Multiparametrische Magnetresonanztomographie (mpMRT) des Beckens
Die multiparametrische Magnetresonanztomographie (mpMRT) des Beckens ist ein hochauflösendes, strahlenfreies Schnittbildverfahren, das mehrere Magnetresonanztomographie (MRT)‑Sequenzen (Schnittbildserien in der Kernspintomographie) kombiniert, um eine umfassende morphologische (strukturbezogene), funktionelle und molekulare Beurteilung der Beckenorgane zu ermöglichen. Sie stellt den Goldstandard in der bildgebenden Diagnostik bei Prostataerkrankungen dar, wird jedoch zunehmend auch zur Abklärung von Rektumkarzinomen (Mastdarmkrebs), gynäkologischen Tumoren und entzündlichen oder strukturellen Veränderungen im kleinen Becken eingesetzt.
Synonyme
- Multiparametrische Becken-Magnetresonanztomographie
- mpMRT des kleinen Beckens
- mpMRT der Prostata
- mpMRT der Beckenorgane
Beurteilbare Strukturen
- Prostata (Vorsteherdrüse) und Samenblasen
- Rektum (Mastdarm) und Analkanal
- Harnblase
- Uterus (Gebärmutter), Zervix (Gebärmutterhals) und Adnexe (Eileiter und Eierstöcke)
- Beckenlymphknoten
- Beckenbodenmuskulatur
- Plexus venosus (Venengeflecht) und Beckenarterien
- Knochenstrukturen (Os sacrum (Kreuzbein), Hüftknochen, Wirbelkörper)
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Prostatakarzinom (Prostatakrebs)
- Primärdiagnostik bei erhöhtem Prostata-spezifischem Antigen (PSA)‑Wert
- Lokalisationsdiagnostik und Risikostratifizierung vor Biopsie (Gewebeentnahme) nach PI-RADS-System
- Tumorstagings zur Operations-/Therapieplanung
- Rezidivdiagnostik nach radikaler Prostatektomie (vollständige Entfernung der Prostata)
- Rektumkarzinom (Mastdarmkrebs)
- Lokalstadium (T-Klassifikation), Infiltration angrenzender Organe
- Beurteilung des mesorektalen Faszienspalts (Bindegewebsraum um den Mastdarm)
- Therapieansprechen nach neoadjuvanter Radiochemotherapie (Vorbehandlung mit Bestrahlung und Chemotherapie)
- Gynäkologische Tumoren
- Zervix-, Endometrium- oder Ovarialkarzinom (Gebärmutterhals‑, Gebärmutterschleimhaut‑ oder Eierstockkrebs)
- Staging (Stadieneinteilung), Infiltrationsausdehnung und Rezidivsuche
- Entzündliche Erkrankungen
- Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung) mit Fistel-/Abszessdiagnostik
- Pelvic Inflammatory Disease (PID; entzündliche Beckenerkrankung)
- Urethritis (Harnröhrenentzündung) oder Prostatitis (Prostataentzündung)
- Funktionelle Diagnostik
- Beurteilung des Beckenbodens bei Inkontinenz (Unfähigkeit, Harn oder Stuhl zu halten) oder Descensus (Senkungszuständen)
- Darstellung von Endometrioseherden (Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter)
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Allgemeine Kontraindikationen für die MRT (unabhängig von der Kontrastmittelgabe)
Absolute Kontraindikationen
- Nicht MRT-taugliche implantierte Geräte – z. B. Herzschrittmacher (elektronischer Taktgeber des Herzens), Cochlea-Implantate (Innenohrprothesen), Insulinpumpen (Geräte zur Insulinabgabe), Neurostimulatoren (elektronische Nervenstimulationsgeräte)
- Metallische Fremdkörper mit magnetischen Eigenschaften im Körper – z. B. Gefäßclips (Gefäßklammern), Granatsplitter, Metallspäne, Fremdkörper im Auge
Relative Kontraindikationen
- Klaustrophobie (Platzangst) – ggf. mit Beruhigungsmittel oder in einem offenen MRT-Gerät
- Schwangerschaft im ersten Trimenon (erstes Schwangerschaftsdrittel) – Untersuchung nur bei zwingender medizinischer Notwendigkeit
Zusätzliche Kontraindikationen bei geplanter Kontrastmittelgabe
Absolute Kontraindikationen
- Schwer eingeschränkte Nierenfunktion – glomeruläre Filtrationsrate unter 30 ml/min/1,73 m² (erhöhtes Risiko für eine seltene Bindegewebserkrankung)
- Schwere allergische Reaktion auf Gadolinium-haltiges Kontrastmittel in der Vergangenheit
- Dialysepflichtigkeit ohne geplante zeitnahe Dialyse nach der Kontrastmittelgabe
- Kombination von MRT mit Kontrastmittel bei gleichzeitig implantiertem nicht MRT-tauglichem Gerät
Relative Kontraindikationen
- Schwangerschaft – nur bei lebenswichtiger medizinischer Indikation nach sorgfältiger Abwägung
- Stillzeit – ggf. Abpumpen und Entsorgen der Muttermilch für 24 Stunden (je nach verwendetem Mittel)
- Klaustrophobie (Platzangst) – ggf. mit Sedierung oder offenem MRT
- Akute internistische Instabilität – z. B. instabile Angina pectoris (Brustschmerz durch Herzkrankheit), dekompensierte Herzinsuffizienz (nicht mehr ausgeglichene Herzschwäche)
- Bestimmte Knochenmarkskrebserkrankungen mit Nierenbeteiligung – z. B. multiples Myelom (Knochenmarkkrebs)
- Erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke – mögliches Risiko von Gadoliniumablagerungen im Gehirn
- Systemische Speichererkrankungen – z. B. Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit)
Vor der Untersuchung
- Ausführliche Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) zur Abklärung von Kontraindikationen und Voroperationen
- Aufklärung über Untersuchungsablauf und ggf. Sedierung (Beruhigungsmittel)
- Je nach Fragestellung: Harnblasenfüllung oder -entleerung vor Bildgebung
- Bei Prostatadiagnostik: PSA-Wert, evtl. Vorliegen einer vorangegangenen Biopsie
- Fasten ggf. notwendig bei rektaler Fragestellung (z. B. Rektumkarzinom)
Das Verfahren
Die mpMRT basiert auf der Kombination verschiedener Magnetresonanztomographie (MRT)‑Sequenzen (Schnittbildarten), die morphologische und funktionelle Parameter erfassen:
- T2-gewichtete Sequenzen – Hochauflösende Darstellung anatomischer Details (z. B. Prostatakapsel, Samenblasen, Tumorausdehnung)
- Diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI) – Beurteilung der Zellstruktur und Diffusionsrestriktion (eingeschränkte Wasserbeweglichkeit im Gewebe) als Tumormarker
- Dynamische Kontrastmittel-Sequenzen (DCE) – Erfassung vaskulärer Durchblutungsmuster (z. B. Tumorangiogenese = Neubildung von Blutgefäßen)
- Apparent Diffusion Coefficient (ADC-Karte) – Quantitative Bewertung der Diffusionsrestriktion
- Optional: MR-Spektroskopie – Biochemische Analyse der Gewebemetabolite (Stoffwechselprodukte; v. a. bei Prostatakarzinom)
Bei Prostatadiagnostik erfolgt die Untersuchung meist in Rückenlage mit einer Spule (Empfangsantenne) über dem Becken, ggf. ergänzt durch eine rektale Spule (Einführung über den Enddarm).
Mögliche Befunde
- Prostatakarzinom (Prostatakrebs) – Nachweis suspekter Läsionen (auffälliger Gewebeareale), Einteilung nach PI-RADS (1–5), Beurteilung der extrakapsulären Ausdehnung (Tumor außerhalb der Prostatakapsel), Samenblaseninfiltration, Lymphknotenmetastasen
- Rektumkarzinom (Mastdarmkrebs) – T-Staging (z. B. T3–T4), Abgrenzung zur mesorektalen Faszie, Einschätzung der Operationsradikalität
- Cervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs) – Infiltration in Parametrien (Bindegewebe neben dem Gebärmutterhals), Blase oder Rektum
- Fisteln/Abszesse – In Morbus Crohn oder chronischer Proktitis (Enddarmentzündung)
- Endometriose – Darstellung ektoper Endometriuminseln (Gebärmutterschleimhaut an atypischen Stellen) im Douglas-Raum (zwischen Gebärmutter und Enddarm) oder an der Rektovaginalwand
- Lymphknotenvergrößerung – Beurteilung des pelvinen Lymphabflusses (Lymphwege im Becken) bei Tumorerkrankungen
Nach der Untersuchung
- Ggf. kurze Überwachung bei Kontrastmittelgabe
- Auswertung der Bilddaten durch radiologische Fachärzte
- Erstellung eines strukturierten Befundberichts nach internationalem Standard (z. B. PI-RADS, TNM-Klassifikation)
- Bei Tumorfragestellung interdisziplinäre Befundbesprechung im Tumorboard (ärztliche Fachkonferenz)
Literatur
- Turkbey B, Rosenkrantz AB, Haider MA et al.: Prostate Imaging Reporting and Data System Version 2.1: 2019 Update of Prostate Imaging Reporting and Data System Version 2. Eur Urol. 2019;76(3):340-351. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2019.02.033
- Beets-Tan RG, Lambregts DM, Maas M et al.: Magnetic resonance imaging for clinical management of rectal cancer: updated recommendations from the 2016 ESGAR consensus meeting. Eur Radiol. 2018;28(4):1465-1475. https://doi.org/10.1007/s00330-017-5026-