Select 181 Test
Select 181 ist ein kommerzieller Nahrungsmittel-IgG-Paneltest zur semiquantitativen Bestimmung nahrungsmittelspezifischer Immunglobulin-G-Antikörper im Serum (Blutserum). Der Test wird zur Abklärung sogenannter IgG-vermittelter Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Lebensmittelunverträglichkeiten) angeboten. Nach aktueller evidenzbasierter allergologischer Bewertung ist ein solcher IgG-Paneltest jedoch nicht geeignet, eine Nahrungsmittelallergie (Lebensmittelallergie), eine Nahrungsmittelintoleranz (Lebensmittelintoleranz) oder eine klinisch relevante Nahrungsmittelüberempfindlichkeit (Überempfindlichkeit gegen Lebensmittel) zu diagnostizieren [1-4].
Nahrungsmittelspezifisches IgG und IgG4 spiegeln in der Regel die immunologische Exposition (Kontakt des Immunsystems) gegenüber verzehrten Nahrungsmitteln wider. Erhöhte Werte sind kein Beweis für eine krankheitsauslösende Reaktion und können Ausdruck einer physiologischen Immunantwort (normalen Abwehrreaktion) oder Toleranzentwicklung (Gewöhnung des Immunsystems) sein [2, 3].
Synonyme
- Select-181-Test
- Nahrungsmittel-IgG-Panel
- Food-IgG-Panel
- IgG-Nahrungsmitteltest
- Nahrungsmittelspezifisches IgG im Serum
- Nahrungsmittelspezifisches IgG4 im Serum
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Eine Nüchternblutabnahme ist für die IgG-Bestimmung gegen Nahrungsmittel nicht erforderlich.
- Die vorherige Nahrungsaufnahme beeinflusst die Aussagekraft des Tests, da IgG-Antikörper die Exposition gegenüber regelmäßig verzehrten Nahrungsmitteln widerspiegeln können.
- Störfaktoren
- Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Lipämie (fettreiches Blut) oder unsachgemäße Probenlagerung können die analytische Qualität beeinträchtigen.
- Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Antikörpermangelsyndrome (Antikörpermangel-Erkrankungen) oder eine ausgeprägte Hypogammaglobulinämie (Mangel an Abwehrstoffen) können zu verminderten Antikörperkonzentrationen führen.
- Eine vorausgegangene Eliminationsdiät (Auslassdiät) kann die Antikörperkonzentrationen gegen einzelne Nahrungsmittel verändern.
- Die größte Einschränkung ist nicht präanalytisch (vor der Laboranalyse), sondern klinisch-methodisch: Ein erhöhter nahrungsmittelspezifischer IgG- oder IgG4-Wert besitzt keine validierte diagnostische Aussagekraft für eine Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelintoleranz [2-4].
- Methode
- Meist Enzyme-Linked Immunosorbent Assay (ELISA) oder verwandte Festphasen-Immunoassays
- Nachweis nahrungsmittelspezifischer Immunglobulin-G-Antikörper gegen immobilisierte Nahrungsmittelantigene (Erkennungsstrukturen aus Lebensmitteln)
- Semiquantitative oder quantitative Auswertung, abhängig vom Herstellerverfahren
- Die ermittelten Konzentrationen sind methoden- und herstellerabhängig.
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Material | Referenzbereich/Bewertung |
| Serum | Keine allgemein anerkannten diagnostischen Normbereiche für Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Nahrungsmittelallergie |
| Einzelne Nahrungsmittel-IgG-/IgG4-Werte | Herstellerabhängige Klassen oder Grenzwerte ohne validierte krankheitsspezifische Entscheidungsgrenzen |
| Panelbefund | Kein Beweis für eine klinisch relevante Nahrungsmittelreaktion |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Für nahrungsmittelspezifisches IgG oder IgG4 existieren keine leitliniengerecht validierten Entscheidungsgrenzen zur Diagnose einer Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelintoleranz [1-4].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Keine leitliniengerechte Indikation zur Diagnostik einer Nahrungsmittelallergie [1, 2]
- Keine leitliniengerechte Indikation zur Diagnostik einer Nahrungsmittelintoleranz [2-4]
- Keine leitliniengerechte Indikation bei chronischen unspezifischen Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Migräne, Arthralgien (Gelenkschmerzen), Hautbeschwerden oder gastrointestinalen Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) ohne klare allergologische Anamnese (Krankengeschichte) [2-4]
- Keine Indikation als Screeningtest bei asymptomatischen Patienten
- Keine Indikation zur Erstellung breiter Eliminationsdiäten ohne klinisch gesicherten Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelaufnahme und Beschwerden
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Ein erhöhter nahrungsmittelspezifischer IgG- oder IgG4-Wert zeigt vor allem, dass das betreffende Nahrungsmittel immunologisch erkannt wurde.
- Der Befund kann mit regelmäßigem Verzehr des betreffenden Nahrungsmittels vereinbar sein.
- Der Befund beweist keine Allergie, keine Intoleranz und keine klinisch relevante Unverträglichkeitsreaktion [2-4].
- Ein positiver Panelbefund darf nicht als alleinige Grundlage für eine Eliminationsdiät verwendet werden.
- Erniedrigte Werte
- Niedrige oder nicht nachweisbare Werte schließen eine Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelintoleranz nicht aus.
- Niedrige Werte können durch fehlende oder geringe Exposition gegenüber dem betreffenden Nahrungsmittel erklärbar sein.
- Bei Antikörpermangel oder Immunsuppression kann die Antikörperbildung vermindert sein.
- Spezifische Konstellationen
- Bei Verdacht auf IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie sind Anamnese, spezifisches Immunglobulin E, Hauttestung (Allergietest an der Haut) und gegebenenfalls orale Provokation (kontrollierte Gabe über den Mund) unter kontrollierten Bedingungen leitliniengerecht entscheidend [1].
- Bei Verdacht auf nicht-IgE-vermittelte gastrointestinale Reaktionen (Reaktionen im Magen-Darm-Trakt) ist eine gastroenterologische (magen-darm-ärztliche) oder pädiatrisch-gastroenterologische (kinderärztliche Magen-Darm-) Abklärung erforderlich [1].
- Bei Verdacht auf Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) sind Transglutaminase-Antikörper oder Endomysium-Antikörper sowie Gesamt-IgA im Serum leitliniengerecht relevant; ein IgG-Nahrungsmittelpanel ist dafür ungeeignet.
- Bei Verdacht auf Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit), Fructosemalabsorption (Fruchtzuckeraufnahmestörung) oder andere Kohlenhydratmalabsorptionen (Zuckeraufnahmestörungen) sind anamnesegeleitete Eliminations- und Belastungsstrategien sowie gegebenenfalls Atemtests (Atemuntersuchungen) geeigneter als IgG-Panels.
Weiterführende Diagnostik
- Strukturierte allergologische Anamnese mit Erfassung von Auslöser, Beschwerdebild, Zeitintervall, Reproduzierbarkeit, Cofaktoren (Begleitfaktoren), Menge und bisheriger Toleranz
- Spezifisches Immunglobulin E gegen verdächtige Nahrungsmittel bei klinischem Verdacht auf IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie [1]
- Haut-Prick-Test mit geeigneten Nahrungsmittelallergenen bei klinischem Verdacht auf IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie [1]
- Komponentendiagnostik (Einzelbestandteil-Diagnostik) bei ausgewählten Fragestellungen, insbesondere zur Risikostratifizierung (Risikoeinstufung) und Differenzierung (Unterscheidung) primärer und pollenassoziierter Nahrungsmittelallergien [1]
- Diagnostische Eliminationsdiät nur zeitlich begrenzt, gezielt und unter ernährungsmedizinischer Kontrolle [1]
- Orale Nahrungsmittelprovokation (kontrollierte Nahrungsmittelgabe) als Referenzstandard (Vergleichsstandard) bei unklarer klinischer Relevanz und vertretbarem Risiko [1]
- Abklärung wichtiger Differentialdiagnosen (Abgrenzungsdiagnosen), insbesondere Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) (dauerhaft entzündliche Darmerkrankungen), Reizdarmsyndrom (funktionelle Darmbeschwerden), Kohlenhydratmalabsorptionen, Histaminintoleranz (Histaminunverträglichkeit) als klinisches Syndrom (Beschwerdebild), Mastozytose (Mastzellerkrankung) oder Mastzellaktivierungssyndrom (Mastzellaktivierungs-Erkrankung) bei entsprechender Symptomkonstellation (Beschwerdekonstellation)
Klinische Hinweise
- IgG-/IgG4-Paneltests gegen Nahrungsmittel sollen nicht zur Diagnose von Nahrungsmittelallergien oder Nahrungsmittelintoleranzen eingesetzt werden [2-4].
- Breite Eliminationsdiäten auf Grundlage von IgG-Panelbefunden bergen das Risiko unnötiger Ernährungseinschränkungen, Mangelernährung (unzureichende Nährstoffversorgung), erhöhter Krankheitsangst und Fehlinterpretation klinischer Beschwerden [3, 4].
- Ein positiver Select-181-Befund sollte nicht als Krankheitsnachweis gewertet werden.
- Bei Patienten mit chronischen Beschwerden ist eine strukturierte differentialdiagnostische Abklärung vorzuziehen.
- Bei Verdacht auf eine echte Nahrungsmittelallergie ist die Diagnostik immer anamnesegeleitet und nicht panelbasiert durchzuführen [1].
Literatur
- Worm M, Reese I, Ballmer-Weber B, Beyer K, Bischoff SC, Bohle B et al.: Update of the S2k guideline on the management of IgE-mediated food allergies. Allergol Select. 2021;5:195-243. https://doi.org/10.5414/ALX02257E
- Stapel SO, Asero R, Ballmer-Weber BK, Knol EF, Strobel S, Vieths S et al.: Testing for IgG4 against foods is not recommended as a diagnostic tool: EAACI Task Force Report. Allergy. 2008;63(7):793-796. https://doi.org/10.1111/j.1398-9995.2008.01705.x
- Carr S, Chan E, Lavine E, Moote W. CSACI Position statement on the testing of food-specific IgG. Allergy Asthma Clin Immunol. 2012;8(1):12. https://doi.org/10.1186/1710-1492-8-12
- Kelso JM. Unproven Diagnostic Tests for Adverse Reactions to Foods. J Allergy Clin Immunol Pract. 2018;6(2):362-365. https://doi.org/10.1016/j.jaip.2017.08.021