Genitalprolaps – Weitere Therapie

Therapiegrundsätze

  • Therapieindikation: Eine operative Therapie sollte nur bei vorhandenen Symptomen und entsprechendem Leidensdruck erfolgen. Die anatomische Ausprägung des Genitalprolaps (Senkung der weiblichen Beckenorgane) allein stellt keine Operationsindikation dar [LL1].
  • Beobachtende Strategie: Bei fehlenden oder gering ausgeprägten Beschwerden und medizinischer Unbedenklichkeit kann nach entsprechender Aufklärung eine klinische Beobachtung von Befund und Symptomatik angeboten werden [LL1].
  • Partizipative Entscheidungsfindung: Die Auswahl zwischen Beobachtung, Beckenbodentherapie, Pessartherapie und operativen Verfahren soll unter Berücksichtigung der Beschwerden, der anatomischen Befunde, der Begleiterkrankungen, der sexuellen Aktivität, der Familienplanung sowie der individuellen Behandlungsziele gemeinsam mit der Patientin erfolgen [LL1].
  • Nicht abgeschlossene Familienplanung: Primär soll eine konservative Therapie angeboten werden. Nach Ausschöpfung der konservativen Therapiemöglichkeiten kann bei hohem Leidensdruck auch eine uteruserhaltende Deszensusoperation (Senkungsoperation unter Erhalt der Gebärmutter) angeboten werden [LL1].

Allgemeine Maßnahmen

  • Reduktion beeinflussbarer Risikofaktoren [LL1]:
    • Gewichtsreduktion bei Übergewicht oder Adipositas (starkem Übergewicht); dadurch kann sich das subjektive Beschwerdeempfinden verbessern, eine relevante anatomische Rückbildung des Genitalprolaps ist jedoch nicht zuverlässig belegt. Ggf. Teilnahme an einem ärztlich betreuten Abnehmprogramm
      • BMI ≥ 25 → Teilnahme an einem ärztlich betreuten Abnehmprogramm
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    • Nikotinrestriktion (Verzicht auf Tabakkonsum)
    • Konsequente Behandlung einer chronischen Obstipation (anhaltenden Verstopfung)
    • Vermeidung starken Pressens bei der Defäkation (Stuhlentleerung)
    • Vermeidung beziehungsweise Reduktion wiederholter schwerer Hebebelastungen, insbesondere wenn diese die Deszensussymptomatik (Senkungsbeschwerden) verstärken

Medikamentöse Therapie

  • Systemische Hormonersatztherapie: Eine systemische Hormonersatztherapie ist für die Beckenbodenfunktion nicht vorteilhaft und soll nicht gezielt zur Behandlung eines Genitalprolaps oder einer Harninkontinenz (unwillkürlicher Harnverlust) verordnet werden [LL1].
  • Lokale vaginale Östrogentherapie: Bei postmenopausalen (nach den Wechseljahren befindlichen) Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten (wiederkehrenden Harnwegsinfektionen), überaktiver Blase (Reizblase) oder urogenitalen menopausalen Symptomen (Beschwerden der Harn- und Geschlechtsorgane in den Wechseljahren) soll eine lokale vaginale Östrogenisierung unter Beachtung möglicher Kontraindikationen (Gegenanzeigen) erwogen werden [LL1].
  • Eine Besserung der Deszensussymptomatik durch eine lokale oder systemische Östrogentherapie ist nicht belegt. Die lokale vaginale Östrogentherapie ist daher keine spezifische Therapie des Genitalprolaps [LL1].
  • Im Rahmen einer Pessartherapie kann eine lokale vaginale Östrogenisierung insbesondere bei postmenopausaler vulvovaginaler Atrophie (Gewebeschwund an Vulva und Scheide) sowie zur Prävention beziehungsweise Behandlung lokaler Läsionen (Gewebeschädigungen), Blutungen oder Erosionen (oberflächlichen Schleimhautverletzungen) eingesetzt werden [LL1].
  • Siehe dazu unter: „Vulvovaginale Atrophie/Genitourinäres Menopausensyndrom (Beschwerden der Harn- und Geschlechtsorgane in den Wechseljahren)“.

Medizinische Hilfsmittel

  • Pessartherapie: Die Pessartherapie soll Frauen mit symptomatischem Genitalprolaps als konservative Therapieoption angeboten werden [LL1].
  • Indikationen für eine Pessartherapie sind insbesondere [LL1]:
    • Wunsch nach einer konservativen Therapie
    • nicht abgeschlossene Familienplanung
    • Wartezeit bis zu einer geplanten Operation oder Wunsch nach einer Verzögerung der Operation
    • erhöhtes perioperatives Komplikationsrisiko (Risiko für Komplikationen rund um eine Operation) aufgrund von Begleiterkrankungen
    • vorübergehende Reposition des Prolapses (Zurückverlagerung der Senkung) zur Beurteilung, ob unspezifische Beschwerden durch den Genitalprolaps verursacht werden
  • Ring- oder Siebschalenpessare eignen sich insbesondere bei einem dominierenden Deszensus der vorderen Vaginalwand (Senkung der vorderen Scheidenwand). Hält ein Ring- oder Siebschalenpessar nicht ausreichend, sollte eine suffiziente Reposition mit einem Würfelpessar versucht werden, sofern die zuverlässige tägliche Entfernung zur Nacht gewährleistet ist [LL1].
  • Eine Pessartherapie ist auch als Langzeittherapie möglich. Die Anwendungsdauer, das Wechselintervall und die erforderlichen Kontrollen richten sich nach dem verwendeten Pessartyp, der Fähigkeit zum Selbstmanagement, dem Vaginalbefund, der Verträglichkeit sowie den Herstellerangaben und der Medizinprodukteklassifizierung [LL1].
  • Mögliche unerwünschte Wirkungen sind vaginaler Ausfluss, Blutungen, Druckstellen, Erosionen, Schmerzen und Obstipation; selten wurden Fisteln (unnatürliche Verbindungsgänge) oder eine Migration des Pessars (Verrutschen des Pessars) beschrieben. Bei neu auftretenden Beschwerden ist eine zeitnahe gynäkologische Kontrolle erforderlich [LL1].

Ernährungsmedizin

  • Ernährungsmedizinische Maßnahmen dienen insbesondere der Gewichtsreduktion bei Übergewicht oder Adipositas sowie der Prävention und Behandlung einer chronischen Obstipation [LL1].
  • Bei Übergewicht oder Adipositas kann eine individuelle Ernährungsberatung auf Grundlage einer Ernährungsanalyse und gegebenenfalls die Teilnahme an einem ärztlich betreuten Gewichtsreduktionsprogramm sinnvoll sein [LL1].
  • Bei Obstipation ist eine Ernährungsweise anzustreben, die einen regelmäßigen, weichen und geformten Stuhlgang ohne starkes Pressen unterstützt. Bei anhaltenden Beschwerden ist eine strukturierte diagnostische Abklärung und leitliniengerechte Behandlung der Obstipation erforderlich [LL1].
  • Auswahl geeigneter Lebensmittel auf Grundlage der Ernährungsanalyse.
  • Detaillierte Informationen zur Ernährungsmedizin stehen exklusiv unseren Partnern zur Verfügung.

Sportmedizin

  • Körperliche Belastung: Wiederholte schwere Hebebelastungen und andere Belastungen, die reproduzierbar zu einer Verstärkung des Druck-, Fremdkörper- oder Senkungsgefühls führen, sollten hinsichtlich Technik, Intensität und Trainingsumfang angepasst werden [LL1].
  • Unspezifische Beckenbodengymnastik ist nicht mit einem gezielten und kontrollierten Training der Beckenbodenmuskulatur (untere Haltemuskulatur des Beckens) gleichzusetzen [LL1].
  • Detaillierte Informationen zur Sportmedizin stehen exklusiv unseren Partnern zur Verfügung.

Physikalische Therapie (inkl. Physiotherapie)

  • Gezieltes und spezifisches Beckenbodentraining: Frauen mit einem Genitalprolaps im Stadium I oder II soll ein gezieltes und spezifisches Training der Beckenbodenmuskulatur angeboten werden [LL1].
  • Das strukturierte Beckenbodentraining sollte über mindestens 16 Wochen durchgeführt und bei erfolgreicher Symptomverbesserung langfristig fortgesetzt werden [LL1].
  • Ein individuell angeleitetes Einzeltraining der Beckenbodenmuskulatur führte bei Frauen mit einem symptomatischen Genitalprolaps im Stadium I-III zu einer signifikanten Reduktion der selbst berichteten Prolapssymptome (Senkungsbeschwerden) [1].
  • Vor Beginn der Behandlung sollte überprüft werden, ob die Patientin den Beckenboden korrekt willkürlich kontrahieren (bewusst anspannen) kann. Eine fehlerhafte Aktivierung mit Pressen oder überwiegender Anspannung der umgebenden Muskulatur muss erkannt und korrigiert werden [LL1].
  • Die Beckenbodentherapie sollte durch einen spezialisierten Physiotherapeuten mit entsprechender Ausbildung in Beckenbodenphysiologie, Pathophysiologie und Beckenbodenpalpation durchgeführt werden [LL1].
  • Das gezielte Beckenbodentraining kann bei geeigneter Indikation mit Biofeedback-Training, Pessartherapie und strukturierten Beratungsprogrammen kombiniert werden [LL1].
  • Hypopressives Training ist dem spezifischen Beckenbodentraining hinsichtlich der Verbesserung von Lebensqualität, Prolapsbefund (Senkungsbefund) und Muskelaktivierung nicht überlegen und ersetzt kein gezieltes Beckenbodentraining [LL1].
  • Eine begleitende perioperative Beckenbodenrehabilitation soll nicht routinemäßig allen Patientinnen angeboten werden, da bislang nicht ausreichend geklärt ist, welche Patientinnen davon profitieren [LL1].

Organisationen und Selbsthilfegruppen

  • AG GGUP – Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie und Proktologie von Physio Deutschland – Deutscher Verband für Physiotherapie e. V.
    Auf Beckenbodentherapie spezialisierte Physiotherapeuten können über die bundesweite Therapeutenliste der AG GGUP gesucht werden.

Literatur

  1. Hagen S, Stark D, Glazener C et al.: Individualised pelvic floor muscle training in women with pelvic organ prolapse (POPPY): a multicentre randomised controlled trial. Lancet. 2014;383(9919):796-806. doi: 10.1016/S0140-6736(13)61977-7

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau. (AWMF-Registernummer: 015-006), Januar 2026 Langfassung