Genitalprolaps – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Linderung prolapsassoziierter Beschwerden und Verbesserung der Lebensqualität durch eine individuell gewählte konservative oder operative Behandlung [LL1].
  • Behandlung begleitender postmenopausaler urogenitaler Beschwerden und gegebenenfalls lokaler Schleimhautprobleme unter Pessartherapie (Behandlung mit einem in die Scheide eingelegten Stützhilfsmittel) [1, 2, LL1].

Therapieempfehlungen

  • Therapieentscheidung nach Leidensdruck und Befund: Ein beschwerdefreier Genitalprolaps (Senkung der Beckenorgane) kann beobachtet werden. Bei Beschwerden sollen Beckenbodentraining und Pessartherapie als konservative Optionen besprochen werden; bei entsprechendem Befund und Wunsch der Patientin kommt eine Operation infrage. Die Pessartherapie soll als konservative Option angeboten werden [LL1].
  • Grenzen der Pharmakotherapie: Für den Genitalprolaps besteht keine Arzneimitteltherapie, die eine Senkung anatomisch zuverlässig zurückbildet. Eine systemische Hormonersatztherapie soll nicht eigens zur Behandlung des Prolapses oder einer Inkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust) verordnet werden. Auch lokale Östrogene sind keine kausale Prolapstherapie [1, LL1].
  • Lokale Östrogene: Bei postmenopausaler vaginaler Atrophie (Rückbildung der Scheidenschleimhaut) mit Trockenheit oder Reizsymptomen kann eine vaginale Östrogentherapie eingesetzt werden. Sie kann bei geeigneten Pessaranwenderinnen zur Verringerung lokaler Beschwerden und Komplikationen erwogen werden. Die Verordnung allein zur Prolapskorrektur ist nicht begründet; die vorbeugende Anwendung ohne zugelassene atrophiebedingte Symptome ist hinsichtlich der Prolapsindikation Off-Label-Use [1, 2, LL1, FI1].
  • Evidenz unter Pessartherapie: Eine randomisierte Studie mit 411 ausgewerteten postmenopausalen Frauen fand unter vaginalen konjugierten Östrogenen nach zwölf Monaten keine Verbesserung der Pessarfortführung mit Zufriedenheit gegenüber Placebo (87,0 % versus 86,7 %). Vaginaler Ausfluss, Erosionen (oberflächliche Schleimhautschäden) beziehungsweise Ulzera (Geschwüre) und Blutungen traten seltener auf. Diese Befunde können nicht als Nachweis einer anatomischen Prolapsbesserung oder als identische Wirkstärke für jede Estriolzubereitung ausgelegt werden [2].
  • Perioperative Anwendung: Vaginales Estriol ist gemäß Fachinformation zur Vor- und Nachbehandlung bei vaginalen Operationen zugelassen. Eine routinemäßige Anwendung allein mit dem Ziel, das Operationsergebnis zu verbessern oder ein Prolapsrezidiv (erneute Senkung) beziehungsweise eine Netzexposition zu verhindern, ist durch randomisierte Daten nicht gestützt [3, LL1, FI1].
  • Begleiterkrankungen: Wiederkehrende Harnwegsinfektionen (Infektionen der Harnwege), Symptome einer überaktiven Blase (plötzlicher und häufiger Harndrang), Obstipation (Verstopfung) oder eine Harninkontinenz werden entsprechend ihrer eigenen Diagnose behandelt. Deren medikamentöse Behandlung ersetzt keine Prolapstherapie [LL1].

Wirkstoffe nach Wirkstoffgruppen

Vaginal anzuwendende Östrogene

Wirkstoff Besonderheiten
Estriol, Vaginalcreme 1 mg/g Die Dosierung bezieht sich auf das genannte Präparat; andere Konzentrationen haben andere Applikatormengen. Zugelassen bei vaginaler Atrophie nach der Menopause und zur Vor- und Nachbehandlung bei vaginalen Operationen, nicht zur anatomischen Korrektur eines Prolapses. Vaginale Blutungen vor Beginn oder während der Therapie abklären; Nutzen und Risiken bei längerer Anwendung mindestens jährlich überprüfen [FI1].
  • Wirkweise: Lokal wirksames Östrogen zur Behandlung der estrogenmangelbedingten Veränderungen des Vaginalepithels; keine gesicherte Wirkung auf die anatomische Senkung oder die Stabilität der Beckenbodenstützstrukturen [1, LL1, FI1].
  • Indikationen: Symptomatische postmenopausale vaginale Atrophie, auch bei gleichzeitigem Pessar, sowie zugelassene Vor- und Nachbehandlung bei vaginalen Operationen. Bei Pessaranwenderinnen kann eine Verringerung lokaler Komplikationen berücksichtigt werden; eine routinemäßige Verordnung nur zur Verlängerung der Pessarnutzung ist durch den primären Endpunkt der randomisierten Studie nicht belegt [2, LL1, FI1].
  • Kontraindikationen: Nach Fachinformation unter anderem bestehendes oder früheres Mammakarzinom (Brustkrebs) beziehungsweise entsprechender Verdacht, estrogenabhängiger maligner Tumor beziehungsweise Verdacht, nicht abgeklärte Genitalblutung, unbehandelte Endometriumhyperplasie (Verdickung der Gebärmutterschleimhaut), frühere oder aktuelle venöse Thromboembolie (Blutgefäßverschluss durch ein Gerinnsel in einer Vene), bekannte Thrombophilie (erhöhte Neigung zu Blutgerinnseln), aktuelle oder kürzlich aufgetretene arterielle Thromboembolie (Blutgefäßverschluss durch ein Gerinnsel in einer Arterie), aktive Lebererkrankung bis zur Normalisierung der Leberwerte, Porphyrie (Störung des Blutfarbstoffstoffwechsels) und Überempfindlichkeit. In Schwangerschaft und Stillzeit nicht indiziert. Die jeweils gewählte Fachinformation beachten [FI1].
  • Nebenwirkungen: Lokales Brennen, Juckreiz oder Reizung, vaginaler Ausfluss, Schmierblutungen (leichte Blutungen außerhalb der Regelblutung) und Brustspannen; bei Blutungen ist die Ursache abzuklären. Bei Erhaltungsdosierung ist die systemische Exposition gering, aber nicht null [FI1].

Beachte

  • Pessarkontrollen: Sitz, Selbstmanagement, Verträglichkeit und Vaginalschleimhaut regelmäßig prüfen; bei Schmerzen, Blutung, Ulzeration oder auffälligem Ausfluss Pessar und Schleimhaut untersuchen und die Ursache gezielt behandeln. Die lokale Östrogentherapie ersetzt die Kontrollen nicht [LL1].
  • Östrogenbehandlung individualisieren: Vor Anwendung die Kontraindikationen der konkreten Zubereitung prüfen. Bei postmenopausaler Blutung oder neuer Blutung unter Therapie die Ursache gynäkologisch abklären. Die tägliche Estrioldosis von 0,5 mg bei dem genannten Präparat nicht überschreiten und höchstens 4 Wochen täglich verabreichen [FI1].
  • Wirksamkeitsziel trennen: Die Linderung vaginaler Atrophie und die Reduktion lokaler Pessarkomplikationen sind andere Endpunkte als die Rückbildung des Prolapses oder die Verhütung eines Operationsrezidivs [1-3, LL1].

Red Flags (Warnzeichen) bei Genitalprolaps

  • Harnverhalt (Unfähigkeit, die Blase zu entleeren), deutlich erhöhte Restharnmenge, Flankenschmerzen oder Verdacht auf Harnstauung (Aufstau des Urins): zeitnahe Untersuchung und Beurteilung der Harnwege [LL1].
  • Starke oder ungeklärte vaginale Blutung, postmenopausale Blutung, prolabierte Gewebeläsion oder Ulzeration: zeitnahe gynäkologische Abklärung; eine Blutung nicht allein dem Pessar oder einer Atrophie zuschreiben [LL1, FI1].
  • Fieber, starke Schmerzen, übel riechender Ausfluss oder Verdacht auf Pessarerosion beziehungsweise Fistel (unnatürliche Verbindung zwischen Organen): unverzügliche Untersuchung und Behandlung [LL1].

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BMJ: British Medical Journal
  • doi: Digital Object Identifier
  • FI1: Fachinformation 1
  • g: Gramm
  • JAMA: Journal of the American Medical Association
  • LL1: Leitlinie 1
  • mg: Milligramm
  • S3: dritte Stufe der Leitlinienklassifikation

Literatur

  1. Taithongchai A, Johnson EE, Ismail SI, Barron-Millar E, Kernohan A, Thakar R: Oestrogen therapy for treating pelvic organ prolapse in postmenopausal women. Cochrane Database Syst Rev. 2023;7:CD014592. doi: 10.1002/14651858.CD014592.pub2 
  2. Zhou Y, Yin R, Zhang Y et al.: Effects of intravaginal conjugated oestrogen on pessary continuation for pelvic organ prolapse: multicentre, randomised, double blind, placebo controlled trial. BMJ. 2025;389:e084418. doi: 10.1136/bmj-2025-084418 
  3. Rahn DD, Richter HE, Sung VW et al.: Perioperative Vaginal Estrogen as Adjunct to Native Tissue Vaginal Apical Prolapse Repair: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2023;330:615-625. doi: 10.1001/jama.2023.12317 

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau. (AWMF-Registernummer: 015-006). Version 6.0, März 2026. Langfassung [LL1]

Fachinformationen

  1. Ovestin 1 mg Creme (Estriol). Fachinformation, Februar 2026. Fachinformation [FI1]