Massentierhaltung
Der Begriff Massentierhaltung ist wissenschaftlich nicht einheitlich definiert. Fachlich präziser ist die Bezeichnung intensive Nutztierhaltung. Kennzeichnend sind eine hohe Spezialisierung der Tierhaltung, standardisierte Haltungs- und Fütterungssysteme sowie eine auf hohe Produktionsleistung ausgerichtete Organisation.
Aus Sicht der Mikronährstoffmedizin und Ernährungsmedizin sind insbesondere drei Aspekte zu unterscheiden: die Auswirkungen der Haltungsbedingungen auf Tiergesundheit und Tierwohl, der Einsatz antimikrobieller Tierarzneimittel (Arzneimittel gegen Krankheitserreger bei Tieren) sowie der Einfluss von Fütterung und Produktionssystem auf die Zusammensetzung tierischer Lebensmittel.
Haltungsbedingungen, Tiergesundheit und Tierwohl
Eine intensive Nutztierhaltung ist nicht grundsätzlich mit einer verminderten Tiergesundheit oder Lebensmittelqualität gleichzusetzen. Die Auswirkungen sind tierartspezifisch und werden wesentlich durch Besatzdichte, Genetik, Stallklima, Boden- und Liegeflächen, Bewegungs- und Verhaltensmöglichkeiten sowie das betriebliche Gesundheitsmanagement bestimmt.
Für die ganzjährige Laufstallhaltung von Milchkühen zeigt eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit aufgrund der ausgeprägten methodischen Heterogenität (Unterschiedlichkeit der untersuchten Studien) nur eine schwache Evidenz für eine generelle Über- oder Unterlegenheit gegenüber Haltungssystemen mit Weidezugang bzw. anderem Außenzugang [1].
Eine aktuelle Meta-Analyse zur physischen Umweltanreicherung bei in Stallhaltung gehaltenen Rindern zeigte bei Kälbern und Färsen signifikant höhere Wachstumsraten und vermehrtes lokomotorisches Spielverhalten (bewegungsbezogenes Spielverhalten). Für weitere tierwohlbezogene Endpunkte waren die Ergebnisse heterogen [2].
Auch bei Masthühnern besteht kein einfacher linearer Zusammenhang zwischen einem einzelnen Haltungsparameter und dem Tierwohl. Besatzdichte, Gruppengröße, Alter, Lichtregime und Umweltkontrolle beeinflussen Mortalität (Sterblichkeit), Verhalten und Beinfunktion in komplexer Interaktion [3].
Hohe Leistungsanforderungen, eingeschränkte Bewegungs- und Verhaltensmöglichkeiten sowie ungünstige Haltungsbedingungen können damit Gesundheits- und Tierwohlprobleme mitbedingen. Die pauschale Annahme, Tiere aus intensiver Haltung entwickelten grundsätzlich „kaum Muskelfleisch, aber reichlich Fett“, ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt.
Antibiotika und Antibiotikaresistenz
Infektionskrankheiten besitzen in größeren Tierpopulationen eine besondere Bedeutung. Das Risiko ihrer Ausbreitung wird jedoch nicht allein durch die Anzahl der gehaltenen Tiere bestimmt, sondern wesentlich durch Biosicherheit, Tiergesundheit, Bestandsmanagement und Haltungsbedingungen beeinflusst.
Der Einsatz von Antibiotika (Arzneimittel gegen bakterielle Infektionen) in der Nutztierhaltung trägt zur Selektion antibiotikaresistenter Bakterien (Auswahl von gegen Antibiotika widerstandsfähigen Bakterien) bei. Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zeigte, dass Maßnahmen zur Einschränkung des Antibiotikaeinsatzes bei lebensmittelliefernden Tieren mit einer verminderten Prävalenz (Häufigkeit) antibiotikaresistenter Bakterien bei Tieren und bei exponierten menschlichen Populationen assoziiert sind [4]. Antibiotikaresistenzen sind damit ein relevantes One-Health-Problem an der Schnittstelle von Tiergesundheit, Humanmedizin und Umwelt.
Nach Art. 107 der Verordnung (EU) 2019/6 dürfen antimikrobielle Tierarzneimittel in der Europäischen Union weder routinemäßig noch zum Ausgleich unzureichender Hygiene, unangemessener Tierhaltung, mangelnder Versorgung oder mangelhaften Betriebsmanagements eingesetzt werden. Ein Einsatz zur Wachstumsförderung oder Ertragssteigerung ist untersagt. Eine prophylaktische Anwendung (vorbeugende Anwendung) antimikrobieller Arzneimittel ist nur in Ausnahmefällen bei sehr hohem Infektionsrisiko und voraussichtlich schweren Folgen zulässig; für Antibiotika ist die prophylaktische Anwendung unter diesen Voraussetzungen auf das einzelne Tier begrenzt [5].
Hormonal wirksame Substanzen
Die frühere pauschale Aussage, Tiere der intensiven Nutztierhaltung würden in der Europäischen Union regelhaft mit „Hormonen“ zur Beschleunigung des Muskel- und Gewichtswachstums behandelt, ist nicht zutreffend. Die Verabreichung bestimmter Substanzen mit östrogener (wie weibliche Sexualhormone wirkender), androgener (wie männliche Sexualhormone wirkender) oder gestagener Wirkung (wie Gelbkörperhormone wirkender) sowie bestimmter β-Agonisten (Wirkstoffe, die bestimmte Beta-Rezeptoren aktivieren) an Nutztiere ist in der Europäischen Union grundsätzlich verboten; eng definierte therapeutische bzw. zootechnische Ausnahmen sind rechtlich geregelt [6].
Der Nachweis natürlicherweise vorkommender Steroidhormone (Hormone mit Steroidgrundstruktur) in tierischen Lebensmitteln ist daher von einer verbotenen hormonellen Wachstumsförderung zu unterscheiden.
Fütterung und Nährstoffzusammensetzung tierischer Lebensmittel
Die Fütterung der Tiere ist ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Zusammensetzung von Fleisch und Milch. Besonders gut dokumentiert sind Veränderungen des Fettsäureprofils. Die verfügbare Evidenz rechtfertigt jedoch nicht die pauschale Aussage, Lebensmittel aus intensiver Nutztierhaltung seien grundsätzlich makro- oder mikronährstoffarm.
Dabei ist zu beachten, dass die Kategorien ökologische und konventionelle Tierhaltung nicht mit extensiver und intensiver Nutztierhaltung gleichgesetzt werden können. Vergleichsstudien zwischen ökologischen und konventionellen Produktionssystemen belegen daher Unterschiede der Lebensmittelzusammensetzung, erlauben aber keine unmittelbare kausale Zuordnung dieser Unterschiede zum Begriff „Massentierhaltung“.
Eine Meta-Analyse zum Vergleich von Fleisch aus ökologischer und konventioneller Tierhaltung zeigte Unterschiede insbesondere im Fettsäureprofil. Fleisch aus ökologischer Produktion wies im Mittel höhere Konzentrationen an mehrfach ungesättigten Fettsäuren und Omega-3-Fettsäuren auf. Für zahlreiche Mineralstoffe, Antioxidantien und Vitamine war die Datenbasis dagegen begrenzt und die Evidenzqualität überwiegend niedrig bzw. sehr niedrig [7].
Auch bei Milch sind produktions- und fütterungsabhängige Unterschiede nachweisbar. Eine Meta-Analyse zeigte in ökologisch erzeugter Milch höhere Konzentrationen an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Omega-3-Fettsäuren, konjugierter Linolsäure, α-Tocopherol (Vitamin E) und Eisen, gleichzeitig jedoch niedrigere Konzentrationen an Iod und Selen [8]. Diese Befunde verdeutlichen, dass Produktionssysteme die Nährstoffzusammensetzung in unterschiedliche Richtungen verändern können. Aus solchen kompositionellen Unterschieden lässt sich nicht unmittelbar ein klinischer gesundheitlicher Vorteil eines Produktionssystems ableiten.
Kalbfleisch und Eisenversorgung
Das im älteren Schrifttum angeführte Beispiel einer eingeschränkten Eisenversorgung zur Erzeugung besonders hellen Kalbfleischs ist als spezifisches Tierwohlproblem relevant, jedoch kein Beleg für einen generellen Mikronährstoffmangel tierischer Lebensmittel aus intensiver Nutztierhaltung.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewertet die Eisenversorgung ausdrücklich im Zusammenhang mit der Haltung von Kälbern zur Erzeugung von weißem Kalbfleisch. Eine unzureichende Eisenversorgung kann zur Anämie (Blutarmut) führen. Die EFSA empfiehlt, eine Anämie durch die Zufuhr ausreichend bioverfügbaren Eisens über die Fütterung zu verhindern [9].
Ernährungsmedizinische Bewertung
Für die ernährungsmedizinische Beurteilung tierischer Lebensmittel ist die Produktionsform allein kein ausreichender Qualitätsmarker. Von Bedeutung sind insbesondere Tierart, Genetik, Fütterungsregime, Haltungs- und Gesundheitsmanagement, Fettgehalt, Fleischteil bzw. Lebensmittelmatrix sowie die nachfolgende Verarbeitung.
Aus mikronährstoffmedizinischer Sicht sind vor allem spezifische Veränderungen einzelner Nährstoffe zu berücksichtigen. Besonders konsistent sind produktions- und fütterungsabhängige Unterschiede im Fettsäureprofil. Für eine generelle Verminderung des Vitamin- und Mineralstoffgehalts von Fleisch oder Milch aus intensiver Nutztierhaltung besteht dagegen keine ausreichende Evidenz.
Fazit
Intensive Nutztierhaltung kann bei ungünstiger Besatzdichte, eingeschränkten Bewegungs- und Verhaltensmöglichkeiten sowie unzureichendem Gesundheitsmanagement Tierwohl und Tiergesundheit beeinträchtigen. Eine besondere humanmedizinische Relevanz besitzt der durch Antibiotikaeinsatz mitbedingte Selektionsdruck (Auswahldruck) auf antibiotikaresistente Bakterien.
Die Fütterung und das Produktionssystem beeinflussen zudem die Zusammensetzung tierischer Lebensmittel. Die Evidenz zeigt insbesondere Unterschiede im Fettsäureprofil und bei einzelnen Mikronährstoffen. Eine pauschale Gleichsetzung von Massentierhaltung mit mikronährstoffarmen Lebensmitteln ist jedoch wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
Literatur
- Harvey WJ, Petrokofsky L, Jordon MW, Arnott G, von Walter LW, Malik A et al.: Review: A systematic review of dairy cow health, welfare, and behaviour in year-round loose range housing. Animal. 2025;19:101411. doi:10.1016/j.animal.2024.101411
- Unsal G, Johnson KF, Stergiadis S, Bennett R, Barker ZE: A systematic review and meta-analysis of physical environmental enrichment to improve animal welfare-related outcomes in indoor cattle. Animal Welfare. 2025;34:e37. doi:10.1017/awf.2025.28
- Averós X, Estevez I: Meta-analysis of the effects of intensive rearing environments on the performance and welfare of broiler chickens. Poultry Science. 2018;97:3767-3785. doi:10.3382/ps/pey243
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- European Parliament and Council: Regulation (EU) 2019/6 of the European Parliament and of the Council of 11 December 2018 on veterinary medicinal products and repealing Directive 2001/82/EC. Official Journal of the European Union. 2019;L 4:43-167. EUR-Lex
- Council of the European Union: Council Directive 96/22/EC of 29 April 1996 concerning the prohibition on the use in stockfarming of certain substances having a hormonal or thyrostatic action and of beta-agonists, and repealing Directives 81/602/EEC, 88/146/EEC and 88/299/EEC. Official Journal of the European Communities. 1996;L 125:3-9. EUR-Lex
- Średnicka-Tober D, Barański M, Seal C, Sanderson R, Benbrook C, Steinshamn H et al.: Composition differences between organic and conventional meat: a systematic literature review and meta-analysis. Br J Nutr. 2016;115:994-1011. doi:10.1017/S0007114515005073
- Średnicka-Tober D, Barański M, Seal CJ, Sanderson R, Benbrook C, Steinshamn H et al.: Higher PUFA and n-3 PUFA, conjugated linoleic acid, α-tocopherol and iron, but lower iodine and selenium concentrations in organic milk: a systematic literature review and meta- and redundancy analyses. Br J Nutr. 2016;115:1043-1060. doi:10.1017/S0007114516000349
- EFSA Panel on Animal Health and Animal Welfare (AHAW), Nielsen SS, Alvarez J, Bicout DJ, Calistri P, Canali E et al.: Welfare of calves. EFSA Journal. 2023;21:e07896. doi:10.2903/j.efsa.2023.7896