Ozontherapie
Die Ozontherapie umfasst unterschiedliche komplementärmedizinische Verfahren mit einem Sauerstoff-Ozon-Gemisch oder ozonisierten Flüssigkeiten beziehungsweise Ölen. Ozon besteht aus drei Sauerstoffatomen, ist instabil und wirkt stark oxidierend. Seine antimikrobielle Wirkung unter geeigneten experimentellen Bedingungen belegt keine klinische Wirksamkeit gegen Infektionen (Erkrankungen durch Krankheitserreger) im menschlichen Körper [1].
Klinische Einordnung: Nutzen und Risiken müssen für jede Erkrankung und jeden Applikationsweg getrennt beurteilt werden. Ergebnisse lokaler Anwendungen lassen sich nicht auf Eigenblutbehandlungen übertragen. Für eine allgemeine Abwehrstärkung, Revitalisierung oder Verbesserung der Gewebeversorgung besteht kein hinreichender klinischer Wirksamkeitsnachweis. Die untersuchten Verfahren sind überwiegend unzureichend standardisiert; die Sicherheit ist häufig unvollständig erfasst [2, LL2].
Zielsetzung und Wirkprinzipien
- Antimikrobielle Wirkung: Ozon oxidiert mikrobielle Bestandteile, reagiert jedoch auch mit körpereigenen Strukturen. Eine desinfizierende Wirkung außerhalb des Körpers ist kein Nachweis einer sicheren systemischen antiinfektiven Therapie [1, B1].
- Modulation oxidativer Signalwege: Diskutiert werden Effekte reaktiver Folgeprodukte auf antioxidative und entzündungsbezogene Signalwege. Mechanistische Befunde allein belegen weder eine klinisch relevante Immunstimulation noch einen patientenrelevanten Behandlungserfolg [2, 7].
- Schmerzlinderung: Bei Gonarthrose (Kniegelenkverschleiß) wurden nach intraartikulärer Anwendung zeitlich begrenzte Verbesserungen beschrieben. Daraus ergibt sich kein gesicherter Nachweis einer Knorpelregeneration oder einer langfristigen Krankheitsmodifikation [3-5].
Indikationen und klinische Evidenz
Die folgende Übersicht unterscheidet untersuchte Anwendungsgebiete von gesicherten Behandlungsindikationen. Eine Anwendungsempfehlung lässt sich aus einzelnen positiven Studien nicht automatisch ableiten [2, 3].
| Anwendungsgebiet | Evidenz und klinische Bewertung |
|---|---|
| Gonarthrose | Ein Umbrella-Review von 2024 bewertete das methodische Vertrauen in alle eingeschlossenen systematischen Übersichten als kritisch niedrig. Eine Metaanalyse von 2026 mit sieben Studien und 409 Patienten fand Vorteile gegenüber intraartikulären Corticosteroiden bei einzelnen Schmerz- und Funktionsendpunkten, betonte jedoch die eingeschränkte Studienqualität. Eine weitere Metaanalyse von 2026 beschrieb vorwiegend frühe Effekte und keinen konsistenten langfristigen Vorteil. Eine verlässliche Grundlage für eine allgemeine Routineempfehlung fehlt [3-5]. |
| Diabetesbedingte Fußulzera (offene Fußgeschwüre bei Zuckerkrankheit) | Die Leitlinie der International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF) von 2023 empfiehlt, Ozon und andere untersuchte Gase nicht zur Förderung der Wundheilung einzusetzen; die Empfehlung ist stark bei niedriger Evidenzsicherheit. Ozon darf eine erforderliche Druckentlastung, Gefäßbehandlung oder Infektionsbehandlung nicht verzögern [LL1]. |
| Andere chronische Wunden, Dekubitus (Druckgeschwür) und Verbrennungen | Ergebnisse zu diabetesbedingten Fußulzera begründen keine Wirksamkeitsaussage für andere Wundarten. Für eine allgemeine Empfehlung äußerlicher Ozonbehandlungen reicht die vorliegende Evidenz nicht aus [2, LL1]. |
| Onkologische Begleittherapie und Nachsorge | Nach der Onkopedia-Bewertung erlauben die klinischen Daten weder eine belastbare Aussage zur antitumorösen noch zur supportiven Wirksamkeit. Eine Verbesserung von Tumorkontrolle oder Überleben ist nicht belegt [LL2]. |
| Weitere im komplementärmedizinischen Bereich beworbene Anwendungen | Für allgemeine Immunschwäche, Erschöpfungszustände, altersbezogene Revitalisierung sowie eine pauschale Behandlung von Durchblutungsstörungen, Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen durch Abwehrreaktionen gegen körpereigene Strukturen), Stoffwechselerkrankungen oder viralen Erkrankungen (Viruserkrankungen) besteht keine tragfähige Grundlage für eine allgemeine Empfehlung. Die breite Indikationsliste darf nicht als Nachweis einer Wirksamkeit verstanden werden [1, 2, LL2]. |
Kontraindikationen und Sicherheitsgrenzen
- Inhalation: Ozon darf nicht therapeutisch eingeatmet werden. Es schädigt die Atemwege auch bei zuvor lungengesunden Personen; eine vorbestehende Lungenerkrankung ist keine Voraussetzung für die Toxizität [B1].
- Direkte intravasale Gasgabe: Die direkte intravenöse oder intraarterielle Injektion des Sauerstoff-Ozon-Gemischs ist wegen der Gefahr lebensbedrohlicher Gasembolien (Gefäßverschlüsse durch Gasblasen) kontraindiziert. Sie ist von der Rückführung außerhalb des Körpers behandelten Eigenbluts zu unterscheiden [LL2].
- Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel (angeborener Enzymmangel): Ein G6PD-Mangel gilt wegen der verminderten antioxidativen Schutzkapazität der Erythrozyten und des Hämolyserisikos (Risiko eines Zerfalls roter Blutkörperchen) als Kontraindikation systemischer Ozonanwendungen [7].
- Schwangerschaft und Stillzeit: Ausreichende Sicherheitsdaten fehlen. Bei ungesichertem Nutzen ist auf elektive Ozonbehandlungen zu verzichten [LL2].
- Weitere Risikokonstellationen: Unkontrollierte Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) und schwere kardiovaskuläre Instabilität (schwere Instabilität von Herz und Kreislauf) werden in Verfahrensübersichten als Gegenanzeigen beziehungsweise besondere Risiken beschrieben. Diese Angaben sind überwiegend expertenbasiert und nicht mit validierten indikationsbezogenen Sicherheitsstandards gleichzusetzen [7].
Vor der Ozontherapie
- Diagnostische Einordnung: Zunächst sind die Beschwerden ursächlich abzuklären und etablierte Behandlungsoptionen zu prüfen. Besonders bei Wunden müssen relevante Ischämie (Minderdurchblutung) und Infektion erkannt und behandelt werden [LL1].
- Aufklärung: Zu besprechen sind die anwendungsbezogene Evidenzunsicherheit, verfügbare Alternativen, Kosten und Risiken. Fehlende Komplikationsmeldungen sind kein Sicherheitsnachweis [2, 6].
- Prüfung individueller Risiken: Bei einer erwogenen systemischen Anwendung sind insbesondere ein möglicher G6PD-Mangel, Blutungsrisiken und die Begleitmedikation zu berücksichtigen. Arzneimittel dürfen nicht ohne konkrete ärztliche Begründung pausiert werden [7].
- Durchführungsbedingungen: Invasive Anwendungen erfordern aseptisches Arbeiten und ein geeignetes Notfallmanagement; lokale Gasbehandlungen erfordern die Vermeidung einer Freisetzung in die Atemluft [1, 6, B1].
Die Verfahren
| Verfahren | Beschreibung und Einordnung |
|---|---|
| Kleine Ozon-Eigenbluttherapie | Eine geringe Menge entnommenen Eigenbluts wird außerhalb des Körpers mit dem Gasgemisch behandelt und intramuskulär reinjiziert. Eine allgemeine Abwehrstärkung ist nicht hinreichend belegt [1, 2]. |
| Große Ozon-Eigenbluttherapie | Entnommenes venöses Blut wird außerhalb des Körpers unter Antikoagulation behandelt und anschließend intravenös zurückgeführt. Dies ist keine direkte intravenöse Gasinjektion. Auch nach einer solchen Eigenblutbehandlung sind schwere neurologische Komplikationen beschrieben worden [1, 6]. |
| Äußerliche Anwendung | Verwendet werden örtliche Gasapplikationen in abgeschlossenen Systemen oder ozonisierte Flüssigkeiten und Öle. Diese Formen unterscheiden sich hinsichtlich Zusammensetzung und Exposition; ihre Ergebnisse sind nicht untereinander austauschbar [1, 2]. |
| Rektale Insufflation | Das Gasgemisch wird in das Rektum eingebracht. Daraus ergibt sich keine gesicherte Indikation zur Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen [1, 2]. |
| Subkutane, intrakutane und intraartikuläre Injektionen | Das Gasgemisch wird in Gewebe beziehungsweise ein Gelenk injiziert. Die bei Gonarthrose untersuchten Ergebnisse sind weder auf sämtliche Gelenkerkrankungen noch auf andere Injektionswege übertragbar [1, 3-5]. |
| Direkte intravenöse oder intraarterielle Gasinjektion | Gefährlicher und kontraindizierter Applikationsweg; keine Behandlungsempfehlung [LL2]. |
Dosierung und Behandlungsserien: Konzentration, Gasvolumen, Behandlungsdauer und Häufigkeit unterscheiden sich erheblich zwischen Studien. Ein indikationsübergreifend validiertes, zugleich wirksames und sicheres Standardschema besteht nicht [2, 4].
Nach der Ozontherapie
- Nach invasiven Anwendungen: Einstichstellen, Kreislauf und neu aufgetretene Beschwerden sind zu beurteilen. Nach Gelenkinjektionen erfordern zunehmende Schmerzen, Überwärmung, Schwellung oder Fieber eine zeitnahe Abklärung einer möglichen Gelenkinfektion [6, 7].
- Nach äußerlichen Anwendungen: Wundverlauf und Hautverträglichkeit sind zu kontrollieren. Eine Verschlechterung darf nicht zur Fortsetzung einer unwirksamen Behandlung unter Verzögerung der Standardversorgung führen [LL1].
- Verlaufskontrolle: Ein vorab definiertes patientenrelevantes Ziel, beispielsweise Schmerz oder Funktion, ist zu überprüfen. Bei fehlendem Nutzen oder unerwünschten Ereignissen ist die Fortführung neu zu bewerten [2-5].
Mögliche Komplikationen
- Lokale und punktionsbedingte Komplikationen: Schmerzen, Hämatome (Blutergüsse), lokale Reizung und Infektionen sind möglich. Bei Gelenkinjektionen gehört eine septische Arthritis (Gelenkentzündung durch Krankheitserreger) zu den relevanten Risiken [7].
- Komplikationen der Blutbehandlung: Zusätzlich bestehen Risiken der Blutentnahme, Antikoagulation und Rückinfusion. Für zuverlässige Häufigkeitsangaben zu seltenen schweren Ereignissen ist die Datenlage unzureichend [2, 6].
- Neurologische Komplikationen: Ein Fallbericht dokumentiert nach Ozon-Eigenblutbehandlung multiple ischämische Hirnläsionen (mehrere Hirnschäden durch mangelhafte Durchblutung) und bleibende kognitive Einschränkungen (Beeinträchtigungen des Denkens und Erinnerns) bei vermutetem embolischem Mechanismus. Fallberichte belegen ein mögliches Schadenssignal, erlauben aber keine Häufigkeitsschätzung [6].
- Inhalative Toxizität: Möglich sind Schleimhautreizung und Lungenschädigung bis zum Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge), das verzögert auftreten kann [B1].
- Überempfindlichkeitsreaktionen: Beschwerden sind nicht pauschal als „Ozonallergie“ einzuordnen. Irritative beziehungsweise oxidative Schäden sind von Reaktionen auf Begleitstoffe zu unterscheiden [7, B1].
Red Flags (Warnzeichen) bei Ozontherapie
- Akute Atemnot, Thoraxschmerz (Brustschmerz), Bewusstlosigkeit, Krampfanfall oder plötzlich auftretende neurologische Ausfälle: Behandlung sofort beenden und notfallmedizinische Versorgung veranlassen; insbesondere eine Gasembolie beziehungsweise ein Schlaganfall muss unverzüglich abgeklärt werden [6].
- Husten oder Atembeschwerden nach Ozonexposition: Exposition beenden und ärztlich beurteilen lassen; wegen möglicher verzögerter Lungenschädigung ist eine zunächst geringe Symptomatik keine Entwarnung [B1].
Abkürzungsverzeichnis
- G6PD – Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase
- IWGDF – International Working Group on the Diabetic Foot
Literatur
- Elvis AM, Ekta JS: Ozone therapy: A clinical review. J Nat Sci Biol Med. 2011;2(1):66-70. doi: 10.4103/0976-9668.82319. Volltext.
- Cacciatore S, Abbatecola G, Calvani R, Veronese N: Effectiveness and Safety of Ozone Therapy in Humans: An Umbrella Review of Systematic Reviews with Meta-Analyses of Randomized Clinical Trials. Med Sci (Basel). 2026;14(2):289. doi: 10.3390/medsci14020289.
- Lino VTS, Marinho DS, Rodrigues NCP, Andrade CAF: Efficacy and safety of ozone therapy for knee osteoarthritis: an umbrella review of systematic reviews. Front Physiol. 2024;15:1348028. doi: 10.3389/fphys.2024.1348028.
- Chen F, Tao Y, Deng J et al.: The time-effect relationship of intra-articular ozone injection for knee osteoarthritis: a systematic review and meta-analysis. Front Pain Res (Lausanne). 2026;7:1843756. doi: 10.3389/fpain.2026.1843756.
- Arias-Vázquez PI, Castillo-Avila RG, Hernández-Gil K et al.: Ozone injections reduce pain in knee osteoarthritis: a systematic review and meta-analysis. Med Gas Res. 2026;16(3):286-292. doi: 10.4103/mgr.medgasres-d-25-00088.
- Wong CYY, Saxena K, Meneer J et al.: Neurological Crisis Following Intravenous Ozone Therapy; a Case Report. Arch Acad Emerg Med. 2025;13(1):e31. doi: 10.22037/aaemj.v13i1.2592.
- Hidalgo-Tallón FJ, Torres-Morera LM, Baeza-Noci J, Carrillo-Izquierdo MD, Pinto-Bonilla R: Updated Review on Ozone Therapy in Pain Medicine. Front Physiol. 2022;13:840623. doi: 10.3389/fphys.2022.840623.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- International Working Group on the Diabetic Foot: Guidelines on interventions to enhance healing of foot ulcers in people with diabetes (IWGDF 2023 update). 2023. Leitlinienübersicht; Langfassung. [LL1]
- CAM-Cancer Consortium, Kompetenznetz Komplementärmedizin in der Onkologie: Ozontherapie. Onkopedia. Stand November 2021. Volltext. [LL2]
Behördliche und regulatorische Quellen
- U.S. Food and Drug Administration: Maximum acceptable level of ozone. 21 CFR § 801.415. US-amerikanische regulatorische Bewertung und Angaben zur inhalativen Toxizität. Volltext. [B1]