HBs-Antigen

Das HBs-Antigen (Hepatitis-B-Oberflächenantigen; hepatitis B surface antigen, HBsAg) ist ein Proteinbestandteil (Eiweißbestandteil) der Virushülle (Virusaußenhülle) des Hepatitis-B-Virus (HBV). Der Nachweis von HBs-Antigen im Serum (Blutflüssigkeit ohne Gerinnungsfaktoren) oder Plasma (Blutflüssigkeit mit Gerinnungsfaktoren) ist ein zentraler Marker (Hinweiswert) einer aktuellen Hepatitis-B-Virusinfektion (Infektion mit dem Hepatitis-B-Virus) und kann sowohl bei akuter (plötzlich auftretender) als auch bei chronischer (lang andauernder) Hepatitis B (Leberentzündung durch Hepatitis-B-Virus) positiv sein [1-5].

HBs-Antigen gehört zusammen mit Anti-HBs und Anti-HBc zur Basisserologie (Basisuntersuchung von Antikörpern im Blut) der Hepatitis-B-Diagnostik (Untersuchung auf Hepatitis B). Ein positiver HBs-Antigen-Befund zeigt eine aktuelle HBV-Infektion an, erlaubt allein jedoch keine sichere Unterscheidung zwischen akuter und chronischer Infektion (Ansteckung) und ersetzt nicht die HBV-DNA-Bestimmung zur Beurteilung der Virusreplikation (Virusvermehrung) [1-5].

Synonyme

  • Hepatitis-B-Oberflächenantigen
  • HBsAg
  • HBV surface antigen
  • Australia-Antigen, historische Bezeichnung

Charakteristische Laborbefunde

  • HBs-Antigen positiv bei aktueller HBV-Infektion, akut oder chronisch.
  • Persistenz (Fortbestehen) von HBs-Antigen über mehr als 6 Monate spricht für eine chronische HBV-Infektion.
  • HBs-Antigen positiv zusammen mit Anti-HBc-IgM spricht für eine akute HBV-Infektion; Anti-HBc-IgM kann jedoch auch bei Reaktivierung (Wiederaufflammen) oder schwerem Schub (Krankheitsverschlechterung) einer chronischen HBV-Infektion positiv sein.
  • HBs-Antigen positiv mit nachweisbarer HBV-DNA zeigt aktive Virusreplikation an; die Infektiosität (Ansteckungsfähigkeit) wird besser durch HBV-DNA, HBe-Antigen und klinischen Kontext (Krankheitszusammenhang) beurteilt.
  • HBs-Antigen negativ schließt eine sehr frühe Infektion, eine okkulte (verborgene) HBV-Infektion oder seltene Varianten (Abwandlungen) mit verändertem Oberflächenantigen nicht sicher aus.

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Plasma, abhängig vom Testsystem und den Herstellerangaben

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich.
  • Keine Nüchternblutabnahme erforderlich.
  • Bei Verlaufskontrollen sollte möglichst dasselbe Labor beziehungsweise dasselbe Testsystem verwendet werden, insbesondere bei quantitativer HBs-Antigen-Bestimmung.

Störfaktoren

  • Stark hämolytische (durch Zerfall roter Blutkörperchen veränderte), lipämische (durch Blutfette getrübte) oder ikterische (durch Gelbsuchtfarbstoff veränderte) Proben können methodenabhängig zu fehlerhaften Ergebnissen führen.
  • Heterophile Antikörper, humane Anti-Maus-Antikörper, Rheumafaktoren und andere unspezifische Immuninterferenzen (Störungen durch Abwehrstoffe) können selten falsch-positive oder falsch-negative Immunoassay-Ergebnisse verursachen.
  • Hochdosierte Biotin-Einnahme kann biotinabhängige Immunoassays methodenabhängig stören; die Herstellerangaben des jeweiligen Testsystems sind zu beachten.
  • Sehr frühe Infektionsphase, sehr niedrige Antigenkonzentrationen, HBsAg-Mutanten (veränderte Virusformen) oder okkulte HBV-Infektion können zu falsch-negativen Ergebnissen führen.
  • Kurz nach Hepatitis-B-Impfung (Schutzimpfung gegen Hepatitis B) kann HBs-Antigen vorübergehend reaktiv sein; dies ist bei der Befundinterpretation zu berücksichtigen.
  • Ein isoliert reaktiver Screeningbefund sollte bei niedriger Reaktivität durch Bestätigungstest, Wiederholungsmessung oder ergänzende HBV-Serologie abgesichert werden.

Methode

  • Qualitativer oder semiquantitativer Immunoassay, zum Beispiel Enzymimmunoassay, Chemilumineszenz-Immunoassay, Elektrochemilumineszenz-Immunoassay oder Mikropartikel-Chemilumineszenz-Immunoassay.
  • Reaktive Screeningbefunde werden je nach Laboralgorithmus durch Neutralisationstest, Wiederholungsmessung mit einem unabhängigen Testsystem oder ergänzende HBV-Serologie bestätigt.
  • Quantitative HBs-Antigen-Bestimmungen werden in Internationalen Einheiten pro Milliliter (IU/ml) angegeben und dienen vor allem der Verlaufsbeurteilung bei chronischer Hepatitis B, der Therapieplanung und der Beurteilung einer funktionellen Heilung.

Normbereiche (je nach Labor)

Untersuchung Referenzbereich/Interpretation
HBs-Antigen, qualitativ Nicht reaktiv/negativ
HBs-Antigen, reaktiv/positiv Hinweis auf aktuelle HBV-Infektion; Bestätigung und vollständige HBV-Serologie erforderlich
HBs-Antigen, quantitativ Angabe in IU/ml; keine allgemeingültige Normgrenze, Interpretation nur im klinischen Kontext und abhängig vom Testsystem

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Basisdiagnostik bei Verdacht auf akute oder chronische Hepatitis B.
  • Abklärung erhöhter Leberparameter, insbesondere Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP) und Bilirubin.
  • Screening auf HBV-Infektion bei Risikokonstellationen (Risikosituationen), zum Beispiel Dialyse (Blutwäsche), Herkunft aus Regionen mit erhöhter HBV-Prävalenz (Häufigkeit), intravenöser (in die Vene erfolgender) Drogengebrauch, Männer, die Sex mit Männern haben, HIV-Infektion, Hepatitis-C-Virusinfektion, sexuell übertragbare Infektionen, Haushalts- oder Sexualkontakt zu HBs-Antigen-positiven Personen.
  • Schwangerschaftsscreening auf Hepatitis B.
  • Abklärung vor immunsuppressiver (abwehrunterdrückender), immunmodulierender (das Immunsystem beeinflussender) oder zytostatischer (zellwachstumshemmender) Therapie, insbesondere vor Rituximab, anderen B-Zell-depletierenden Therapien, hochdosierter Corticosteroidtherapie, Chemotherapie, Biologika oder Transplantation.
  • Untersuchung nach Nadelstichverletzung oder anderer relevanter Blut- beziehungsweise Schleimhautexposition (Kontakt mit Blut oder Schleimhaut).
  • Blut-, Gewebe- und Organspenderscreening.
  • Verlaufskontrolle bei bekannter chronischer Hepatitis B, insbesondere zur Beurteilung von HBs-Antigen-Verlust, Serokonversion (Wechsel des Antikörperstatus) und funktioneller Heilung.

Interpretation

Erhöhte Werte beziehungsweise positive Befunde

  • Akute HBV-Infektion: HBs-Antigen ist typischerweise früh nachweisbar; die Diagnose einer akuten Hepatitis B erfordert die Zusammenschau mit Anti-HBc-IgM, HBV-DNA, Leberparametern und klinischem Verlauf.
  • Chronische HBV-Infektion: Persistenz von HBs-Antigen über mehr als 6 Monate definiert eine chronische HBV-Infektion.
  • HBV-Reaktivierung: Wiederauftreten oder Anstieg von HBs-Antigen und/oder HBV-DNA unter oder nach Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) kann eine HBV-Reaktivierung anzeigen.
  • Hohe quantitative HBs-Antigen-Werte: Können bei chronischer HBV-Infektion mit hoher intrahepatischer (innerhalb der Leber gelegener) HBV-Transkriptionsaktivität (Ableseaktivität des Virus-Erbguts) assoziiert sein; die Viruslast wird jedoch durch HBV-DNA quantifiziert.
  • Positiver Befund nach Impfung: Kurzfristige HBs-Antigen-Positivität nach Hepatitis-B-Impfung ist möglich und muss von einer Infektion abgegrenzt werden.

Erniedrigte Werte beziehungsweise negative Befunde

  • Kein Nachweis von HBs-Antigen: Kein serologischer Hinweis auf eine aktuelle HBs-Antigen-positive HBV-Infektion.
  • Ausgeheilte HBV-Infektion: HBs-Antigen negativ, Anti-HBc positiv und Anti-HBs positiv.
  • Impfimmunität (Impfschutz): HBs-Antigen negativ, Anti-HBc negativ und Anti-HBs positiv.
  • Sehr frühe Infektion: HBs-Antigen kann initial noch negativ sein; bei relevantem Verdacht sind Wiederholungstestung und HBV-DNA-Bestimmung erforderlich.
  • Okkulte HBV-Infektion: HBs-Antigen negativ bei nachweisbarer HBV-DNA, meist mit positivem Anti-HBc; klinisch relevant vor allem bei Immunsuppression, Lebererkrankung oder Blut-/Organspende.

Spezifische Konstellationen

  • HBs-Antigen-Verlust: Verlust von HBs-Antigen gilt als zentrales Kriterium einer funktionellen Heilung, insbesondere wenn zusätzlich Anti-HBs nachweisbar wird.
  • HBs-Antigen positiv und HBe-Antigen positiv: Häufig Hinweis auf hohe Virusreplikation; HBV-DNA ist zur Quantifizierung erforderlich.
  • HBs-Antigen positiv und Anti-HDV positiv: Hinweis auf mögliche Hepatitis-D-Virus-Koinfektion (gleichzeitige Infektion mit dem Hepatitis-D-Virus) oder Superinfektion (zusätzliche Infektion); HDV-RNA sollte ergänzend bestimmt werden.
  • HBs-Antigen negativ und isoliert Anti-HBc positiv: Differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung anderer Ursachen) möglich sind abgelaufene HBV-Infektion mit Anti-HBs-Verlust, falsch-positiver Anti-HBc-Befund, okkulte HBV-Infektion oder frühe Rekonvaleszenzphase (Erholungsphase); HBV-DNA und Verlaufskontrolle können erforderlich sein.

Weiterführende Diagnostik

  • Anti-HBs zur Beurteilung von Immunität (Schutz vor Infektion) nach Impfung oder ausgeheilter Infektion.
  • Anti-HBc gesamt und Anti-HBc-IgM zur Unterscheidung zwischen durchgemachter, akuter, chronischer oder reaktivierter HBV-Infektion.
  • HBe-Antigen und Anti-HBe zur Einordnung der Replikationsphase (Vermehrungsphase).
  • HBV-DNA quantitativ zur Beurteilung der Viruslast, Therapieindikation, Therapiekontrolle und Reaktivierungsdiagnostik.
  • HDV-Diagnostik bei HBs-Antigen-positiven Personen, initial Anti-HDV, bei positivem Befund HDV-RNA.
  • HIV-Serologie und Hepatitis-C-Virus-Diagnostik bei neu diagnostizierter HBV-Infektion oder Risikokonstellation.
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin, Albumin, Cholinesterase.
  • Gerinnungsparameter – Quick/International Normalized Ratio (INR) bei Verdacht auf relevante hepatische (die Leber betreffende) Synthesestörung (Bildungsstörung).
  • Leberfibrose-Assessment (Beurteilung einer Lebervernarbung), zum Beispiel Elastographie, Fibrosis-4-Index oder weitere nicht-invasive Fibrosemarker.
  • Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) bei chronischer HBV-Infektion und zur Beurteilung von Leberstruktur, Zeichen einer Zirrhose (Leberschrumpfung) und fokalen Leberläsionen (umschriebenen Leberveränderungen).
  • Hepatozelluläres-Karzinom-Surveillance (Leberkrebs-Überwachung) bei entsprechender Risikokonstellation, insbesondere bei Zirrhose, fortgeschrittener Fibrose (Bindegewebsvermehrung) oder weiteren Risikofaktoren.

Klinische Hinweise

  • HBs-Antigen darf nicht isoliert interpretiert werden. Die Standardbeurteilung erfordert mindestens HBs-Antigen, Anti-HBs und Anti-HBc; bei positivem HBs-Antigen sind HBV-DNA, HBe-Antigen, Anti-HBe und Leberparameter erforderlich.
  • Ein positiver HBs-Antigen-Befund ist melde- und abklärungsrelevant und sollte zeitnah in einen vollständigen HBV-Diagnostik- und Betreuungsalgorithmus (Betreuungsablauf) überführt werden.
  • Bei geplanter Immunsuppression reicht ein HBs-Antigen-Test allein nicht aus; erforderlich sind HBs-Antigen, Anti-HBc und Anti-HBs, da auch HBs-Antigen-negative/Anti-HBc-positive Personen ein Reaktivierungsrisiko haben können.
  • Bei Schwangeren mit positivem HBs-Antigen sind HBV-DNA, HBe-Antigen, Leberparameter und hepatologische (leberfachärztliche) Mitbeurteilung relevant, da sich daraus Maßnahmen zur Vermeidung der Mutter-Kind-Transmission (Mutter-Kind-Übertragung) ergeben.
  • Die quantitative HBs-Antigen-Bestimmung ist kein Ersatz für HBV-DNA, kann aber bei chronischer Hepatitis B zusätzliche Informationen zur Verlaufsbeurteilung, Therapieentscheidung und Beurteilung eines HBs-Antigen-Verlusts liefern.

Literatur

  1. European Association for the Study of the Liver. EASL Clinical Practice Guidelines on the management of hepatitis B virus infection. J Hepatol. 2025;83(2):502-583. https://doi.org/10.1016/j.jhep.2025.03.018
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  3. Cornberg M, Sandmann L, Protzer U, Niederau C, Tacke F, Berg T, et al. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Hepatitis-B-Virusinfektion. Z Gastroenterol. 2021;59(7):691-776. https://doi.org/10.1055/a-1498-2512
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