Genitalprolaps – Anamnese
Die Anamnese stellt einen wichtigen Baustein in der Diagnostik des Genitalprolaps (Vorfall der Beckenorgane aus der Scheide) dar. Sie sollte neben der Eigen-, Familien-, geburtshilflichen und sozialen Anamnese insbesondere Senkungs-, Blasen-, Darm- und Sexualsymptome einschließlich ihrer Häufigkeit, ihres Schweregrades, ihres Verlaufs, des dadurch bedingten Leidensdrucks und ihrer Auswirkungen auf die Lebensqualität erfassen. Für die strukturierte Erhebung der Beckenbodensymptome sollte ergänzend ein standardisierter, möglichst validierter Beckenbodenfragebogen verwendet werden. Bitte beziehen Sie sich bei Angaben zur Häufigkeit möglichst auf die vergangenen vier Wochen.
Familienanamnese
- Ist bei Ihrer Mutter, Ihren Schwestern oder Ihrer Großmutter ein Genitalprolaps oder eine ausgeprägte Bindegewebsschwäche aufgetreten?
- Gibt es in Ihrer Familie angeborene Erkrankungen des Bindegewebes, z. B. ein Marfan-Syndrom oder Ehlers-Danlos-Syndrom?
Sozialanamnese
- Beruf:
- Welchen Beruf üben Sie aus bzw. welchen Beruf haben Sie früher ausgeübt?
- Sind oder waren Sie in Ihrem Beruf regelmäßig körperlich stark belastet, z. B. durch häufiges Heben oder Tragen schwerer Lasten oder körperlich anstrengende Pflegearbeit?
- Seit wann und wie häufig bestehen bzw. bestanden diese körperlichen Belastungen?
- Verstärken sich Ihre Beschwerden während oder nach der beruflichen Belastung?
- Heben oder tragen Sie auch im Alltag häufig schwere Lasten, z. B. Kinder, Einkäufe oder pflegebedürftige Personen?
- Beeinträchtigen die Beschwerden Ihre berufliche Tätigkeit, Ihren Alltag, Sport, soziale Aktivitäten oder längere Wege?
Aktuelle Anamnese/Systemanamnese (somatische und psychische Beschwerden)
- Beginn und Verlauf: Seit wann bestehen die Beschwerden? Haben sie plötzlich oder allmählich begonnen?
- Haben die Beschwerden im Verlauf zugenommen, abgenommen oder sich verändert?
- Treten die Beschwerden ständig oder nur gelegentlich auf? Wie häufig und wie stark sind sie?
- Haben Sie ein Druckgefühl, Schweregefühl oder Ziehen im Becken oder Unterbauch?
- Haben Sie ein Fremdkörpergefühl in der Scheide, z. B. das Gefühl, dass sich dauerhaft ein Tampon in der Scheide befindet?
- Haben Sie das Gefühl, dass „etwas nach unten drückt“ oder sich Ihre inneren Genitalien abgesenkt hat?
- Spüren oder sehen Sie eine Vorwölbung am Scheideneingang oder außerhalb der Scheide?
- Müssen Sie die Vorwölbung gelegentlich mit der Hand zurückschieben?
- Wann treten die Beschwerden besonders auf, z. B. im Stehen, beim Heben, nach längerem Gehen, beim Sport oder gegen Abend?
- Bessern sich die Beschwerden im Sitzen oder Liegen bzw. nach einer Nachtruhe?
- Haben Sie Schmerzen beim Gehen, Sitzen oder bei körperlicher Belastung?
- Wo genau befinden sich die Schmerzen, z. B. im Unterbauch, Becken, Damm oder in der Scheide?
- Bestehen Druckstellen, Wundsein, Schleimhautreizungen, ungewöhnlicher Ausfluss oder Blutungen an der Vorwölbung?
- Haben Sie Blutungen aus der Scheide außerhalb der Menstruation oder nach den Wechseljahren?
- Sexualfunktion: Sind Sie sexuell aktiv?
- Falls Sie nicht sexuell aktiv sind: Liegt dies an den Senkungsbeschwerden, an Schmerzen, Harn- oder Stuhlverlust, vaginaler Trockenheit, Scham oder anderen Gründen?
- Haben Sie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr? Treten diese am Scheideneingang, tief im Becken oder an beiden Stellen auf?
- Besteht beim Geschlechtsverkehr ein Fremdkörpergefühl, eine verminderte Empfindung oder das Gefühl, dass die Scheide zu weit oder zu eng ist?
- Ist die Scheide beim Geschlechtsverkehr ausreichend feucht?
- Kommt es beim Geschlechtsverkehr zu einem unwillkürlichen Harnverlust?
- Blasenfunktion: Wie häufig lassen Sie tagsüber Wasser?
- Wie häufig müssen Sie nachts aufstehen, um Wasser zu lassen?
- Haben Sie plötzlich auftretenden, schwer unterdrückbaren Harndrang?
- Kommt es bei starkem Harndrang zu einem Harnverlust, bevor Sie die Toilette erreichen?
- Kommt es zu Harnverlust beim Husten, Niesen, Lachen, Heben, Treppensteigen oder Sport?
- Verlieren Sie während des Schlafs unwillkürlich Urin?
- Ist Ihr Harnstrahl schwach, verlangsamt, unterbrochen oder verlängert?
- Haben Sie Schwierigkeiten, mit dem Wasserlassen zu beginnen?
- Müssen Sie pressen, um Wasser lassen zu können?
- Haben Sie das Gefühl, die Blase nach dem Wasserlassen nicht vollständig entleeren zu können?
- Müssen Sie die Senkung zurückschieben oder Ihre Körperhaltung verändern, um Wasser lassen zu können?
- Kam es bereits zu einer vollständigen Unfähigkeit, Wasser zu lassen?
- Haben Sie Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen?
- Leiden Sie wiederholt an Harnwegsinfektionen? Wenn ja, wie häufig pro Jahr?
- Tragen Sie wegen eines Harnverlustes Vorlagen oder Binden? Wenn ja, wie viele pro Tag?
- Schränken Sie Ihre Trinkmenge ein, um Harndrang oder Harnverlust zu vermeiden?
- Darmfunktion: Wie häufig haben Sie Stuhlgang?
- Wie ist die Konsistenz Ihres Stuhls, z. B. weich, geformt, sehr hart, dünn oder breiig?
- Leiden Sie unter Verstopfung?
- Nehmen Sie Abführmittel oder andere Mittel zur Unterstützung der Darmentleerung ein?
- Müssen Sie beim Stuhlgang stark oder über längere Zeit pressen?
- Haben Sie das Gefühl, den Darm nicht vollständig entleeren zu können?
- Bleibt Stuhl nach der Darmentleerung in einer Aussackung zurück?
- Müssen Sie die Darmentleerung durch Fingerdruck auf die Scheide, den Damm oder den Enddarm unterstützen?
- Müssen Sie die Senkung zurückschieben, um Stuhlgang haben zu können?
- Kommt es zu plötzlich auftretendem, schwer unterdrückbarem Stuhldrang?
- Kommt es zu einem unwillkürlichen Abgang von Winden, dünnem oder festem Stuhl?
- Haben Sie einen chronischen Husten oder häufige Hustenanfälle?
- Welche der Beschwerden beeinträchtigt oder stört Sie am stärksten?
- Wie stark beeinträchtigen die Beschwerden Ihren Alltag, Ihre körperliche Aktivität, Ihre Sexualität und Ihre Lebensqualität?
- Welche persönlichen Ziele und Erwartungen haben Sie an eine Behandlung?
Vegetative Anamnese inkl. Ernährungsanamnese
- Geben Sie uns bitte Ihr aktuelles Körpergewicht in kg und Ihre Körpergröße in cm an.
- Hat sich Ihr Gewicht in den letzten Monaten oder Jahren deutlich verändert?
- Wie viel Flüssigkeit trinken Sie durchschnittlich pro Tag?
- Welche Getränke nehmen Sie überwiegend zu sich, z. B. Wasser, Kaffee, Tee, koffeinhaltige Getränke oder Alkohol?
- Wie ernähren Sie sich? Nehmen Sie regelmäßig ballaststoffreiche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte oder Vollkornprodukte zu sich?
- Treiben Sie regelmäßig Sport? Wenn ja, welche Sportart, wie häufig und mit welcher Belastungsintensität?
- Verstärken sich die Senkungs-, Blasen- oder Darmbeschwerden beim Sport oder bei bestimmten Übungen?
- Rauchen Sie oder haben Sie früher geraucht? Wenn ja, wie viele Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen rauchen bzw. rauchten Sie pro Tag und über welchen Zeitraum?
Eigenanamnese inkl. Medikamentenanamnese
- Wie alt sind Sie?
- Haben Sie noch Menstruationsblutungen? Falls nein, seit wann befinden Sie sich in den Wechseljahren?
- Welche relevanten Vorerkrankungen bestehen bei Ihnen, z. B. Asthma bronchiale, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), chronischer Husten, chronische Obstipation, Diabetes mellitus, neurologische Erkrankungen oder angeborene Bindegewebserkrankungen?
- Bestehen Einschränkungen der Mobilität, die den Toilettengang oder die Selbstversorgung erschweren?
- Bestehen Einschränkungen des Gedächtnisses, der Orientierung oder anderer geistiger Fähigkeiten, die den Toilettengang, die Wahrnehmung des Harndrangs oder die selbstständige Versorgung erschweren?
- Haben Sie bereits früher an wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz oder Stuhlentleerungsstörungen gelitten?
- Haben oder hatten Sie gynäkologische, urologische, proktologische oder neurologische Erkrankungen?
- Operationen:
- Wurden bei Ihnen bereits Operationen im Beckenbereich durchgeführt?
- Wurde bei Ihnen eine Gebärmutterentfernung durchgeführt? Wenn ja, wann, aus welchem Grund und über welchen operativen Zugangsweg?
- Wurden bereits Operationen wegen einer Genitalsenkung, Harninkontinenz oder Stuhlentleerungsstörung durchgeführt? Wenn ja, welche Verfahren wurden eingesetzt und mit welchem Ergebnis?
- Wurden Netze, Bänder oder andere Implantate im Beckenbodenbereich eingesetzt?
- Traten nach früheren Operationen Komplikationen, erneute Senkungsbeschwerden, Schmerzen, Blutungen oder Entleerungsstörungen auf?
- Wurden bei Ihnen bereits Operationen an Blase, Harnröhre, Darm oder Enddarm durchgeführt?
- Haben Sie Kaiserschnitt- oder andere geburtshilfliche Operationen hinter sich?
- Wurde bei Ihnen eine Bestrahlung im Beckenbereich durchgeführt?
- Bisherige Behandlungen:
- Haben Sie bereits Beckenbodentraining, Beckenbodenphysiotherapie, Biofeedback oder Elektrostimulation durchgeführt?
- Haben Sie bereits ein Pessar oder andere Hilfsmittel verwendet?
- Haben Sie lokale Östrogene zur Behandlung vaginaler Beschwerden oder begleitend zu einer Pessartherapie angewendet?
- Welche Behandlung hat Ihnen geholfen, welche nicht und welche Nebenwirkungen oder Probleme traten dabei auf?
- Schwangerschaftsanamnese:
- Wie viele Schwangerschaften haben Sie durchlebt?
- Wie viele Kinder haben Sie geboren?
- Wie alt waren Sie bei der ersten Entbindung?
- Erfolgten die Geburten vaginal, durch Kaiserschnitt oder vaginal-operativ mit Vakuumglocke oder Geburtszange?
- Kam es zu einer vaginalen Beckenendlagengeburt?
- Gab es bei einer Geburt eine lange Austreibungsphase?
- Wie hoch war das höchste Geburtsgewicht Ihrer Kinder? Lag es über 4.000 g?
- Gab es Dammrisse, Dammschnitte oder Verletzungen des analen Schließmuskels?
- Bestand bereits während einer Schwangerschaft eine Senkung der Gebärmutter oder der Scheidenwände?
- Traten nach einer Schwangerschaft oder Geburt erstmals Senkungs-, Blasen- oder Darmbeschwerden auf?
- Wie war die Rückbildung nach den Schwangerschaften?
- Haben Sie eine Rückbildungsgymnastik oder ein angeleitetes Beckenbodentraining durchgeführt?
- Besteht aktuell ein Kinderwunsch oder ist Ihre Familienplanung abgeschlossen?
- Nehmen Sie aktuell oder regelmäßig Medikamente ein? Wenn ja, welche, in welcher Dosierung und seit wann?
- Nehmen Sie Medikamente ein, die die Kontinenz oder die Blasen- bzw. Darmentleerung beeinflussen können, insbesondere Antidepressiva oder Diuretika?
- Nehmen Sie Abführmittel, Schlaf- oder Beruhigungsmittel, Medikamente gegen Harndrang oder eine Hormontherapie ein?
Unsere Empfehlung: Drucken Sie die Anamnese aus, ergänzen bzw. markieren Sie Ihre Antworten und nehmen Sie das Dokument mit zu Ihrem behandelnden Arzt.
Zur strukturierten Erfassung Ihrer Beschwerden können Sie zusätzlich den Deutschen Beckenboden-Fragebogen ausfüllen. Dieser validierte Fragebogen erfasst Blasen-, Darm-, Prolaps- und Sexualsymptome sowie deren Auswirkungen auf die Lebensqualität. Für eine valide Auswertung sollten die vorgegebenen Fragen und Antwortmöglichkeiten unverändert verwendet und auf die vergangenen vier Wochen bezogen werden.