Akupunktur, Osteopathie und Massagen bei Schmerzen – Nutzen und Grenzen der Verfahren
Akupunktur, Osteopathie und Massage werden bei Schmerzen häufig ergänzend eingesetzt. Ihr Nutzen lässt sich jedoch nicht pauschal beurteilen: Entscheidend sind die jeweilige Schmerzerkrankung, die Vergleichsbehandlung, die Größe und Dauer möglicher Effekte sowie die Sicherheit der Verfahren.
Insbesondere bei chronischen Schmerzen sollten ergänzende Verfahren daher indikationsbezogen bewertet und in ein evidenzbasiertes Gesamtkonzept eingeordnet werden.
Aussagekraft der Evidenz
Bei Akupunktur, Osteopathie und Massage ist die Wahl der Kontrollgruppe besonders relevant. Ein Vorteil gegenüber keiner Behandlung oder einer Warteliste belegt nicht automatisch einen spezifischen Behandlungseffekt. Aussagekräftiger für die spezifische Wirksamkeit ist der Vergleich mit einer glaubwürdigen Scheinintervention.
Ferner können Kontextfaktoren wie Erwartung, therapeutische Zuwendung, Berührung und Entspannung zum wahrgenommenen Gesamteffekt beitragen. Diese Effekte können für Patienten durchaus relevant sein, dürfen aber nicht mit dem Nachweis eines spezifischen postulierten Wirkmechanismus gleichgesetzt werden.
Akupunktur – indikationsabhängig eine ergänzende Option
Für Akupunktur besteht unter den drei Verfahren die umfangreichste Studienbasis. Eine systematische Evidenzübersicht („Evidence Map“) über systematische Reviews identifizierte 434 Reviews zur Akupunktur bei unterschiedlichen Erkrankungen. Unter den Reviews mit formaler Bewertung der Evidenzsicherheit dominierten niedrige und sehr niedrige Bewertungen; mit moderater oder hoher Sicherheit belegte Vorteile gegenüber anderen aktiven Therapien waren selten [1]. Diese Arbeit ist damit eine Übersicht vorhandener systematischer Reviews und keine eigenständige Metaanalyse.
Für chronischen primären Kreuzschmerz spricht die WHO eine bedingte Empfehlung für Needling-Verfahren einschließlich Akupunktur aus. Die Evidenzsicherheit wird als niedrig eingestuft. In 15 Sham-kontrollierten Studien (Vergleich einer echten medizinischen Behandlung mit einer täuschend echten Scheinbehandlung, um die echte Wirkung von Einbildungen oder Zuwendung zu trennen) zeigte sich unmittelbar nach der Behandlung lediglich ein trivialer Vorteil hinsichtlich Schmerz und gesundheitsbezogener Lebensqualität. Gegenüber keiner Intervention waren die Effekte teilweise größer. Die WHO empfiehlt das Verfahren deshalb gegebenenfalls als Bestandteil eines umfassenderen Behandlungskonzepts und nicht als isolierte Therapie [2].
Auch bei der Migräneprophylaxe ist die Bewertung zurückhaltend. Die aktuelle S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bewertet die Überlegenheit klassischer Akupunktur gegenüber Scheinakupunktur als widersprüchlich und beschreibt insgesamt moderate, überwiegend unspezifische Effekte [3]. Akupunktur kann damit bei entsprechender Patientenpräferenz als nichtmedikamentöse Behandlungsoption erwogen werden; eine konsistente und ausgeprägte spezifische Überlegenheit gegenüber Scheinakupunktur ist jedoch nicht belegt.
Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Schmerzsyndrome übertragen. Eine Indikation zur Akupunktur sollte deshalb aus der Evidenz für die konkrete Erkrankung und nicht aus der allgemeinen Annahme abgeleitet werden, Akupunktur sei grundsätzlich bei Schmerzen wirksam.
Sicherheit der Akupunktur
Bei sachgerechter Durchführung sind schwerwiegende unerwünschte Ereignisse selten. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalysen prospektiver Studien ermittelte etwa 1 schwerwiegendes Ereignis pro 10.000 behandelte Personen beziehungsweise etwa 8 pro eine Million Behandlungen. Die häufigsten berichteten unerwünschten Ereignisse waren Blutungen, lokale Schmerzen und lokale Reaktionen an der Einstichstelle; die Heterogenität zwischen den Studien war allerdings erheblich [4].
Die Durchführung erfordert deshalb ausreichende anatomische Kenntnisse, hygienisches Arbeiten und eine Berücksichtigung individueller Risikofaktoren.
Osteopathie – begrenzte Nachweise einer spezifischen Wirksamkeit
Unter dem Begriff Osteopathie werden verschiedene manuelle diagnostische und therapeutische Konzepte zusammengefasst. Die eingesetzten Techniken und Behandlungskonzepte unterscheiden sich zwischen Studien teilweise erheblich, was die Übertragbarkeit zusammengefasster Ergebnisse erschwert.
Eine 2025 veröffentlichte Übersicht systematischer Reviews und Metaanalysen schloss 27 systematische Reviews zu neun Indikationsbereichen ein. Für einzelne muskuloskelettale Erkrankungen wurden Hinweise auf Verbesserungen von Schmerz und teilweise Funktion beschrieben. Die zugrunde liegenden Reviews verglichen osteopathische Interventionen jedoch nicht ausschließlich mit Sham-Behandlungen, sondern auch mit keiner Behandlung und verschiedenen nichtosteopathischen Therapien. Hinzu kamen erhebliche Unterschiede zwischen Interventionen und Studienqualität [5]. Die Übersicht zeigt damit mögliche klinische Gesamteffekte, beantwortet aber die Frage nach einem spezifischen osteopathischen Effekt nur eingeschränkt.
Für diese Frage ist die 2024 publizierte Sham-/Placebo-kontrollierte Metaanalyse aussagekräftiger. Sie untersuchte osteopathische manipulative Behandlung bei Patienten mit Nacken- oder Kreuzschmerzen. Neun Studien wurden eingeschlossen. In der quantitativen Analyse zeigte sich keine statistisch signifikante Überlegenheit gegenüber Sham oder Placebo hinsichtlich der Schmerzintensität (SMD −0,15; 95-%-KI −0,38 bis 0,08; sieben Studien, 1.173 Patienten) oder der funktionellen Beeinträchtigung (SMD −0,09; 95-%-KI −0,25 bis 0,08; sechs Studien, 1.153 Patienten). Die Evidenzsicherheit lag je nach Endpunkt zwischen moderat und sehr niedrig [6].
Damit ist nicht ausgeschlossen, dass einzelne Patienten nach osteopathischer Behandlung weniger Schmerzen oder eine bessere Beweglichkeit wahrnehmen. Für Nacken- und Kreuzschmerzen lässt sich aus der gegenwärtigen Sham-kontrollierten Evidenz jedoch keine zuverlässige spezifische Überlegenheit osteopathischer manipulativer Behandlung ableiten [6].
Ebenso wenig rechtfertigen diese Daten die Aussage, Schmerzen würden durch die Korrektur postulierter osteopathischer „Fehlstellungen“ oder „Dysfunktionen“ kausal beseitigt. Behandlungserfolge sollten daher funktionell und symptomorientiert und nicht als Beleg für einen ungesicherten Krankheitsmechanismus interpretiert werden.
Manipulative Techniken und Sicherheit
Osteopathie ist nicht mit spinaler Manipulation gleichzusetzen. Spinale Manipulation kann jedoch Bestandteil bestimmter osteopathischer Behandlungskonzepte sein. Erkenntnisse zu deren Sicherheit dürfen deshalb nicht pauschal auf die gesamte Osteopathie übertragen werden.
Ein aktueller systematischer Review untersuchte die Berichterstattung unerwünschter Ereignisse in 154 randomisierten Studien zur spinalen Manipulation. Lediglich 94 Studien (61 %) berichteten überhaupt über unerwünschte Ereignisse. Bei insgesamt 7.518 Teilnehmern, die eine spinale Manipulation erhielten, wurden zwar keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse berichtet; die Autoren bewerteten die Erfassung von Nebenwirkungen jedoch als unzureichend und inkonsistent [7].
Aus dem Fehlen schwerwiegender Ereignisse in diesen RCTs lässt sich deshalb nicht ableiten, dass sehr seltene Komplikationen ausgeschlossen sind. Vor manipulativen Verfahren sind mögliche Kontraindikationen und individuelle Risikofaktoren zu berücksichtigen.
Massage – eher kurzfristige symptomatische Effekte
Auch Massage bezeichnet keine einheitliche Intervention. Klassische Massage, Weichteiltechniken, myofasziale Verfahren und andere Formen unterscheiden sich hinsichtlich Technik, Intensität und Behandlungsdauer.
Eine 2024 veröffentlichte systematische Evidenzübersicht über systematische Reviews identifizierte 129 Reviews zur Massage bei schmerzhaften Erkrankungen. 41 Reviews bewerteten die Evidenzsicherheit formal; 17 wurden in die eigentliche Evidence Map aufgenommen. Keine Schlussfolgerung erreichte eine hohe Evidenzsicherheit. Sieben Schlussfolgerungen wurden als moderat sicher eingestuft und zeigten einen günstigen Effekt auf Schmerzen, während die übrige Evidenz überwiegend niedrig oder sehr niedrig sicher war. Moderat oder hochsichere Nachweise einer Überlegenheit gegenüber anderen aktiven Therapien waren selten [8]. Diese Publikation ist somit eine Evidenzübersicht und keine eigenständige Metaanalyse.
Für chronischen primären Kreuzschmerz gibt die WHO eine bedingte Empfehlung zugunsten von Massage ab, allerdings bei sehr niedriger Evidenzsicherheit. Kurzfristige Verbesserungen von Schmerz und Funktion sind möglich; zur längerfristigen Wirksamkeit bestehen erhebliche Unsicherheiten. Massage soll auch hier nicht als isolierte Intervention, sondern gegebenenfalls innerhalb eines breiteren biopsychosozialen Behandlungskonzepts eingesetzt werden [2].
Dass sich solche Befunde nicht auf alle Schmerzsyndrome übertragen lassen, zeigt ein aktueller Cochrane-Review zu Nackenschmerzen. Bei subakuten und chronischen Nackenschmerzen führte Massage gegenüber Placebo beziehungsweise Sham zum Zeitpunkt um etwa zwölf Wochen möglicherweise zu keinem oder nur einem geringen Unterschied hinsichtlich Schmerz, Funktionsbeeinträchtigung, gesundheitsbezogener Lebensqualität und subjektivem Behandlungserfolg. Die Evidenz war überwiegend von niedriger Sicherheit [9].
Massage ist deshalb am ehesten als symptomorientierte unterstützende Maßnahme einzuordnen. Kurzfristige Schmerzlinderung oder Entspannung können therapeutisch sinnvoll sein, beispielsweise wenn dadurch Bewegung und Alltagsaktivität erleichtert werden. Ein verlässlicher langfristiger krankheitsmodifizierender Effekt ist dagegen nicht belegt.
Einordnung in die praktische Schmerztherapie
Bei der Entscheidung für Akupunktur, Osteopathie oder Massage sollten mehrere Aspekte berücksichtigt werden:
- Indikation: Die Evidenz sollte für die konkrete Schmerzerkrankung geprüft werden.
- Therapieziel: Neben der Schmerzintensität sind Funktion, Aktivität, Schlaf, Alltagsfähigkeit und Teilhabe relevante Behandlungsziele.
- Behandlungsversuch: Bei begrenzter Evidenz ist ein zeitlich begrenzter Therapieversuch mit vorab definiertem Behandlungsziel sinnvoller als eine unbefristete serielle Behandlung.
- Wirksamkeitskontrolle: Eine Fortführung ist vor allem dann plausibel, wenn ein für den Patienten relevanter funktioneller oder symptomatischer Nutzen erreicht wird.
- Aktive Therapie: Insbesondere bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen sollten passive Verfahren aktive Maßnahmen wie Bewegung und therapeutisches Training nicht verdrängen.
- Gesamtkonzept: Je nach Erkrankung können Edukation, körperliches Training, psychologische Verfahren, medikamentöse Behandlung und weitere indikationsspezifische Maßnahmen erforderlich sein.
- Sicherheit: Kontraindikationen, Begleiterkrankungen und behandlungsspezifische Risiken müssen vor der Anwendung berücksichtigt werden.
Die WHO betont für chronischen primären Kreuzschmerz ausdrücklich die Einbettung der genannten passiven Verfahren in ein breiteres, biopsychosozial orientiertes Behandlungskonzept [2].
Eine kurzfristige subjektive Besserung ist dabei klinisch nicht bedeutungslos. Sie beweist jedoch weder einen bestimmten postulierten Wirkmechanismus noch die Korrektur einer zugrunde liegenden strukturellen Ursache.
Fazit
Akupunktur, Osteopathie und Massage können bei ausgewählten Schmerzpatienten ergänzend eingesetzt werden, ihre Evidenz unterscheidet sich jedoch deutlich nach Verfahren und Indikation.
Akupunktur kann beispielsweise bei chronischem primärem Kreuzschmerz oder in der Migräneprophylaxe erwogen werden; die spezifische Überlegenheit gegenüber Scheininterventionen ist jedoch teilweise klein oder inkonsistent. Für osteopathische manipulative Behandlung zeigt die aktuelle Sham-kontrollierte Metaanalyse bei Nacken- und Kreuzschmerzen keine signifikante Überlegenheit hinsichtlich Schmerz oder Funktion. Massage kann bei einigen Erkrankungen kurzfristige symptomatische Verbesserungen ermöglichen, während längerfristige und gegenüber aktiven Therapien überlegene Effekte nicht zuverlässig belegt sind.
Keines der Verfahren sollte eine erforderliche Diagnostik oder eine evidenzbasierte aktive beziehungsweise multimodale Schmerztherapie ersetzen.
Literatur
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