Windpocken (Varizellen) in der Schwangerschaft
Varizellen in der Gravidität (Windpocken in der Schwangerschaft) bezeichnen eine Primärinfektion (Erstinfektion) mit dem Varicella-Zoster-Virus (VZV) während der Schwangerschaft. Für die Labordiagnostik ist entscheidend, zwischen bestehender Immunität (Schutz), akuter Primärinfektion und pränataler Abklärung (Untersuchung vor der Geburt) einer möglichen fetalen Beteiligung (Beteiligung des ungeborenen Kindes) zu unterscheiden.
Im Unterschied zu älteren diagnostischen Schemata sind die Komplementbindungsreaktion (KBR) sowie routinemäßige IgA- und IgM-Bestimmungen heute nicht mehr Bestandteil einer modernen Standarddiagnostik; für die Immunitätsabklärung ist VZV-IgG relevant, für die Bestätigung einer akuten Infektion primär die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) aus Hautläsionen (Hautveränderungen).
Synonyme
- Varizellen
- Windpocken
- Chickenpox
- Primäre VZV-Infektion
- ICD-10-GM B01.-
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum für VZV-IgG bei Exposition (Ansteckungskontakt) oder unklarem Immunstatus
- Abstrich aus frischen Vesikeln (Bläschen), Bläscheninhalt oder Krustenmaterial für VZV-PCR bei klinisch manifester Erkrankung
- Ggf. Fruchtwasser für VZV-PCR im Rahmen der pränatalen Diagnostik, nicht zur Primärdiagnostik der Mutter
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Bei Exposition in der Schwangerschaft sollte die serologische Klärung (Antikörper-Abklärung) des Immunstatus zeitnah erfolgen
- Störfaktoren
- Serologie (Antikörperuntersuchung): methodenabhängige Unterschiede der Assays, grenzwertige Befunde, eingeschränkte Aussagekraft einzelner IgM-Befunde
- PCR: falschnegative Befunde bei ungeeignetem Material, zu spätem Probenzeitpunkt oder unzureichender Probenentnahme
- Nach Impfung können kommerzielle IgG-Tests serologische Antworten unvollständig erfassen
- Methode
- VZV-IgG: Enzymimmunoassay/Chemilumineszenz-Immunoassay zur Immunitätsbeurteilung
- VZV-PCR: Nukleinsäurenachweis aus Läsionsmaterial, diagnostische Methode der Wahl bei akuter Erkrankung
- Ggf. VZV-PCR aus Fruchtwasser frühestens etwa 6 Wochen nach mütterlicher Infektion und nur in Kombination mit gezielter fetaler Ultraschalldiagnostik (Ultraschalluntersuchung des ungeborenen Kindes)
| Subgruppe / Material / Test | Referenzbereich |
| Serum / VZV-IgG | negativ, grenzwertig oder positiv (qualitativ bzw. assayabhängig quantitativ) |
| Läsionsmaterial / VZV-PCR | negativ |
| Fruchtwasser / VZV-PCR | negativ |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Abklärung des VZV-Immunstatus nach Exposition in der Schwangerschaft
- Bestätigung einer klinisch vermuteten akuten Varizelleninfektion
- Differentialdiagnostische Abgrenzung (Abgrenzung anderer möglicher Ursachen) von anderen vesikulären Exanthemen (bläschenförmigen Hautausschlägen)
- Pränatale Abklärung bei gesicherter mütterlicher Primärinfektion, insbesondere im ersten oder frühen zweiten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel)
- Einschätzung des neonatalen Risikos (Risikos für das Neugeborene) bei maternaler (mütterlicher) Erkrankung im peripartalen Zeitraum (um die Geburt herum)
Interpretation
- Erhöhte Werte
- VZV-IgG positiv
- Hinweis auf zurückliegende Infektion oder Impfimmunität
- Bei isoliert positivem IgG kein Hinweis auf eine akute Primärinfektion
- VZV-PCR aus Läsionsmaterial positiv
- Belegt eine aktuelle VZV-Infektion; zur Unterscheidung zwischen Varizellen und Herpes zoster (Gürtelrose) ist die klinische Korrelation erforderlich
- VZV-PCR aus Fruchtwasser positiv
- Hinweis auf intrauterinen Viruskontakt (Viruskontakt im Mutterleib), jedoch kein sicherer Beweis eines fetalen Varizellensyndroms
- VZV-IgG positiv
- Erniedrigte Werte
- VZV-IgG negativ
- Kein serologischer Hinweis auf Immunität
- Bei relevanter Exposition besteht Suszeptibilität (Empfänglichkeit für eine Infektion); ein postexpositionelles Management (Vorgehen nach einem Ansteckungskontakt) ist erforderlich
- VZV-PCR negativ
- Schließt eine Infektion bei ungeeignetem Probenmaterial oder ungünstigem Entnahmezeitpunkt nicht sicher aus
- VZV-IgG negativ
- Spezifische Konstellationen
- Ein isolierter VZV-IgM-Befund ist für die Diagnosesicherung unzuverlässig und sollte nicht als alleinige Grundlage für die Diagnose einer Primärinfektion dienen
- Die Kombination aus gezielter Sonographie (Ultraschall) und Fruchtwasser-PCR hat einen guten negativen Vorhersagewert; der positive Vorhersagewert ist jedoch begrenzt
Weiterführende Diagnostik
- Verlaufssonographie des Feten (Ultraschall-Verlaufskontrolle des ungeborenen Kindes) bei gesicherter mütterlicher Primärinfektion
- Detaillierte Fehlbildungsdiagnostik (genaue Untersuchung auf Fehlbildungen), typischerweise ab etwa 4 Wochen nach mütterlichem Exanthem (Hautausschlag)
- Fruchtwasser-PCR frühestens etwa 6 Wochen nach mütterlicher Infektion
- Bei schwerer maternaler Erkrankung ergänzend Standardlabor je nach Klinik, z. B. Blutbild, Entzündungsparameter, Leberparameter, Nierenparameter, Blutgasanalyse
- Neonatologische Mitbeurteilung (Mitbeurteilung durch Neugeborenenmediziner) bei peripartaler maternaler Varizelleninfektion
Klinische Hinweise
- Epidemiologie und Übertragung
- Varizellen sind hochkontagiös (stark ansteckend).
- Eine Exposition in der Schwangerschaft ist vor allem bei fehlender Immunität relevant.
- Auch Herpes zoster kann infektiös sein; das Risiko ist bei lokalisiertem, bedecktem Zoster eines immunkompetenten Patienten (Patienten mit normal funktionierendem Immunsystem) gering, steigt aber bei disseminiertem (ausgebreitetem) oder exponiertem Zoster.
- Relevanter Erstschritt nach Exposition
- Bei unklarer oder negativer Varizellenanamnese (Vorgeschichte zu Windpocken) sollte unverzüglich VZV-IgG bestimmt werden.
- Eine relevante Exposition wird unter anderem definiert als Kontakt im selben Raum über mindestens 15 Minuten, Face-to-face-Kontakt oder Exposition auf einer großen offenen Station.
- Postexpositionsprophylaxe
- Nicht immune Schwangere mit relevanter Exposition sollten eine postexpositionelle Prophylaxe (vorbeugende Behandlung nach Ansteckungskontakt) erhalten.
- Aktuelle Leitlinien (medizinische Handlungsempfehlungen) empfehlen als erste Wahl eine orale antivirale Prophylaxe mit Aciclovir oder Valaciclovir an den Tagen 7-14 nach Exposition.
- Varizella-Zoster-Immunglobulin (VZIG) ist eine Alternative, wenn antivirale Substanzen kontraindiziert (nicht anwendbar) sind oder nicht vertragen werden; es kann bis zu 10 Tage nach Exposition wirksam eingesetzt werden.
- Maternaler Verlauf
- Varizellen verlaufen bei Erwachsenen schwerer als bei Kindern; in der Schwangerschaft sind insbesondere Pneumonie (Lungenentzündung), Hepatitis (Leberentzündung) und Enzephalitis (Gehirnentzündung) gefürchtet.
- Schwangere mit respiratorischen Symptomen (Beschwerden der Atmung) oder klinischer Verschlechterung müssen umgehend stationär (im Krankenhaus) beurteilt werden.
- Fetales Risiko
- Bei maternaler Varizelleninfektion im ersten oder frühen zweiten Trimenon besteht ein kleines, aber relevantes Risiko für ein fetales Varizellensyndrom.
- Das Risiko wird in aktuellen Übersichten mit etwa 0,4-2,0 % angegeben.
- Typische Manifestationen (typische Krankheitszeichen) umfassen narbige Hautläsionen, Extremitätenhypoplasien (unterentwickelte Gliedmaßen) sowie okuläre (die Augen betreffende) und neurologische (das Nervensystem betreffende) Schäden.
- Peripartale und neonatale Konstellationen
- Entwickelt die Mutter den Varizellenausschlag 5 Tage vor bis 2 Tage nach der Entbindung, besteht ein hohes Risiko für neonatale Varizellen (Windpocken beim Neugeborenen).
- Die historische Mortalität (Sterblichkeit) lag bei etwa 30 %; unter Verfügbarkeit von VZV-Immunglobulin und intensivmedizinischer Versorgung wird aktuell etwa 7 % angegeben.
- Herpes zoster in der Schwangerschaft
- Eine VZV-Reaktivierung (Wiederaktivierung des Virus) im Sinne eines Herpes zoster ist im Gegensatz zur Primärinfektion in der Regel nicht mit einem erhöhten Risiko kongenitaler (angeborener) Fehlbildungen assoziiert.
- Impfung
- Der Varizellen-Lebendimpfstoff ist in der Schwangerschaft kontraindiziert.
- Seronegative Frauen sollten präkonzeptionell (vor einer geplanten Schwangerschaft) oder postpartal (nach der Geburt) geimpft werden.
Literatur
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