Ringelröteln in der Schwangerschaft

Das Erythema infectiosum (Ringelröteln) ist die klinische Manifestation einer Infektion mit humanem Parvovirus B19. In der Gravidität (Schwangerschaft) ist die maternale (mütterliche) Infektion meist selbstlimitierend, klinisch jedoch vor allem wegen der möglichen diaplanzentaren Transmission (Übertragung über den Mutterkuchen) mit fetaler Anämie (Blutarmut des ungeborenen Kindes), nichtimmunem Hydrops fetalis (schwere Flüssigkeitsansammlung beim ungeborenen Kind) und intrauterinem Fruchttod (Tod des ungeborenen Kindes im Mutterleib) relevant [1-5].

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Synonyme

  • Ringelröteln
  • Fifth disease
  • Megalerythema infectiosum
  • Exanthema infectiosum
  • 5. Krankheit

Charakteristische Laborbefunde

  • Akute/rezente Infektion: Parvovirus-B19-IgM positiv, häufig mit gleichzeitig positivem oder im Verlauf serokonvertierendem Parvovirus-B19-IgG [1-4]
  • Durchgemachte Infektion/Immunschutz: Parvovirus-B19-IgG positiv bei negativem Parvovirus-B19-IgM [1-4]
  • Fehlender Immunschutz: Parvovirus-B19-IgG negativ und Parvovirus-B19-IgM negativ [1-4]
  • Bei unklarer Serologie (Untersuchung auf Antikörper im Blut), Immundefizienz (Abwehrschwäche) oder sehr früher Testung: ergänzend Parvovirus-B19-DNA-Nachweis mittels Nukleinsäureamplifikation [1-4]

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum oder Plasma zur Bestimmung von Parvovirus-B19-IgG und Parvovirus-B19-IgM
    • Gegebenenfalls EDTA-Blut oder Plasma für den Parvovirus-B19-DNA-Nachweis
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Wesentlich sind Angaben zu Expositionszeitpunkt, Symptombeginn und Gestationsalter (Schwangerschaftsalter)
    • Vorliegende Vorbefunde aus der Schwangerschaft sollten einbezogen werden
  • Störfaktoren
    • Zu frühe Blutentnahme vor Serokonversion (Übergang von einem negativen zu einem positiven Antikörperbefund) mit initial falsch-negativen Resultaten
    • Grenzwertige oder assayabhängig (testabhängig) unterschiedliche serologische Befunde
    • Persistenz von IgM-Antikörpern über Wochen bis Monate
    • Abgeschwächte oder fehlende Antikörperantwort bei Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr)
  • Methode
    • Serologischer Nachweis von Parvovirus-B19-IgG und Parvovirus-B19-IgM mittels Immunoassay (Labortest zum Nachweis bestimmter Eiweiße)
    • Bei Bedarf ergänzender Nachweis von Parvovirus-B19-DNA mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR)

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich
Parvovirus-B19-IgG Qualitativ assayabhängig: negativ, grenzwertig oder positiv
Parvovirus-B19-IgM Qualitativ assayabhängig: negativ, grenzwertig oder positiv
Parvovirus-B19-DNA Nicht nachweisbar
Serologische Konstellation IgG positiv/IgM negativ: Hinweis auf durchgemachte Infektion und Immunität (Schutz)
Serologische Konstellation IgG negativ/IgM negativ: kein serologischer Hinweis auf Immunität oder akute Infektion; bei frischer Exposition Verlaufskontrolle erforderlich
Serologische Konstellation IgM positiv mit/ohne IgG positiv: vereinbar mit akuter oder rezenten Infektion; Bestätigung im Verlauf sinnvoll

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Exposition einer Schwangeren gegenüber einer gesicherten oder wahrscheinlichen Parvovirus-B19-Infektion [1-5]
  • Klinischer Verdacht bei Exanthem (Hautausschlag), Arthralgien (Gelenkschmerzen), leichtem Fieber oder viralem Prodromalstadium (früher Krankheitsphase mit unspezifischen Beschwerden) in der Gravidität [1-4]
  • Abklärung fehlender Immunität nach relevantem Kontakt [1-4]
  • Sonographischer (ultraschallgestützter) Verdacht auf fetale Anämie oder nichtimmunen Hydrops fetalis [2-5]
  • Differentialdiagnostische Abklärung bei intrauterinem Fruchttod oder unklarer fetaler Hydrops-Konstellation [2-6]

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Parvovirus-B19-IgM positiv: Hinweis auf akute oder rezente Infektion; wegen möglicher Persistenz nur im klinischen Kontext interpretierbar [1-4]
    • Parvovirus-B19-IgG positiv: Hinweis auf abgelaufene Infektion und in der Regel bestehende Immunität; bei gleichzeitig positivem IgM auch mit frischer Infektion vereinbar [1-4]
    • Parvovirus-B19-DNA nachweisbar: Hinweis auf aktive Virämie (Vorhandensein von Viren im Blut) [1-4]
  • Erniedrigte Werte
    • IgG negativ und IgM negativ: fehlender serologischer Immunschutz; bei frischer Exposition Kontrollserologie erforderlich [1-4]
    • Nicht nachweisbare Parvovirus-B19-DNA: kein molekularer (auf Molekülebene beruhender) Hinweis auf Virämie zum Untersuchungszeitpunkt
  • Spezifische Konstellationen
    • IgG positiv und IgM negativ: durchgemachte Infektion mit Immunität [1-4]
    • IgG negativ und IgM positiv: frühe Primärinfektion (Erstinfektion) möglich; Kontrollserologie und gegebenenfalls PCR sinnvoll [1-4]
    • IgG positiv und IgM positiv: akute oder rezente Infektion beziehungsweise persistierende IgM-Reaktivität; Verlaufskontrolle empfohlen [1-4]
    • Bei bestätigter maternaler Primärinfektion ist der serologische Befund für die fetale Prognose (Vorhersage des weiteren Verlaufs für das ungeborene Kind) allein nicht ausreichend; entscheidend ist die sonographische und dopplersonographische (Ultraschalluntersuchung der Blutströmung) Überwachung [2-5]

Weiterführende Diagnostik

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Parvovirus-B19-IgG
  • Parvovirus-B19-IgM

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Parvovirus-B19-DNA im Blut bei unklarer Serologie, Immundefizienz oder Verdacht auf sehr frühe Infektion [1-4]
  • Bei Exanthem in der Gravidität zusätzliche serologische oder molekulare Abklärung anderer relevanter Differenzialdiagnosen wie Röteln, Masern, Varizellen (Windpocken) oder Zytomegalie je nach klinischer Konstellation

Medizingerätediagnostik

  • Spezialisierte sonographische Untersuchung bei gesicherter maternaler Primärinfektion [2-5]
  • Dopplersonographie der Arteria cerebri media (mittlere Hirnschlagader) zur Abschätzung einer fetalen Anämie [2-5]
  • Bei hochgradigem Verdacht auf schwere fetale Anämie: fetale Blutentnahme und gegebenenfalls intrauterine (innerhalb der Gebärmutter) Transfusion (Blutübertragung) in einem spezialisierten Zentrum [2-6]

Klinische Hinweise

  • Eine maternale Parvovirus-B19-Infektion verläuft in der Gravidität häufig asymptomatisch (ohne Beschwerden); fehlende maternale Symptome schließen daher eine relevante fetale Exposition nicht aus [1-5].
  • Nach gesicherter maternaler Primärinfektion ist eine pränatalmedizinische (vorgeburtliche) Mitbetreuung erforderlich [2-5].
  • Das Risiko schwerer fetaler Komplikationen ist vor allem bei Infektionen in der ersten Schwangerschaftshälfte erhöht, insbesondere bis etwa zur 20. Schwangerschaftswoche [2-6].
  • Die wesentlichen fetalen Komplikationen sind schwere fetale Anämie, nichtimmuner Hydrops fetalis, Abort (Fehlgeburt) und intrauteriner Fruchttod [2-6].
  • Bei bestätigter maternaler Primärinfektion sollte eine engmaschige sonographische und dopplersonographische Überwachung des Fetus (ungeborenen Kindes) erfolgen, in der Regel über 8-12 Wochen nach dem vermuteten Infektionszeitpunkt [2-5].
  • Ein unauffälliger maternaler Serologiebefund unmittelbar nach Exposition schließt eine frische Infektion nicht sicher aus; bei fehlendem Immunschutz ist daher eine Kontrollserologie erforderlich [1-4].
  • Ein positiver Parvovirus-B19-IgG-Nachweis bei negativem IgM spricht in der Regel für eine abgelaufene Infektion und bestehende Immunität [1-4].
  • Parvovirus B19 ist nicht primär teratogen (fehlbildungsverursachend); die fetale Gefährdung beruht vor allem auf der virusbedingten Suppression der Erythropoese (Unterdrückung der Bildung roter Blutkörperchen) mit nachfolgender Anämie und möglicher Herzinsuffizienz (Herzschwäche) des Fetus [2-6].
  • Bei Verdacht auf schwere fetale Anämie ist die Vorstellung in einem spezialisierten Zentrum erforderlich, da gegebenenfalls eine fetale Blutentnahme und intrauterine Transfusion indiziert sein kann [2-6].
  • Ein routinemäßiges generelles Serologiescreening aller Schwangeren wird derzeit nicht empfohlen; die Diagnostik erfolgt anlassbezogen bei Exposition, klinischem Verdacht oder sonographischen Auffälligkeiten [1-4].
  • Nach dem Ende der COVID-19-Pandemie wurde eine erhöhte Parvovirus-B19-Aktivität mit Zunahme maternaler Infektionen beschrieben; dies erhöht die praktische Relevanz einer frühzeitigen Diagnostik bei Exposition in der Schwangerschaft [3, 7, 8].

Literatur

  1. Dittmer FP, Guimarães CM, Peixoto AB, Pontes KFM, Bonasoni MP, Tonni G, Araujo Júnior E. Parvovirus B19 Infection and Pregnancy: Review of the Current Knowledge. J Pers Med. 2024;14(2):139. https://doi.org/10.3390/jpm14020139
  2. Kagan KO, Hoopmann M, Geipel A, Sonek J, Enders M. Prenatal parvovirus B19 infection. Arch Gynecol Obstet. 2024;310(5):2363-2371. https://doi.org/10.1007/s00404-024-07644-6
  3. Jiménez Cruz J, Axt-Fliedner R, Berg C, Faschingbauer F, Kagan KO, Knabl J, Lauten A, Lehmann H, Stepan H, Tavares de Sousa M, Verlohren S, Germer U, Weichert J, Strizek B, Geipel A. Ongoing outbreak of maternal parvovirus B19 infections in Germany since end of 2023: consequence of COVID-19 pandemic? Ultrasound Obstet Gynecol. 2025;65(4):456-461. https://doi.org/10.1002/uog.29197
  4. Sorrenti S, Deuster E, D'Antonio F et al.: Parvovirus B19 Infection in Pregnancy: Perinatal Outcomes Derived from a Systematic Review and Meta-Analysis. Am J Obstet Gynecol. 2026;online ahead of print. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2026.03.002
  5. Bascietto F, Liberati M, Murgano D et al.: Outcome of fetuses with congenital parvovirus B19 infection: systematic review and meta-analysis. Ultrasound Obstet Gynecol. 2018;52(5):569-576. https://doi.org/10.1002/uog.19092
  6. Enders M, Weidner A, Zoellner I, Searle K, Enders G. Fetal morbidity and mortality after acute human parvovirus B19 infection in pregnancy: prospective evaluation of 1018 cases. Prenat Diagn. 2004;24(7):513-518. https://doi.org/10.1002/pd.940
  7. Hernandez-Romieu AC et al.: Notes from the Field: Parvovirus B19 Activity - United States, January 2024-May 2025. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2025;74(23):410-411. https://doi.org/10.15585/mmwr.mm7423a3
  8. Russcher A et al.: Extreme upsurge of parvovirus B19 resulting in severe fetal morbidity and mortality. Lancet Infect Dis. 2024;24(8):e475-e476. https://doi.org/10.1016/S1473-3099(24)00373-6