Hämoglobin

Hämoglobin (Hb) ist der eisenhaltige Proteinkomplex der Erythrozyten (roten Blutkörperchen) und dient dem Transport von Sauerstoff und Kohlendioxid. Es verleiht dem Blut seine rote Farbe und ist der zentrale Laborparameter zur Beurteilung einer Anämie (Blutarmut) oder Polyglobulie (Vermehrung der roten Blutkörperchen).

Beim gesunden Erwachsenen besteht das Hämoglobin überwiegend aus HbA1 (α2β2; ca. 96-98 %), daneben aus HbA2 (α2δ2; ca. 2-3,5 %) sowie geringen Anteilen von HbF (α2γ2; <1 %).

Synonyme

  • Hb
  • Hämoglobin
  • Blutfarbstoff
  • Haemoglobin

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • 2-3 ml EDTA-Blut
    • Bestimmung im Rahmen des kleinen Blutbildes
    • Röhrchen unmittelbar nach der Blutentnahme sorgfältig mischen
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Nüchternheit ist nicht erforderlich
  • Störfaktoren
    • Ungenügende Durchmischung der Blutprobe
    • Gerinnselbildung im EDTA-Röhrchen
    • Ausgeprägte Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen), Lipämie (erhöhte Blutfette) oder Leukozytose (vermehrte weiße Blutkörperchen)
    • Verdünnungseffekt nach unmittelbar vorangegangener intravenöser Flüssigkeitsgabe
    • Physiologisch erhöhte Werte bei Aufenthalt in großer Höhe oder bei Rauchern
  • Methode
    • Automatisierte photometrische Bestimmung im Hämatologieanalysator (Gerät zur Untersuchung der Blutzellen)
    • Standardverfahren meist nach der Sodium-Lauryl-Sulfate-Methode oder Cyanhämoglobinmethode

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Geschlecht Referenzbereich
Männer 14,0-18,0 g/dl (140-180 g/l)
Frauen 12,0-16,0 g/dl (120-160 g/l)
Schwangere, 2. Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) ≥ 10,5 g/dl
Anämiegrenze Männer < 13,0 g/dl
Anämiegrenze Frauen < 12,0 g/dl

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Basisdiagnostik im kleinen Blutbild
  • Abklärung einer vermuteten Anämie
  • Diagnostik einer Polyglobulie bzw. Polyzythämie (krankhafte Vermehrung der roten Blutkörperchen)
  • Verlaufskontrolle bei Eisenmangel, Blutverlust oder chronischer Erkrankung
  • Überwachung bei chronischer Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Tumorerkrankungen oder hämatologischen Erkrankungen (Erkrankungen des Blutes)
  • Präoperative Risikostratifizierung (Risikobeurteilung vor einer Operation)
  • Kontrolle unter Therapie mit Eisen, Vitamin B12, Folsäure oder Erythropoetin

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Exsikkose bzw. Dehydratation (Flüssigkeitsmangel)
    • Chronische Hypoxie (anhaltender Sauerstoffmangel), z. B. bei chronischer Lungenerkrankung, Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) oder Aufenthalt in großer Höhe
    • Rauchen
    • Polyglobulie
    • Polycythaemia vera
  • Erniedrigte Werte
    • Anämie unterschiedlicher Genese (Ursache)
    • Eisenmangelanämie
    • Anämie bei chronischer Erkrankung
    • Vitamin-B12-Mangel oder Folsäuremangel
    • Akuter oder chronischer Blutverlust
    • Chronische Niereninsuffizienz
    • Hämolytische Anämien (Blutarmut durch vermehrten Zerfall roter Blutkörperchen)
    • Knochenmarkerkrankungen (Erkrankungen des Knochenmarks)
  • Spezifische Konstellationen
    • Niedriges Hb in Kombination mit niedrigem Ferritin spricht für eine Eisenmangelanämie.
    • Niedriges Hb, niedriges Serumeisen und erhöhtes Ferritin sprechen für eine Anämie bei chronischer Erkrankung.
    • Erhöhtes Hb zusammen mit erhöhtem Hämatokrit (Anteil der Blutzellen am Blutvolumen) und erhöhter Erythrozytenzahl sprechen für eine Polyglobulie.
    • Persistierend erhöhtes Hb bei Verdacht auf Polycythaemia vera erfordert die Bestimmung von Erythropoetin sowie eine JAK2-Mutationsanalyse (Untersuchung auf eine typische Genveränderung).
    • HbF (α2γ2) ist beim Fetus (ungeborenen Kind) das dominierende Hämoglobin; bei gesunden Erwachsenen ist es nur in Spuren nachweisbar.
    • Bei Verdacht auf Sichelzellanämie (erblich bedingte Erkrankung der roten Blutkörperchen): Hb-Elektrophorese oder molekulargenetische Diagnostik (Untersuchung des Erbguts).
    • Bei Verdacht auf Beta-Thalassämie (erblich bedingte Störung der Hämoglobinbildung): HbA2-Bestimmung und genetische Untersuchung.

Weiterführende Diagnostik

  • Kleines Blutbild und Erythrozytenindices (MCV, MCH, MCHC)
  • Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen)
  • Eisenstatus mit Ferritin, Transferrinsättigung und Serumeisen
  • Vitamin B12 und Folsäure
  • Nierenparameter – Kreatinin, Cystatin C, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (Maß für die Nierenfunktion)
  • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein), BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
  • Hämolyseparameter – Bilirubin, Laktatdehydrogenase, Haptoglobin
  • Hb-Elektrophorese bei Verdacht auf Hämoglobinopathie (Erkrankung des Hämoglobins)
  • Erythropoetin und JAK2-Mutationsanalyse bei Verdacht auf Polycythaemia vera

Literatur

  1. World Health Organization. Guideline on haemoglobin cutoffs to define anaemia in individuals and populations. Geneva: World Health Organization; 2024.
  2. Braat S, Fielding KL, Han J et al.: Haemoglobin thresholds to define anaemia from age 6 months to 65 years: estimates from international data sources. Lancet Haematol. 2024;11(4):e253-e264. https://doi.org/10.1016/S2352-3026(24)00030-9
  3. Buhl H, Keil S, Kasper M et al.: The impact of anemia and blood transfusion on mortality after open abdominal surgery in the elderly. Langenbecks Arch Surg. 2023;408:421. https://doi.org/10.1007/s00423-023-03122-w
  4. Muñoz M, Acheson AG, Auerbach M et al.: International consensus statement on the peri-operative management of anaemia and iron deficiency. Anaesthesia. 2017;72(2):233-247. https://doi.org/10.1111/anae.13773