Histamin (Plasma, Stuhl)
Histamin ist ein biogenes Amin (Eiweißabbauprodukt) und ein zentraler Mediator (Botenstoff) mastzell- und basophilenvermittelter Reaktionen (Abwehrreaktionen). Es wirkt über Histaminrezeptoren als Entzündungsmediator (Entzündungsbotenstoff), Gewebshormon (örtlich wirkender Botenstoff), Neurotransmitter (Nervenbotenstoff) und Regulator gastrointestinaler Funktionen (Funktionen des Magen-Darm-Trakts). In der klinischen Labordiagnostik ist die direkte Histaminbestimmung nur eingeschränkt verwertbar, da Histamin eine kurze Halbwertszeit besitzt, präanalytisch (vor der Laboranalyse) sehr störanfällig ist und allein keine Diagnose einer Histaminintoleranz (Histaminunverträglichkeit), eines Mastzellaktivierungssyndroms (Mastzellaktivierungs-Erkrankung) oder einer Mastozytose (Mastzellerkrankung) erlaubt [1-6].
Die labordiagnostische Bedeutung von Histamin liegt vor allem in der ergänzenden Erfassung mastzellassoziierter Mediatorfreisetzung (Botenstofffreisetzung) bei akuten systemischen Reaktionen (den ganzen Körper betreffenden Reaktionen). Bei Verdacht auf Mastzellaktivierung (Aktivierung von Abwehrzellen) sind Serumtryptase im Akutereignis (akuter Krankheitsphase) und im Intervall (beschwerdefreien Zeitraum) sowie validierte Urinmetabolite (Abbauprodukte im Urin), insbesondere N-Methylhistamin, in der Regel diagnostisch aussagekräftiger als eine isolierte Histaminbestimmung im Plasma oder Stuhl [3-6].
Synonyme
- 2-(1H-Imidazol-4-yl)ethanamin
- Histamin im Plasma
- Histamin im Vollblut
- Histamin im Stuhl
- N-Methylhistamin als Histaminmetabolit im Urin
Das Verfahren
Benötigtes Material
- EDTA-Plasma oder Heparin-Plasma, abhängig von der Labormethode
- Vollblut nur bei ausdrücklich validierter laborspezifischer Methode
- 24-Stunden-Urin oder Spontanurin für N-Methylhistamin als Histaminmetabolit, bevorzugt bei Verdacht auf Mastzellaktivierung
- Stuhlprobe nur bei laborspezifischem Angebot; für die Diagnostik einer Histaminintoleranz ist Histamin im Stuhl nicht leitlinienbasiert validiert
Vorbereitung des Patienten
- Keine standardisierte spezielle Vorbereitung für die reine Histaminbestimmung
- Bei Verdacht auf akute Mastzellaktivierung möglichst Probengewinnung während oder kurz nach dem Ereignis; ergänzend immer Basaltryptase im symptomfreien Intervall bestimmen
- Medikamente, Ernährung, Alkohol, körperliche Belastung und Zeitpunkt der Probenentnahme dokumentieren
- Antihistaminika verfälschen die Histaminkonzentration im Plasma nicht zuverlässig in eine diagnostisch verwertbare Richtung; ein pauschales Absetzen ist nicht leitlinienbasiert und sollte nur nach ärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen
Störfaktoren
- Präanalytische Instabilität (mangelnde Stabilität vor der Laboranalyse) durch kurze Halbwertszeit von Histamin
- Verzögerte Zentrifugation (Trennung der Blutbestandteile), Lagerung bei Raumtemperatur oder fehlende Kühlung
- In-vitro-Freisetzung (Freisetzung außerhalb des Körpers) aus Basophilen (basophilen Abwehrzellen), Thrombozyten (Blutplättchen) oder anderen Blutzellen
- Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Gerinnselbildung oder ungeeignetes Probenmaterial
- Stress, Venenstauung, körperliche Belastung und unspezifische Zellaktivierung während der Blutentnahme
- Histaminreiche Mahlzeiten, Alkohol und fermentierte Lebensmittel können die klinische Symptomatik (Beschwerden) beeinflussen, erlauben aber keine standardisierte diagnostische Interpretation einzelner Histaminwerte
- Stuhlhistamin ist stark abhängig von Ernährung, intestinaler Mikrobiota (Darmflora), Probenlagerung und laborspezifischer Methodik
Methode
- Hochleistungsflüssigkeitschromatographie mit Fluoreszenzdetektion oder massenspektrometrischer Detektion
- Enzymimmunoassay oder andere Immunoassays, abhängig vom Labor
- Für N-Methylhistamin im Urin vorzugsweise chromatographische Verfahren mit massenspektrometrischer Detektion
- Methoden, Einheiten, Stabilitätsanforderungen und Referenzbereiche sind stark laborabhängig
Normbereiche (je nach Labor)
| Material/Parameter | Referenzbereich/Interpretationshinweis |
|---|---|
| Histamin im Plasma | Häufig < 1 ng/ml; methoden- und laborabhängig |
| Histamin im Vollblut | Nur laborspezifisch interpretierbar |
| Histamin im Stuhl | Kein allgemein validierter Referenzbereich für die Diagnose einer Histaminintoleranz; gelegentlich laborspezifisch z. B. < 600 ng/g |
| N-Methylhistamin im Urin | Nur alters-, methoden- und kreatininbezogen beziehungsweise sammelzeitbezogen interpretierbar |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Einzelwerte dürfen nicht isoliert interpretiert werden.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Ergänzende Diagnostik bei akuter systemischer Mastzellaktivierung, insbesondere Anaphylaxie (schwere allergische Sofortreaktion), wenn die Probengewinnung zeitnah zum Ereignis möglich ist
- Ergänzende Diagnostik bei Verdacht auf Mastzellaktivierungssyndrom, vorzugsweise zusammen mit Serumtryptase und Urinmetaboliten
- Verlaufs- und Zusatzdiagnostik bei bekannter oder vermuteter Mastozytose, wenn klinisch mediatorassoziierte Symptome bestehen
- Differentialdiagnostische Abklärung unklarer Flush-Symptomatik (anfallsartige Hautrötung), Urtikaria (Nesselsucht), Hypotonie (niedriger Blutdruck), Tachykardie (Herzrasen), bronchialer Obstruktion (Verengung der Atemwege) oder gastrointestinaler Akutsymptome (akuter Beschwerden des Magen-Darm-Trakts) im Kontext einer systemischen Reaktion
- Nicht geeignet als alleiniger Routinetest zur Diagnose einer Histaminintoleranz
Interpretation
Erhöhte Werte
- Akute Mastzellaktivierung, insbesondere bei Anaphylaxie oder anaphylaxieähnlicher systemischer Reaktion
- IgE-vermittelte allergische Reaktion bei passendem klinischem Zeitbezug
- Nicht-IgE-vermittelte Mastzellaktivierung, z. B. durch Arzneimittel, physikalische Reize oder andere Trigger
- Systemische Mastozytose oder kutane Mastozytose (Mastozytose der Haut) mit mediatorassoziierten Symptomen
- Mastzellaktivierungssyndrom nur bei erfüllten Konsensuskriterien (Übereinkunftskriterien), also typischer systemischer Symptomatik, objektivierbarem Mediatoranstieg und klinischem Ansprechen auf mediatorgerichtete Therapie [3-6]
- Präanalytische Artefakte (laborbedingte Scheinbefunde), insbesondere verzögerte Verarbeitung oder In-vitro-Freisetzung aus Blutzellen
Erniedrigte Werte
- Keine eigenständige klinische Relevanz
- Kein Ausschluss einer Mastzellaktivierung, da Histamin nur kurzzeitig erhöht sein kann
Spezifische Konstellationen
- Verdacht auf Histaminintoleranz
- Die Diagnose ist primär klinisch-diätetisch (an Beschwerden und Ernährung orientiert) und erfordert den Ausschluss relevanter Differentialdiagnosen (Alternativdiagnosen). Histamin im Plasma, Histamin im Stuhl und Diaminooxidase im Serum sind nicht ausreichend validiert, um eine Histaminintoleranz sicher zu bestätigen oder auszuschließen [1, 2, 7].
- Verdacht auf Mastzellaktivierungssyndrom
- Die Bestimmung von Histamin allein ist unzureichend. Erforderlich sind typische, wiederkehrende, systemische Symptome, ein objektiver Anstieg eines Mastzellmediators, vorzugsweise Serumtryptase nach der 20 %-plus-2-Regel, und ein Ansprechen auf mediatorgerichtete Therapie [3-6].
- Verdacht auf Mastozytose
- Basaltryptase, KIT-D816V-Mutationsanalyse und gegebenenfalls hämatologische Spezialdiagnostik (Spezialdiagnostik der Blutbildung) sind diagnostisch relevanter als eine isolierte Histaminbestimmung [4-6].
Weiterführende Diagnostik
- Serumtryptase
- Akutprobe möglichst 30 Minuten bis 2 Stunden nach Symptombeginn
- Basalwert im symptomfreien Intervall
- Beurteilung nach 20 %-plus-2-Regel bei Verdacht auf Mastzellaktivierung
- Urinmetabolite der Mastzellaktivierung
- N-Methylhistamin
- 11β-Prostaglandin-F2α beziehungsweise Prostaglandin-D2-Metabolite
- Leukotrien-E4
- Allergologische Diagnostik (Allergiediagnostik)
- Spezifisches IgE
- Hauttestung bei geeigneter Fragestellung
- Kontrollierte Provokationstestung (Auslösetestung) nur unter geeigneten Sicherheitsbedingungen
- Abklärung einer Mastozytose
- Basaltryptase
- KIT-D816V-Mutationsanalyse im peripheren Blut
- Hämatologische Vorstellung (Vorstellung beim Blutspezialisten) bei erhöhter Basaltryptase, Organmanifestationen (Organbeteiligungen), pathologischem Blutbild (krankhaft verändertem Blutbild) oder typischer Klinik
- Knochenmarkdiagnostik bei entsprechender Indikation
- Differentialdiagnostik bei gastrointestinalen Beschwerden
- Zöliakie-Serologie
- Lactose- und Fructosemalabsorption (Milchzucker- und Fruchtzuckeraufnahmestörung)
- Entzündliche Darmerkrankungen
- Reizdarmsyndrom
- Nahrungsmittelallergie
- Endokrinologische (hormonelle) und neuroendokrine Ursachen (hormonbildende Nervenzell-Ursachen) bei Flush und Diarrhoe (Durchfall)
Klinische Hinweise
- Histamin ist ein labiler Akutmediator; ein normaler Einzelwert schließt eine mastzellvermittelte Reaktion nicht aus.
- Histamin im Stuhl ist für die Diagnostik der Histaminintoleranz nicht ausreichend standardisiert und sollte nicht als beweisender Test verwendet werden.
- Die Serum-Diaminooxidase-Aktivität ist nach aktueller Leitlinie kein verlässlicher diagnostischer Marker für Histaminintoleranz [1].
- Bei Verdacht auf Histaminintoleranz ist eine strukturierte, zeitlich begrenzte, ernährungstherapeutisch begleitete Eliminations- und Reexpositionsstrategie (Weglass- und Wiedereinführungsstrategie) diagnostisch sinnvoller als eine isolierte Laborwertinterpretation [1, 2, 7].
- Bei Verdacht auf Mastzellaktivierungssyndrom sollte die Diagnostik streng konsensuskriterienbasiert erfolgen, da unspezifische Symptome häufig zu Überdiagnosen (zu häufigen Diagnosen) führen können [3-6].
Literatur
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- Jochum C. Histamine Intolerance: Symptoms, Diagnosis, and Beyond. Nutrients. 2024;16(8):1219. https://doi.org/10.3390/nu16081219
- Bent RK, Kugler C, Faihs V, Darsow U, Biedermann T, Brockow K. Placebo-Controlled Histamine Challenge Disproves Suspicion of Histamine Intolerance. J Allergy Clin Immunol Pract. 2023;11(12):3724-3731.e11. https://doi.org/10.1016/j.jaip.2023.08.030
- Akin C, Gülen T, Castells MC, Elberink HO, Valent P. Diagnosis and Management of Patients With Mast Cell Activation Syndromes: Status 2026. J Allergy Clin Immunol Pract. 2026;14(1):19-28. https://doi.org/10.1016/j.jaip.2025.10.046
- Weiler CR, Austen KF, Akin C, Barkoff MS, Bernstein JA, Bonadonna P, et al. AAAAI Mast Cell Disorders Committee Work Group Report: Mast cell activation syndrome (MCAS) diagnosis and management. J Allergy Clin Immunol. 2019;144(4):883-896. https://doi.org/10.1016/j.jaci.2019.08.023
- Valent P, Akin C, Hartmann K, Alvarez-Twose I, Brockow K, Hermine O, et al. Updated Diagnostic Criteria and Classification of Mast Cell Disorders: A Consensus Proposal. HemaSphere. 2021;5(11):e646. https://doi.org/10.1097/HS9.0000000000000646
- Rentzos G, Weisheit A, Ekerljung L, van Odijk J. Measurement of diamine oxidase (DAO) during low-histamine or ordinary diet in patients with histamine intolerance. Eur J Clin Nutr. 2024;78:726-731. https://doi.org/10.1038/s41430-024-01448-2