Zwölffingerdarmentzündung (Duodenitis) – Differentialdiagnosen

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • IgA-Vaskulitis (Entzündung kleiner Blutgefäße mit IgA-Ablagerungen) – kolikartige Bauchschmerzen und eine hämorrhagisch-ödematöse Duodenalschleimhaut, insbesondere im absteigenden Duodenum; die palpable Purpura (tastbare Hauteinblutungen) kann den gastrointestinalen Beschwerden zeitlich folgen
  • Variabler Immundefekt mit Enteropathie (Abwehrschwäche mit Darmerkrankung) – rezidivierende Infektionen, Hypogammaglobulinämie und zöliakieähnliche Zottenatrophie; verminderte oder fehlende Plasmazellen und eine begleitende Giardiasis sind diagnostisch wegweisend

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Zollinger-Ellison-Syndrom (Erkrankung mit übermäßiger Magensäureproduktion) – multiple, rezidivierende oder therapierefraktäre, häufig postbulbäre Ulzera, ausgeprägte Säurehypersekretion und Diarrhoe

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens) – kann sich insbesondere bei älteren Patienten und Diabetikern durch epigastrische Schmerzen, Übelkeit und vegetative Symptome manifestieren; bei entsprechender Risikokonstellation unverzüglich auszuschließen

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Giardiasis (Darmparasiteninfektion durch Giardia) – Diarrhoe, Meteorismus und Malabsorption nach Exposition; Nachweis von Trophozoiten im Duodenalaspirat oder in Duodenalbiopsien
  • Helicobacter-pylori-assoziierte Gastroduodenitis (Magen- und Zwölffingerdarmentzündung durch Helicobacter pylori) – meist antrumbetonte Gastritis mit bulbärer peptischer Schädigung; eine foveoläre Metaplasie des Duodenums allein ist nicht spezifisch für eine Helicobacter-pylori-Infektion
  • Strongyloidiasis (Fadenwurminfektion) – bei entsprechender Reise-, Migrations- oder Expositionsanamnese sowie bei Immunsuppression zu berücksichtigen; Eosinophilie und Larven in Duodenalbiopsien stützen die Diagnose
  • Zytomegalievirus-Duodenitis (Zwölffingerdarmentzündung durch das Zytomegalievirus) – vor allem bei schwerer Immunsuppression; tiefe Ulzerationen und typische virale Einschlusskörper in der Biopsie

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Akute Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung) – akuter, häufig gürtelförmig in den Rücken ausstrahlender Oberbauchschmerz mit charakteristischen Labor- und Bildgebungsbefunden
  • Cholelithiasis (Gallensteinleiden) bzw. akute Cholezystitis (akute Gallenblasenentzündung) – rechtsseitige oder epigastrische, häufig postprandiale Oberbauchschmerzen; sonographischer Nachweis von Gallensteinen bzw. Entzündungszeichen
  • Chronische Pankreatitis (chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung) – rezidivierende oder persistierende Oberbauchschmerzen, exokrine Pankreasinsuffizienz (unzureichende Bildung von Verdauungsenzymen der Bauchspeicheldrüse) und charakteristische strukturelle Pankreasveränderungen

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Autoimmunenteropathie (durch das eigene Immunsystem verursachte Darmerkrankung) – seltene Differenzialdiagnose bei schwerer chronischer Diarrhoe und seronegativer Zottenatrophie, insbesondere bei begleitender Autoimmunerkrankung
  • Eosinophile Gastroenteritis mit Duodenalbeteiligung (eosinophile Entzündung von Magen und Darm mit Beteiligung des Zwölffingerdarms) – gastrointestinale Beschwerden, Gewebeeosinophilie und häufig atopische Begleiterkrankungen; parasitäre und medikamentöse Ursachen müssen ausgeschlossen werden
  • Funktionelle Dyspepsie (Reizmagen) – dyspeptische Beschwerden ohne hinreichenden strukturellen oder histopathologischen Befund
  • Gastritis (Magenschleimhautentzündung) – vorwiegend gastrale Entzündungszeichen mit epigastrischen Beschwerden; eine begleitende Duodenitis ist möglich
  • Gastroösophageale Refluxkrankheit (Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre) – bei retrosternalem Brennen, saurem Aufstoßen und refluxassoziierten Beschwerden vorrangig zu erwägen
  • Ischämische Duodenitis bzw. akute Mesenterialischämie (Minderdurchblutung des Zwölffingerdarms bzw. akute Durchblutungsstörung des Darms) – selten, jedoch dringlich; starke, zum initialen Untersuchungsbefund unverhältnismäßige Schmerzen und vaskuläre Risikofaktoren sind richtungsweisend
  • Morbus Crohn mit gastroduodenaler Beteiligung (chronisch-entzündliche Darmerkrankung mit Beteiligung von Magen und Zwölffingerdarm) – fokale Entzündung, Aphthen, longitudinale Ulzerationen, Stenosen oder Granulome; nach weiterer gastrointestinaler Beteiligung suchen
  • Peptisches Duodenalulkus (säurebedingtes Zwölffingerdarmgeschwür) – umschriebener, tiefer reichender Schleimhautdefekt anstelle einer ausschließlich flächigen Duodenitis; Helicobacter pylori und nichtsteroidale Antirheumatika sind die wichtigsten Auslöser
  • Strahlenenteritis mit Duodenalbeteiligung (strahlenbedingte Darmentzündung mit Beteiligung des Zwölffingerdarms) – nur bei entsprechender abdomineller oder retroperitonealer Bestrahlungsanamnese relevant
  • Tropische Sprue (tropisch bedingte Aufnahmestörung des Dünndarms) – chronische Diarrhoe und Malabsorption nach längerem Aufenthalt in Endemiegebieten mit meist ausgedehnterer Dünndarmbeteiligung
  • Whipple-Krankheit (seltene bakterielle Systemerkrankung mit Dünndarmbeteiligung) – Gewichtsverlust, Diarrhoe, Arthralgien und periodische Acid-Schiff-positive Makrophagen in der Duodenalschleimhaut
  • Zöliakie (glutenbedingte Dünndarmerkrankung) – zentrale Differenzialdiagnose bei intraepithelialer Lymphozytose, Kryptenhyperplasie oder Zottenatrophie; eine isolierte bulbäre Manifestation ist möglich

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Duodenales Adenom bzw. Adenokarzinom (gutartige Drüsengeschwulst bzw. bösartiger Drüsentumor des Zwölffingerdarms) – bei fokaler Schleimhautunregelmäßigkeit, Kontaktblutung, Stenose, Anämie oder Gewichtsverlust durch gezielte Biopsien auszuschließen
  • Duodenales Lymphom (Lymphdrüsenkrebs des Zwölffingerdarms) – noduläre, polypöse, ulzerierende oder diffus infiltrative Schleimhautveränderungen; insbesondere bei Zöliakie, Immundefekt oder systemischen Symptomen zu berücksichtigen
  • Magenkarzinom (Magenkrebs) – wichtige Differenzialdiagnose bei neu aufgetretener Dyspepsie mit Gewichtsverlust, Anämie, Blutung oder vorzeitiger Sättigung
  • Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) – bei progredienten Oberbauch- oder Rückenschmerzen, Gewichtsverlust, Cholestase oder extrinsischer Duodenalstenose auszuschließen

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Graft-versus-Host-Krankheit des Verdauungstrakts (Reaktion von Spenderimmunzellen gegen den Verdauungstrakt des Empfängers) – ausschließlich nach allogener hämatopoetischer Stammzelltransplantation relevant; kryptale Apoptosen können eine medikamentöse oder virale Duodenitis imitieren

Medikamente

  • Immuncheckpoint-Inhibitoren – immunvermittelte Gastroenteritis bzw. Gastroduodenitis mit Diarrhoe, Schleimhauterosionen oder Ulzerationen
  • Mycophenolat-Mofetil – medikamentöse Enteropathie mit Kryptenschädigung, Apoptosen und gegebenenfalls Zottenatrophie
  • Nichtsteroidale Antirheumatika einschließlich Acetylsalicylsäure – erosive oder ulzerierende gastroduodenale Schleimhautschädigung
  • Olmesartan – sprueähnliche Enteropathie mit chronischer Diarrhoe, Gewichtsverlust und Zottenatrophie bei negativer Zöliakieserologie

Abkürzungsverzeichnis

  • IgA: Immunglobulin A