Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) – Anamnese
Die Anamnese (Krankengeschichte) ist ein zentraler Bestandteil der Diagnostik der Myalgischen Enzephalomyelitis/des Chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS). Die Bezeichnung systemic exertion intolerance disease (SEID; systemische Belastungsintoleranz-Erkrankung) wurde 2015 vorgeschlagen, hat sich jedoch international nicht als bevorzugte klinische Bezeichnung durchgesetzt.
ME/CFS ist eine klinische Diagnose. Ein einzelner beweisender Laborwert oder ein einzelnes beweisendes bildgebendes Verfahren steht derzeit nicht zur Verfügung. Entscheidend sind die sorgfältige Erhebung der Beschwerden, die Prüfung auf post-exertional malaise (PEM; belastungsinduzierte Symptomverschlechterung), die Beurteilung von Schlaf, Kognition, Kreislaufregulation und Funktionsniveau sowie der Ausschluss anderer plausibler Ursachen der Beschwerden.
Bei typischer Symptomkonstellation kann ME/CFS nach aktueller NICE-Empfehlung bereits ab einer Beschwerdedauer von mindestens 3 Monaten diagnostisch eingeordnet werden. Bei Anwendung klassischer IOM/NAM-/CDC-Kriterien wird bei Erwachsenen häufig eine Beschwerdedauer von mindestens 6 Monaten zugrunde gelegt.
Familienanamnese
- Gibt es in Ihrer Familie gehäuft chronische Erkrankungen, insbesondere Autoimmunerkrankungen, neurologische Erkrankungen, Migräne, Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes mellitus oder andere Stoffwechselerkrankungen?
- Gibt es in Ihrer Familie Erkrankungen mit ausgeprägter Erschöpfung, Belastungsintoleranz, Kreislaufregulationsstörungen, chronischen Schmerzen oder Schlafstörungen?
- Bestehen in Ihrer Familie psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen?
Sozialanamnese
- Beruf und Ausbildung
- Welchen Beruf üben Sie aus bzw. welche Ausbildung oder welches Studium absolvieren Sie?
- Wie viele Stunden pro Woche konnten Sie vor Beginn der Erkrankung arbeiten, lernen oder studieren?
- Wie viele Stunden pro Woche sind aktuell möglich?
- Müssen Sie Pausen einlegen, Aufgaben reduzieren, Arbeitstage verkürzen oder Tätigkeiten ganz vermeiden?
- Gab es Arbeitsunfähigkeit, Leistungsminderung, Arbeitsplatzverlust, Schul- oder Studienunterbrechung infolge der Beschwerden?
- Alltag und Funktionsniveau
- Welche Tätigkeiten waren vor der Erkrankung selbstverständlich möglich?
- Welche Tätigkeiten sind aktuell nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich?
- Können Sie einkaufen, kochen, duschen, Treppen steigen, lesen, Gespräche führen, Bildschirmarbeit leisten oder Termine wahrnehmen?
- Benötigen Sie Hilfe im Haushalt, bei der Körperpflege, bei Wegen außer Haus oder bei organisatorischen Aufgaben?
- Sind Sie überwiegend außer Haus aktiv, überwiegend an die Wohnung gebunden oder überwiegend bettlägerig?
- Soziale Unterstützung
- Haben Sie Unterstützung durch Familie, Freunde, Kollegen, Pflegepersonen oder Selbsthilfeangebote?
- Gibt es Belastungen durch fehlendes Verständnis, soziale Isolation, finanzielle Sorgen oder Schwierigkeiten bei Arbeit, Schule, Studium oder Versorgung?
Aktuelle Anamnese/Systemanamnese
- Beginn und Verlauf
- Wann sind die Beschwerden erstmals aufgetreten?
- Begannen die Beschwerden plötzlich, schleichend oder in Schüben?
- Gab es vor Beginn der Beschwerden einen Infekt, z. B. COVID-19, Influenza, Pfeiffersches Drüsenfieber, eine andere Virusinfektion oder eine bakterielle Infektion?
- Gab es andere zeitliche Auslöser, z. B. Operation, Unfall, Schwangerschaft, Geburt, ausgeprägte körperliche Belastung oder schwere psychosoziale Belastung?
- Sind die Beschwerden seit Beginn gleichbleibend, zunehmend, schwankend oder phasenweise gebessert?
- Gab es längere Phasen einer deutlichen Besserung oder vollständigen Beschwerdefreiheit?
- Erschöpfung und Funktionsverlust
- Besteht eine anhaltende, ausgeprägte körperliche oder geistige Erschöpfbarkeit, die neu aufgetreten ist oder sich deutlich verstärkt hat?
- Bessert sich die Erschöpfung durch Schlaf oder Ruhe nur unzureichend?
- Hat die Erschöpfbarkeit zu einer deutlichen Einschränkung von Beruf, Ausbildung, Schule, Studium, Haushalt, sozialen Aktivitäten oder Freizeit geführt?
- Ist die Einschränkung im Vergleich zum früheren Aktivitätsniveau deutlich?
- Post-exertional malaise (PEM; belastungsinduzierte Symptomverschlechterung)
- Verschlechtern sich Ihre Beschwerden nach körperlicher, geistiger, emotionaler, sozialer, sensorischer oder aufrechter Belastung?
- Reichen bereits geringe Belastungen aus, z. B. Duschen, Treppensteigen, Einkaufen, ein Gespräch, Lesen, Bildschirmarbeit, ein Arzttermin oder Lärm/Licht?
- Tritt die Verschlechterung sofort oder verzögert nach einigen Stunden bis 1-2 Tagen auf?
- Wie lange dauert die Verschlechterung an: Stunden, Tage, Wochen oder länger?
- Welche Beschwerden nehmen während dieser Verschlechterung zu, z. B. Erschöpfung, Schmerzen, grippeartiges Krankheitsgefühl, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Schwindel, Herzrasen oder Reizempfindlichkeit?
- Benötigen Sie nach Belastung deutlich mehr Ruhe als früher?
- Kommt es nach wiederholter Überlastung zu einem länger anhaltenden Einbruch?
- Schlaf
- Fühlen Sie sich nach dem Schlaf nicht erholt?
- Haben Sie Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen, vermehrtes Schlafbedürfnis oder einen verschobenen Schlaf-Wach-Rhythmus?
- Bestehen Hinweise auf Schnarchen, Atempausen im Schlaf, unruhige Beine, nächtliche Schmerzen oder häufiges nächtliches Wasserlassen?
- Kognition
- Haben Sie Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen, verlangsamtes Denken oder Gedächtnisprobleme?
- Verstärken sich diese Beschwerden nach geistiger Belastung, Gesprächen, Lesen, Bildschirmarbeit, Lärm oder Reizüberflutung?
- Haben Sie das Gefühl eines „Brain Fog“?
- Orthostatische Beschwerden und Kreislaufregulation
- Verschlechtern sich Beschwerden im Stehen oder Sitzen?
- Bessern sich Beschwerden im Liegen?
- Haben Sie Schwindel, Benommenheit, Schwarzwerden vor Augen, Herzrasen, Zittern, Schwächegefühl oder Kollapsneigung beim Aufstehen oder längeren Stehen?
- Ist langes Stehen, z. B. in einer Warteschlange, besonders belastend?
- Schmerzen
- Bestehen Muskel-, Gelenk-, Kopf-, Hals-, Brust-, Bauch- oder Nervenschmerzen?
- Sind die Schmerzen neu aufgetreten oder haben sie sich seit Beginn der Erkrankung verändert?
- Treten Gelenkschmerzen ohne sichtbare Schwellung, Rötung oder Überwärmung auf?
- Besteht eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit oder eine Unverträglichkeit gegenüber Berührung, Druck, Licht, Geräuschen oder Gerüchen?
- Immunologische und infektiöse Beschwerden
- Bestehen wiederkehrende Halsschmerzen, druckschmerzhafte Lymphknoten, grippeartiges Krankheitsgefühl oder Infektgefühl ohne klaren Infektnachweis?
- Haben Sie Fieber, Nachtschweiß oder wiederkehrende Infekte?
- Treten neue oder ungewöhnliche Hautausschläge, Schleimhautschwellungen, Juckreiz oder Unverträglichkeitsreaktionen auf?
- Magen-Darm-Beschwerden und urogenitale Beschwerden
- Bestehen Übelkeit, Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, Verstopfung oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten?
- Haben sich Appetit, Durst, Gewicht oder Stuhlverhalten verändert?
- Bestehen häufiges Wasserlassen, Brennen beim Wasserlassen oder wiederkehrende Harnwegsbeschwerden?
- Psychische Begleitsymptome
- Bestehen depressive Verstimmung, Angst, Reizbarkeit, innere Unruhe oder Überforderung infolge der Erkrankung?
- Gab es solche Beschwerden bereits vor Beginn der körperlichen Erkrankung?
- Haben Sie den Eindruck, dass psychische Belastung Beschwerden verstärkt, ohne die Erkrankung vollständig zu erklären?
Vegetative Anamnese inkl. Ernährungsanamnese
- Hat sich Ihr Appetit verändert?
- Haben Sie ungewollt Gewicht verloren oder zugenommen?
- Trinken Sie ausreichend, insbesondere bei Schwindel, Kreislaufbeschwerden oder Herzrasen?
- Vertragen Sie bestimmte Lebensmittel schlechter als früher?
- Gibt es Hinweise auf Mangelernährung, einseitige Ernährung, Essstörung oder relevante Diäten?
- Besteht Kälte- oder Wärmeintoleranz?
- Schwitzen Sie ungewöhnlich stark oder ungewöhnlich wenig?
- Bestehen trockene Schleimhäute, Durst, vermehrtes Wasserlassen oder Salzverlangen?
- Nehmen Sie Alkohol, Nikotin, Cannabis, andere Drogen oder nicht verordnete Substanzen ein?
- Nehmen Sie Schlafmittel, Beruhigungsmittel, Schmerzmittel oder stimulierende Substanzen regelmäßig ein?
Eigenanamnese
- Vorerkrankungen
- Bestehen bekannte Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes mellitus, Anämie, Eisenmangel, Vitamin-B12-Mangel, Vitamin-D-Mangel, Nieren-, Leber-, Herz-, Lungen- oder Autoimmunerkrankungen?
- Bestehen neurologische Erkrankungen, rheumatologische Erkrankungen, Migräne, Fibromyalgie, Schlafapnoe, Restless-Legs-Syndrom, Depression, Angststörung oder posttraumatische Belastungsstörung?
- Bestehen bekannte Kreislaufregulationsstörungen, Synkopen, posturales Tachykardiesyndrom (POTS) oder orthostatische Hypotonie?
- Gab es in der Vergangenheit eine Lyme-Borreliose, ein Pfeiffersches Drüsenfieber, COVID-19, Influenza oder andere relevante Infektionserkrankungen?
- Operationen, Schwangerschaft und besondere Ereignisse
- Gab es größere Operationen, Krankenhausaufenthalte, Unfälle oder intensive körperliche Belastungen vor Beginn oder Verschlechterung der Beschwerden?
- Gab es einen zeitlichen Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Fehlgeburt, hormoneller Therapie oder Zyklusveränderungen?
- Allergien und Unverträglichkeiten
- Bestehen Allergien gegen Medikamente, Lebensmittel, Insektengifte, Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare oder Umweltstoffe?
- Bestehen neue oder verstärkte Unverträglichkeiten gegenüber Medikamenten, Alkohol, Nahrungsmitteln, Gerüchen, Licht, Lärm oder Temperaturwechsel?
Medikamentenanamnese
- Aktuelle Medikation
- Welche Medikamente nehmen Sie regelmäßig ein?
- Welche Medikamente nehmen Sie bei Bedarf ein?
- Welche Nahrungsergänzungsmittel, pflanzlichen Präparate oder frei verkäuflichen Präparate nehmen Sie ein?
- Wann wurden Medikamente neu begonnen, abgesetzt oder in der Dosis verändert?
- Gab es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen Medikamentenänderungen und Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen, Herzrasen, Blutdruckabfall oder Leistungsminderung?
- Medikamentengruppen, die Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen, Kreislaufbeschwerden oder kognitive Einschränkungen verstärken können
- Schlafmittel und Beruhigungsmittel, insbesondere Benzodiazepine, Z-Substanzen, sedierende Antihistaminika und sedierende Phytotherapeutika
- Antidepressiva, insbesondere trizyklische Antidepressiva, sedierende Antidepressiva und serotonerg/noradrenerg wirksame Präparate
- Antipsychotika/Neuroleptika
- Antiepileptika/Antikonvulsiva, z. B. Gabapentin, Pregabalin, Carbamazepin, Valproat, Levetiracetam oder Topiramat
- Opioide und andere zentral wirksame Schmerzmittel
- Muskelrelaxantien
- Antihypertensiva, insbesondere Betablocker, zentral wirksame Antihypertensiva, Alphablocker und Diuretika
- Antihistaminika und Antiemetika mit sedierender Wirkung
- Interferone, Immuntherapeutika, Chemotherapeutika, Tyrosinkinaseinhibitoren und andere onkologische Therapien
- Hormonelle Präparate, sofern ein zeitlicher Zusammenhang mit Beschwerden besteht
- Cannabis, Cannabinoide, Alkohol und andere sedierende oder psychotrope Substanzen
Umwelt- und Expositionsanamnese
Die folgenden Fragen dienen nicht dazu, Umweltfaktoren als gesicherte Ursache von ME/CFS zu bewerten, sondern zur Erfassung möglicher Beschwerdeverstärker, Differentialdiagnosen und zusätzlicher Belastungsfaktoren.
- Besteht oder bestand beruflich oder privat Kontakt mit Lösungsmitteln, Pestiziden, Schwermetallen, Rauch, Feinstaub, Schimmel, Reinigungsmitteln, Duftstoffen oder anderen reizenden Stoffen?
- Verschlechtern bestimmte Umgebungen Ihre Beschwerden, z. B. Räume mit Gerüchen, schlechter Belüftung, hoher Luftfeuchtigkeit, Schimmelbefall, Lärm, Hitze, Kälte oder vielen Reizen?
- Gibt es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen Expositionen und Symptomen wie Husten, Atemnot, Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Hautreaktionen oder Erschöpfung?
- Leben oder arbeiten Sie in einer Umgebung, die Schlafstörungen, Stress oder körperliche Überlastung begünstigt?
Einordnung der Beschwerden im Hinblick auf ME/CFS
Die Diagnose ME/CFS wird nicht allein durch eine einzelne Frage gestellt. Sie ergibt sich aus der typischen Gesamtkonstellation der Beschwerden, dem zeitlichen Verlauf, der funktionellen Einschränkung und dem Ausschluss anderer plausibler Ursachen.
- Für ME/CFS besonders wegweisend sind
- Deutliche Einschränkung des früheren Aktivitätsniveaus
- Post-exertional malaise (PEM; belastungsinduzierte Symptomverschlechterung)
- Nicht erholsamer Schlaf
- Kognitive Störungen, z. B. Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme oder „Brain Fog“
- Orthostatische Beschwerden, z. B. Schwindel, Herzrasen oder Verschlechterung im Stehen/Sitzen mit Besserung im Liegen
- Beschwerden seit mindestens 3 Monaten; bei Anwendung klassischer IOM/NAM-/CDC-Kriterien wird bei Erwachsenen häufig eine Dauer von mindestens 6 Monaten zugrunde gelegt
- Wichtige differentialdiagnostische Fragen sind
- Gibt es Hinweise auf eine unbehandelte Infektion, Entzündung, Autoimmunerkrankung, Tumorerkrankung, endokrine Erkrankung, Stoffwechselstörung, Anämie, Organerkrankung, Schlafstörung, neurologische Erkrankung oder primäre psychische Erkrankung?
- Gibt es Medikamente, Substanzen oder Expositionen, die die Beschwerden erklären oder verstärken können?
- Gibt es neue Warnzeichen, die nicht zu einem stabilen ME/CFS-Verlauf passen?
Red Flags (Warnzeichen) bei chronischem Müdigkeitssyndrom/ME/CFS
- Neu aufgetretene oder zunehmende Brustschmerzen, Atemnot, Ohnmacht, Lähmungen, Sprachstörungen, akute Verwirrtheit oder neuartige schwere Kopfschmerzen
- Fieber über mehrere Tage, ausgeprägter Nachtschweiß oder ungewollter Gewichtsverlust
- Blut im Stuhl, Blut im Urin, Bluthusten oder anhaltendes Erbrechen
- Neu aufgetretene Gelenkschwellungen, ausgeprägte Muskelschwäche, neurologische Ausfälle oder epileptische Anfälle
- Suizidgedanken, akute Selbstgefährdung oder Fremdgefährdung
- Rasche Verschlechterung des Allgemeinzustandes oder neu aufgetretene Bettlägerigkeit ohne klare Erklärung
Hinweis: Werden Warnzeichen bejaht, sollte zeitnah ärztliche Abklärung erfolgen. Bei akuten schweren Beschwerden, insbesondere Brustschmerzen, Atemnot, Ohnmacht, neurologischen Ausfällen oder Suizidgedanken, ist eine sofortige medizinische Hilfe erforderlich.
Unsere Empfehlung: Drucken Sie die Anamnese aus, markieren Sie alle mit „Ja“ beantworteten Fragen und nehmen Sie das Dokument mit zu Ihrem behandelnden Arzt.