Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) – Symptome – Beschwerden
Folgende Symptome und Beschwerden können auf die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) hinweisen:
Leitsymptome
Diese Leitsymptome lenken den Verdacht auf ME/CFS und sind für die klinische Einordnung zentral [1-5]:
- Post-Exertional Malaise (PEM; postexertionelle Malaise; Verschlechterung nach Belastung) – charakteristisches Leitsymptom; pathologische Symptomverschlechterung nach körperlicher, kognitiver (geistiger), emotionaler (gefühlsbezogener), sensorischer (sinnesbezogener) oder orthostatischer (lageabhängiger) Belastung [1-7]
- Typisch ist eine disproportionale (unverhältnismäßige) Verschlechterung bereits nach geringer Alltagsbelastung.
- Der Beginn kann unmittelbar, nach Stunden oder erst am Folgetag auftreten.
- Die Erholung ist deutlich verlängert und kann Tage, Wochen oder länger dauern.
- PEM ist nicht mit normaler Ermüdung nach körperlicher Aktivität gleichzusetzen.
- Ausgeprägte Fatigue (Erschöpfung) – schwere, neu aufgetretene oder deutlich verstärkte Erschöpfung mit relevanter Einschränkung des früheren Aktivitätsniveaus [1-5]
- Belastungsintoleranz (eingeschränkte Belastbarkeit) – deutlich verminderte körperliche, kognitive, emotionale oder soziale Belastbarkeit [1-6]
- Nicht erholsamer Schlaf – Schlaf wird trotz ausreichender Schlafdauer nicht als regenerierend (erholsam) erlebt [1-5]
- Kognitive Störungen (Denkstörungen) – Konzentrationsstörungen (Störungen der Aufmerksamkeit), verlangsamte Informationsverarbeitung, Wortfindungsstörungen, Gedächtnisprobleme, „Brain Fog“ (geistige Benommenheit) [1-5, 8]
- Orthostatische Intoleranz (Kreislaufbeschwerden im Stehen) – Verschlechterung im Stehen oder Sitzen mit Besserung im Liegen, häufig mit Schwindel, Benommenheit, Palpitationen (Herzklopfen) oder Schwächegefühl [1-6]
Hauptsymptome (primäre Symptome)
Diese Hauptsymptome prägen das klinische Bild von ME/CFS:
- Deutliche Reduktion des früheren Funktionsniveaus [1-5]
- Beeinträchtigung von Beruf, Ausbildung, Haushalt, sozialer Teilhabe oder Selbstversorgung
- Bei schwerer Ausprägung Hausgebundenheit, Bettlägerigkeit oder Pflegebedürftigkeit möglich
- Schwere Erschöpfbarkeit nach geringer Aktivität [1-7]
- Verschlechterung nach alltäglichen Tätigkeiten wie Duschen, Treppensteigen, Einkaufen, Lesen, Gesprächen oder Bildschirmarbeit
- Ausgeprägtes Missverhältnis zwischen Belastung und nachfolgender Symptomzunahme
- Neurokognitive (nerven- und denkfunktionsbezogene) Einschränkungen [1-5, 8]
- Konzentrationsstörungen
- Wortfindungsstörungen
- Gedächtnisstörungen
- Verlangsamtes Denken
- Überforderung durch Reize, Multitasking oder Zeitdruck
- Schlafstörungen [1-5]
- Nicht erholsamer Schlaf
- Ein- und Durchschlafstörungen
- Verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus
- Verstärkte Tagesmüdigkeit ohne erholsame Wirkung von Schlaf
- Schmerzsymptomatik (Schmerzbeschwerden) [1, 5, 6]
- Myalgien (Muskelschmerzen)
- Arthralgien (Gelenkschmerzen) ohne objektive Arthritis (Gelenkentzündung)
- Kopfschmerzen, häufig neuartig oder im Muster verändert
- Halsschmerzen oder druckschmerzhafte Lymphknoten (Abwehrknoten) als immunologisch (das Abwehrsystem betreffend) imponierende Begleitsymptome
- Autonome Dysfunktion (Störung des vegetativen Nervensystems) [1, 5, 6]
- Orthostatische Intoleranz
- Palpitationen
- Tachykardie (Herzrasen), insbesondere im Stehen
- Schwindel, Benommenheit, Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht)
- Blutdruckdysregulation (Störung der Blutdruckregulation)
- Temperaturregulationsstörungen (Störungen der Wärmeregulation)
Weitere klinisch relevante Diagnosekriterien
Für die klinische Diagnosestellung sind insbesondere IOM/NAM-Kriterien, NICE NG206, Canadian Consensus Criteria und die im D-A-CH-Konsensus hervorgehobenen klinischen Kriterien relevant [1-6]:
- Erforderlich beziehungsweise zentral nach IOM/NAM und CDC [3, 4]
- Ausgeprägte Fatigue mit wesentlicher Aktivitätsminderung
- Post-Exertional Malaise (PEM)
- Nicht erholsamer Schlaf
- Zusätzlich erforderlich nach IOM/NAM und CDC [3, 4]
- Kognitive Störungen oder orthostatische Intoleranz
- Klinische Verdachtsdiagnose nach NICE NG206 [2]
- Debilitierende (stark beeinträchtigende) Fatigue mit Aktivitätsminderung
- Post-Exertional Malaise (PEM)
- Nicht erholsamer Schlaf oder Schlafstörung
- Kognitive Schwierigkeiten
- Nach Canadian Consensus Criteria zusätzlich typisch [1, 6]
- Schmerzsymptome
- Neurologische/kognitive Manifestationen (Krankheitszeichen)
- Autonome, neuroendokrine (Nerven- und Hormonsystem betreffende) oder immunologische Manifestationen
- Verlaufskriterium [1-5]
- Bei Erwachsenen typischerweise Beschwerdedauer von mindestens 6 Monaten zur gesicherten Diagnose nach IOM/NAM; NICE erlaubt die Diagnose bei anhaltender Symptomatik (Beschwerdebild) bereits ab 3 Monaten.
- Bei Kindern und Jugendlichen gelten je nach Kriteriensystem kürzere Zeiträume; die Einordnung soll fachärztlich erfolgen.
Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
Diese Begleitsymptome sind häufig, aber weniger spezifisch als PEM, Fatigue, nicht erholsamer Schlaf, kognitive Störungen und orthostatische Intoleranz:
- Neurologische (das Nervensystem betreffende) und kognitive Begleitsymptome [1, 5, 6, 8]
- Brain Fog
- Konzentrationsstörungen
- Gedächtnisprobleme
- Wortfindungsstörungen
- Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen, Berührung oder mehreren gleichzeitigen Reizen
- Kopfschmerzen
- Parästhesien (Missempfindungen)
- Autonome und kardiovaskuläre (Herz-Kreislauf-betreffende) Begleitsymptome [1, 5, 6]
- Schwindel beim Stehen
- Palpitationen
- Orthostatische Tachykardie
- Präsynkope
- Kaltschweißigkeit
- Temperaturempfindlichkeit
- Kälte- oder Hitzeintoleranz
- Schmerzsymptome [1, 5, 6]
- Myalgien
- Arthralgien ohne objektive Gelenkschwellung
- Kopfschmerzen
- Druckschmerzen
- Thorakale (den Brustkorb betreffende) Schmerzen nach Ausschluss kardialer (das Herz betreffender), pulmonaler (die Lunge betreffender) und anderer relevanter Ursachen
- Immunologisch/infektähnlich imponierende Symptome [1, 5, 6]
- Halsschmerzen
- Druckschmerzhafte Lymphknoten
- Grippeähnliches Krankheitsgefühl
- Subfebrile (leicht erhöhte) Temperaturen
- Erhöhte Infektanfälligkeit oder verlängerte Erholung nach Infekten (Infektionen), anamnestisch (in der Krankengeschichte) möglich
- Gastrointestinale (Magen-Darm-betreffende) Symptome [1, 5, 6]
- Übelkeit
- Abdominalschmerzen (Bauchschmerzen)
- Reizdarmähnliche Beschwerden
- Nahrungsmittelunverträglichkeiten
- Neuroendokrine und vegetative (unwillkürliche Körperfunktionen betreffende) Symptome [1, 5, 6]
- Temperaturregulationsstörungen
- Nachtschweißigkeit
- Veränderte Stressintoleranz
- Ausgeprägte Verschlechterung bei Schlafmangel, Infekten, Hitze, Kälte oder sensorischer Überlastung
- Überempfindlichkeiten [1, 5, 6]
- Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen, Gerüchen oder Berührung
- Unverträglichkeit von Alkohol, einzelnen Nahrungsmitteln, Medikamenten oder Chemikalien, anamnestisch möglich
Unspezifische Symptome
Diese Symptome können bei ME/CFS vorkommen, sind jedoch nicht diagnostisch spezifisch und müssen differentialdiagnostisch eingeordnet werden:
- Allgemeine Müdigkeit
- Abgeschlagenheit
- Leistungsknick
- Schlaflosigkeit
- Depressive Verstimmung als Folge chronischer Erkrankung und funktioneller Einschränkung
- Angstsymptome als Begleitreaktion auf Belastungsgrenzen, Kreislaufsymptome oder Krankheitsunsicherheit
- Gewichtsveränderungen
- Unspezifische Bauchbeschwerden
- Unspezifische Thoraxbeschwerden
- Subjektive Infektanfälligkeit
Beachte:
ME/CFS ist eine eigenständige, schwere, chronische Multisystemerkrankung (Erkrankung mehrerer Körpersysteme) und muss von chronischer Fatigue als unspezifischem Symptom abgegrenzt werden [1-5]. Chronische Fatigue kann unter anderem bei Depression, Schlafstörungen, Anämie (Blutarmut), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Tumorerkrankungen (Krebserkrankungen), Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen durch fehlgeleitete Abwehrreaktion), chronischen Infektionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, pulmonalen Erkrankungen, Medikamentennebenwirkungen und Substanzmissbrauch auftreten. Ein spezifischer diagnostischer Routine-Biomarker (messbarer Krankheitsmarker) steht derzeit nicht zur Verfügung; die Diagnose ist klinisch und setzt eine gezielte differentialdiagnostische Abklärung (Abklärung anderer möglicher Ursachen) voraus [1-5].
Red Flags (Warnzeichen) bei ME/CFS
- Hinweise auf entzündlich-rheumatische oder autoimmune Erkrankungen
- Objektive Gelenkschwellungen
- Arthritis
- Ausgeprägte Morgensteifigkeit
- Raynaud-Phänomen (anfallsartige Durchblutungsstörung der Finger oder Zehen)
- Vaskulitische Hautveränderungen (durch Gefäßentzündung bedingte Hautveränderungen)
- Uveitis (Entzündung der mittleren Augenhaut) oder andere entzündliche Augenmanifestationen
- Hinweise auf maligne (bösartige) oder hämatologische (das Blut betreffende) Erkrankungen
- Ungewollter deutlicher Gewichtsverlust
- Persistierendes (anhaltendes) oder hohes Fieber
- Ausgeprägte Nachtschweißigkeit
- Progrediente (fortschreitende) oder generalisierte (den ganzen Körper betreffende) Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung)
- Unklare Blutungsneigung
- Hinweise auf neurologische Erkrankungen
- Fokale (örtlich begrenzte) neurologische Defizite (Ausfälle)
- Progrediente Paresen (Lähmungen)
- Neue epileptische Anfälle (Krampfanfälle)
- Ataxie (Störung der Bewegungskoordination)
- Persistierende Bewusstseinsstörungen
- Neu aufgetretene schwere Kopfschmerzen mit Warncharakter
- Hinweise auf kardiopulmonale Erkrankungen
- Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung) mit objektiver kardialer oder pulmonaler Einschränkung
- Thoraxschmerz (Brustschmerz) mit Verdacht auf kardiale Genese (Entstehung)
- Synkopen (Ohnmachten)
- Zyanose (Blaufärbung der Haut oder Schleimhäute)
- Neu aufgetretene Ödeme (Wassereinlagerungen)
- Persistierende Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut)
- Hinweise auf relevante Schlafstörungen
- Lautes Schnarchen mit Atempausen
- Ausgeprägte Tagesschläfrigkeit mit Einschlafneigung
- Verdacht auf Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf)
- Narkolepsieverdacht (Verdacht auf Schlafsucht)
- Hinweise auf endokrine (hormonelle) oder metabolische (stoffwechselbedingte) Erkrankungen
- Ausgeprägte Kälteintoleranz, Obstipation (Verstopfung) und Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) mit Verdacht auf Hypothyreose
- Hyperpigmentierung (verstärkte Hautfärbung), Hypotonie (niedriger Blutdruck) und Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze) mit Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennieren)
- Polyurie (vermehrtes Wasserlassen), Polydipsie (vermehrter Durst) oder Gewichtsverlust mit Verdacht auf Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
- Hinweise auf primär psychiatrische (seelische) oder substanzassoziierte Ursachen
- Akute Psychose (Realitätsverlust)
- Manische Episode (krankhaft gehobene Stimmungslage)
- Schwere Major Depression (schwere depressive Erkrankung) mit psychotischen Symptomen oder Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung)
- Essstörung mit relevantem Untergewicht oder Elektrolytstörungen
- Alkohol- oder Substanzmissbrauch
Außerdem müssen insbesondere folgende Erkrankungen beziehungsweise Ursachen differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden:
- Anämie
- Autoimmunerkrankungen
- Bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung)
- Chronische Infektionen
- Demenzielle Erkrankungen (Erkrankungen mit Gedächtnis- und Denkabbau)
- Depressive Störungen, insbesondere Major Depression
- Endokrine Erkrankungen, insbesondere Hypothyreose und Nebenniereninsuffizienz
- Entzündlich-rheumatische Erkrankungen
- Essstörungen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Maligne Erkrankungen
- Medikamentennebenwirkungen
- Neurologische Erkrankungen
- Pulmonale Erkrankungen
- Schlafstörungen, insbesondere Schlafapnoe
- Schizophrenie (psychotische Erkrankung) und andere psychotische Störungen
- Substanzmissbrauch
Literatur
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