Genitalprolaps – Symptome – Beschwerden
Folgende Symptome und Beschwerden können auf einen Genitalprolaps (Vorfall der Beckenorgane aus der Scheide) bei der Frau hinweisen:
Leitsymptome
Diese Leitsymptome lenken den Verdacht auf einen Genitalprolaps und werden oft zuerst bemerkt:
- Sicht- oder tastbare Vorwölbung im Bereich des Scheideneingangs: Wahrnehmung einer Vorwölbung in der Scheide, am Scheideneingang oder außerhalb der Scheide; dieses Symptom weist am spezifischsten auf einen symptomatischen Genitaldeszensus (Senkung der Beckenorgane) bzw. Genitalprolaps hin [1, 2, LL1]
- Senkungs- oder Fremdkörpergefühl: Gefühl, dass etwas in der Scheide „nach unten drängt“ oder aus der Scheide heraustritt; die Beschwerden werden häufig beim Erreichen oder Überschreiten des Hymenalsaums (Rand des Jungfernhäutchens) wahrgenommen [1, LL1]
- Druck-, Zug- oder Schweregefühl im Becken: Druckgefühl nach unten oder Ziehen im Unterbauch, häufig verstärkt bei längerem Stehen, körperlicher Belastung oder Pressen [1, LL1]
Hauptsymptome (primäre Symptome)
Diese Hauptsymptome können das klinische Bild eines Genitalprolaps prägen, sind jedoch weniger spezifisch als die vaginale Vorwölbung und das Senkungsgefühl:
- Blasenentleerungsstörungen (Störungen beim Wasserlassen): Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung, verzögerter Miktionsbeginn (Beginn des Wasserlassens), schwacher oder unterbrochener Harnstrahl sowie notwendiges Pressen bei der Miktion (beim Wasserlassen); mit zunehmendem Prolapsstadium können eine Restharnbildung (Verbleiben von Urin in der Blase) und eine ausgeprägte Blasenentleerungsstörung auftreten [1, 2, LL1]
- Belastungsinkontinenz (Urinverlust bei körperlicher Belastung): Unwillkürlicher Urinverlust bei körperlicher Belastung, insbesondere beim Husten, Niesen oder Heben; die Belastungsinkontinenz ist häufig mit einem Genitaldeszensus assoziiert, stellt jedoch kein spezifisches Prolapssymptom dar. Bei einem höhergradigen Prolaps kann sie durch eine Obstruktion (Verengung oder Blockierung) bzw. Abknickung der Urethra (Harnröhre) maskiert sein und erst nach Reposition (Zurückverlagerung) des Prolapses als larvierte Belastungsinkontinenz (verdeckte Belastungsinkontinenz) nachweisbar werden [2, LL1]
- Imperativer Harndrang (plötzlich einsetzender starker Harndrang) mit oder ohne Dranginkontinenz (Urinverlust bei starkem Harndrang): Plötzlich einsetzender, schwer unterdrückbarer Harndrang, gegebenenfalls verbunden mit unwillkürlichem Urinverlust; ein kausaler Zusammenhang mit dem Prolaps ist im Einzelfall nicht sicher ableitbar [1, LL1]
- Pollakisurie (häufiges Wasserlassen) und Nykturie (nächtliches Wasserlassen): Häufiges Wasserlassen am Tag bzw. mehrfaches nächtliches Wasserlassen; möglich im Rahmen einer überaktiven Blase (übermäßig reizbaren Blase) oder bei funktionell verminderter Blasenkapazität infolge einer Restharnbildung [1, LL1]
- Stuhlentleerungsstörungen (Störungen beim Stuhlgang): Gefühl der unvollständigen Darmentleerung, erschwerte Defäkation (Stuhlentleerung), notwendiges Pressen oder manuelle Unterstützung der Entleerung über die Scheide, den Damm oder den Analkanal; insbesondere bei einer Rektozele (Aussackung des Enddarms in Richtung Scheide) kann eine digitale Unterstützung (Unterstützung mit dem Finger) der Rektumentleerung (Entleerung des Enddarms) erforderlich sein [1, 2, LL1]
- Sexuelle Funktionsstörungen (Beeinträchtigungen der Sexualfunktion): Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), mechanische Behinderung beim Geschlechtsverkehr oder Vermeidung sexueller Aktivität; sexuelle Beschwerden können mit dem Prolaps assoziiert sein, sind jedoch nicht ausschließlich durch diesen bedingt [1, LL1]
Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
Diese Begleitsymptome sind weniger charakteristisch und können insbesondere bei einem höhergradigen Prolaps auftreten:
- Harnverhalt (Ischurie; Unfähigkeit, die Blase vollständig zu entleeren): Ausgeprägte Form der Blasenentleerungsstörung infolge einer möglichen Obstruktion der Urethra durch den Prolaps; zunehmend bei höheren Prolapsstadien zu beobachten [2, LL1]
- Unterbauch- oder Beckenschmerzen: Können mit einem Genitalprolaps assoziiert sein, sind jedoch unspezifisch und lassen sich nicht zuverlässig kausal dem Prolaps zuordnen [1]
- Rückenschmerzen: Werden von betroffenen Frauen teilweise angegeben, sind jedoch kein charakteristisches Prolapssymptom; andere muskuloskelettale (Muskeln und Skelett betreffende), neurologische (das Nervensystem betreffende) oder viszerale (die inneren Organe betreffende) Ursachen müssen berücksichtigt werden [1]
Beachte: Im deutschsprachigen Raum wird ein über den Introitus (Scheideneingang) hinausreichender Descensus genitalis als Genitalprolaps bezeichnet. Typische Beschwerden können jedoch bereits auftreten, wenn die Senkung den Hymenalsaum erreicht. Das anatomische Ausmaß der Senkung korreliert nur eingeschränkt mit dem subjektiven Beschwerdebild. Insbesondere Blasen-, Darm-, Schmerz- und Sexualsymptome können gleichzeitig mit einem Genitalprolaps bestehen, werden aber nicht in jedem Fall durch diesen verursacht. Vaginale Blutungen, auffälliger Ausfluss oder Schleimhautläsionen (Verletzungen der Schleimhaut) sind nicht als typische Leitsymptome einzuordnen und müssen unabhängig vom Prolaps gynäkologisch differentialdiagnostisch (hinsichtlich anderer möglicher Ursachen) abgeklärt werden [1, 2, LL1].
Literatur
- Harvey MA, Chih HJ, Geoffrion R et al.: International Urogynecology Consultation Chapter 1 Committee 5: relationship of pelvic organ prolapse to associated pelvic floor dysfunction symptoms: lower urinary tract, bowel, sexual dysfunction and abdominopelvic pain. Int Urogynecol J. 2021;32(10):2575-2594. doi:10.1007/s00192-021-04941-5 [1]
- Barbier H, Carberry CL, Karjalainen PK et al.: International Urogynecology consultation chapter 2 committee 3: the clinical evaluation of pelvic organ prolapse including investigations into associated morbidity/pelvic floor dysfunction. Int Urogynecol J. 2023;34:2657-2688. doi:10.1007/s00192-023-05629-8 [2]
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau. (AWMF-Registernummer: 015-006), Januar 2026 Langfassung