Plättchenfunktionsanalyse

Die Plättchenfunktionsanalyse (Untersuchung der Blutplättchenfunktion) umfasst labordiagnostische Verfahren (Laboruntersuchungen) zur Erfassung qualitativer Funktionsstörungen (Störungen der Arbeitsweise) der Thrombozyten (Blutplättchen). Sie wird in der klinischen Hämostaseologie (Blutgerinnungskunde) vor allem zur Abklärung einer mukokutanen Blutungsneigung (Blutungsneigung an Haut und Schleimhäuten), zum Nachweis hereditärer (erblicher) oder erworbener (im Lauf des Lebens entstandener) Thrombozytenfunktionsstörungen sowie in ausgewählten Situationen zur Beurteilung einer medikamentösen Thrombozytenhemmung (Hemmung der Blutplättchen durch Medikamente) eingesetzt [1-4, LL1-LL2].

Die Plättchenfunktionsanalyse ist kein einzelner Test, sondern ein methodenabhängiges diagnostisches Konzept. Die Aussagekraft hängt wesentlich von der klinischen Prätestwahrscheinlichkeit (Vortestwahrscheinlichkeit), der standardisierten Anamnese (Krankengeschichte), dem Blutbild, der Präanalytik (Vorbereitung und Umgang mit der Probe vor der Analyse), der untersuchten Fragestellung, dem verwendeten Assay (Testverfahren) und der Erfahrung des hämostaseologischen Labors ab [1-4, LL1-LL2].

Synonyme

  • Plättchenfunktionstestung
  • Thrombozytenfunktionsanalyse
  • Thrombozytenfunktionstestung
  • Thrombozytenaggregationsdiagnostik
  • Plättchenaggregationsdiagnostik
  • Platelet function testing
  • Platelet aggregation testing

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Zitrathaltiges Vollblut
    • Für PFA-100/PFA-200, Impedanzaggregometrie und ausgewählte Durchflusszytometrie-Verfahren
  • Thrombozytenreiches Plasma
    • Für Lichttransmissionsaggregometrie
  • EDTA-Blut
    • Für kleines Blutbild, Thrombozytenzahl, mittleres Thrombozytenvolumen und gegebenenfalls Blutausstrich
  • Citratplasma
    • Für begleitende Gerinnungsdiagnostik und von-Willebrand-Diagnostik

Vorbereitung des Patienten

  • Medikamentenanamnese (Erfassung der eingenommenen Medikamente) zwingend erforderlich
    • Insbesondere Acetylsalicylsäure, P2Y12-Inhibitoren, nichtsteroidale Antirheumatika, selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, Antikoagulantien, Phytotherapeutika und Nahrungsergänzungsmittel mit potenzieller plättchenhemmender Wirkung
  • Absetzen plättchenhemmender Medikamente nur nach klinischer Risikoabwägung (Abwägung von Nutzen und Risiko)
    • Bei diagnostischer Fragestellung nach hereditärer Thrombozytenfunktionsstörung ist ein ausreichend langes medikamentenfreies Intervall erforderlich, sofern dies klinisch vertretbar ist
    • Acetylsalicylsäure und irreversible P2Y12-Inhibitoren können die Testergebnisse über die Lebensdauer der Thrombozyten beeinflussen
  • Keine fettreiche Mahlzeit vor Blutentnahme
    • Insbesondere bei optischen Messverfahren relevant
  • Keine starke körperliche Belastung unmittelbar vor Blutentnahme
    • Aktivierung der Thrombozyten und präanalytische Artefakte (künstlich entstandene Verfälschungen) möglich
  • Blutentnahme und Transport streng standardisiert
    • Atraumatische Punktion (möglichst schonende Blutentnahme), korrekt gefülltes Citrat-Röhrchen, ausreichende Ruhezeit und zeitnahe Verarbeitung entsprechend Laborspezifikation

Störfaktoren

  • Medikamente mit Wirkung auf Thrombozytenfunktion
    • Acetylsalicylsäure, Clopidogrel, Prasugrel, Ticagrelor, nichtsteroidale Antirheumatika, Glykoprotein-IIb/IIIa-Inhibitoren
  • Präanalytische Fehler
    • Schwierige Blutentnahme, Unterfüllung des Citrat-Röhrchens, Gerinnselbildung, verzögerte Verarbeitung, inadäquate Temperatur, starke Erschütterung
  • Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen)
    • Je nach Methode eingeschränkte oder nicht valide Interpretierbarkeit, insbesondere bei Aggregometrie und PFA-Systemen
  • Anämie (Blutarmut) beziehungsweise niedriger Hämatokrit
    • Verlängerung der PFA-Verschlusszeit möglich
  • von-Willebrand-Faktor-abhängige Einflüsse
    • Niedrige von-Willebrand-Faktor-Aktivität, Blutgruppe 0, von-Willebrand-Syndrom und inflammatorische Zustände können Messergebnisse beeinflussen
  • Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Lipämie (Fetttrübung des Blutes) oder Hyperbilirubinämie (erhöhter Bilirubinwert)
    • Besonders relevant bei optischen Verfahren wie der Lichttransmissionsaggregometrie
  • Akute Erkrankung, Entzündung, Schwangerschaft oder perioperative Situation (Situation um eine Operation herum)
    • Veränderte Thrombozytenreaktivität und Akute-Phase-Effekte (Reaktionen bei akuter Entzündung oder Belastung) möglich

Methode

  • PFA-100/PFA-200
    • Vollblutbasiertes Screeningverfahren (Suchtest) unter hohen Scherkräften mit Messung der Verschlusszeit
    • Testkartuschen typischerweise Kollagen/Epinephrin und Kollagen/Adenosindiphosphat
    • Geeignet als orientierendes Verfahren bei Verdacht auf Störungen der primären Hämostase (erste Phase der Blutstillung), jedoch kein sicherer Ausschlusstest für milde Thrombozytenfunktionsstörungen
  • Lichttransmissionsaggregometrie
    • Referenzmethode zur funktionellen Untersuchung der Thrombozytenaggregation in thrombozytenreichem Plasma
    • Stimulation mit definierten Agonisten, zum Beispiel Adenosindiphosphat, Kollagen, Arachidonsäure, Ristocetin, Epinephrin und Thrombinrezeptor-aktivierendem Peptid
    • Erlaubt eine differenzierte Musterdiagnostik, ist jedoch präanalytisch anspruchsvoll und methodenabhängig
  • Impedanzaggregometrie
    • Vollblutbasiertes Verfahren mit Messung der elektrischen Widerstandsänderung durch Anlagerung aktivierter Thrombozyten an Elektroden
    • Einsatz insbesondere bei bestimmten Fragestellungen zur Thrombozytenhemmung und perioperativen Hämostasebeurteilung
  • Durchflusszytometrie
    • Analyse thrombozytärer Oberflächenrezeptoren (Bindungsstellen an der Zelloberfläche) und Aktivierungsmarker
    • Relevant bei Verdacht auf Rezeptordefekte (Defekte von Bindungsstellen), Granuladefekte und komplexe hereditäre Thrombozytopathien
  • Thrombozytensekretionsdiagnostik
    • Erfassung der Freisetzungsreaktion, zum Beispiel Adenosintriphosphat-Freisetzung mittels Lumiaggregometrie
    • Indiziert bei Verdacht auf Speichergranula- oder Sekretionsdefekte
  • Molekulargenetische Diagnostik
    • Ergänzende Diagnostik bei klinischem und funktionellem Verdacht auf hereditäre Thrombozytenfunktionsstörung
    • Insbesondere bei syndromalen Befunden, familiärer Blutungsanamnese oder eindeutig pathologischem Funktionsmuster

Normbereiche (je nach Labor)

Verfahren Messgröße Orientierender Referenzbereich/Interpretationsrahmen
PFA-100/PFA-200 Verschlusszeit, Kollagen/Epinephrin Methoden-, geräte-, kartuschen- und laborabhängig; häufig oberer Referenzbereich etwa 160-200 s
PFA-100/PFA-200 Verschlusszeit, Kollagen/Adenosindiphosphat Methoden-, geräte-, kartuschen- und laborabhängig; häufig oberer Referenzbereich etwa 100-130 s
Lichttransmissionsaggregometrie Maximale Aggregation, Kurvenform, Lag-Phase, Deaggregation Agonisten-, konzentrations- und laborabhängig; Interpretation nur anhand validierter lokaler Referenzbereiche
Impedanzaggregometrie Area under the curve beziehungsweise Aggregationseinheiten System-, Reagenzien- und Fragestellungs-abhängig; Interpretation nur anhand lokaler Cut-offs
Durchflusszytometrie Rezeptorexpression, Aktivierungsmarker Antikörper-, Geräte- und populationsabhängig; Vergleich mit validierten Kontrollen erforderlich
Sekretionsdiagnostik Adenosintriphosphat-Freisetzung, Granulainhalt Methoden- und laborabhängig; Interpretation im Kontext der Aggregationsdiagnostik

Normbereiche sind methoden-, geräte-, reagenzien-, alters- und laborabhängig. Eine isolierte numerische Bewertung ohne klinischen Kontext, Thrombozytenzahl, Hämatokrit, Medikamentenanamnese und Begleitdiagnostik ist nicht ausreichend.

Indikationen

  • Abklärung einer mukokutanen Blutungsneigung
    • Epistaxis (Nasenbluten), Menorrhagie (verstärkte Regelblutung), Hämatomneigung (Neigung zu Blutergüssen), verlängerte Nachblutung, postoperative oder postinterventionelle Blutung
  • Verdacht auf hereditäre Thrombozytenfunktionsstörung
    • Zum Beispiel Glanzmann-Thrombasthenie, Bernard-Soulier-Syndrom, Speichergranula-Defekte, Sekretionsdefekte, Signaltransduktionsdefekte
  • Blutungsneigung bei normaler oder nur gering veränderter Thrombozytenzahl
    • Insbesondere bei unauffälliger Globalgerinnung und persistierender klinischer Blutungsanamnese
  • Verdacht auf erworbene Thrombozytenfunktionsstörung
    • Zum Beispiel bei Urämie (Harnvergiftung), Lebererkrankung, myeloproliferativen Neoplasien (Erkrankungen mit krankhafter Vermehrung von Blutzellen), Paraproteinämie (krankhaftes Eiweiß im Blut) oder medikamentöser Hemmung
  • Beurteilung einer medikamentösen Thrombozytenhemmung
    • Nur bei ausgewählter klinischer Fragestellung, zum Beispiel Therapieversagen, Blutung unter Therapie, präoperative Risikokonstellation (Risikosituation vor einer Operation) oder Verdacht auf Non-Response (fehlendes Ansprechen)
  • Differentialdiagnostik bei Verdacht auf von-Willebrand-Syndrom
    • Insbesondere bei verlängerter PFA-Verschlusszeit, pathologischer Ristocetin-Antwort oder passender Blutungsanamnese

Interpretation

Pathologische Befunde

  • Verlängerte PFA-Verschlusszeit
    • Hinweis auf Störung der primären Hämostase, zum Beispiel von-Willebrand-Syndrom, ausgeprägte Thrombozytenfunktionsstörung, Acetylsalicylsäure-Effekt, Anämie oder Thrombozytopenie
    • Ein unauffälliger PFA-Befund schließt milde Thrombozytenfunktionsstörungen nicht sicher aus
  • Fehlende oder stark reduzierte Aggregation mit mehreren Agonisten bei erhaltener Ristocetin-Antwort
    • Typisches Muster bei Glanzmann-Thrombasthenie beziehungsweise Glykoprotein-IIb/IIIa-Defekt
  • Fehlende oder stark reduzierte Ristocetin-induzierte Aggregation
    • Hinweis auf Bernard-Soulier-Syndrom, schwere von-Willebrand-Faktor-Störung oder Ristocetin-spezifische Interferenz
  • Pathologische Arachidonsäure-Antwort
    • Typisch bei Acetylsalicylsäure-Effekt oder Störungen des Cyclooxygenase-Thromboxan-Signalwegs
  • Reduzierte Adenosindiphosphat-Antwort
    • Hinweis auf P2Y12-Rezeptorhemmung, P2Y12-Rezeptordefekt oder Signaltransduktionsstörung
  • Gestörte Sekretion bei relativ erhaltener Primäraggregation
    • Hinweis auf Speichergranula-Defekt oder Sekretionsstörung
  • Fehlende oder reduzierte Rezeptorexpression in der Durchflusszytometrie
    • Hinweis auf definierte Rezeptordefekte, zum Beispiel Glykoprotein-IIb/IIIa oder Glykoprotein-Ib/IX/V

Unauffällige Befunde

  • Unauffällige Plättchenfunktionsanalyse
    • Schließt eine klinisch relevante Blutungsneigung nicht in jedem Fall aus
    • Erfordert bei persistierendem Verdacht eine erneute präanalytisch optimierte Untersuchung, erweiterte Spezialdiagnostik oder differentialdiagnostische Abklärung anderer Hämostasestörungen

Spezifische Konstellationen

  • Normale Thrombozytenzahl und pathologische Aggregometrie
    • Spricht für qualitative Thrombozytenfunktionsstörung oder medikamentösen Effekt
  • Thrombozytopenie und pathologische Funktionsdiagnostik
    • Interpretation eingeschränkt; Kombination aus quantitativer und qualitativer Störung möglich
  • Pathologische PFA-Verschlusszeit und pathologische von-Willebrand-Diagnostik
    • Vorrangig Einordnung als von-Willebrand-Syndrom beziehungsweise von-Willebrand-Faktor-assoziierte Störung
  • Pathologischer Befund unter plättchenhemmender Medikation
    • Nur interpretierbar, wenn die Fragestellung explizit die Medikamentenwirkung betrifft oder der Einnahmezeitpunkt eindeutig dokumentiert ist

Weiterführende Diagnostik

  • Kleines Blutbild
    • Thrombozytenzahl, Hämoglobin, Hämatokrit, mittleres Thrombozytenvolumen
  • Blutausstrich
    • Beurteilung von Thrombozytengröße, Granulation, Aggregaten und morphologischen Hinweisen auf syndromale Thrombozytopathien
  • Globalgerinnung
    • PTT, Quick/INR, Fibrinogen, Thrombinzeit je nach Fragestellung
  • von-Willebrand-Diagnostik
    • von-Willebrand-Faktor-Antigen, von-Willebrand-Faktor-Aktivität, Faktor VIII, gegebenenfalls Multimeranalyse und Ristocetin-induzierte Plättchenaggregation
  • Spezielle Thrombozytendiagnostik
    • Erweiterte Agonisten-Panels, Sekretionsdiagnostik, MePAC-Analyse, Elektronenmikroskopie bei Verdacht auf Granuladefekte
  • Durchflusszytometrische Rezeptordiagnostik
    • Glykoprotein-IIb/IIIa, Glykoprotein-Ib/IX/V, Aktivierungsmarker, Alpha- und Deltagranula-Marker
  • Molekulargenetische Diagnostik
    • Paneldiagnostik oder Hochdurchsatzsequenzierung bei begründetem Verdacht auf hereditäre Thrombozytenfunktionsstörung
  • Abklärung erworbener Ursachen
    • Nierenparameter – Kreatinin, Cystatin C, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate
    • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase, Aspartat-Aminotransferase, Gamma-Glutamyl-Transferase, alkalische Phosphatase, Bilirubin
    • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) beziehungsweise BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
    • Immunglobuline, Serumprotein-Elektrophorese und Immunfixation bei Verdacht auf Paraproteinämie

Literatur

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  3. Gresele P, Falcinelli E, Bury L, Alessi MC, Guglielmini G, Falaise C et al.: Association of laboratory test results with the bleeding history in patients with inherited platelet function disorders (the Bleeding Assesment Tool - LABoratory tests substudy): communication from the Platelet Physiology ISTH-SSC. Res Pract Thromb Haemost. 2024;8(1):102305. https://doi.org/10.1016/j.rpth.2023.102305
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Leitlinien

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  2. Gresele P, Harrison P, Gachet C, Hayward CPM, Kenny D, Mezzano D et al.: Diagnosis of inherited platelet function disorders: guidance from the SSC of the ISTH. J Thromb Haemost. 2015;13(2):314-322. https://doi.org/10.1111/jth.12792