Bewegung bei Schmerzen – welche Rolle körperliche Aktivität in der Schmerztherapie spielt
Schmerzen führen häufig dazu, dass Betroffene Bewegung vermeiden. Während eine vorübergehende Entlastung bei akuten Beschwerden sinnvoll sein kann, fördert anhaltende Inaktivität bei chronischen Schmerzen häufig den Verlust von Belastbarkeit und Selbstständigkeit.
Körperliche Aktivität und gezieltes Training sind deshalb wichtige Bestandteile der nichtmedikamentösen Schmerztherapie. Sie können Schmerzen lindern und zugleich Funktion, Beweglichkeit und Teilhabe verbessern [1-5].
Körperliche Aktivität und therapeutisches Training
Körperliche Aktivität bezeichnet jede durch die Skelettmuskulatur erzeugte Bewegung mit einem erhöhten Energieverbrauch. Dazu gehören beispielsweise Gehen, Treppensteigen, Hausarbeit, berufliche Belastungen und Freizeitaktivitäten.
Therapeutisches Training ist dagegen geplant, strukturiert und wiederholt. Es verfolgt definierte Ziele wie:
- Verbesserung der Muskelkraft
- Steigerung der Ausdauer
- Erweiterung des Bewegungsumfangs
- Verbesserung von Koordination und Gleichgewicht
- Wiederherstellung konkreter Alltagsfunktionen
- Steigerung der allgemeinen Belastbarkeit
In der Schmerztherapie sind beide Ebenen relevant. Neben einem gezielten Trainingsprogramm sollte auch versucht werden, vermeidbare Inaktivität und lange Sitzzeiten zu reduzieren und körperliche Aktivität wieder in den Alltag zu integrieren [2, 3, 8].
Evidenz zur Bewegungstherapie bei Schmerzen
Die aktuelle diagnoseübergreifende Evidenz zeigt, dass Bewegung klinische Schmerzen im Vergleich zu Kontrollbedingungen im Mittel reduziert. Positive Effekte wurden unter anderem bei muskuloskelettalen, entzündlichen, neurologischen und tumorassoziierten Schmerzzuständen beobachtet. Aerobes Training, Krafttraining sowie bewegungsorientierte Verfahren wie Yoga, Pilates und Tai-Chi waren mit einer Schmerzreduktion verbunden [1].
Diese zusammengefassten Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass Bewegung bei jeder Schmerzursache, jedem Patienten und in jeder Dosierung gleichermaßen wirksam ist. Die eingeschlossenen Erkrankungen, Trainingsprogramme und Kontrollgruppen waren sehr unterschiedlich. Eine übergreifende Metaanalyse kann daher die diagnosespezifische Beurteilung und die individuelle Therapieplanung nicht ersetzen [1].
Subgruppenanalysen der Umbrella-Review zeigten größere Effekte bei niedrigeren Trainingsintensitäten und Programmen von weniger als zwölf Wochen. Daraus kann nicht abgeleitet werden, dass niedrige Intensitäten grundsätzlich wirksamer sind oder längerfristiges Training nicht erforderlich ist. Die Beobachtung kann unter anderem durch Unterschiede bei Adhärenz, Ausgangsbelastbarkeit, Studienpopulation und Studiendesign beeinflusst sein [1].
Ziele der Bewegungstherapie
Das Therapieziel sollte nicht allein als vollständige Schmerzfreiheit definiert werden. Bei chronischen Schmerzen können funktionelle Fortschritte auch dann klinisch relevant sein, wenn die Schmerzintensität nur geringfügig abnimmt.
Geeignete Zielgrößen sind beispielsweise:
- Längere Geh-, Steh- oder Sitzdauer
- Verbesserte Kraft und Ausdauer
- Sichereres Treppensteigen
- Wiederaufnahme von Arbeit, Haushalt oder Freizeitaktivitäten
- Bessere Bewältigung alltäglicher Belastungen
- Verringerung bewegungsbezogener Unsicherheit
- Größere Selbstständigkeit im Umgang mit den Beschwerden
Leitlinien zu chronischen primären Schmerzen, chronischen primären Kreuzschmerzen sowie Hüft- und Kniearthrose stellen deshalb neben der Schmerzintensität insbesondere Funktion, Lebensqualität und Teilhabe in den Mittelpunkt [2-5].
Bewegung bei chronischen primären Schmerzen
Chronischer primärer Schmerz ist dadurch gekennzeichnet, dass der Schmerz selbst Krankheitswert besitzt und nicht hinreichend durch eine andere Erkrankung erklärt wird oder in seiner Intensität und seinen Auswirkungen über das aufgrund der zugrunde liegenden Erkrankung Erwartbare hinausgeht.
Die NICE-Leitlinie empfiehlt Menschen ab 16 Jahren mit chronischen primären Schmerzen ein überwachtes Gruppenübungsprogramm. Die Auswahl und Durchführung sollen an die individuellen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Präferenzen angepasst werden. Außerdem soll körperliche Aktivität langfristig aufrechterhalten werden [2].
Diese Empfehlung bedeutet nicht, dass für alle Patienten dasselbe standardisierte Programm geeignet ist. Je nach Beschwerdebild können Ausdauer-, Kraft-, Beweglichkeits-, Koordinations- oder kombinierte Übungen eingesetzt werden. Entscheidend ist, dass das Programm tolerierbar, funktionell relevant und langfristig umsetzbar ist [2].
Bewegung bei chronischen Kreuzschmerzen
Bei chronischen primären beziehungsweise unspezifischen Kreuzschmerzen gehört Bewegung zu den empfohlenen nichtoperativen Behandlungsmaßnahmen. Die WHO empfiehlt strukturierte Bewegungsprogramme als Bestandteil einer personenzentrierten Versorgung. Eine einzelne Maßnahme sollte dabei nicht isoliert, sondern entsprechend dem klinischen Gesamtbild mit Edukation und weiteren erforderlichen Interventionen kombiniert werden [3].
Eine Cochrane-Metaanalyse fand eine Evidenz moderater Sicherheit dafür, dass Bewegungstherapie chronische Kreuzschmerzen gegenüber keiner Behandlung, üblicher Versorgung oder Placebo reduziert. Der durchschnittliche Effekt auf die Schmerzintensität war klinisch relevant. Die Verbesserung funktioneller Einschränkungen war dagegen kleiner und erreichte im Mittel nicht die zuvor festgelegte Schwelle für einen klinisch bedeutsamen Unterschied [4].
Zum Einsatz kommen unter anderem:
- Allgemeines Ausdauertraining
- Kraft- und Widerstandstraining
- Motorisches Kontrolltraining
- Funktionelles Training
- Pilates
- Yoga
- Mehrkomponentenprogramme
Eine für alle Patienten eindeutig überlegene Trainingsform kann nicht bestimmt werden. Die Auswahl sollte sich vor allem an funktionellen Defiziten, persönlichen Präferenzen, Vorerfahrungen, Begleiterkrankungen und der voraussichtlichen langfristigen Adhärenz orientieren [3, 4].
Bewegung bei Hüft- und Kniearthrose
Bei Hüft- und Kniearthrose gehören Information, Bewegung und – bei Übergewicht oder Adipositas – Gewichtsmanagement zur nichtmedikamentösen Basisbehandlung. Die aktualisierten EULAR-Empfehlungen sehen ein individuell angepasstes Trainingsprogramm mit geeigneter Dosierung und Progression vor [5].
Das Training kann folgende Komponenten enthalten:
- Muskelkräftigung
- Aerobes Training
- Neuromuskuläres Training
- Beweglichkeitsübungen
- Gleichgewichts- und Koordinationstraining
- Funktionelle Alltagsübungen
Eine Netzwerk-Metaanalyse von 217 randomisierten Studien zur Kniearthrose bewertete aerobes Training hinsichtlich mehrerer patientenrelevanter Endpunkte besonders günstig. Auch Krafttraining, neuromuskuläre Übungen, Beweglichkeitstraining sowie kombinierte Programme waren wirksam [6].
Rangfolgen aus Netzwerk-Metaanalysen sollten jedoch nicht als starre Behandlungshierarchie verstanden werden. Die geeignete Trainingsform hängt auch von Gelenkfunktion, Komorbiditäten, Sturzrisiko, körperlicher Ausgangsleistung, Zugänglichkeit und Patientenpräferenz ab [5, 6].
Bewegung beim Fibromyalgiesyndrom
Auch beim Fibromyalgiesyndrom können Bewegungsinterventionen Schmerzen reduzieren. Eine Netzwerk-Metaanalyse aus dem Jahr 2025 fand günstige Effekte insbesondere für die Kombination aus aerobem Training und Beweglichkeitstraining sowie für wasserbasierte Übungen. Die Evidenzsicherheit der Vergleiche wurde allerdings überwiegend als niedrig bis sehr niedrig bewertet [7].
Die beobachteten Rangfolgen der Trainingsformen erlauben deshalb keine zuverlässige Festlegung auf ein universell bestes Programm. Aufgrund der häufig bestehenden Fatigue, Schlafstörungen und ausgeprägten Belastungssensitivität sollte das Training niedrigschwellig beginnen und entsprechend der individuellen Verträglichkeit schrittweise angepasst werden [7].
Eine zu hohe Anfangsbelastung kann zu einer anhaltenden Symptomverstärkung und zum Abbruch der Therapie führen. Eine dauerhaft sehr geringe Belastung ohne spätere Progression kann dagegen unterhalb eines wirksamen Trainingsreizes bleiben. Ziel ist eine Belastung, die regelmäßig wiederholt und langfristig gesteigert werden kann [7].
Bewegung bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen
Die aktuellen EULAR-Empfehlungen unterstützen körperliche Aktivität bei Menschen mit entzündlichen Arthritiden und Arthrose. Bewegung soll entsprechend den allgemeinen Prinzipien körperlicher Aktivität gefördert und sitzende Zeit reduziert werden. Die Interventionen sollen an Erkrankung, Krankheitsaktivität, funktionelle Voraussetzungen, Komorbiditäten und individuelle Barrieren angepasst werden [8].
Bei erhöhter entzündlicher Aktivität, akuter Gelenkschwellung oder systemischen Beschwerden kann es erforderlich sein, Trainingsintensität, Bewegungsumfang oder Belastungsart vorübergehend anzupassen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch die Notwendigkeit vollständiger körperlicher Inaktivität [8].
Neben dem Training selbst betonen die Empfehlungen verhaltensorientierte Strategien, Beratung und gegebenenfalls digitale Unterstützung, um körperliche Aktivität langfristig zu fördern [8].
Auswahl der geeigneten Bewegungsform
Eine universell beste Bewegungsform für alle Schmerzpatienten existiert nicht. Die Auswahl sollte diagnosespezifische Anforderungen, funktionelle Defizite, Trainingsziele, Begleiterkrankungen und Patientenpräferenzen berücksichtigen [1, 3, 5, 7, 8].
Aerobes Training
Aerobes Training umfasst beispielsweise Gehen, Radfahren, Schwimmen, Aquajogging oder Ergometertraining. Es dient vor allem der Verbesserung der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit und der allgemeinen Belastbarkeit.
Bei Kniearthrose und Fibromyalgiesyndrom kann aerobes Training zusätzlich zur Reduktion der Schmerzintensität beitragen. Die Auswahl sollte an Gelenkbelastbarkeit, Gleichgewicht, Sturzrisiko und bisheriges Aktivitätsniveau angepasst werden [6, 7].
Krafttraining
Krafttraining verbessert Muskelkraft und die Belastbarkeit des Bewegungsapparates. Es kann mit Geräten, freien Gewichten, elastischen Widerständen oder dem eigenen Körpergewicht durchgeführt werden.
Im Vordergrund sollten nicht ausschließlich isolierte Muskelübungen stehen. Für viele Patienten sind alltagsnahe Bewegungen wie Aufstehen, Treppensteigen, Heben, Tragen, Ziehen oder Drücken funktionell besonders relevant [5-8].
Beweglichkeits- und Koordinationstraining
Beweglichkeitsübungen können bei einem eingeschränkten Bewegungsumfang sinnvoll sein. Koordinations-, Gleichgewichts- und neuromuskuläres Training ist insbesondere bei eingeschränkter Gelenkkontrolle, Gangunsicherheit oder erhöhtem Sturzrisiko relevant [5, 8].
Dehnübungen sind nicht bei jeder Schmerzform zwingend erforderlich. Sie sollten vor allem dann eingesetzt werden, wenn eine klinisch relevante Bewegungseinschränkung besteht oder sie als Teil eines umfassenderen Trainingsprogramms einen funktionellen Nutzen haben.
Körperorientierte Bewegungsverfahren
Yoga, Tai-Chi, Qigong und Pilates kombinieren Bewegung mit Elementen der Körperwahrnehmung, Atmung, Konzentration oder Entspannung. Sie können bei bestimmten chronischen Schmerzsyndromen geeignete Bewegungsformen darstellen [1, 4, 7].
Eine spezifische, diagnosesübergreifende Überlegenheit dieser Verfahren ist nicht nachgewiesen. Ihr praktischer Wert kann unter anderem darin liegen, dass sie von manchen Patienten bevorzugt und deshalb regelmäßig durchgeführt werden.
Dosierung und Progression
Eine für alle Schmerzpatienten gültige Trainingsdosis lässt sich aus der aktuellen Evidenz nicht ableiten. Die Belastung sollte abhängig gemacht werden von:
- Diagnose und vermutetem Schmerzmechanismus
- Krankheitsaktivität und Gewebestabilität
- Körperlicher Ausgangsleistung
- Alter und Begleiterkrankungen
- Aktueller Symptomempfindlichkeit
- Erholungsfähigkeit
- Individuellen Therapiezielen
- Bisheriger Trainingserfahrung
- Praktischer Umsetzbarkeit
Allgemeine Bewegungsempfehlungen für die Bevölkerung können ein langfristiges Gesundheitsziel darstellen. Sie sind jedoch nicht zwingend das geeignete Einstiegsniveau für Menschen mit deutlich eingeschränkter Belastbarkeit.
Das Training sollte mit einer Belastung beginnen, die regelmäßig wiederholt werden kann. Anschließend können einzelne Belastungsparameter schrittweise gesteigert werden:
- Dauer
- Häufigkeit
- Widerstand
- Bewegungsumfang
- Geschwindigkeit
- Koordinative Komplexität
- Alltagsnähe der Übungen
Dabei ist es meistens sinnvoll, nicht alle Parameter gleichzeitig zu erhöhen. Entscheidend sind der Verlauf von Beschwerden und Funktion sowie die Erholung zwischen den Trainingseinheiten [3, 5, 7, 8].
Die in einzelnen Metaanalysen beobachteten Dosis-Wirkungs-Beziehungen sind aufgrund von Heterogenität, Verzerrungsrisiko und indirekten Vergleichen nicht als starre Verordnungsschemata zu verstehen [1, 7].
Schmerzen während und nach dem Training
Eine Bewegungstherapie muss bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen nicht grundsätzlich vollständig schmerzfrei durchgeführt werden. Daraus folgt jedoch ebenso wenig, dass Schmerzen gezielt provoziert oder ignoriert werden sollten.
Eine aktualisierte Metaanalyse aus dem Jahr 2025 fand keine belastbare Überlegenheit schmerzhafter gegenüber schmerzfreier Übungsausführung hinsichtlich Schmerzintensität, Funktion oder weiterer patientenberichteter Endpunkte. Aufgrund der niedrigen bis sehr niedrigen Evidenzsicherheit kann aus diesen Ergebnissen weder eine Gleichwertigkeit sicher abgeleitet noch eine bestimmte zulässige Schmerzstärke festgelegt werden [9].
Eine leichte, bekannte und vorübergehende Symptomzunahme kann bei manchen chronischen muskuloskelettalen Schmerzen akzeptabel sein, sofern:
- Die Beschwerden erwartbar bleiben
- Die Symptome nach der Belastung wieder in Richtung des Ausgangsniveaus zurückgehen
- Die allgemeine Belastbarkeit im Verlauf nicht abnimmt
- Keine neuen neurologischen oder strukturellen Warnzeichen auftreten
- Schlaf, Alltag und folgende Trainingseinheiten nicht anhaltend beeinträchtigt werden
Eine stärkere oder länger anhaltende Verschlechterung spricht dafür, Belastungsart, Trainingsvolumen, Intensität oder Erholungszeit zu überprüfen. Das bewusste „Hineintrainieren“ in ausgeprägte Schmerzen ist kein notwendiger Bestandteil einer wirksamen Bewegungstherapie [9].
Bewegung bei akuten Schmerzen
Die konkrete Empfehlung bei akuten Schmerzen hängt stärker als bei chronischen Schmerzen von der Ursache, der Gewebestabilität und der jeweiligen medizinischen Situation ab.
Nach Operationen oder Verletzungen soll eine funktionelle Beeinträchtigung durch Schmerzen vermieden und eine medizinisch geeignete Mobilisation ermöglicht werden. Zeitpunkt und Belastungsumfang müssen sich jedoch nach Operationsverfahren, Verletzungsmuster, Stabilität und ärztlichen beziehungsweise physiotherapeutischen Belastungsvorgaben richten [10].
Eine pauschale Aufforderung zur Bewegung ist bei ungeklärten akuten Schmerzen nicht angemessen. Vor einer Belastungssteigerung müssen insbesondere instabile Verletzungen, behandlungsbedürftige Entzündungen oder Infektionen, akute neurologische Störungen sowie vaskuläre oder viszerale Notfälle berücksichtigt werden.
Auch eine vollständige oder längerfristige Schonung sollte nicht ohne konkrete medizinische Indikation empfohlen werden. Sobald es der Befund erlaubt, ist eine schrittweise Wiederaufnahme funktioneller Aktivität anzustreben [10].
Praktische Verordnung der Bewegungstherapie
Eine evidenzbasierte Bewegungstherapie sollte ebenso systematisch geplant und kontrolliert werden wie eine medikamentöse Behandlung.
Diagnostische Einordnung
Vor Beginn müssen die Schmerzerkrankung, der wahrscheinliche Schmerzmechanismus, die funktionellen Einschränkungen und relevante Begleiterkrankungen beurteilt werden. Bei ungeklärten akuten Beschwerden oder medizinischen Warnzeichen hat die diagnostische Abklärung Vorrang [2, 3, 10].
Erfassung der Ausgangsfunktion
Neben der Schmerzintensität sollten konkrete Funktionsparameter dokumentiert werden, beispielsweise:
- Gehstrecke
- Sitz- und Stehdauer
- Treppensteigen
- Kraft und Bewegungsumfang
- Schlaf
- Arbeitsfähigkeit
- Haushaltsaktivitäten
- Individuell wichtige Freizeitaktivitäten
Hierdurch können Veränderungen erfasst werden, die auf einer numerischen Schmerzskala möglicherweise nicht ausreichend sichtbar werden [2-5].
Gemeinsame Zielsetzung
Die Therapieziele sollten konkret, realistisch und funktionell formuliert werden. Ein Ziel wie „wieder 20 Minuten ohne längere Pause spazieren gehen“ ist für die Trainingsplanung hilfreicher als die alleinige Vorgabe, vollständig schmerzfrei zu werden.
Individuelle Auswahl
Die Bewegungsform sollte:
- Medizinisch vertretbar sein
- Zu den funktionellen Einschränkungen passen
- Für den Patienten erreichbar sein
- Den persönlichen Präferenzen entsprechen
- Mit vertretbarem Aufwand durchgeführt werden können
- Langfristig umsetzbar sein
Eine theoretisch besonders wirksame Trainingsform hat nur einen begrenzten Nutzen, wenn sie nicht regelmäßig ausgeführt wird [2, 3, 5, 8].
Gradueller Einstieg
Bei ausgeprägter Dekonditionierung oder hoher Symptomempfindlichkeit können kurze Trainingseinheiten, geringe Widerstände oder über den Tag verteilte Aktivitätsphasen erforderlich sein. Die Anfangsdosis muss nicht den langfristigen Zielwerten entsprechen.
Geplante Progression
Wenn die gewählte Belastung gut vertragen und sicher beherrscht wird, sollte eine schrittweise Steigerung erfolgen. Ohne Progression kann der Trainingsreiz langfristig zu gering werden, um weitere funktionelle Anpassungen zu erreichen [3, 5, 7, 8].
Regelmäßige Verlaufskontrolle
Kontrolliert werden sollten:
- Schmerzverlauf
- Körperliche Funktion
- Belastbarkeit
- Teilhabe
- Nebenwirkungen
- Adhärenz
- Erholung nach dem Training
- Erreichen der individuellen Therapieziele
Bei ausbleibendem Fortschritt müssen Diagnose, Trainingsdosis, Auswahl der Übungen, Therapieziele und mögliche Barrieren erneut überprüft werden.
Grenzen der Bewegungstherapie
Bewegung ist ein wichtiger, aber nicht bei jeder Schmerzursache ausreichender Therapiebaustein. Sie ersetzt keine kausale Behandlung einer entzündlichen, infektiösen, neurologischen, vaskulären, viszeralen oder malignen Erkrankung. Ebenso ersetzt sie keine erforderliche operative Stabilisierung oder spezifische medikamentöse Therapie [2, 3, 10].
Bei chronischen Schmerzen ist häufig ein kombiniertes Vorgehen erforderlich. Abhängig vom Befund können unter anderem folgende Maßnahmen hinzukommen:
- Schmerzedukation
- Physiotherapie
- Psychologische Schmerztherapie
- Medikamentöse Behandlung
- Gewichtsmanagement
- Ergotherapie
- Behandlung von Schlafstörungen
- Berufliche oder soziale Interventionen
Ein fehlendes Ansprechen auf ein bestimmtes Trainingsprogramm beweist nicht, dass Bewegung grundsätzlich ungeeignet ist. Mögliche Ursachen sind eine unpassende Trainingsform, eine zu hohe oder zu niedrige Dosierung, geringe Adhärenz, unzureichende Regeneration, unbehandelte Komorbiditäten oder eine unvollständige diagnostische Einordnung.
Fazit
Körperliche Aktivität und therapeutisches Training gehören bei vielen chronischen Schmerzsyndromen zur evidenzbasierten Behandlung. Die aktuelle diagnoseübergreifende Evidenz zeigt eine durchschnittliche Reduktion der Schmerzintensität bei moderater Evidenzsicherheit. Der individuelle Effekt variiert jedoch zwischen Erkrankungen und Patienten [1].
Neben einer möglichen Schmerzreduktion sind vor allem Verbesserungen von Belastbarkeit, Funktion, Selbstständigkeit und Teilhabe relevante Therapieziele. Eine universell beste Trainingsform oder allgemeingültige Dosis existiert nicht. Bewegung sollte deshalb diagnosespezifisch ausgewählt, an die individuelle Ausgangsleistung angepasst und schrittweise gesteigert werden [2-8].
Das Training muss bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen nicht immer vollständig schmerzfrei sein. Eine gezielte Schmerzprovokation ist jedoch nicht erforderlich, und die Evidenz zum Vergleich schmerzhafter und schmerzfreier Übungen ist nur von niedriger bis sehr niedriger Sicherheit [9].
Bei akuten Schmerzen bestimmen Ursache, Gewebestabilität und medizinische Belastungsvorgaben, wann und in welchem Umfang Bewegung sinnvoll ist. Ungeklärte akute Schmerzen und neue Warnzeichen erfordern eine diagnostische Beurteilung vor einer Belastungssteigerung [10].
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