Abnehmen in der Schwangerschaft: Warum Gewichtsreduktion riskant ist

Die Frage, ob Abnehmen während der Schwangerschaft sinnvoll oder sogar gesund sein kann, stellt sich insbesondere bei Frauen mit Übergewicht oder Adipositas. Medizinisch gilt jedoch: Eine gezielte Gewichtsreduktion während der Schwangerschaft wird grundsätzlich nicht empfohlen [1-3]. Der Fokus liegt vielmehr auf einer kontrollierten, an den präkonzeptionellen (vor der Schwangerschaft bestehenden) Body-Mass-Index (BMI, Maßzahl zur Bewertung des Körpergewichts) angepassten Gewichtsentwicklung, um Risiken für Mutter und Kind zu minimieren.

Gleichzeitig zeigen neuere Leitlinienbewertungen und epidemiologische Daten, dass insbesondere bei adipösen Schwangeren eine vermeidende oder sehr geringe Gewichtszunahme unter engmaschiger medizinischer Betreuung mit günstigeren maternalen (die Mutter betreffenden) und fetalen (das ungeborene Kind betreffenden) Outcomes (Ergebnissen) assoziiert sein kann [4-6]. Diese differenzierte Datenlage erfordert eine klare medizinische Einordnung.

Warum Abnehmen in der Schwangerschaft riskant ist

Eine bewusste Kalorienrestriktion (starke Einschränkung der Energiezufuhr), strenge Diäten oder Fastenphasen können in der Schwangerschaft mit relevanten Risiken verbunden sein. Dazu zählen:

  • eine unzureichende Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen,
  • eine vermehrte Bildung von Ketonkörpern (Abbauprodukte des Fettstoffwechsels) bei ausgeprägter Energieeinschränkung [1, 3].

Ketonkörper können neurotoxisch wirken (schädlich für das Nervensystem) und stehen im Verdacht, die fetale neurologische Entwicklung (Entwicklung des kindlichen Nervensystems) negativ zu beeinträchtigen.

Darüber hinaus ist eine geplante Gewichtsreduktion mit einem erhöhten Risiko für intrauterine Wachstumsrestriktion (verzögertes Wachstum des Kindes im Mutterleib), niedriges Geburtsgewicht und Frühgeburt assoziiert [2, 9, 10]. Aus diesen Gründen gilt eine aktive Gewichtsabnahme während der Schwangerschaft weiterhin als kontraindiziert (medizinisch nicht empfohlen), auch bei bestehender Adipositas [4, 5].

Energiebedarf und Nährstoffversorgung in der Schwangerschaft

Die genannten Risiken lassen sich durch den physiologischen Energie- und Nährstoffbedarf in der Schwangerschaft erklären. Entgegen verbreiteten Annahmen steigt der Energiebedarf nur moderat an, während der Bedarf an essenziellen Nährstoffen deutlich zunimmt [1, 3].

  • 1. Trimester (erste drei Monate): kein zusätzlicher Energiebedarf
  • 2. Trimester (viertes bis sechstes Schwangerschaftsmonat): ca. + 250 kcal/Tag
  • 3. Trimester (letzte drei Monate): ca. + 500 kcal/Tag (bei normaler Aktivität) [1, 3]

Entscheidend ist weniger die Kalorienmenge als die Nährstoffdichte der Ernährung. Eine Kalorienrestriktion kann rasch zu Defiziten an Eiweiß, essenziellen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen führen und gleichzeitig die Bildung von Ketonkörpern begünstigen [1].

Übergewicht und Adipositas in der Schwangerschaft

In Deutschland sind rund 19 % der Frauen zu Beginn der Schwangerschaft adipös (BMI ≥ 30 kg/m²), weitere etwa 25 % übergewichtig [6]. Übergewicht und Adipositas erhöhen das Risiko für:

  • Schwangerschaftsdiabetes
  • Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung mit Bluthochdruck) und Hypertonie (Bluthochdruck)
  • Fehl- und Frühgeburten
  • Kaiserschnittentbindungen [7]

Mit steigendem präkonzeptionellem BMI nimmt zudem die Wahrscheinlichkeit für ein Large-for-Gestational-Age-(LGA)-Kind (für das Schwangerschaftsalter zu großes Neugeborenes) zu [2, 3]. LGA ist langfristig mit einem erhöhten Risiko für Adipositas, Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) assoziiert [13-16].

Empfohlene Gewichtszunahme nach BMI

Internationale Empfehlungen, insbesondere des Institute of Medicine (IOM, US-amerikanisches medizinisches Fachgremium), orientieren sich am Körpergewicht vor der Schwangerschaft [4]:

  • Untergewicht (Body-Mass-Index, BMI < 18,5): 12,5-18 kg
  • Normalgewicht (BMI 18,5-24,9): 11,5-16 kg
  • Übergewicht (BMI 25-29,9): 7-11,5 kg
  • Adipositas (BMI ≥ 30): 5-9 kg

Für normalgewichtige Frauen gilt eine Gewichtszunahme von etwa 10-16 kg in der Schwangerschaft als günstig [3]. Bei Übergewicht und Adipositas sollte eine Gewichtszunahme im unteren Bereich angestrebt werden. Eine aktive Gewichtsreduktion wird nicht empfohlen [4, 5].

Risiken bei zu geringer oder zu hoher Gewichtszunahme

Eine zu geringe Gewichtszunahme erhöht das Risiko für:

  • intrauterine Wachstumsrestriktion (verzögertes Wachstum des Kindes im Mutterleib)
  • niedriges Geburtsgewicht
  • Small-for-Gestational-Age-(SGA)-Kinder (für das Schwangerschaftsalter zu kleine Neugeborene)
  • Frühgeburt [2, 9, 10]

Eine zu hohe Gewichtszunahme ist mit einem erhöhten Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung), operative Entbindungen (z. B. Kaiserschnitt) und LGA-Kinder (zu große Neugeborene) assoziiert [2, 3, 6].

Aktuelle Studienlage bei Adipositas

Aktuelle Metaanalysen (Zusammenfassungen vieler Studien) zeigen, dass adipöse Schwangere von einer Gewichtszunahme unterhalb der klassischen IOM-Empfehlungen profitieren können [8, 20, 21]. Eine moderate Gewichtszunahme oder Gewichtsstabilität ist häufig mit einem geringeren Risiko für LGA (zu große Kinder) sowie für eine Sectio (Kaiserschnittentbindung) verbunden [8, 11].

Ein moderater Gewichtsverlust ist zwar mit einem reduzierten LGA-Risiko, jedoch mit einem erhöhten SGA-Risiko (Risiko für zu kleine Kinder) assoziiert, insbesondere bei milder Adipositas [9-11]. Randomisierte Studien bei Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes) zeigen zudem eine verbesserte Glukosekontrolle bei moderater Energieeinschränkung [12]. Eine generelle Empfehlung zur Gewichtsabnahme kann daraus jedoch nicht abgeleitet werden [5, 8].

Stillzeit: Natürliche Gewichtsregulation nach der Geburt

Während der Stillzeit steigt der Energiebedarf um etwa 500 kcal pro Tag bei ausschließlichem Stillen in den ersten 4 bis 6 Monaten. Stillende Frauen verlieren dabei in der Regel mehr Gewicht als Mütter, die nicht stillen. Stillen gilt daher als eine natürliche Phase der gesunden Gewichtsreduktion nach der Geburt. Stillende Frauen verlieren im Durchschnitt mehr Gewicht als nicht stillende Mütter. Die Stillzeit gilt daher als günstige Phase für eine langsame, gesunde Gewichtsreduktion nach der Schwangerschaft [3].

Fazit

Eine Schwangerschaft ist keine geeignete Phase für gezieltes Abnehmen. Entscheidend für die Gesundheit von Mutter und Kind ist vielmehr eine kontrollierte, am Ausgangsgewicht orientierte Gewichtsentwicklung. Sowohl eine zu geringe als auch eine übermäßige Gewichtszunahme können mit Risiken verbunden sein. Neuere Studien zeigen jedoch, dass bei adipösen Schwangeren unter ärztlicher Betreuung eine geringe Gewichtszunahme oder Gewichtsstabilität sinnvoll sein kann. Die eigentliche Gewichtsreduktion sollte idealerweise bereits vor einer Schwangerschaft erfolgen.

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Literatur

  1. Institute of Medicine (US). Weight gain during pregnancy: reexamining the guidelines. Washington (DC): National Academies Press; 2009. doi: 10.17226/12584.
  2. Goldstein RF, Abell SK, Ranasinha S, Misso ML, Boyle JA, Black MH et al. Association of gestational weight gain with maternal and infant outcomes: a systematic review and meta-analysis. JAMA. 2017;317(21):2207–25. doi: 10.1001/jama.2017.3635.
  3. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Ernährung in der Schwangerschaft. Bonn: DGE; 2020. 
  4. Institute of Medicine (US). Weight gain during pregnancy: report brief. Washington (DC): National Academies Press; 2009.
  5. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Adipositas und Schwangerschaft. AWMF-Registernr. 015–081. Berlin; 2020.
  6. Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG). Qualitätsreport Geburtshilfe – Auswertungsjahr 2025. Berlin: IQTIG; 2025.
  7. Universitätsklinikum Jena. Übergewicht in der Schwangerschaft [Internet]. Jena: Universitätsklinikum Jena; o.J. [zitiert 2025]. Verfügbar unter: https://www.uniklinikum-jena.de/
  8. Mustafa HJ, Seif K, Javinani A, Aghajani F, Orlinsky R, Alvarez MV, Ryan A, Crimmins S. Gestational weight gain below instead of within the guidelines per class of maternal obesity: a systematic review and meta-analysis of obstetrical and neonatal outcomes. Am J Obstet Gynecol MFM. 2022 Sep;4(5):100682. doi: 10.1016/j.ajogmf.2022.100682.
  9. Hinkle SN, Sharma AJ, Dietz PM. Gestational weight gain in obese mothers and associations with fetal growth. Am J Clin Nutr. 2010 Sep;92(3):644-51. doi: 10.3945/ajcn.2010.29726.
  10. Kapadia MZ, Park CK, Beyene J, Giglia L, Maxwell C, McDonald SD. Weight Loss Instead of Weight Gain within the Guidelines in Obese Women during Pregnancy: A Systematic Review and Meta-Analyses of Maternal and Infant Outcomes. PLoS One. 2015 Jul 21;10(7):e0132650. doi: 10.1371/journal.pone.0132650.
  11. Widen EM, Nichols AR, Harper L, Cahill A, Davis JN, Foster SF, Rickman RR, Xu F, Hedderson MM. Weight Loss, Stability, and Low Weight Gain during Pregnancy among Individuals with Obesity: Associations with Adverse Perinatal Outcomes: An Observational Study. Am J Perinatol. 2024 Aug;41(11):1577-1585. doi: 10.1055/a-2211-4945.
  12. Kusinski LC, Jones D, Atta N, Turner E, Smith S, Oude Griep LM, Rennie K, De Lucia Rolfe E, Sharp SJ, Farewell V, Murphy HR, Taylor R, Meek CL. Reduced-energy diet in women with gestational diabetes: the dietary intervention in gestational diabetes DiGest randomized clinical trial. Nat Med. 2025 Feb;31(2):514-523. doi: 10.1038/s41591-024-03356-1.
  13. Yu ZB, Han SP, Zhu GZ, Zhu C, Wang XJ, Cao XG, Guo XR. Birth weight and subsequent risk of obesity: a systematic review and meta-analysis. Obes Rev. 2011 Jul;12(7):525-42. doi: 10.1111/j.1467-789X.2011.00867.x.
  14. Lausten-Thomsen U, Nielsen TR, Thagaard IN, Larsen T, Holm JC. Neonatal anthropometrics and body composition in obese children investigated by dual energy X-ray absorptiometry. Eur J Pediatr. 2014 May;173(5):623-7. doi: 10.1007/s00431-013-2226-x.
  15. Sørensen HT, Sabroe S, Rothman KJ, Gillman M, Fischer P, Sørensen TI. Relation between weight and length at birth and body mass index in young adulthood: cohort study. BMJ. 1997 Nov 1;315(7116):1137. doi: 10.1136/bmj.315.7116.1137.
  16. Hermann GM, Dallas LM, Haskell SE, Roghair RD. Neonatal macrosomia is an independent risk factor for adult metabolic syndrome. Neonatology. 2010;98(3):238-44. doi: 10.1159/000285629.
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