Lues-Suchreaktion

Die Lues-Suchreaktion (LSR) ist kein einzelner Test, sondern ein serologisches Suchverfahren (Suchverfahren im Blut) zum Screening (Reihenuntersuchung) auf eine Infektion (Ansteckung) mit Treponema pallidum, dem Erreger der Syphilis. Sie dient dem initialen Nachweis treponemenspezifischer Antikörper und wird in der modernen Labordiagnostik überwiegend mit automatisierten treponemalen Immunoassays durchgeführt. Positive oder grenzwertige Suchreaktionen müssen durch eine Bestätigungsdiagnostik und eine Aktivitätsbeurteilung mit einem nicht-treponemalen Test eingeordnet werden [1-4].

Eine Syphilis-Diagnose (Feststellung einer Syphilis) darf nicht auf einem einzelnen serologischen Testergebnis beruhen. Erforderlich ist die Kombination aus Anamnese (Krankengeschichte), klinischem Befund (Untersuchungsbefund), Stadium (Krankheitsstadium), treponemalem Test, nicht-treponemalem Test und gegebenenfalls direktem Erregernachweis oder Liquordiagnostik bei Verdacht auf Neurosyphilis [1-4].

Synonyme

  • Lues-Serologie
  • Syphilis-Serologie
  • Syphilis-Suchtest
  • Treponema-pallidum-Antikörper-Suchtest
  • Treponema-pallidum-Test

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Plasma, je nach Testsystem EDTA-, Citrat- oder Heparinplasma
  • Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser) bei Verdacht auf Neurosyphilis (Syphilis des Nervensystems), immer zusammen mit zeitgleicher Serumdiagnostik
  • Direktmaterial aus Läsionen (Gewebeschädigungen), nur für Spezialdiagnostik mittels Polymerase-Kettenreaktion oder Dunkelfeldmikroskopie geeignet

Vorbereitung des Patienten

  • Keine Nüchternblutabnahme erforderlich
  • Dokumentation von früherer Syphilis, Vorbehandlung, Therapiedatum und früheren Titern erforderlich
  • Dokumentation von Schwangerschaft, HIV-Infektion, Risikokontakt, Ulkus (Geschwür), Exanthem (Hautausschlag), neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems) und Antibiotikatherapie erforderlich
  • Bei Verdacht auf sehr frühe Syphilis Wiederholung der Serologie nach 2-4 Wochen, da serologische Tests in der Frühphase noch negativ sein können

Störfaktoren

  • Sehr frühe Primärsyphilis (frühes Anfangsstadium der Syphilis) mit noch fehlender oder niedriger Antikörperbildung
  • Vorbehandelte oder früher durchgemachte Syphilis mit persistierend (anhaltend) positiven treponemalen Antikörpern
  • Falsch-positive nicht-treponemale Tests, insbesondere bei Schwangerschaft, Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen mit Abwehrreaktion gegen körpereigenes Gewebe), höherem Lebensalter, akuten Infektionen, intravenösem Drogenkonsum, Malignomen (bösartigen Tumoren) oder anderen entzündlichen Zuständen
  • Prozoneneffekt bei sehr hohen Antikörpertitern, vor allem bei sekundärer Syphilis (zweites Krankheitsstadium der Syphilis), möglich; bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit und negativem nicht-treponemalem Test sollte eine Verdünnungsreihe angefordert werden
  • Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) und HIV-Infektion können atypische serologische Konstellationen verursachen
  • Hämolyse, Lipämie, Ikterus (Gelbsucht), falsche Lagerung oder wiederholtes Einfrieren und Auftauen können je nach Testsystem interferieren
  • Treponemale Antikörper bleiben häufig lebenslang positiv und sind daher nicht zur Therapiekontrolle geeignet

Methode

  • Treponemale Suchtests
    • Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA)
    • Chemilumineszenz-Immunoassay (CLIA)
    • Elektrochemilumineszenz-Immunoassay (ECLIA)
    • Treponema-pallidum-Partikelagglutinationstest (TPPA)
    • Treponema-pallidum-Hämagglutinationstest (TPHA)
  • Treponemale Bestätigungstests
    • TPPA oder TPHA als zweiter treponemaler Test bei abweichendem Testprinzip
    • Treponema-pallidum-Immunoblot
    • Fluoreszenz-Treponemen-Antikörper-Absorptionstest (FTA-ABS), heute vor allem spezialdiagnostisch
  • Nicht-treponemale Tests zur Aktivitätsbeurteilung und Verlaufskontrolle
    • Rapid Plasma Reagin-Test (RPR)
    • Venereal Disease Research Laboratory-Test (VDRL)
    • Toluidine Red Unheated Serum Test (TRUST), regional unterschiedlich verwendet
  • Direkter Erregernachweis
    • Polymerase-Kettenreaktion aus Läsionsmaterial bei klinisch verdächtigem Ulkus oder Schleimhautläsion (Schleimhautschädigung), wenn verfügbar
    • Dunkelfeldmikroskopie aus frischen Läsionen, nur bei entsprechender Expertise (Fachkenntnis) und sofortiger Untersuchung
  • Liquordiagnostik bei Verdacht auf Neurosyphilis
    • Zellzahl, Eiweiß, Liquor/Serum-Albuminquotient
    • Liquor-VDRL oder Liquor-RPR, hohe Spezifität, eingeschränkte Sensitivität
    • Treponemale Liquortests, hohe Sensitivität, aber begrenzte Spezifität für aktive Neurosyphilis

Normbereiche (je nach Labor)

Parameter/Test Referenzbereich/Normalbefund Bewertung
Treponemaler Suchtest, z. B. ELISA, CLIA, ECLIA, TPPA, TPHA Nicht reaktiv/negativ Kein serologischer Hinweis auf Treponema-pallidum-Antikörper; Frühinfektion bei kurzer Expositionszeit nicht ausgeschlossen
Treponemaler Bestätigungstest, z. B. TPPA, TPHA, Immunoblot Nicht reaktiv/negativ Kein bestätigter treponemaler Antikörpernachweis
RPR/VDRL qualitativ Nicht reaktiv/negativ Kein serologischer Aktivitätsmarker nachweisbar
RPR/VDRL quantitativ Kein Titer nachweisbar Bei positivem Befund Angabe als Titer, z. B. 1:2, 1:4, 1:8, 1:16; Verlauf nur mit derselben Methode und möglichst demselben Labor zuverlässig vergleichbar
Liquor-VDRL/Liquor-RPR Nicht reaktiv/negativ Negativer Befund schließt Neurosyphilis nicht sicher aus

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Cut-off-Werte, Indexwerte und Graubereiche müssen nach Herstellerangaben und laborinternen Validierungen interpretiert werden.

Indikationen 

  • Screening auf Syphilis bei klinischem Verdacht, z. B. genitales (die Geschlechtsorgane betreffendes), anal/perianales (den After/die Afterumgebung betreffendes) oder orales (den Mund betreffendes) Ulkus, makulopapulöses Exanthem (fleckig-knötiger Hautausschlag), palmoplantares Exanthem (Hautausschlag an Handflächen und Fußsohlen), Condylomata lata (breite Feigwarzen), generalisierte Lymphadenopathie (allgemeine Lymphknotenschwellung) oder unklare Schleimhautläsionen
  • Screening in der Schwangerschaft im Rahmen der Mutterschafts-Richtlinie
  • Abklärung nach sexuellem Risikokontakt
  • Diagnostik bei anderen sexuell übertragbaren Infektionen, insbesondere HIV-Infektion
  • Screening bei Männern, die Sex mit Männern haben, bei Sexarbeit, häufig wechselnden Sexualpartnern oder Präexpositionsprophylaxe (vorbeugende Medikamenteneinnahme vor einem Ansteckungsrisiko) gegen HIV
  • Abklärung unklarer neurologischer, ophthalmologischer (augenärztlicher) oder otologischer Symptome (ohrbezogener Beschwerden) bei möglicher Syphilis
  • Abklärung bei Verdacht auf kongenitale Syphilis (angeborene Syphilis)
  • Blut-, Gewebe- und Organspender-Screening nach geltenden Vorgaben
  • Therapiekontrolle und Verlaufsbeurteilung mit quantitativem RPR oder VDRL

Interpretation

Erhöhte Werte/positive Befunde

  • Reaktiver treponemaler Suchtest
    • Hinweis auf aktuelle, frühere oder behandelte Syphilis
    • Keine sichere Aussage zur Krankheitsaktivität ohne nicht-treponemalen Test
    • Bestätigung durch zweiten treponemalen Test mit anderem Testprinzip erforderlich, wenn die Befundkonstellation unklar ist
  • Reaktiver nicht-treponemaler Test, z. B. RPR oder VDRL
    • Hinweis auf aktive oder kürzlich behandelte Syphilis bei gleichzeitig positivem treponemalem Test
    • Titerhöhe korreliert nur näherungsweise mit Krankheitsaktivität und Infektiosität (Ansteckungsfähigkeit)
    • Ein vierfacher Titerabfall, entsprechend zwei Verdünnungsstufen, z. B. von 1:32 auf 1:8, gilt als wesentliches serologisches Therapiekriterium
  • Persistierend niedriger RPR-/VDRL-Titer nach Therapie
    • Vereinbar mit serofast-Konstellation, wenn klinisch kein Hinweis auf Reinfektion (erneute Ansteckung) oder Therapieversagen besteht

Erniedrigte Werte/negative Befunde

  • Negativer treponemaler und negativer nicht-treponemaler Test
    • Kein serologischer Hinweis auf Syphilis
    • Bei sehr früher Infektion, frischem Risikokontakt oder typischer Klinik Wiederholung nach 2-4 Wochen erforderlich
  • Negativer nicht-treponemaler Test bei positivem treponemalem Test
    • Vereinbar mit früher behandelter Syphilis
    • Vereinbar mit Spätlatenz (spätem Krankheitsstadium ohne Symptome) oder später Syphilis mit niedrigem oder negativem nicht-treponemalem Titer
    • Vereinbar mit sehr früher Syphilis vor Auftreten nicht-treponemaler Antikörper
    • Vereinbar mit falsch-positivem treponemalem Suchtest, insbesondere bei niedriger Prätestwahrscheinlichkeit (Wahrscheinlichkeit vor der Untersuchung)

Spezifische Konstellationen

  • Treponemaler Test positiv, RPR/VDRL positiv
    • Aktive Syphilis, Reinfektion oder unzureichend behandelte Syphilis möglich
    • Klinische Stadieneinteilung und Therapieentscheidung erforderlich
    • Ausgangstiter für Verlaufskontrolle dokumentieren
  • Treponemaler Test positiv, RPR/VDRL negativ
    • Früher behandelte Syphilis, Spätlatenz, sehr frühe Infektion oder falsch-positiver treponemaler Test möglich
    • Zweiter treponemaler Test mit anderem Testprinzip empfohlen
    • Bei Risikokontakt oder klinischem Verdacht Verlaufskontrolle nach 2-4 Wochen
  • Treponemaler Test negativ, RPR/VDRL positiv
    • Biologisch falsch-positiver nicht-treponemaler Test wahrscheinlich
    • Sehr frühe Syphilis selten möglich
    • Wiederholung und Abklärung möglicher Ursachen, z. B. Autoimmunerkrankung, Schwangerschaft oder akute Infektion
  • Treponemaler Test negativ, RPR/VDRL negativ
    • Kein serologischer Hinweis auf Syphilis
    • Bei typischer Klinik oder frischer Exposition (Kontakt mit Ansteckungsrisiko) Wiederholung nach 2-4 Wochen
  • Verdacht auf Neurosyphilis
    • Keine Diagnose allein anhand eines positiven Serumtests
    • Liquoruntersuchung nur bei neurologischen, okulären (das Auge betreffenden) oder otologischen Symptomen beziehungsweise entsprechender klinischer Konstellation
    • Liquor-VDRL oder Liquor-RPR sind spezifisch, aber nicht ausreichend sensitiv
  • Schwangerschaft
    • Lues-Suchreaktion möglichst früh in der Schwangerschaft
    • Bei positiver Suchreaktion unverzügliche Bestätigungsdiagnostik und stadiengerechte Therapie
    • Dokumentation im Mutterpass nur über die Durchführung, nicht über das Ergebnis

Vergleich der Laborstrategien

Algorithmus Erster Test Folgetest Vorteile Nachteile
Klassischer Algorithmus Nicht-treponemaler Test, z. B. RPR oder VDRL Treponemaler Test, z. B. TPPA, TPHA, ELISA oder Immunoblot Kostengünstig, Aktivitätsmarker von Beginn an integriert, gute Eignung für Verlaufskontrolle Geringere Sensitivität bei früher Primärsyphilis und später Syphilis, falsch-positive Reaktionen möglich
Reverse Algorithmus Treponemaler Immunoassay, z. B. ELISA, CLIA oder ECLIA RPR oder VDRL; bei diskordanter Konstellation zweiter treponemaler Test, z. B. TPPA Automatisierbar, hohe Durchsatzfähigkeit, gute Sensitivität für frühere oder späte Infektionen Mehr Nachweis früher behandelter Infektionen, mehr abklärungsbedürftige diskordante Befunde bei niedriger Prätestwahrscheinlichkeit

Weiterführende Diagnostik

  • Quantitativer RPR oder VDRL als Ausgangswert vor Therapie
  • Zweiter treponemaler Test mit anderem Testprinzip bei diskordanter oder grenzwertiger Befundkonstellation
  • Treponema-pallidum-Immunoblot bei unklarer Serologie
  • Polymerase-Kettenreaktion aus Läsionsmaterial bei früher Primärsyphilis und noch negativer oder unklarer Serologie, sofern verfügbar
  • HIV-Test sowie Screening auf weitere sexuell übertragbare Infektionen, insbesondere Gonorrhoe (Tripper), Chlamydieninfektion und Hepatitis B/C (Leberentzündung Typ B/C) je nach Risikoprofil
  • Liquordiagnostik bei neurologischer Symptomatik (Beschwerdebild), okulärer Syphilis (Syphilis des Auges), otosyphilitischer Symptomatik (ohrbezogenem Beschwerdebild) oder klinischem Verdacht auf Neurosyphilis
  • Partnerdiagnostik und Partnertherapie nach infektiologischem (infektionsmedizinischem) und dermatovenerologischem Standard
  • Verlaufskontrolle mit demselben nicht-treponemalen Testverfahren, vorzugsweise im selben Labor

Klinische Hinweise

  • Die Lues-Suchreaktion ist ein Screening- und Einstiegstest, keine alleinige Diagnose einer aktiven Syphilis.
  • Treponemale Tests zeigen eine immunologische Exposition gegenüber Treponema pallidum an, unterscheiden aber nicht zuverlässig zwischen aktiver, latenter (verborgener), früherer oder behandelter Syphilis.
  • Nicht-treponemale Tests sind für Aktivitätsbeurteilung und Therapiekontrolle erforderlich, können aber falsch-positiv oder in frühen und späten Stadien falsch-negativ sein.
  • Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit darf eine negative Frühserologie eine Syphilis nicht endgültig ausschließen.
  • Bei Verdacht auf Primärsyphilis mit Ulkus sollte zusätzlich ein direkter Erregernachweis aus der Läsion erwogen werden, sofern verfügbar.
  • Die Therapiekontrolle sollte quantitativ erfolgen; ein vierfacher Titerabfall gilt als wesentliches Kriterium des serologischen Ansprechens, muss aber stadien- und ausgangstiterabhängig interpretiert werden.

Literatur

  1. Papp JR, Park IU, Fakile Y, Pereira L, Pillay A, Bolan GA. CDC Laboratory Recommendations for Syphilis Testing, United States, 2024. MMWR Recomm Rep. 2024;73(1):1-32. https://doi.org/10.15585/mmwr.rr7301a1
  2. Janier M, Unemo M, Dupin N, Tiplica GS, Potočnik M, Patel R. 2020 European guideline on the management of syphilis. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2021;35(3):574-588. https://doi.org/10.1111/jdv.16946
  3. Satyaputra F, Hendry S, Braddick M, Sivabalan P, Norton R. The Laboratory Diagnosis of Syphilis. J Clin Microbiol. 2021;59(10):e0010021. https://doi.org/10.1128/JCM.00100-21
  4. Sadoghi B, Stary G, Wolf P. Syphilis. J Dtsch Dermatol Ges. 2023;21(5):504-517. https://doi.org/10.1111/ddg.14999
  5. Xie JW, Xiao Y, You Y, Zhang YF, Peng RR, Wang AL et al.: Performance of the nontreponemal tests and treponemal tests on cerebrospinal fluid for the diagnosis of neurosyphilis: a meta-analysis. Front Public Health. 2023;11:1105847. https://doi.org/10.3389/fpubh.2023.1105847
  6. Gemeinsamer Bundesausschuss. Richtlinie über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Geburt: Mutterschafts-Richtlinie. In Kraft getreten am 19.12.2023.  https://www.g-ba.de/richtlinien/19/