ihrem behandelnden Arzt. Bei Red Flags ist eine unverzügliche ärztliche bzw. notfallmedizinische Abklärung erforderlich.

Abkürzungsverzeichnis

  • HIV: Humanes Immundefizienz-Virus
  • LL: Leitlinie

Literatur

  1. Mostafa ME, Hartley CP, Hagen CE: Re-evaluation of “Peptic” duodenitis: A review of 622 consecutive duodenal biopsies. Ann Diagn Pathol. 2026;85:152678. doi: 10.1016/j.anndiagpath.2026.152678.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit. AWMF-Register-Nr. 021-001, Stand: Juli 2022. Langfassung.
  2. S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Blutung, Version 2.0. AWMF-Register-Nr. 021-028, Stand: Dezember 2025. Langfassung
  3. Al-Toma A et al.: European Society for the Study of Coeliac Disease 2025 Updated Guidelines on the Diagnosis and Management of Coeliac Disease in Adults. Part 1: Diagnostic Approach. United European Gastroenterol J. 2025;13:1855-1886. doi: 10.1002/ueg2.70119.
  4. Kucharzik T et al.: ECCO-ESGAR-ESP-IBUS Guideline on Diagnostics and Monitoring of Patients with Inflammatory Bowel Disease. Part 1: Initial Diagnosis, Monitoring of Known Inflammatory Bowel Disease, Detection of Complications. J Crohns Colitis. 2025;19:jjaf106. doi: 10.1093/ecco-jcc/jjaf106