Speichenbruch (Radiusfraktur) – Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie der Radiusfraktur dient der Analgesie (Schmerzlinderung) und der indikationsbezogenen perioperativen Begleitbehandlung. Sie ersetzt weder die erforderliche Reposition (Einrichtung der verschobenen Knochenbruchstücke) noch die konservative oder operative Stabilisierung. Die nachfolgenden Empfehlungen betreffen vor allem Erwachsene mit distaler Radiusfraktur (handgelenksnahem Speichenbruch); bei Radiuskopf- und Radiusschaftfrakturen (Brüchen des Speichenköpfchens und des Speichenschafts) gelten dieselben Grundprinzipien der Arzneimittelauswahl, das definitive Behandlungskonzept richtet sich jedoch nach der jeweiligen Verletzung [LL1, LL2].

Therapieziele und Behandlungsgrundsätze

  • Schmerzlinderung: Regelmäßige Erfassung der Schmerzintensität und Anpassung der Analgesie an Schmerzen in Ruhe, bei Bewegung und bei notwendigen Maßnahmen [LL1].
  • Multimodale Analgesie: Kombination geeigneter nichtopioider Analgetika mit einem kurzzeitig eingesetzten Opioid bei unzureichender Wirkung bzw. starken Schmerzen; lokale oder regionale Anästhesieverfahren (Verfahren zur örtlichen Betäubung oder Betäubung einer Körperregion) bei Reposition und Operation berücksichtigen [LL1, LL2].
  • Individuelle Arzneimittelauswahl: Alter, Gebrechlichkeit, Körpergewicht, Nieren- und Leberfunktion, Blutungsrisiko, Begleitmedikation und bisherige Arzneimittelreaktionen berücksichtigen [LL1, FI1-FI4].
  • Kurze Behandlungsdauer: Die niedrigste wirksame Dosis einsetzen und den Bedarf regelmäßig überprüfen. Bei rückläufigen Schmerzen zunächst Opioide reduzieren bzw. beenden [LL1, FI2, FI4].
  • Perioperative Infektionsprävention: Bei Osteosynthese (operativer Knochenstabilisierung mit Implantaten) einer geschlossenen Radiusfraktur ist eine perioperative Antibiotikaprophylaxe angezeigt; eine routinemäßige mehrtägige postoperative Antibiotikagabe ist daraus nicht abzuleiten [LL3].
  • Risikoadaptierte Thromboseprophylaxe (Vorbeugung von Blutgerinnseln): Eine isolierte Radiusfraktur oder die Ruhigstellung des Arms begründet keine pauschale medikamentöse Prophylaxe einer venösen Thromboembolie (VTE; Bildung oder Verschleppung eines Blutgerinnsels im venösen Gefäßsystem). Die Entscheidung erfordert eine individuelle Bewertung des VTE- und Blutungsrisikos [LL4, LL5].

Wirkstoffe: Hauptindikationen

Die Dosierungen der folgenden Tabellen gelten für Erwachsene. Bei Kindern und Jugendlichen sind alters-, gewichts- und präparatespezifische Dosierungen erforderlich; Erwachsenendosierungen dürfen nicht übernommen werden [LL1, FI1-FI3].

Nichtopioide Analgetika: Paracetamol

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Option bei leichten Schmerzen bzw. Bestandteil einer Kombination. Bei Leber- oder Nierenfunktionsstörung Dosis bzw. Einnahmeabstand anpassen. Paracetamol aus sämtlichen gleichzeitig verwendeten Präparaten berücksichtigen [LL1, FI1].
  • Wirkweise: Analgetisch und antipyretisch; keine klinisch relevante antiphlogistische Wirkung.
  • Indikation: Leichte Schmerzen; ergänzende Basisanalgesie bei stärkeren Schmerzen [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; relevante Lebererkrankungen erfordern eine besonders sorgfältige Prüfung der Anwendung [FI1].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Hepatotoxizität (Leberschädigung) bei Überdosierung; selten schwere Überempfindlichkeits- oder Hautreaktionen [FI1].

Nichtsteroidale Antirheumatika

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Bei geeigneten Erwachsenen kurzfristige Ergänzung. Bei gebrechlichen oder älteren Patienten vermeiden. Keine gleichzeitige Anwendung mehrerer nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR); zusätzliche Blutungs- und Nierenrisiken bei Begleitmedikation beachten [LL1, FI2].
  • Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenasen mit analgetischer, antiphlogistischer und antipyretischer Wirkung.
  • Indikation: Kurzzeitige Schmerzbehandlung bei Erwachsenen ohne relevante Gegenanzeigen [LL1].
  • Kontraindikationen: Aktive bzw. wiederholt aufgetretene gastrointestinale Ulzera (Magen-Darm-Geschwüre) oder Blutungen, schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Nieren, Leber oder Herz), entsprechende Überempfindlichkeitsreaktionen und drittes Schwangerschaftstrimenon [FI2].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden und Blutungen, akute Nierenschädigung, Flüssigkeitsretention (Flüssigkeitseinlagerung) und kardiovaskuläre Ereignisse [FI2].

Zur Knochenheilung: Eine randomisierte Studie bei konservativ behandelter Colles-Fraktur (Speichenbruch mit zur Handrückenseite verschobenem Bruchstück) zeigte unter kurzzeitiger Ibuprofengabe keine signifikante Verschlechterung der untersuchten radiologischen und funktionellen Ergebnisse. Eine retrospektive Untersuchung von 2025 nach palmarer Plattenosteosynthese (Knochenstabilisierung mit einer Platte auf der Handflächenseite) fand ebenfalls keine erhöhte Pseudarthroserate (Häufigkeit ausbleibender knöcherner Bruchheilung) bei postoperativer NSAR-Verordnung. Diese Ergebnisse unterstützen einen selektiven kurzzeitigen Einsatz; sie belegen nicht die Unbedenklichkeit einer länger dauernden oder hoch dosierten NSAR-Behandlung bei sämtlichen Frakturtypen [1, 2].

Pyrazolonderivate

Wirkstoff Besonderheiten
Metamizol Option bei starken Schmerzen nach Verletzung oder Operation. Bei älteren, geschwächten Patienten bzw. eingeschränkter Elimination Dosis reduzieren. Über das Agranulozytoserisiko (Risiko einer starken Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen) und die notwendigen Maßnahmen bei Warnsymptomen aufklären [FI3].
  • Wirkweise: Analgetisch und antipyretisch.
  • Indikation: Starke Schmerzen nach Verletzung oder Operation; keine routinemäßige Anwendung bei lediglich leichten Schmerzen [FI3].
  • Kontraindikationen: Metamizol- bzw. pyrazolonbedingte Agranulozytose in der Vorgeschichte, gestörte Knochenmarkfunktion, Analgetikaintoleranz (Unverträglichkeit bestimmter Schmerzmittel), Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenasemangel (angeborene Enzymstörung mit erhöhter Empfindlichkeit der roten Blutkörperchen), akute intermittierende hepatische Porphyrie (erblich bedingte Störung der Blutfarbstoffbildung mit anfallsartigen Beschwerden) und drittes Schwangerschaftstrimenon [FI3].
  • Nebenwirkungen: Agranulozytose, schwere Überempfindlichkeitsreaktionen, Hypotonie (niedriger Blutdruck) und arzneimittelbedingte Leberschädigung [FI3].

Cave! Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen unter Metamizol die Behandlung sofort unterbrechen und unverzüglich ein Blutbild einschließlich Differentialblutbild veranlassen; das Ergebnis darf vor dem Absetzen nicht abgewartet werden. Eine Agranulozytose kann auch nach zuvor problemloser Anwendung auftreten. Gleichzeitige Antibiotikagabe kann Warnsymptome verschleiern [FI3].

Opioidanalgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Morphin Für die überwachte Akutversorgung. Atmung, Sauerstoffsättigung, Kreislauf und Sedierungsgrad kontrollieren. Bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Gefahr der Kumulation aktiver Metaboliten; Alternative bzw. Dosisanpassung prüfen [LL1, FI4].
  • Wirkweise: Aktivierung von Opioidrezeptoren mit starker analgetischer Wirkung.
  • Indikation: Starke akute Frakturschmerzen oder ausgeprägte postoperative Schmerzen trotz geeigneter nichtopioider Analgesie [LL1].
  • Kontraindikationen: Relevante Atemdepression (Dämpfung der Atmung), paralytischer Ileus (Darmlähmung mit Darmverschluss) und Überempfindlichkeit; besondere Vorsicht bei eingeschränkter Vigilanz (Wachheit) und respiratorischen Vorerkrankungen [FI4].
  • Nebenwirkungen: Atemdepression, Sedierung (Dämpfung der Wachheit), Übelkeit, Obstipation (Verstopfung), Hypotonie und Abhängigkeit [FI4].

Beachte: Bei zusätzlicher Gabe sedierender Arzneimittel steigt das Risiko einer Atemdepression. Für die weitere ambulante Behandlung ist ein konkreter Plan für Bedarf, Behandlungsdauer und Absetzen erforderlich; eine automatische Fortführung der Opioidtherapie nach Abklingen der akuten Schmerzen ist zu vermeiden [FI4].

Lokalanästhetika und Analgesie bei Reposition

Wirkstoff Besonderheiten
Lidocain Nur durch entsprechend erfahrene Ärzte. Sämtliche zusätzlich verabreichten Lokalanästhetika berücksichtigen. Diese Dosierungsangaben dürfen nicht auf eine intravenöse Regionalanästhesie (Betäubung einer Körperregion durch Einspritzen in eine vorübergehend vom übrigen Kreislauf abgetrennte Vene) übertragen werden [FI5].
  • Wirkweise: Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle mit Unterbrechung der nervalen Erregungsleitung.
  • Indikation: Lokale bzw. regionale Schmerzausschaltung bei Reposition oder operativer Behandlung [LL1, FI5].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Lokalanästhetika vom Säureamidtyp, schwere kardiale Reizleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Erregungsleitung im Herzen), akut dekompensierte Herzinsuffizienz (akut verschlechterte Herzschwäche) sowie kardiogener oder hypovolämischer Schock (Kreislaufversagen durch Herzversagen oder Flüssigkeitsmangel) [FI5].
  • Nebenwirkungen: Bei systemischer Toxizität neurologische Symptome, Krampfanfälle, Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) und Kreislaufstillstand; außerdem lokale Komplikationen und Überempfindlichkeitsreaktionen [FI5].

Für die Reposition einer dislozierten distalen Radiusfraktur muss eine ausreichende Analgesie bzw. Anästhesie gewährleistet sein. Je nach Situation kommen ein Hämatomblock (örtliche Betäubung durch Einspritzen in den Bluterguss am Knochenbruch), eine periphere Nervenblockade (Betäubung einzelner Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark), eine intravenöse Regionalanästhesie oder eine überwachte prozedurale Sedierung (medikamentöse Beruhigung und Dämpfung der Wachheit während eines Eingriffs) infrage. Die NICE-Leitlinie nennt die intravenöse Regionalanästhesie als Option bei dorsal dislozierten distalen Radiusfrakturen. Die Verfahrenswahl richtet sich nach Verletzung, Gegenanzeigen, vorhandener Expertise und Überwachungsmöglichkeiten [LL1].

Eine Sedierung ersetzt die Analgesie nicht. Bei prozeduraler Sedierung müssen eine kontinuierliche Überwachung, geeignete Atemwegs- und Reanimationsausrüstung sowie Personal zur unmittelbaren Behandlung respiratorischer und kreislaufbezogener Komplikationen verfügbar sein. Nach Regionalanästhesie die postoperative Schmerzmedikation rechtzeitig vor vollständigem Abklingen der Blockade planen [LL1, LL2, FI4, FI5].

Wirkstoffe: Nebenindikationen

Cephalosporine: Perioperative Antibiotikaprophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Cefazolin Für die Osteosynthese einer geschlossenen Radiusfraktur. In der Regel perioperative Einmalgabe; keine routinemäßige postoperative Fortführung. Auswahl und Dosis anhand der aktuellen Leitlinie und des verwendeten Präparats festlegen [LL3, FI6].
  • Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
  • Indikation: Prävention einer Infektion bei operativer Fixation einer geschlossenen Radiusfraktur; keine Antibiotikaprophylaxe allein wegen einer geschlossenen, konservativ behandelten Fraktur [LL3].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Cefazolin bzw. Cephalosporine. Bei berichteter Betalaktamallergie Reaktionsart und Schweregrad klären; eine unspezifische Penicillinallergieangabe erfordert eine differenzierte Bewertung [LL3, FI6].
  • Nebenwirkungen: Überempfindlichkeitsreaktionen, gastrointestinale Beschwerden und antibiotikaassoziierte Diarrhoe (durch Antibiotika begünstigter Durchfall); bei unangepasster wiederholter Gabe und eingeschränkter Nierenfunktion Gefahr der Kumulation [FI6].

Beachte: Die leitlinienbasierte Dosierung und Beschränkung auf die perioperative Prophylaxe können von älteren Dosierungs- und Dauerangaben einzelner Produktinformationen abweichen. Maßgeblich ist ein abgestimmtes, leitliniengerechtes perioperatives Protokoll [LL3, FI6].

Eine offene Radiusfraktur benötigt eine zeitnahe chirurgische Versorgung und frühzeitige systemische Antibiotikagabe. Wirkstoffspektrum und Dauer richten sich nach Schweregrad, Kontamination, Weichteilschaden und lokalem Protokoll; das Schema für eine geschlossene Fraktur darf nicht pauschal übernommen werden. Bei bereits bestehender Infektion ist eine gezielte Antibiotikatherapie erforderlich [LL3].

Niedermolekulare Heparine: Nur bei begründeter Indikation

Nach Operationen an der oberen Extremität kann auf eine medikamentöse VTE-Prophylaxe verzichtet werden, sofern keine zusätzlichen VTE-Risikofaktoren vorliegen. Bei insgesamt mittlerem oder hohem VTE-Risiko ist dagegen in der Regel eine medikamentöse Prophylaxe angezeigt, sofern das Blutungsrisiko dies zulässt [LL4].

Zusätzliche Gesichtspunkte sind insbesondere eine vorausgegangene VTE, aktive Tumorerkrankung, relevante Thrombophilie (erhöhte Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln), weitere schwere Verletzungen oder eine erheblich eingeschränkte Gehfähigkeit. Auch die vorübergehend fehlende Nutzbarkeit von Gehhilfen kann relevant sein. Bei einer Allgemeinanästhesie (Vollnarkose) von mehr als 90 Minuten oder einer operationsbedingt erschwerten Mobilisation empfiehlt NICE, eine VTE-Prophylaxe zu erwägen; daraus ergibt sich keine automatische Verordnung für jeden Patienten [LL4, LL5].

Wirkstoff Besonderheiten
Enoxaparin Keine Routine bei isolierter Radiusfraktur oder Armruhigstellung. Beginn mit Operationszeitpunkt, Blutstillung und Anästhesieverfahren abstimmen; bei elektiven Eingriffen nach aktueller Leitlinie postoperativ. Dauer nach fortbestehendem Risiko festlegen [LL4, FI7].
  • Wirkweise: Antithrombinvermittelte Hemmung vor allem von Faktor Xa.
  • Indikation: Individuell begründete VTE-Prophylaxe; die Radiusfraktur allein genügt nicht [LL4, LL5].
  • Kontraindikationen: Aktive klinisch relevante Blutung, relevante heparininduzierte Thrombozytopenie (durch Heparin ausgelöster Abfall der Blutplättchen mit möglicher Gerinnselbildung) in der Vorgeschichte bzw. entsprechende Antikörper und weitere ausgeprägte Blutungsrisiken gemäß Produktinformation [FI7].
  • Nebenwirkungen: Blutungen, Hämatome (Blutergüsse) und heparininduzierte Thrombozytopenie [FI7].

Beachte: Bei Anwendung einer medikamentösen Prophylaxe Nierenfunktion, Blutungszeichen und Thrombozyten entsprechend Risikoprofil und Behandlungsdauer kontrollieren. Zeitabstände zu Punktionen und Kathetermaßnahmen mit der Anästhesie abstimmen. Die Prophylaxe nicht automatisch bis zum Ende der Armruhigstellung fortführen [LL4, FI7].

Perioperatives Arzneimittelmanagement

  • Medikationsabgleich: Vor einer Operation bestehende Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, sedierende Arzneimittel und bereits eingenommene Analgetika erfassen. Unterbrechung und Wiederbeginn individuell mit den zuständigen Ärzten abstimmen [LL3, LL4, FI1, FI2, FI4].
  • Postoperative Analgesie: Nichtopioide Analgetika nach Eignung einsetzen; Opioide bei Bedarf ergänzen. Nach Regionalanästhesie einen rechtzeitigen Übergang zur weiteren Schmerztherapie vorsehen [LL1, LL2].
  • Arzneimittelrisiken: Bei älteren Patienten besonders auf Sedierung, Delir (akuten Verwirrtheitszustand), Obstipation, Atemdepression und Sturzrisiko achten; bei NSAR zusätzlich Nierenfunktion und Blutungsrisiko berücksichtigen [LL1, FI2, FI4].
  • Entlassungsmedikation: Wirkstoff, Einnahmehäufigkeit, zulässige Höchstdosis, Behandlungsdauer, Warnsymptome und Beendigung der Therapie eindeutig dokumentieren [FI1-FI4].

Beachte

  • Fortbestehende oder zunehmende Schmerzen: Erneute klinische Untersuchung statt alleiniger Steigerung der Analgetikadosis; eine mechanische, neurologische oder infektiöse Ursache prüfen [LL1, LL2].
  • Fragilitätsfraktur (Knochenbruch bei geringer Belastung aufgrund verminderter Knochenfestigkeit): Nach einem Niedrigenergietrauma eine mögliche Osteoporose (Knochenschwund) und das Risiko weiterer Frakturen abklären. Die Behandlung einer zugrunde liegenden Osteoporose ist von der akuten Frakturanalgesie zu unterscheiden [LL2].
  • Kinder und Jugendliche: Alters- und gewichtsangepasste Analgesie; bei leichten bis mäßigen Schmerzen kommen Paracetamol oder Ibuprofen infrage. Für Reposition und starke Schmerzen gelten gesonderte pädiatrische Behandlungskonzepte [LL1].

Red Flags

  • Verdacht auf Kompartmentsyndrom (gefährlichen Druckanstieg in einer Muskelkammer): Zunehmende, unverhältnismäßig starke Schmerzen, insbesondere bei passiver Fingerbewegung, gespannte Schwellung oder neue neurologische Ausfälle erfordern eine sofortige unfallchirurgische Beurteilung.
  • Neurovaskuläre Beeinträchtigung (Störung der Nervenfunktion oder Durchblutung): Neue Sensibilitätsstörungen (Empfindungsstörungen), motorische Ausfälle oder eine kalte, blasse Hand erfordern eine dringliche Kontrolle von Frakturstellung und Ruhigstellung.
  • Infektionsverdacht: Zunehmende Rötung, Wundsekretion, Fieber oder eine offene Verletzung erfordern eine zeitnahe ärztliche Abklärung.
  • Arzneimittelkomplikation: Ausgeprägte Schläfrigkeit oder verlangsamte Atmung unter Opioiden, schwere Blutung unter Antikoagulation sowie Agranulozytosewarnsymptome unter Metamizol erfordern unverzügliche Maßnahmen [FI3, FI4, FI7].

Abkürzungen

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • FI: Produktinformation
  • I. E.: Internationale Einheiten
  • LL: Leitlinie
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika
  • VTE: Venöse Thromboembolie

Literatur

  1. Aliuskevicius M, Østgaard SE, Vestergaard P et al.: The Influence of Ibuprofen on the Healing of Nonsurgically Treated Colles' Fractures. Orthopedics 2021;44(2):105-110. doi: 10.3928/01477447-20201216-04
  2. Chang M, Kasper A, Chung J et al.: The Effect of Nonsteroidal Anti-Inflammatory Drugs on Union Rates Following Operative Repair of Distal Radius Fractures. Journal of Hand Surgery Global Online 2025;7(4):100720. doi: 10.1016/j.jhsg.2025.03.001

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. National Institute for Health and Care Excellence: Fractures (non-complex): assessment and management. NICE guideline NG38, Februar 2016. Empfehlungen; Langfassung [LL1]
  2. American Academy of Orthopaedic Surgeons, American Society for Surgery of the Hand: Management of Distal Radius Fractures. Clinical Practice Guideline, Dezember 2020. Leitlinie und Begleitmaterialien [LL2]
  3. S3-Leitlinie: Perioperative und Periinterventionelle Antibiotikaprophylaxe. (AWMF-Registernummer: 067-009), Version 5.0, September 2024. Langfassung [LL3]
  4. S3-Leitlinie: Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). (AWMF-Registernummer: 003-001), Version 4.1, Januar 2026. Langfassung [LL4]
  5. National Institute for Health and Care Excellence: Venous thromboembolism in over 16s: reducing the risk of hospital-acquired deep vein thrombosis or pulmonary embolism. NICE guideline NG89, März 2018, aktualisiert August 2019; insbesondere Empfehlungen 1.11.15 und 1.11.16. Empfehlungen [LL5]

Produktinformationen

  1. ratiopharm GmbH: Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Stand Dezember 2024. Produktinformation [FI1]
  2. ratiopharm GmbH: IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten, Filmtabletten. Stand Juni 2026. Produktinformation [FI2]
  3. A. Nattermann & Cie. GmbH: Novalgin Filmtabletten. Stand November 2024. Produktinformation [FI3]
  4. ratiopharm GmbH: Morphin-ratiopharm Injektionslösung. Stand Oktober 2023. Produktinformation [FI4]
  5. B. Braun Melsungen AG: Lidocain Braun 1 % Injektionslösung. Stand Oktober 2014. Produktinformation [FI5]
  6. Fresenius Kabi Deutschland GmbH: Cephazolin Fresenius 2 g, Pulver zur Herstellung einer Injektions- oder Infusionslösung. Stand April 2026. Produktinformation [FI6]
  7. Sanofi-Aventis Deutschland GmbH: Clexane 2.000 I. E.-10.000 I. E., Injektionslösung in Fertigspritzen; Clexane multidose, Injektionslösung. Stand Januar 2022. Produktinformation [FI7]