Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) – Labordiagnostik
Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen
- Kleines Blutbild – Anämien (Blutarmut), Infektkonstellationen (Hinweise auf Infektionen), hämatologische Erkrankungen (Erkrankungen des Blutes)
- Differentialblutbild – Entzündungen, Infektionen, hämatologische Neoplasien (Blutkrebserkrankungen)
- Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) bzw. BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit) – Erfassung systemischer Entzündungen [1, 2]
- Ferritin, Eisen, Transferrinsättigung – Eisenmangel, Eisenmangelanämie, Anämie chronischer Erkrankungen [1, 2]
- TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), fT4 – Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) bzw. Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) als behandelbare Ursache von Fatigue (ausgeprägter Erschöpfung) [1, 2]
- Nüchternglucose, HbA1c – Hypoglykämien (Unterzuckerungen), Hyperglykämien (Überzuckerungen), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) [1, 2]
- Elektrolyte – Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphat – Elektrolytstörungen als behandelbare Ursache von Fatigue [1, 2]
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin, Albumin, Gesamteiweiß – hepatologische (die Leber betreffende), cholestatische (den Gallenstau betreffende), entzündliche oder nutritive (die Ernährung betreffende) Ursachen [1, 2]
- Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, eGFR, ggf. Cystatin C – renale (die Niere betreffende) Ursachen, insbesondere bei diskrepanter Kreatinin-basierter eGFR, geringer Muskelmasse oder unklarer Nierenfunktion [1, 2]
- Creatinkinase (CK) – Myopathien (Muskelerkrankungen), entzündliche oder toxische (giftbedingte) Muskelerkrankungen [1, 2]
- Urinstatus – Schnelltest auf: pH-Wert, Leukozyten, Nitrit, Eiweiß, Glucose, Keton, Urobilinogen, Bilirubin, Blut; ggf. Sediment – renale, metabolische (den Stoffwechsel betreffende) oder entzündliche Hinweise [1, 2]
- Transglutaminase-Antikörper oder Endomysium-Antikörper (EMA) sowie Gesamt-IgA im Serum – Zöliakie-Screening (Suchuntersuchung auf Glutenunverträglichkeit) bei chronischer Fatigue, gastrointestinaler Symptomatik (Beschwerden des Magen-Darm-Trakts), Eisenmangel oder Gewichtsverlust [1, 2]
Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- Schilddrüsendiagnostik – bei supprimiertem TSH, klinischem Verdacht auf Hyperthyreose oder diskrepanten Schilddrüsenbefunden
- fT3 – bei Verdacht auf T3-dominante Hyperthyreose oder unklare Hyperthyreose-Konstellation
- TSH-Rezeptor-Antikörper, Thyreoperoxidase-Antikörper – bei Verdacht auf autoimmune Schilddrüsenerkrankung (autoimmun bedingte Schilddrüsenerkrankung)
- Endokrinologische Diagnostik – bei klinischem Verdacht, orthostatischer Hypotonie (lageabhängigem Blutdruckabfall), Hyponatriämie (erniedrigtem Natriumwert), Hypoglykämien, Hyperpigmentierung (verstärkter Hautfärbung), unklarer Gewichtsabnahme oder auffälligen Basisparametern
- Cortisol um 8-9 Uhr – Screening bei Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde)
- ACTH – bei pathologischem Cortisol oder Verdacht auf primäre bzw. sekundäre Nebenniereninsuffizienz
- Synacthen-Test – Bestätigungsdiagnostik bei Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz
- DHEA-S – nicht als Routineparameter; nur ergänzend bei spezifischer endokrinologischer Fragestellung
- Gerinnungsparameter – nur bei Blutungszeichen, Hämatomneigung (Neigung zu Blutergüssen), Leberfunktionsstörung, Antikoagulation (Blutverdünnung), geplanter Intervention (geplantem Eingriff) oder spezifischem klinischem Verdacht
- PTT, Quick/INR
- Fibrinogen, D-Dimere – nur bei entsprechender klinischer Fragestellung
- Vitamine – bei Mangelernährung, restriktiver Ernährung, gastrointestinaler Symptomatik, neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems), makrozytärer Anämie oder klinischem Verdacht
- Vitamin B12
- Folsäure
- 25-Hydroxy-Vitamin D
- Mineralstoffe und Spurenelemente – keine Routineprofile; nur bei spezifischem Verdacht, Malabsorption (gestörter Nährstoffaufnahme), Mangelernährung, bariatrischer Operation (magenverkleinernder Operation), chronischer Diarrhoe (Durchfall) oder parenteraler Ernährung (Ernährung über die Vene)
- Zink – bei klinischem Verdacht auf Mangelzustand
- Selen – bei spezifischer Risikokonstellation oder Malabsorptionssyndrom
- Infektionsdiagnostik – nicht als ungezieltes Screening, sondern nur bei Exposition (Kontakt mit einem Krankheitserreger), passender Klinik, Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr), persistierendem Fieber (anhaltendem Fieber), Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung), Hepatitiszeichen (Zeichen einer Leberentzündung), Reiseanamnese oder spezifischem Organbefund [1-3]
- HIV-Test
- Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Serologie
- Epstein-Barr-Virus (EBV) – bei klinischem Verdacht auf akute oder reaktivierte Infektion; keine Routinekontrolle allein wegen chronischer Fatigue
- Cytomegalievirus (CMV) – bei passender Klinik, Schwangerschaft, Immunsuppression oder unklarer Mononukleose-ähnlicher Symptomatik
- Borrelienserologie – nur bei passender Expositions- und Symptomkonstellation; kein Routine-Screening bei isolierter chronischer Fatigue
- Parvovirus B19 – bei Exanthem (Hautausschlag), Arthralgien (Gelenkschmerzen), aplastischer Krise (akuter Störung der Blutbildung), Schwangerschaft oder passender Exposition
- Toxoplasmose – bei Schwangerschaft, Immunsuppression, Lymphadenopathie oder spezifischer Exposition
- Rheumatologische/autoimmunologische Diagnostik – bei Arthralgien, Arthritis (Gelenkentzündung), Sicca-Symptomatik (Trockenheitssymptomen), Exanthem, Photosensibilität (Lichtempfindlichkeit), Raynaud-Phänomen (anfallsartiger Durchblutungsstörung der Finger oder Zehen), Serositis (Entzündung seröser Häute), Proteinurie (Eiweiß im Urin) oder persistierend erhöhten Entzündungsparametern
- ANA (antinukleäre Antikörper)
- ENA-Antikörper, Anti-dsDNA-Antikörper – bei positivem ANA-Befund oder spezifischem klinischem Verdacht
- Rheumafaktor (RF), CCP-AK (cyclische Citrullin Peptid-Antikörper) – bei Arthritisverdacht
- Komplement C3/C4 – bei Verdacht auf systemische Autoimmunerkrankung (den ganzen Körper betreffende Erkrankung durch Fehlsteuerung des Immunsystems)
- Mastzellaktivierung/Histaminintoleranz – nur bei anfallsartigen Flushs (anfallsartiger Hautrötung), Urtikaria (Nesselsucht), Angioödemen (Schwellungen tieferer Hautschichten), gastrointestinalen Beschwerden, Tachykardie (Herzrasen), Hypotonie (niedrigem Blutdruck) oder typischer Triggerabhängigkeit
- Tryptase im Serum – möglichst basal und ereignisnah bei Anfallssymptomatik
- Histamin bzw. Histaminmetabolite im Urin – nur unter strenger Präanalytik
- Diaminoxidase (DAO) – allenfalls ergänzend bei Verdacht auf Histaminintoleranz; nicht beweisend für ME/CFS
- Immundiagnostik – bei rezidivierenden (wiederkehrenden), schweren oder atypischen Infektionen
- Immunglobuline IgG, IgA, IgM
- IgG-Subklassen – bei spezifischer infektiologischer Fragestellung
- Lymphozytensubpopulationen – bei Verdacht auf zellulären Immundefekt (Abwehrschwäche der Immunzellen) oder Immunsuppression
- Tumorassoziierte Ursachen – keine Tumormarker-Screeningdiagnostik bei isolierter chronischer Fatigue; gezielte Abklärung nur bei Red Flags, Organbefund oder auffälligen Basisparametern
- Lymphome (Lymphdrüsenkrebs) – LDH, Differentialblutbild, ggf. β2-Mikroglobulin bei klinischem Verdacht, Lymphadenopathie, B-Symptomatik (Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust) oder Organomegalie (Organvergrößerung)
- Hämatologische Neoplasien – kleines Blutbild, Differentialblutbild, Retikulozyten, LDH, Blutausstrich
- Solide Tumoren (feste Geschwulste) – keine unspezifische Labor-Suchdiagnostik; weiterführende Diagnostik nach klinischem Befund, Altersrisiko und leitliniengerechtem Screening
- Paraneoplastische Syndrome (tumorbedingte Begleiterscheinungen) – Entzündungsparameter, LDH, Calcium, Leberparameter, Nierenparameter bei entsprechender klinischer Konstellation
- Test auf okkultes Blut im Stuhl – bei Eisenmangel, Eisenmangelanämie, gastrointestinalen Symptomen, Gewichtsverlust oder altersentsprechender Darmkrebsvorsorge
- Medikamenten- und Substanzassoziation – bei Verdacht auf iatrogene Fatigue (durch medizinische Maßnahmen verursachte Erschöpfung), Sedierung (Dämpfung), Intoxikation (Vergiftung), Entzugssymptomatik (Entzugsbeschwerden) oder relevante Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente)
- relevante Spiegelbestimmungen abhängig vom eingesetzten Medikament
- Leberparameter, Nierenparameter und Elektrolyte zur Beurteilung pharmakokinetischer Risikokonstellationen
Red Flags (Warnzeichen) bei chronischer Müdigkeit/ME/CFS-Verdacht (Verdacht auf Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom)
Klinik
- Rasche Progredienz (rasches Fortschreiten) von Schwäche, Belastungsintoleranz (Belastungsunverträglichkeit) oder neurologischer Symptomatik
- Fieber unklarer Genese (unklarer Ursache)
- Nachtschweiß
- Ungewollter Gewichtsverlust
- Neu aufgetretene fokal-neurologische Defizite (umschriebene Nervenausfälle)
- Synkopen (Ohnmachtsanfälle), Thoraxschmerz (Brustschmerz) oder Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung)
- Generalisierte oder persistierende Lymphadenopathie
- Hepatomegalie (Lebervergrößerung) oder Splenomegalie (Milzvergrößerung)
- Blutungsneigung, Petechien (punktförmige Hautblutungen) oder Hämatome
- Schwere Depression, Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung), Psychose (schwere psychische Störung) oder akute Selbstgefährdung
Labor
- Deutlich erhöhtes CRP oder deutlich erhöhte BSG
- Ausgeprägte Leukozytose, Leukopenie, Lymphopenie oder Thrombozytopenie
- Anämie unklarer Genese, insbesondere bei Eisenmangel, Hämolysezeichen oder Panzytopenie
- Erhöhte LDH in Verbindung mit B-Symptomatik, Lymphadenopathie, Organomegalie oder Blutbildveränderungen
- Ausgeprägte Cholestase oder stark erhöhte Transaminasen
- Erhöhtes Kreatinin, deutlich erniedrigte eGFR oder pathologischer Urinstatus
- Hypercalcämie oder ausgeprägte Hyponatriämie
- Pathologisches Cortisol bei Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz
- Positive Infektionsdiagnostik mit klinischer Korrelation, insbesondere HIV, Hepatitis B, Hepatitis C oder akute systemische Infektion
Klinischer Hinweis
- ME/CFS ist eine klinische Diagnose. Ein beweisender Laborparameter steht derzeit nicht zur Verfügung. Unauffällige Routine-Laborwerte schließen ME/CFS nicht aus; pathologische Laborbefunde dienen vor allem der Erkennung behandelbarer Differentialdiagnosen, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Red-Flag-Konstellationen [1-3].
- Breite ungezielte Serologien, Tumormarker, Spurenelementprofile, Autoantikörperpanels oder experimentelle Biomarker sind ohne passende klinische Fragestellung nicht evidenzbasiert und erhöhen das Risiko falsch-positiver Befunde.
Literatur
- National Institute for Health and Care Excellence. Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management. NICE guideline NG206. Published 29 October 2021; last reviewed 24 January 2025. https://www.nice.org.uk/guidance/ng206
- Centers for Disease Control and Prevention. Evaluation of ME/CFS. Updated 17 April 2026. https://www.cdc.gov/me-cfs/hcp/diagnosis-testing/evaluation-of-me-cfs.html
- Hoffmann K, Steiner S, Coenen M, et al. Interdisziplinäres, kollaboratives D-A-CH Konsensus-Statement zur Diagnostik und Behandlung von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom. Wien Klin Wochenschr. 2024;136(Suppl 5):103-123. https://doi.org/10.1007/s00508-024-02372-y