Spezifisches IgE im Serum

Spezifisches Immunglobulin E (spezifisches IgE, sIgE) im Serum bezeichnet allergenspezifische Immunglobulin-E-Antikörper gegen definierte Allergenextrakte (Allergenauszüge) oder einzelne Allergenkomponenten (Allergenbestandteile). Es wird in der klinischen Labordiagnostik (Untersuchung von Körperproben im Labor) zur Erfassung einer IgE-vermittelten Sensibilisierung (Überempfindlichkeitsbereitschaft) eingesetzt und dient der Abklärung von Typ-I-Soforttypreaktionen (schnell auftretende allergische Reaktionen), insbesondere bei allergischer Rhinokonjunktivitis (allergischer Schnupfen mit Bindehautentzündung), allergischem Asthma bronchiale (allergisches Asthma), Nahrungsmittelallergie (Lebensmittelallergie), Insektengiftallergie, ausgewählten Arzneimittelallergien (Medikamentenallergien) und ausgewählten berufsbedingten Allergien [1-5].

Der Nachweis spezifischer IgE-Antikörper zeigt eine immunologische Sensibilisierung gegen das getestete Allergen (Allergieauslöser) an. Er beweist für sich allein keine klinisch relevante Allergie. Die Interpretation muss immer zusammen mit Anamnese (Krankengeschichte), Expositionsbezug (Kontaktbezug), Symptomatik (Beschwerden), Schweregrad, Begleiterkrankungen und gegebenenfalls Hauttestung (Allergietest an der Haut), molekularer Allergiediagnostik (Allergiediagnostik auf Molekülebene), Basophilenaktivierungstest (Bluttest zur Aktivierung bestimmter Abwehrzellen) oder kontrollierter Provokation (Auslösungstestung) erfolgen [1-5].

Ein negatives spezifisches IgE schließt eine klinisch relevante Allergie nicht in jeder Situation sicher aus. Dies gilt insbesondere bei Testung nicht repräsentativer Allergenextrakte, fehlender oder unzureichender Allergenkomponente, lokaler IgE-Produktion, Arzneimittelreaktionen (Medikamentenreaktionen), nicht-IgE-vermittelten Mechanismen (Wirkmechanismen) oder länger zurückliegender Sensibilisierung [1, 3, 5].

Synonyme

  • Spezifisches IgE
  • Allergenspezifisches IgE
  • sIgE
  • Allergen-spezifische IgE-Antikörper
  • Serum-spezifisches IgE
  • Historisch: Radioallergosorbent-Test (RAST) als veraltete Bezeichnung für frühere radioimmunologische Testverfahren

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum aus venösem Blut
    • Alternativ je nach Labor: Plasma, sofern für das jeweilige Testsystem validiert
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine Nüchternblutabnahme erforderlich
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Antihistaminika (Allergiemedikamente) beeinflussen die Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper im Serum nicht
    • Systemische Glucocorticoide (Kortisonpräparate), Immunsuppressiva (Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems) oder Biologika (biotechnologisch hergestellte Medikamente) können die klinische Reaktionslage (Reaktionsbereitschaft) verändern; die Interpretation erfolgt daher immer im klinischen Kontext (medizinischen Zusammenhang)
    • Bei geplanter allergenspezifischer Immuntherapie (Hyposensibilisierung) sollte die Diagnostik allergenbezogen und indikationsorientiert vor Therapiebeginn erfolgen
  • Störfaktoren
    • Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), ausgeprägte Lipämie (starke Blutfetterhöhung) oder Ikterus (Gelbsucht) können je nach Testsystem analytisch stören
    • Heterophile Antikörper, Rheumafaktoren oder andere Immunglobulin-Interferenzen (Störeinflüsse durch Antikörper) können methodenabhängig falsch-positive oder falsch-negative Ergebnisse verursachen
    • Biotin kann bei biotinbasierten Immunoassays methodenabhängig interferieren
    • Sehr hohe Gesamt-IgE-Konzentrationen können methodenabhängig eine Verdünnungsmessung erforderlich machen; ein Hochdosis-Hook-Effekt (Messfehler bei sehr hoher Konzentration) ist selten, aber bei diskrepanten Befunden zu berücksichtigen
    • Kreuzreaktive Kohlenhydratdeterminanten (kreuzreagierende Zuckerstrukturen) können zu klinisch nicht relevanten positiven spezifischen IgE-Befunden führen
    • Pollen-assoziierte Kreuzreaktionen (Mitreaktionen auf ähnliche Allergene), insbesondere über PR-10-Proteine, Profiline oder Lipidtransferproteine, können die Interpretation von Nahrungsmittel-sIgE erschweren
    • Allergenextrakte sind unterschiedlich standardisiert; fehlende oder unterrepräsentierte Komponenten können falsch-negative Ergebnisse bedingen
    • Omalizumab-Therapie kann die IgE-Dynamik und die Interpretation von Gesamt-IgE und spezifischem IgE beeinflussen; die Bewertung sollte therapiebezogen erfolgen
  • Methode
    • Fluoreszenz-Enzym-Immunoassay, z. B. ImmunoCAP
    • Enzymimmunoassay
    • Chemilumineszenz-Immunoassay
    • Multiplex-Allergiediagnostik mit nativen oder rekombinanten Allergenkomponenten, z. B. mikroarray- oder beadbasierte Verfahren
    • Komponentendiagnostik zur Unterscheidung von primärer Sensibilisierung, Kreuzreaktivität und Risikomarkern für systemische Reaktionen

Normbereiche (je nach Labor)

Spezifisches IgE Bewertung Historische Klasse
< 0,35 kUA/l Kein Nachweis oder unterhalb des klassischen Entscheidungswertes 0
0,35-0,69 kUA/l Niedrig positiver Nachweis 1
0,70-3,49 kUA/l Positiver Nachweis 2
3,50-17,49 kUA/l Deutlich positiver Nachweis 3
17,50-49,99 kUA/l Stark positiver Nachweis 4
50,00-99,99 kUA/l Sehr stark positiver Nachweis 5
≥ 100,00 kUA/l Extrem stark positiver Nachweis 6

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Die Klasseneinteilung 0-6 ist historisch und semiquantitativ. Sie darf nicht als Schweregradeinteilung einer Allergie interpretiert werden. Niedrige spezifische IgE-Werte können klinisch relevant sein, während hohe Werte bei Kreuzreaktionen oder asymptomatischer Sensibilisierung klinisch irrelevant sein können. Entscheidungsgrenzen für Nahrungsmittelallergien, Insektengiftallergien oder Arzneimittelallergien sind allergen-, alters-, populations- und methodenabhängig [1-5].

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Abklärung einer IgE-vermittelten allergischen Rhinokonjunktivitis bei passender Anamnese
  • Abklärung eines allergischen Asthma bronchiale oder einer allergischen Komponente bei Asthma bronchiale
  • Abklärung einer IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergie bei reproduzierbarer Sofortreaktion nach Exposition
  • Risikostratifizierung (Risikoabschätzung) bei ausgewählten Nahrungsmittelallergien mithilfe der Komponentendiagnostik, z. B. Erdnusskomponenten
  • Abklärung einer Insektengiftallergie nach systemischer Stichreaktion
  • Abklärung ausgewählter Arzneimittel-Soforttypreaktionen, nur wenn validierte oder klinisch etablierte sIgE-Tests verfügbar sind
  • Abklärung berufsbedingter IgE-vermittelter Allergien, z. B. Latex, Mehl, Enzyme oder Labortierallergene
  • Ergänzung zur Hauttestung, wenn Hauttests nicht möglich, kontraindiziert (nicht angezeigt), schwer interpretierbar oder durch Medikamente beeinflusst sind
  • Diagnostik bei Patienten mit hohem Anaphylaxierisiko (Risiko für eine schwere allergische Allgemeinreaktion), wenn eine Hauttestung initial vermieden werden soll
  • Auswahl relevanter Allergene für eine allergenspezifische Immuntherapie bei klinisch gesicherter Relevanz
  • Einordnung polysensibilisierter Patienten durch Extrakt- und Komponentendiagnostik

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • IgE-vermittelte Sensibilisierung gegen Inhalationsallergene, z. B. Gräserpollen, Baumpollen, Kräuterpollen, Hausstaubmilben, Schimmelpilze oder Tierepithelien
    • IgE-vermittelte Sensibilisierung gegen Nahrungsmittelallergene, z. B. Erdnuss, Baumnüsse, Kuhmilch, Hühnerei, Fisch, Weizen, Soja oder Schalentiere
    • IgE-vermittelte Sensibilisierung gegen Insektengifte, insbesondere Bienen- oder Wespengift
    • IgE-vermittelte Sensibilisierung gegen ausgewählte Arzneimittel oder Arzneimittelbestandteile, z. B. bestimmte Betalactam-Antibiotika, Chlorhexidin oder Platinverbindungen, sofern ein validiertes Testsystem vorliegt
    • IgE-vermittelte Sensibilisierung gegen Berufsallergene, z. B. Latex, Mehl, Enzyme oder Labortierallergene
    • Klinisch irrelevante Kreuzreaktion, z. B. durch kreuzreaktive Kohlenhydratdeterminanten, Profiline oder PR-10-Proteine
    • Asymptomatische Sensibilisierung ohne klinisch relevante Allergie
  • Erniedrigte oder nicht nachweisbare Werte
    • Keine nachweisbare Sensibilisierung gegen das getestete Allergen
    • Falsch-negativer Befund bei nicht repräsentativem Allergenextrakt oder fehlender relevanter Allergenkomponente
    • Frühe Sensibilisierungsphase oder niedrige Antikörperkonzentration unterhalb der Nachweisgrenze
    • Lokal begrenzte allergische Reaktion mit fehlendem Nachweis im Serum, z. B. bei lokaler allergischer Rhinitis
    • Nicht-IgE-vermittelte Reaktion, z. B. viele Arzneimittelexantheme (Hautausschläge durch Medikamente), Kontaktallergie (Allergie durch Hautkontakt), nicht-allergische Intoleranzreaktionen (Unverträglichkeitsreaktionen) oder pseudoallergische Reaktionen (allergieähnliche Reaktionen)
    • Abfall spezifischer IgE-Antikörper nach längerer Karenz (Vermeidung) oder im Verlauf einer Immunmodulation (Beeinflussung des Immunsystems), ohne dass daraus allein eine Toleranz (Verträglichkeit) abgeleitet werden darf
  • Spezifische Konstellationen
    • Nahrungsmittelallergie: Die Diagnose beginnt mit allergiefokussierter Anamnese; spezifisches IgE und Hauttestung zeigen Sensibilisierung, die orale Provokation bleibt bei unklarer klinischer Relevanz der diagnostische Referenzstandard [1]
    • Erdnussallergie: Ara h 2 ist in vielen Konstellationen diagnostisch aussagekräftiger als Erdnuss-Extrakt-sIgE; Grenzwerte sind populations- und altersabhängig [3]
    • Birkenpollenassoziiertes orales Allergiesyndrom (allergische Beschwerden im Mundbereich): Positives sIgE gegen Nahrungsmittel kann durch PR-10-Kreuzreaktivität bedingt sein; häufig liegt eine labile, meist hitzeempfindliche Sensibilisierung vor
    • Lipidtransferprotein-Sensibilisierung: Kann mit systemischen Reaktionen auf pflanzliche Nahrungsmittel assoziiert sein; klinische Bewertung ist regional und anamnestisch zu differenzieren
    • Insektengiftallergie: Doppelpositivität gegen Bienen- und Wespengift kann echte Doppelsensibilisierung oder Kreuzreaktivität anzeigen; Komponenten- und gegebenenfalls Inhibitionstests können die Zuordnung verbessern [2, 4]
    • Arzneimittelallergie: Serum-sIgE besitzt nur für ausgewählte Arzneimittel klinische Relevanz und kann niedrige Sensitivität haben; negative Tests schließen eine Soforttypreaktion nicht sicher aus [5]
    • Allergenspezifische Immuntherapie: Spezifisches IgE ist für die Indikationsstellung nützlich, aber nicht als alleiniger Verlaufs- oder Wirksamkeitsmarker geeignet [4]

Weiterführende Diagnostik

  • Allergiefokussierte Anamnese mit Expositions-, Zeit- und Reaktionsanalyse
  • Haut-Pricktest mit standardisierten Allergenextrakten
  • Prick-zu-Prick-Test bei ausgewählten frischen Nahrungsmitteln, wenn Extrakte diagnostisch unzureichend sind
  • Intrakutantest nur bei ausgewählten Fragestellungen und erhöhtem Nebenwirkungsrisiko, z. B. Insektengift- oder Arzneimittelallergie
  • Molekulare Allergiediagnostik zur Unterscheidung von Primärsensibilisierung und Kreuzreaktion
  • Basophilenaktivierungstest bei ausgewählten komplexen oder diskrepanten Befundkonstellationen
  • Kontrollierte Provokationstestung, z. B. orale Nahrungsmittelprovokation, nasale Provokation, konjunktivale Provokation oder bronchiale Provokation, je nach Fragestellung
  • Gesamt-IgE, Eosinophilenzahl, Tryptase und weitere Parameter nur bei spezifischer klinischer Fragestellung, z. B. Anaphylaxie, Mastozytoseverdacht, Eosinophilie oder parasitäre Erkrankung
  • Inhibitionstests bei Verdacht auf kreuzreaktive Kohlenhydratdeterminanten oder komplexe Kreuzreaktivitäten
  • Interdisziplinäre allergologische Beurteilung bei Anaphylaxie, schwerer Nahrungsmittelallergie, Insektengiftallergie, komplexer Arzneimittelallergie oder berufsbedingter Allergie

Klinische Hinweise

  • Ein positives spezifisches IgE bedeutet Sensibilisierung, nicht automatisch Allergie.
  • Die Testung soll gezielt anhand der Anamnese erfolgen; breite ungezielte Screening-Panels erhöhen die Rate klinisch irrelevanter Zufallsbefunde.
  • Die Höhe des spezifischen IgE korreliert nicht zuverlässig mit dem Schweregrad einer allergischen Reaktion.
  • Bei Nahrungsmittelallergie kann spezifisches IgE die Wahrscheinlichkeit einer Reaktion abschätzen, ersetzt aber bei unklarer Relevanz nicht die kontrollierte orale Provokation.
  • Bei Arzneimittelallergie ist die Aussagekraft des spezifischen IgE stark substanzabhängig; negative Ergebnisse schließen eine relevante Arzneimittelallergie nicht sicher aus.
  • Bei polysensibilisierten Patienten ist die Komponentendiagnostik häufig entscheidend, um Primärsensibilisierung, Kreuzreaktion und therapeutisch relevante Allergene zu trennen.
  • Für die allergenspezifische Immuntherapie ist die klinische Relevanz der Sensibilisierung entscheidend; ein isolierter Laborbefund reicht nicht aus.

Literatur

  1. Santos AF, Riggioni C, Agache I, Akdis CA, Akdis M, Alvarez-Perea A et al.: EAACI guidelines on the diagnosis of IgE-mediated food allergy. Allergy. 2023;78(12):3057-3076. https://doi.org/10.1111/all.15902
  2. Dramburg S, Hilger C, Santos AF, de Las Vecillas L, Aalberse RC, Acevedo N et al.: EAACI Molecular Allergology User's Guide 2.0. Pediatr Allergy Immunol. 2023;34 Suppl 28:e13854. https://doi.org/10.1111/pai.13854
  3. Greenhawt M, Shaker M, Wang J, Oppenheimer JJ, Sicherer S, Keet C et al.: Peanut allergy diagnosis: A 2020 practice parameter update, systematic review, and GRADE analysis. J Allergy Clin Immunol. 2020;146(6):1302-1334. https://doi.org/10.1016/j.jaci.2020.07.031
  4. Pfaar O, Ankermann T, Augustin M, Bubel P, Böing S, Brehler R et al.: Guideline on allergen immunotherapy in IgE-mediated allergic diseases. Allergol Select. 2022;6:167-232. https://doi.org/10.5414/ALX02331E
  5. Khan DA, Banerji A, Blumenthal KG, Phillips EJ, Solensky R, White AA et al.: Drug allergy: A 2022 practice parameter update. J Allergy Clin Immunol. 2022;150(6):1333-1393. https://doi.org/10.1016/j.jaci.2022.08.028