Plasminogen-Aktivator-Inhibitor
Der Plasminogen-Aktivator-Inhibitor 1 (PAI-1) ist der klinisch und labordiagnostisch relevante Vertreter der Plasminogen-Aktivator-Inhibitoren. Er ist ein Serinprotease-Inhibitor (Eiweißstoff, der bestimmte Enzyme hemmt) (Serpin) und der wichtigste physiologische Inhibitor des gewebespezifischen Plasminogenaktivators (t-PA) sowie der Urokinase (u-PA). Dadurch hemmt PAI-1 die Umwandlung von Plasminogen zu Plasmin und somit die Fibrinolyse (Auflösung von Blutgerinnseln).
In der klinischen Labordiagnostik ist die PAI-1-Bestimmung keine Routineuntersuchung der Thrombophiliediagnostik (Diagnostik einer erhöhten Thromboseneigung), sondern eine Spezialuntersuchung zur Abklärung seltener Störungen der Fibrinolyse, insbesondere bei Verdacht auf eine PAI-1-Defizienz (Mangel an PAI-1) mit Hyperfibrinolyse (übermäßig gesteigerte Auflösung von Blutgerinnseln) und Blutungsneigung.
Synonyme
- PAI-1
- Plasminogen-Aktivator-Inhibitor Typ 1
- Plasminogenaktivatorinhibitor 1
- SERPINE1-Protein
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Citratplasma, vorzugsweise plättchenarmes Plasma, für die funktionelle PAI-1-Aktivitätsbestimmung und/oder Antigenbestimmung
- EDTA-Vollblut für eine gezielte molekulargenetische Untersuchung des SERPINE1-Gens bei begründetem Verdacht auf eine kongenitale (angeborene) PAI-1-Defizienz
Vorbereitung des Patienten
- Eine einheitliche, standardisierte Präanalytik ist erforderlich
- Blutentnahme möglichst morgens unter standardisierten Bedingungen, da PAI-1 zirkadian (im Tagesverlauf) schwankt
- Nüchternabnahme ist sinnvoll, wenn gleichzeitig metabolische Parameter mitbeurteilt werden sollen
- Körperliche Belastung, Nikotinkonsum und prolongierte Stauung vor der Blutentnahme möglichst vermeiden
Störfaktoren
- Unvollständig gefüllte Citratmonovetten, Gerinnselbildung und verzögerte Probenverarbeitung können die Aussagekraft beeinträchtigen
- Thrombozytenkontamination beziehungsweise Thrombozytenaktivierung kann insbesondere Antigenmessungen verfälschen
- PAI-1 unterliegt einer ausgeprägten biologischen Variabilität mit zirkadianer Schwankung
- Akute Entzündungen, metabolische Störungen und weitere systemische Einflüsse können PAI-1 erhöhen und die Spezifität der Befunde einschränken
- PAI-1-Aktivität und PAI-1-Antigen sind nicht gleichbedeutend und dürfen nicht austauschbar interpretiert werden
Methode
- Funktionelle PAI-1-Aktivitätsbestimmung, in der Regel chromogen oder vergleichbar funktionell
- PAI-1-Antigenbestimmung, in der Regel immunologisch
- Gezielte molekulargenetische Diagnostik des SERPINE1-Gens bei klinischem Verdacht auf eine hereditäre (vererbbare) PAI-1-Defizienz
- Die isolierte Bestimmung des SERPINE1-4G/5G-Polymorphismus ist keine empfohlene Routinediagnostik der Thrombophilie
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Geschlecht/Alter | Referenzbereich |
| Erwachsene – PAI-1-Aktivität | Methoden- und laborabhängig; kein einheitlich übergreifend gültiger Referenzbereich |
| Erwachsene – PAI-1-Antigen | Methoden- und laborabhängig; kein einheitlich übergreifend gültiger Referenzbereich |
| Molekulargenetische Untersuchung des SERPINE1-Gens | Kein Referenzbereich; Bewertung als Variantenbefund im klinischen Kontext |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Für sehr niedrige PAI-1-Aktivitäten ist die analytische Abgrenzung gegenüber dem Normbereich in vielen Assays limitiert; bei Verdacht auf PAI-1-Defizienz ist daher eine spezialisierte Befundinterpretation erforderlich.
Indikationen
- Verdacht auf kongenitale oder erworbene Hyperfibrinolyse mit Blutungsneigung
- Abklärung einer seltenen PAI-1-Defizienz bei verzögerten postoperativen (nach einer Operation), posttraumatischen (nach einer Verletzung) oder postpartalen (nach der Geburt) Blutungen trotz unauffälliger Routinelabordiagnostik der Gerinnung
- Abklärung von rezidivierenden (wiederkehrenden) Schleimhautblutungen, Hämatomneigung (Neigung zu Blutergüssen) oder Menorrhagie (starke Monatsblutung) bei Verdacht auf eine fibrinolytische Blutungsursache
- Spezialdiagnostik in einem hämostaseologischen Zentrum (Zentrum für Blutgerinnungsstörungen) bei unklarer Blutungsanamnese (Vorgeschichte von Blutungen)
- Nicht als Routineparameter der hereditären Thrombophiliediagnostik
Interpretation
Erhöhte Werte
- Hinweis auf eine verminderte fibrinolytische Aktivität im Sinne einer Hypofibrinolyse (verminderte Auflösung von Blutgerinnseln)
- Isoliert erhöhte PAI-1-Werte beweisen weder eine hereditäre Thrombophilie noch rechtfertigen sie für sich allein eine antithrombotische Therapieentscheidung
- Erhöhungen finden sich häufig unspezifisch bei Adipositas (Fettleibigkeit), Insulinresistenz (verminderte Wirkung von Insulin), metabolischem Syndrom sowie in proinflammatorischen Konstellationen (Situationen mit entzündungsfördernder Aktivität)
- Die klinische Aussagekraft isolierter Erhöhungen ist wegen biologischer und präanalytischer Variabilität begrenzt
Erniedrigte Werte
- Vereinbar mit gesteigerter Fibrinolyse beziehungsweise Hyperfibrinolyse
- Bei ausgeprägt erniedrigter oder nicht nachweisbarer PAI-1-Aktivität und passender Blutungsanamnese Verdacht auf PAI-1-Defizienz
- Typisch sind verzögerte Blutungen nach Operationen, Traumata (Verletzungen), Zahnextraktionen (Zahnziehungen) oder Entbindungen; spontane schwere Blutungen sind seltener
- Eine isolierte niedrige Aktivität muss wegen methodischer Limitationen und Präanalytik mit Vorsicht interpretiert und gegebenenfalls bestätigt werden
Spezifische Konstellationen
- Die Kombination aus typischer Blutungsanamnese, unauffälligen Globaltests der plasmatischen Gerinnung und auffälliger fibrinolytischer Spezialdiagnostik unterstützt den Verdacht auf eine PAI-1-assoziierte Hyperfibrinolyse
- Der häufig angebotene SERPINE1-4G/5G-Polymorphismus ist klinisch nicht mit der diagnostischen Aussagekraft einer krankheitsverursachenden Defizienzvariante gleichzusetzen
Weiterführende Diagnostik
- Spezialisierte Blutungsanamnese
- Basisgerinnungsdiagnostik mit Thrombozytenzahl, Prothrombinzeit, aktivierter partieller Thromboplastinzeit, Fibrinogen
- Weitere fibrinolytische Spezialdiagnostik, z. B. Euglobulin-Lysezeit, globaler Clot-Lysis-Assay oder weitere zentrumsspezifische Verfahren
- Bestimmung weiterer Inhibitoren der Fibrinolyse beziehungsweise Differenzialdiagnostik anderer seltener fibrinolytischer Blutungsstörungen
- Molekulargenetische Abklärung des SERPINE1-Gens bei begründetem klinischem Verdacht
Literatur
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