Listeriose in der Schwangerschaft

Listeriose (Infektion mit Listerien) in der Gravidität (Schwangerschaft) ist eine seltene, aber potenziell hochgefährliche invasive Infektion durch Listeria monocytogenes. Die maternale (mütterliche) Symptomatik (Beschwerden) ist oft unspezifisch oder mild, während fetale (das ungeborene Kind betreffende) und neonatale (das Neugeborene betreffende) Komplikationen (Folgen) wie Abort (Fehlgeburt), Totgeburt, Frühgeburt, neonatale Sepsis und Meningitis (Hirnhautentzündung) im Vordergrund stehen [1-6].

Synonyme und ICD-10

  • Schwangerschaftsassoziierte Listeriose
  • Maternale/fetomaternale Listeriose
  • Neugeborenenlisteriose
  • ICD-10-GM: A32.-

Charakteristische Laborbefunde

  • Kein pathognomonischer (krankheitstypischer) Routinelaborbefund
  • Häufig entzündliche Konstellation mit erhöhtem C-reaktivem Protein (CRP) und/oder Leukozytose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen), jedoch mit geringer Spezifität (Treffsicherheit) [1, 3, 5]
  • Diagnostisch entscheidend ist der kulturelle Erregernachweis aus normalerweise sterilem (keimfreiem) Material, primär aus Blut; in geburtshilflichen Konstellationen zusätzlich aus Plazenta (Mutterkuchen), Fruchtwasser oder neonatalem Material [1, 3-6]

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Kleines Blutbild
  • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) bzw. BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
  • Blutkulturen – bei klinischem Verdacht auf invasive Listeriose obligat; idealerweise vor Beginn einer antibiotischen Therapie, möglichst aus mehreren Sets [1, 3, 5]
  • Urinstatus – primär zur differentialdiagnostischen Abklärung anderer infektiologischer Ursachen bei Fieber in der Schwangerschaft
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin; fakultativ zur Mitbeurteilung systemischer Beteiligung und zur Differentialdiagnostik
  • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin; relevant vor antiinfektiver Therapie und im Rahmen der allgemeinen klinischen Beurteilung
  • Gerinnungsparameter – PTT, Quick; bei schwerem septischem Verlauf, Blutungskonstellation oder geburtshilflicher Komplikation

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Fruchtwasser – kultureller Erregernachweis bzw. Nukleinsäurenachweis (Nachweis von Erbmaterial) nur in ausgewählten geburtshilflichen Konstellationen; keine Screeninguntersuchung [1, 5]
  • Plazenta/Plazentagewebe – kulturelle und histopathologische (feingewebliche) Untersuchung nach Geburt, Abort oder intrauterinem (im Mutterleib erfolgten) Fruchttod; diagnostisch besonders wertvoll bei maternaler Antibiotikavorbehandlung oder negativen maternalen Blutkulturen [1, 4-6]
  • Liquor (Nervenwasser) – bei neurologischer (das Nervensystem betreffender) Symptomatik oder Verdacht auf Meningitis/Enzephalitis (Hirnhaut-/Gehirnentzündung)
  • Neonatales Material – Blutkultur, Liquor, ggf. Magensaft/Mekonium (Kindspech)/Abstriche entsprechend neonatologischer (das Neugeborene betreffender) Fragestellung [4, 6]
  • Procalcitonin (PCT) – nicht spezifisch für Listeriose, aber im Rahmen der Sepsisdiagnostik bei schwerem Verlauf möglich
  • Differentialdiagnostisch je nach Klinik:
    • Influenzadiagnostik/SARS-CoV-2-Diagnostik – bei grippeähnlicher Symptomatik
    • Urinkultur – bei Verdacht auf Harnwegsinfekt/Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung)
    • TORCH-/STORCH-assoziierte Diagnostik nur bei entsprechender klinischer oder sonographischer (ultraschallbezogener) Konstellation; keine generelle Paralleltestung

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Blut für Blutkulturen
    • Ggf. Liquor
    • Ggf. Fruchtwasser
    • Ggf. Plazenta/Plazentagewebe
    • Ggf. neonatales Blut bzw. neonatales Liquormaterial
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Blutkulturen möglichst vor Einleitung einer antibiotischen Therapie abnehmen
    • Bei geburtshilflicher Verdachtsdiagnose frühzeitige Rücksprache mit Mikrobiologie (Lehre von krankmachenden Keimen) und Perinatalmedizin (Medizin rund um die Zeit kurz vor und nach der Geburt) sinnvoll
  • Störfaktoren
    • Vorbehandlung mit Antibiotika vermindert die Sensitivität (Empfindlichkeit) kultureller Verfahren
    • Ungeeignetes oder verspätet transportiertes Untersuchungsmaterial reduziert die Nachweisrate
    • Fehlende klinische Verdachtsmitteilung an das Labor kann die gezielte mikrobiologische Aufarbeitung verzögern
    • Serologische (auf Antikörpern beruhende) Befunde sind für die Akutdiagnostik unzuverlässig und können fehlinterpretiert werden
  • Methode
    • Goldstandard der Primärdiagnostik ist die kulturelle Anzucht von Listeria monocytogenes aus sterilem Material, insbesondere aus Blutkulturen [1, 3, 5]
    • Erregeridentifikation heute regelhaft mittels Standardkultur in Kombination mit moderner Erregeridentifikation, z. B. MALDI-TOF-Massenspektrometrie; Resistenztestung nach kulturellem Nachweis [1, 5]
    • Molekulare Verfahren können ergänzend eingesetzt werden, sind jedoch nicht flächendeckend Standard der Primärdiagnostik [1, 5]

Interpretation

  • Positive Blutkultur
    • Bei passender Klinik hochrelevant und beweisend für invasive Listeriose [1, 3, 5]
    • In der Schwangerschaft auch bei milder maternaler Symptomatik als potenziell fetogefährdend zu werten [1-6]
  • Positive Plazenta-/Fruchtwasser-/neonatale Kultur
    • Spricht für fetomaternale Transmission (Übertragung von der Mutter auf das Kind) bzw. perinatale (um die Geburt herum auftretende) Infektion [1, 4-6]
  • Entzündungsparameter erhöht
    • Unterstützen den Infektionsverdacht, sind aber unspezifisch [1, 3, 5]
  • Negative Blutkulturen
    • Schließen eine schwangerschaftsassoziierte Listeriose nicht sicher aus, insbesondere nach Antibiotikavorbehandlung; in dieser Konstellation gewinnen Plazenta- und neonatale Proben an Bedeutung [1, 4, 5]
  • Serologie
    • Für die Diagnostik einer akuten Listeriose in der Schwangerschaft nicht geeignet und nicht empfohlen [1, 5]

Weiterführende Diagnostik

  • Fetale Sonographie (Ultraschalluntersuchung des ungeborenen Kindes) – bei gesicherter oder hochgradig verdächtiger maternaler Listeriose zur Beurteilung von Wachstum, Fruchtwassermenge, Zeichen einer Infektion und fetalem Zustand
  • Kardiotokographie (Aufzeichnung der kindlichen Herztöne und der Wehen) – je nach Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) und klinischer Situation
  • Histopathologische Untersuchung der Plazenta – nach Geburt/Abort/Totgeburt sinnvoll
  • Neonatologische Infektionsdiagnostik unmittelbar post partum (nach der Geburt) bei Verdacht auf intrauterine (im Mutterleib erfolgte) oder perinatale Transmission
  • Bei septischem oder neurologischem Verlauf erweiterte internistische/infektiologische Diagnostik einschließlich Liquordiagnostik

Klinische Hinweise

  • Schwangerschaftsassoziierte Listeriose ist klinisch oft oligosymptomatisch (mit wenigen Beschwerden); schon Fieber, Myalgien (Muskelschmerzen), grippeähnliche Beschwerden oder gastrointestinale (den Magen-Darm-Trakt betreffende) Symptome nach potenzieller Exposition (Kontakt) sollten in der Gravidität an Listeriose denken lassen [1-3, 5]
  • Die Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit) schwangerschaftsassoziierter Verläufe ist deutlich länger als bei gastrointestinalen Kurzverläufen und liegt typischerweise im Bereich von etwa 17-67 Tagen, median (Mittelwert) etwa 27,5 Tage [2, 5]
  • Bei begründetem klinischem Verdacht sollte nicht auf serologische Tests gesetzt werden; entscheidend sind Blutkulturen und bei geburtshilflichen Komplikationen die mikrobiologische Untersuchung von Plazenta bzw. fetalem/neonatalem Material [1, 3-6]
  • Eine frühzeitige antimikrobielle Therapie (Behandlung mit gegen Keime wirksamen Medikamenten) ist prognostisch (für den Krankheitsverlauf) relevant; in Leitungs- und Review-Literatur gelten Ampicillin/Amoxicillin, bei schwerem invasivem Verlauf häufig in Kombination mit Gentamicin, als Standardtherapie, während Cephalosporine keine verlässliche Wirksamkeit gegen Listeria monocytogenes besitzen [1, 3, 5, 6]
  • Prävention (Vorbeugung) ist in der Gravidität essenziell: Verzicht auf Rohmilchprodukte, nicht ausreichend erhitzte Fleisch- und Fischprodukte, gekühlte verzehrfertige Hochrisikolebensmittel sowie konsequente Küchen- und Kühlschrankhygiene [1, 7]

Literatur

  1. Kraus V Jr, Čižmárová B, Birková A. Listeria in Pregnancy—The Forgotten Culprit. Microorganisms. 2024;12(10):2102. https://doi.org/10.3390/microorganisms12102102
  2. Khsim IEF, Mohanaraj-Anton A, Horte IB, Lamont RF, Khan KS, Jørgensen JS, Amezcua-Prieto C. Listeriosis in pregnancy: An umbrella review of maternal exposure, treatment and neonatal complications. BJOG. 2022;129(9):1427-1433. https://doi.org/10.1111/1471-0528.17073
  3. Ke Y, Ye L, Zhu P, Sun Y, Zhu Z. Listeriosis during pregnancy: a retrospective cohort study. BMC Pregnancy Childbirth. 2022;22(1):261.
    https://doi.org/10.1186/s12884-022-04613-2
  4. Vidal EN, Rajadurai VS, Anand AJ, Chandran S. Listeriosis During Pregnancy and in Newborns: 18 Years of Data From a Large Tertiary Hospital in Singapore. J Pediatric Infect Dis Soc. 2020;9(4):498-501. https://doi.org/10.1093/jpids/piz059
  5. Craig AM, Dotters-Katz S, Kuller JA, Thompson JL. Listeriosis in Pregnancy: A Review. Obstet Gynecol Surv. 2019;74(6):362-368.
    https://doi.org/10.1097/OGX.0000000000000683
  6. Elinav H, Hershko-Klement A, Valinsky L, Jaffe J, Wiseman A, Shimon H, Braun E, Paitan Y, Block C, Sorek R, et al. Pregnancy-Associated Listeriosis: Clinical Characteristics and Geospatial Analysis of a 10-Year Period in Israel. Clin Infect Dis. 2014;59(7):953-961. https://doi.org/10.1093/cid/ciu504
  7. Lopes LCP, et al. Prevention of Listeriosis in pregnancy: a scoping review. Rev Bras Saúde Mater Infant. 2025;25:e20240095. https://doi.org/10.1590/1806-9304202520240095-en