Radioallergosorbent-Test (RAST)
Radioallergosorbent-Test (RAST) ist die historische Bezeichnung für ein radioimmunologisches In-vitro-Verfahren (Laborverfahren außerhalb des Körpers) zum Nachweis allergenspezifischer Immunglobulin-E-Antikörper (Abwehrstoffe vom Allergietyp) im Serum (Blutflüssigkeit). Im engeren Sinn bezeichnet RAST den ursprünglichen, radioaktiv markierten Festphasen-Immunoassay (Labortest an gebundenem Trägermaterial); in der heutigen klinischen Labordiagnostik (Laboruntersuchung) wird der Begriff jedoch häufig unscharf als Sammelbezeichnung für moderne nicht-radioaktive spezifische IgE-Immunoassays (IgE-Labortests) verwendet [1-4].
Der RAST im ursprünglichen Sinn ist in der Routinediagnostik (Standarddiagnostik) weitgehend obsolet (veraltet). Aktuell werden allergenspezifische IgE-Antikörper überwiegend mit standardisierten Enzym-, Fluoreszenz- oder Chemilumineszenz-Immunoassays bestimmt. Die diagnostische Aussage bleibt dabei grundsätzlich dieselbe: Nachgewiesen wird eine IgE-vermittelte Sensibilisierung (allergische Bereitschaft) gegen ein definiertes Allergen (allergieauslösender Stoff) oder eine definierte Allergenkomponente (Bestandteil eines Allergens), nicht automatisch eine klinisch manifeste Allergie (allergische Erkrankung) [1-4].
Die Bestimmung allergenspezifischer IgE-Antikörper ist nur bei passender Anamnese (Krankengeschichte) und konkreter allergologischer Fragestellung sinnvoll. Ein positives Ergebnis belegt eine Sensibilisierung; die klinische Relevanz muss anhand von Symptomen (Beschwerden), Exposition (Kontakt), zeitlichem Zusammenhang und gegebenenfalls Hauttest (Allergietest an der Haut), Komponentendiagnostik (Untersuchung einzelner Allergenbestandteile), Basophilenaktivierungstest (Zellaktivierungstest) oder kontrollierter Provokation (gezielte Auslösungstestung) beurteilt werden [2-5].
Synonyme
- Allergenspezifisches IgE
- Spezifisches IgE
- sIgE
- RAST-Test
- In-vitro-IgE-Test
- Allergen-spezifischer IgE-Immunoassay
- ImmunoCAP-Test, bei Verwendung dieses Testsystems
- Komponentenbasierte IgE-Diagnostik, bei Untersuchung einzelner Allergenmoleküle
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum
- Plasma (Blutflüssigkeit mit Gerinnungsstoffen) je nach Testsystem möglich, sofern vom Hersteller validiert
- Keine radioaktiven Reagenzien (Testsubstanzen) bei den heute üblichen Routinetests
- Bei historischer RAST-Methodik (Untersuchungsverfahren): immobilisiertes Allergen, Patientenserum, radioaktiv markierter Anti-IgE-Antikörper und Radioaktivitätsmessung
- Vorbereitung des Patienten
- Keine Nüchternblutabnahme erforderlich
- Antihistaminika (Allergiemedikamente) müssen für die Serum-IgE-Bestimmung nicht abgesetzt werden, da sie das In-vitro-Messergebnis nicht direkt hemmen
- Glucocorticoide (Kortisonpräparate), Biologika (biotechnologisch hergestellte Arzneimittel) und Allergen-Immuntherapie (Hyposensibilisierung) können die Immunantwort (Abwehrreaktion) langfristig beeinflussen; dies betrifft die klinische Interpretation (Deutung), nicht zwingend die technische Messbarkeit
- Blutentnahme auch bei ausgedehnten Hauterkrankungen, Dermographismus (Schreibhaut), schwerer Hautreaktivität oder nicht durchführbarem Hauttest möglich
- Störfaktoren
- Kreuzreaktive Kohlenhydratdeterminanten (zuckerhaltige Kreuzreaktionsstrukturen) können positive spezifische IgE-Befunde ohne klinische Relevanz verursachen
- Panallergene (allergenübergreifende Eiweißstoffe) wie Profiline, Polcalcine, Lipid-Transfer-Proteine oder PR-10-Proteine können Kreuzreaktionen (Mitreaktionen) zwischen Pollen, Nahrungsmitteln und pflanzlichen Allergenquellen erklären
- Sehr hohes Gesamt-IgE kann assayabhängig unspezifische Bindungen oder Interpretationsprobleme begünstigen
- Heterophile Antikörper (störende Fremdantikörper), Rheumafaktoren (Autoantikörper) oder Anti-Reagenz-Antikörper können immunologische Messsysteme (Messverfahren des Abwehrsystems) stören
- Biotin kann bei biotinabhängigen Immunoassays zu methodenspezifischen Interferenzen (Störeinflüssen) führen; die Relevanz ist testsystemabhängig
- Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), ausgeprägte Lipämie (Fetttrübung des Blutes), Ikterus (Gelbsucht), falsche Lagerung, wiederholtes Einfrieren/Auftauen und lange Transportzeiten können je nach Analysensystem die Probenqualität beeinträchtigen
- Allergenextrakte (Allergenauszüge) sind nicht vollständig standardisiert; fehlende oder unterrepräsentierte Allergenkomponenten können falsch-negative Ergebnisse verursachen
- Ein positives Ergebnis gegen ein Extraktallergen kann durch klinisch irrelevante Kreuzreaktivität entstehen
- Bei Arzneimitteln (Medikamenten) sind validierte spezifische IgE-Tests nur für wenige Substanzen verfügbar; nicht validierte Arzneimittel-IgE-Bestimmungen sind diagnostisch nicht belastbar
- Methode
- Historischer RAST: Festphasen-Radioimmunoassay mit immobilisiertem Allergen und radioaktiv markiertem Anti-IgE-Antikörper
- Aktuelle Routineverfahren: nicht-radioaktive Immunoassays, insbesondere Fluoreszenz-Enzym-Immunoassays, Enzym-Immunoassays oder Chemilumineszenz-Immunoassays
- Messgröße: allergenspezifisches Immunglobulin E gegen Allergenextrakte oder einzelne Allergenkomponenten
- Einheit: meist kUA/l bei quantitativen spezifischen IgE-Tests; bei einigen Systemen abweichende Einheiten oder semiquantitative Klassen
- Komponentendiagnostik: Nachweis von IgE gegen definierte native oder rekombinante Allergenmoleküle zur besseren Differenzierung zwischen primärer Sensibilisierung und Kreuzreaktivität
Normbereiche (je nach Labor)
| Befundkategorie | Typischer Referenzbereich/Schwellenwert | Interpretation |
| Nicht nachweisbar/negativ | < 0,10 kUA/l oder < 0,35 kUA/l, abhängig vom Testsystem | Kein messbarer oder kein klinisch verwertbarer Nachweis allergenspezifischer IgE-Antikörper |
| Niedrig positiv | 0,10-0,34 kUA/l oder 0,35-0,69 kUA/l, abhängig vom Testsystem | Geringe Sensibilisierung möglich; klinische Relevanz nur bei passender Anamnese |
| Positiv | ≥ 0,35 kUA/l bei vielen klassischen Testsystemen | Nachweis einer Sensibilisierung; keine Gleichsetzung mit klinischer Allergie |
| Höhergradig positiv | Mehrere kUA/l bis hohe zweistellige oder dreistellige Werte | Wahrscheinlichkeit klinischer Relevanz kann steigen, ist aber allergen-, alters- und krankheitsabhängig |
| Klasseneinteilung | Klasse 0-6, testsystemabhängig | Historische/semiquantitative Einordnung; quantitative Angabe in kUA/l ist vorzuziehen |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Entscheidungsgrenzen sind nicht für alle Allergene identisch. Für einzelne Nahrungsmittelallergene existieren populations- und altersabhängige Wahrscheinlichkeitsgrenzen; diese ersetzen jedoch nicht die klinische Gesamtbeurteilung [4, 5].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Abklärung einer IgE-vermittelten Soforttypreaktion (unmittelbare allergische Reaktion) bei passender Anamnese
- Verdacht auf allergische Rhinokonjunktivitis (allergischer Schnupfen mit Bindehautentzündung) durch Pollen, Hausstaubmilben, Tierepithelien (tierische Haut- und Haarbestandteile) oder Schimmelpilze
- Verdacht auf IgE-vermitteltes allergisches Asthma (anfallsartige Atemnoterkrankung)
- Verdacht auf IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie
- Verdacht auf Insektengiftallergie
- Verdacht auf Latexallergie
- Ergänzung zur Hauttestung bei nicht durchführbarem oder nicht aussagekräftigem Hauttest
- Ausgedehnte Hauterkrankungen, Urticaria factitia (druck-/reibungsbedingte Nesselsucht), Dermographismus oder schwere atopische Dermatitis (Neurodermitis) mit eingeschränkter Hauttestbarkeit
- Erhöhtes Risiko systemischer Reaktionen bei Hauttestung
- Fortgesetzte Medikation (Arzneimittelanwendung), die Hauttests beeinflusst und nicht pausiert werden kann
- Differenzierung zwischen Primärsensibilisierung (ursprünglicher allergischer Bereitschaft) und Kreuzreaktivität durch komponentenbasierte IgE-Diagnostik
- Auswahl geeigneter Allergene vor Allergen-Immuntherapie, insbesondere bei respiratorischen Allergien (Atemwegsallergien) und Insektengiftallergie
- Verlaufskontrolle in ausgewählten Situationen, wobei spezifisches IgE allein kein verlässlicher Marker (Kennzeichen) für Therapieerfolg oder klinische Toleranz (Verträglichkeit) ist
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Nachweis einer allergenspezifischen IgE-Sensibilisierung
- Klinisch relevant bei reproduzierbaren Symptomen nach Exposition gegenüber dem entsprechenden Allergen
- Höhere Werte können bei einzelnen Allergenen mit höherer Wahrscheinlichkeit klinischer Reaktivität assoziiert sein, erlauben aber keine sichere Schweregradvorhersage
- Bei Nahrungsmitteln kann die Wahrscheinlichkeit einer klinischen Reaktion mit steigenden spezifischen IgE-Werten zunehmen; die individuelle Reaktionsschwelle und Symptomschwere sind dadurch nicht zuverlässig bestimmbar
- Bei Inhalationsallergenen (eingeatmeten Allergenen) kann ein positiver Befund eine Sensibilisierung belegen; die klinische Diagnose (Feststellung einer Erkrankung) erfordert saisonale oder expositionelle Symptomkorrelation (Zusammenhang mit Beschwerden)
- Bei Insektengiftallergie unterstützt spezifisches IgE die Diagnose, muss aber mit Stichanamnese (Krankengeschichte nach Insektenstich), Reaktionsschwere und gegebenenfalls Komponentendiagnostik korreliert werden
- Bei Arzneimitteln ist ein positiver spezifischer IgE-Befund nur bei validierten Testsystemen diagnostisch verwertbar
- Erniedrigte Werte
- Ein negativer spezifischer IgE-Befund spricht gegen eine IgE-vermittelte Sensibilisierung gegen das getestete Allergen
- Ein negativer Befund schließt eine Allergie nicht sicher aus, wenn das falsche Allergen, ein unvollständiger Extrakt oder ein nicht repräsentiertes Allergenmolekül getestet wurde
- Bei sehr früher Diagnostik nach Reaktion, bei fehlender Testvalidierung oder bei nicht-IgE-vermittelten Mechanismen kann das Ergebnis negativ bleiben
- Nicht-IgE-vermittelte Nahrungsmittelreaktionen, Intoleranzen (Unverträglichkeiten), pseudoallergische Reaktionen (allergieähnliche Reaktionen) und toxische Reaktionen (giftbedingte Reaktionen) werden durch spezifisches IgE nicht erfasst
- Spezifische Konstellationen
- Positive spezifische IgE-Werte ohne Symptome entsprechen einer asymptomatischen Sensibilisierung (allergische Bereitschaft ohne Beschwerden) und sind keine Behandlungsindikation
- Kreuzreaktive Kohlenhydratdeterminanten können multiple positive Extraktbefunde bei fehlender klinischer Relevanz verursachen
- PR-10-Protein-Sensibilisierung ist häufig mit pollenassoziierter Nahrungsmittelallergie und meist eher oralen Symptomen (Beschwerden im Mundbereich) assoziiert
- Lipid-Transfer-Protein-Sensibilisierung kann mit systemischen Reaktionen (Reaktionen des gesamten Körpers) auf pflanzliche Nahrungsmittel assoziiert sein
- Speicherprotein-Sensibilisierung bei Erdnuss, Nüssen oder Samen kann auf ein höheres Risiko systemischer Reaktionen hinweisen
- Profilin- oder Polcalcin-Sensibilisierung spricht häufig für breite pollenassoziierte Kreuzreaktivität
- Sinkende spezifische IgE-Werte im Verlauf können eine nachlassende Sensibilisierung anzeigen, beweisen aber keine klinische Toleranz
- Unter Allergen-Immuntherapie können spezifisches IgE, spezifisches IgG4 und der IgE/IgG4-Quotient immunologische Veränderungen abbilden; sie ersetzen nicht die klinische Erfolgskontrolle [6]
Weiterführende Diagnostik
- Allergologische Anamnese mit Expositionsbezug, zeitlichem Verlauf, Reproduzierbarkeit und Cofaktoren (Begleitfaktoren)
- Prick-Test bei Inhalations-, Nahrungsmittel- oder Insektengiftallergenen, sofern durchführbar und klinisch sinnvoll
- Prick-to-Prick-Test bei ausgewählten frischen Nahrungsmitteln
- Intrakutantest (Hauttest mit Einspritzung in die Haut) nur bei spezifischer Indikation (Anwendungsgrund) und erhöhter Reaktionsbereitschaft unter allergologischer Kontrolle
- Komponentendiagnostik zur Abgrenzung primärer Sensibilisierung von Kreuzreaktivität
- Basophilenaktivierungstest bei ausgewählten Fragestellungen, insbesondere diskrepanten Befunden (nicht zusammenpassenden Befunden) oder spezieller Nahrungsmittel-, Insektengift- oder Arzneimittelallergiediagnostik
- Kontrollierte orale Provokation bei unklarer klinischer Relevanz einer Nahrungsmittelsensibilisierung
- Nasale, konjunktivale oder bronchiale Provokation (Provokation an Nase, Auge oder Bronchien) bei ausgewählten inhalativen Allergenen und spezieller Fragestellung
- Gesamt-IgE als Kontextparameter, jedoch nicht als Screeningtest (Suchtest) für Allergie geeignet
- Tryptase-Basiswert bei Verdacht auf Mastozytose (Mastzellerkrankung), Mastzellaktivierung (Aktivierung von Abwehrzellen) oder erhöhtem Risiko schwerer Insektengiftreaktionen
- Eosinophile Granulozyten (bestimmte weiße Blutkörperchen) und fraktioniertes exhaliertes Stickstoffmonoxid (gemessener Entzündungsstoff in der Ausatemluft) bei Verdacht auf Typ-2-Entzündung der Atemwege
- Keine ungezielten großen Allergenpanel-Screenings ohne klinische Fragestellung, da die Rate klinisch irrelevanter Sensibilisierungen hoch ist
Klinische Hinweise
- Der Begriff RAST sollte im Befundtext möglichst vermieden oder präzisiert werden, da moderne Routinetests in der Regel keine radioaktiven Verfahren mehr sind.
- Ein positiver spezifischer IgE-Befund bedeutet Sensibilisierung, nicht automatisch Allergie.
- Ein negativer spezifischer IgE-Befund schließt eine Allergie nicht sicher aus, wenn die klinische Anamnese überzeugend ist oder das relevante Allergenmolekül nicht im Test enthalten war.
- Die Auswahl der Allergene muss hypothesengeleitet erfolgen. Unspezifische Screeningprofile erzeugen häufig klinisch irrelevante Zufallsbefunde.
- Bei Nahrungsmittelallergie ist die orale Provokation bei unklarer Relevanz weiterhin der diagnostische Referenzstandard.
- Bei Arzneimittelallergie dürfen spezifische IgE-Bestimmungen nur bei validierten Testsystemen und passender Soforttyp-Anamnese eingesetzt werden.
- Für die Indikation zur Allergen-Immuntherapie reicht ein positiver IgE-Befund allein nicht aus; erforderlich sind klinisch relevante Symptome, gesicherte Sensibilisierung und ein passendes, verfügbares Therapieallergen.
Literatur
- Hamilton RG, Hemmer W, Nopp A, Kleine-Tebbe J. Advances in IgE Testing for Diagnosis of Allergic Disease. J Allergy Clin Immunol Pract. 2020;8(8):2495-2504. https://doi.org/10.1016/j.jaip.2020.07.021
- Dramburg S, Hilger C, Santos AF, de Las Vecillas L, Aalberse RC, Acevedo N et al.: EAACI Molecular Allergology User's Guide 2.0. Pediatr Allergy Immunol. 2023;34 Suppl 28:e13854. https://doi.org/10.1111/pai.13854
- Ansotegui IJ, Melioli G, Canonica GW, Caraballo L, Villa E, Ebisawa M et al.: A WAO - ARIA - GA²LEN consensus document on molecular-based allergy diagnosis (PAMD@): Update 2020. World Allergy Organ J. 2020;13(2):100091. https://doi.org/10.1016/j.waojou.2019.100091
- Santos AF, Riggioni C, Agache I, Akdis CA, Akdis M, Alvarez-Perea A et al.: EAACI guidelines on the diagnosis of IgE-mediated food allergy. Allergy. 2023;78(12):3057-3076. https://doi.org/10.1111/all.15902
- Pfaar O, Ankermann T, Augustin M, Bubel P, Böing S, Brehler R et al.: Guideline on allergen immunotherapy in IgE-mediated allergic diseases. Allergol Select. 2022;6:167-232. https://doi.org/10.5414/ALX02331E
- Layhadi JA, Lalioti A, Palmer E, van Zelm MC, Wambre E, Shamji MH. Mechanisms and Predictive Biomarkers of Allergen Immunotherapy in the Clinic. J Allergy Clin Immunol Pract. 2024;12(1):59-66. https://doi.org/10.1016/j.jaip.2023.11.027