Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) – Medizingerätediagnostik
Die Diagnose der Myalgischen Enzephalomyelitis/des Chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS; chronisches Müdigkeitssyndrom) wird klinisch (ärztlich anhand der Beschwerden und Befunde) gestellt. Eine apparative Untersuchung mit ausreichender Sensitivität (Empfindlichkeit) und Spezifität (Treffsicherheit) zur Bestätigung oder zum Ausschluss von ME/CFS steht derzeit nicht zur Verfügung. Die Medizingerätediagnostik dient daher nicht der Bestätigung der Diagnose, sondern ausschließlich der gezielten Abklärung relevanter Differentialdiagnosen (anderer möglicher Erkrankungen), Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Red Flags (Warnzeichen) und funktioneller Einschränkungen (Einschränkungen der Alltagsfunktion) [1-5].
Obligate Medizingerätediagnostik
- Keine regelhafte obligate Medizingerätediagnostik bei klinischem Verdacht auf ME/CFS – die Basisdiagnostik (Grunduntersuchungen) erfolgt durch Anamnese (Krankengeschichte), körperliche Untersuchung, standardisierte Symptom- und Funktionsanamnese sowie Labordiagnostik (Laboruntersuchungen) [1-5]
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik und obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- 12-Kanal-Elektrokardiogramm (EKG; Herzstromkurve) – bei Palpitationen (Herzklopfen), Thoraxschmerz (Brustschmerz), Synkopen (Ohnmachtsanfällen), Präsynkopen (Beinahe-Ohnmachten), auffälligem Puls, orthostatischer Symptomatik (Beschwerden beim Aufstehen oder Stehen), Verdacht auf Herzrhythmusstörungen oder vor Einsatz potenziell kardial (das Herz betreffend) wirksamer Medikamente [2, 3, 6]
- Langzeit-Elektrokardiogramm (Langzeit-EKG)/Ereignisrekorder – bei intermittierenden (zeitweise auftretenden) Palpitationen, episodischer Tachykardie (Herzrasen), Synkopen, Präsynkopen oder Verdacht auf paroxysmale (anfallsartige) Herzrhythmusstörungen bei unauffälligem Ruhe-EKG [6]
- Orthostatische Testung mit Blutdruck- und Pulsmessung, z. B. aktiver Stehtest, Schellong-Test oder 10-Minuten-NASA-Lean-Test – bei orthostatischer Intoleranz (Unverträglichkeit des Stehens), Schwindel, Benommenheit, Herzrasen im Stehen, Belastungsintoleranz (Belastungsunverträglichkeit), Präsynkopen oder Synkopen; dient der Erfassung von orthostatischer Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen), posturalem Tachykardiesyndrom (Herzrasen beim Stehen) oder anderen Formen autonomer Dysregulation (Fehlregulation des unwillkürlichen Nervensystems) [1, 2, 6, 7]
- Kipptischuntersuchung – bei unklarer orthostatischer Intoleranz, rezidivierenden (wiederkehrenden) Synkopen/Präsynkopen oder Verdacht auf posturales Tachykardiesyndrom, wenn einfache orthostatische Testverfahren nicht ausreichen oder eine spezialisierte autonome Diagnostik (Untersuchung des unwillkürlichen Nervensystems) erforderlich ist [6, 7]
- Echokardiographie (Herzultraschall) – bei pathologischem EKG, Herzgeräusch, Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung), Thoraxschmerz, Synkopen, erhöhtem NT-proBNP, Verdacht auf Myokarditis (Herzmuskelentzündung), Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung), Klappenvitium (Herzklappenfehler), Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder strukturelle Herzerkrankung [3, 6]
- Polysomnographie (Schlaflaboruntersuchung) oder kardiorespiratorische Polygraphie (Schlafuntersuchung mit Herz- und Atemmessung) – bei Verdacht auf obstruktive Schlafapnoe (Atemaussetzer durch Verlegung der oberen Atemwege), zentrale Schlafapnoe (Atemaussetzer durch gestörte Atemsteuerung), periodische Beinbewegungen im Schlaf, nicht erholsamen Schlaf mit Hinweisen auf schlafbezogene Atmungsstörung, ausgeprägte Tagesschläfrigkeit, Adipositas (Fettleibigkeit), Schnarchen, beobachtete Atempausen oder therapierefraktäre (behandlungsresistente) Schlafstörung [1-3, 8]
- Multiple-Schlaflatenz-Testung – bei ausgeprägter Tagesschläfrigkeit und Verdacht auf Narkolepsie (Schlafsucht) oder idiopathische Hypersomnie (unklar bedingte vermehrte Schlafneigung) nach schlafmedizinischer Basisabklärung [8]
- Magnetresonanztomographie (MRT; Schnittbilduntersuchung mit Magnetfeldern) des Schädels – nicht als Routinediagnostik bei ME/CFS; indiziert bei fokal-neurologischen Defiziten (örtlich begrenzten Nervenausfällen), epileptischen Anfällen (Krampfanfällen), neu aufgetretenem oder progredientem (fortschreitendem) Kopfschmerz, Papillenödem (Schwellung des Sehnervenkopfes), atypischer kognitiver Verschlechterung (ungewöhnlicher Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit), klinischem Verdacht auf entzündliche, demyelinisierende (nervenisolierungsschädigende), vaskuläre (gefäßbedingte), tumoröse (geschwulstartige) oder strukturelle Erkrankungen des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) [1-5]
- Elektroenzephalographie (EEG; Hirnstrommessung) – nicht als Routinediagnostik bei ME/CFS; indiziert bei Verdacht auf epileptische Anfälle, nichtkonvulsiven Status epilepticus (anhaltende epileptische Aktivität ohne Krampfen), episodische Bewusstseinsstörungen, atypische Verwirrtheitszustände oder andere anfallsverdächtige Ereignisse [2, 3]
- Lungenfunktionsdiagnostik (Atemfunktionstestung), ggf. Bodyplethysmographie (große Lungenfunktionsprüfung) und Diffusionskapazität (Gasaustauschmessung) – bei persistierender (anhaltender) Dyspnoe (Atemnot), Husten, Belastungsatemnot, pathologischer Sauerstoffsättigung, Verdacht auf Asthma bronchiale (Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Verengung der Bronchien), chronisch obstruktive Lungenerkrankung (dauerhaft verengende Lungenerkrankung), restriktive Ventilationsstörung (eingeschränkte Lungenausdehnung) oder postinfektiöse pulmonale Komplikation (Lungenkomplikation nach Infektion) [3, 9]
- Röntgen-Thorax (Röntgenaufnahme des Brustkorbs) oder Computertomographie (CT; Schnittbilduntersuchung mit Röntgenstrahlen) des Thorax – nur bei klinischer Indikation (medizinischem Anlass), z. B. persistierender Dyspnoe, Fieber, Nachtschweiß, Hämoptysen (Bluthusten), pathologischem Auskultationsbefund (auffälligem Abhörbefund), auffälliger Sauerstoffsättigung, Verdacht auf Pneumonie (Lungenentzündung), interstitielle Lungenerkrankung (Erkrankung des Lungengerüsts), Tumorerkrankung (Krebserkrankung) oder andere thorakale Differentialdiagnosen [3, 9]
- Kardiopulmonale Belastungsuntersuchung (Spiroergometrie, CPET; Herz-Lungen-Belastungstest) – nicht als Routinediagnostik; allenfalls bei gezielter differentialdiagnostischer Abklärung von unklarer Belastungsdyspnoe, kardialer/pulmonaler (herz-/lungenbezogener) Limitation (Einschränkung) oder im spezialisierten Kontext (Zusammenhang) zur objektiven Funktionsbeurteilung. Bei ME/CFS besteht wegen post-exertional malaise (Belastungsverschlechterung) ein relevantes Risiko der Symptomverschlechterung; Nutzen, Belastungsrisiko und Fragestellung müssen daher streng abgewogen werden [1, 2, 10]
- Zwei-Tage-Spiroergometrie – nicht als Regelversorgung; nur in spezialisierten Zentren und bei klarer Fragestellung, z. B. objektivierte Leistungs- und Belastbarkeitsbeurteilung im gutachterlichen oder wissenschaftlichen Kontext. Wegen der möglichen Auslösung einer erheblichen post-exertional malaise ist das Verfahren bei schwerer oder sehr schwerer ME/CFS besonders kritisch zu bewerten [10]
- Schilddrüsensonographie (Ultraschall der Schilddrüse) – nicht als Basisuntersuchung bei ME/CFS; indiziert bei Struma (Schilddrüsenvergrößerung), tastbarem Knoten, Schilddrüsenschmerz, pathologischen Schilddrüsenlaborwerten, Verdacht auf Thyreoiditis (Schilddrüsenentzündung) oder strukturelle Schilddrüsenerkrankung [11, 12]
- Schilddrüsenszintigraphie (nuklearmedizinische Schilddrüsenuntersuchung) – nicht zum Ausschluss einer unspezifischen Schilddrüsenfehlfunktion; indiziert bei supprimiertem TSH und Schilddrüsenknoten, Verdacht auf funktionelle Autonomie (selbstständige Hormonproduktion) oder zur funktionellen Einordnung szintigraphisch relevanter Schilddrüsenknoten nach endokrinologischer Indikationsstellung (hormonärztlicher Begründung) [11, 12]
- Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) – bei auffälligen Leberparametern, Nierenparametern, unklarer Gewichtsabnahme, abdominellen Beschwerden (Bauchbeschwerden), Fieber unklarer Genese (Ursache), Verdacht auf hepatobiliäre (Leber und Gallenwege betreffende), renale (nierenbezogene), entzündliche oder tumoröse Differentialdiagnosen [3]
Nicht empfohlene apparative Routinediagnostik
- EEG, Schädel-MRT, Schilddrüsensonographie, Schilddrüsenszintigraphie, Thoraxbildgebung (Bildgebung des Brustkorbs), Echokardiographie, Polysomnographie und Spiroergometrie sind bei ME/CFS ohne spezifische klinische Indikation nicht als Screening- oder Bestätigungsdiagnostik geeignet [1-5]
- Eine ungezielte apparative Ausweitung der Diagnostik sollte vermieden werden, da sie das Risiko falsch-positiver Befunde (fälschlich auffälliger Befunde), unnötiger Folgeuntersuchungen und belastungsbedingter Symptomverschlechterung erhöht [1-5]
Literatur
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