Genitalprolaps – Operative Therapie
Eine operative Therapie des Descensus genitalis (Senkung der inneren Geschlechtsorgane) ist nur bei vorhandenen Symptomen und entsprechendem Leidensdruck indiziert. Der anatomische Senkungsgrad allein begründet keine Operationsindikation. Im Aufklärungsprozess sollen abwartendes Verhalten, konservative Therapieoptionen (nichtoperative Behandlungsmöglichkeiten) und operative Verfahren erläutert und unter Berücksichtigung der Beschwerden, Begleiterkrankungen sowie der Wünsche und Therapieziele der Patientin gemeinsam bewertet werden. Die partizipative Entscheidungsfindung soll dokumentiert werden [LL1].
Die früher häufig als einheitliches Verfahren durchgeführte Kombination aus vaginaler Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter durch die Scheide), vorderer und hinterer Kolporrhaphie (operativer Raffung der vorderen und hinteren Scheidenwand) sowie Dammplastik (operativer Wiederherstellung des Damms) ist kein regelhaftes Standardvorgehen. Die operative Therapie erfolgt heute kompartmentbezogen. Korrigiert werden sollen diejenigen anatomischen Defekte, die für die Beschwerden und Funktionsstörungen relevant sind; eine zusätzliche apikale Stabilisierung (Fixierung des oberen Scheiden- oder Gebärmutterabschnitts) ist bei entsprechender Mitbeteiligung von zentraler Bedeutung [LL1].
Grundlagen der Operationsplanung
- Betroffene Kompartimente (Beckenbodenabschnitte) – Beurteilung des vorderen, mittleren beziehungsweise apikalen und hinteren Kompartiments sowie möglicher kombinierter Defekte [LL1]
- Art und Ausmaß des Prolapses (Vorfalls) – insbesondere Zystozele (Senkung der Harnblase), Uterusdeszensus (Senkung der Gebärmutter), Vaginalstumpfprolaps (Senkung des Scheidenendes nach Gebärmutterentfernung), Rektozele (Vorwölbung des Enddarms in die Scheide), Enterozele (Vorwölbung von Dünndarm in die Scheide) oder kombinierter vaginaler und rektaler Prolaps [LL1]
- Beschwerden und Funktionsstörungen – Senkungs- und Fremdkörpergefühl, Harninkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust), Blasenentleerungsstörung (erschwerte oder unvollständige Entleerung der Harnblase), überaktive Blase (häufiger und plötzlich auftretender Harndrang), Stuhlentleerungsstörung (erschwerte Darmentleerung), Schmerzen und Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) [LL1]
- Uterusstatus – uterine Pathologien (Erkrankungen der Gebärmutter), Zervixelongation (Verlängerung des Gebärmutterhalses), auffällige Blutungen, zervikale Dysplasien (Zellveränderungen am Gebärmutterhals) und relevante onkologische Risikokonstellationen [LL1]
- Wunsch nach Uteruserhalt – einschließlich einer noch nicht abgeschlossenen Familienplanung und möglicher späterer Schwangerschaften [LL1]
- Sexuelle Aktivität – insbesondere im Hinblick auf den Erhalt der Vaginallänge, das Risiko einer Vaginalstenose (Verengung der Scheide) und einer postoperativen Dyspareunie [LL1]
- Rezidivrisiko (Risiko einer erneuten Senkung) – z. B. Rezidivprolaps (erneuter Vorfall), Levatoravulsion (Abriss des Beckenbodenmuskels), großer Totalprolaps (vollständiger Vorfall), Adipositas (starkes Übergewicht), ausgeprägter genitaler Hiatus (vergrößerte Öffnung im Beckenboden) und vorausgegangene Prolapsoperationen [LL1]
- Begleiterkrankungen und Operationsrisiko – einschließlich Alter, Mobilität, Multimorbidität (mehrere gleichzeitig bestehende Erkrankungen), Adipositas, Nikotinkonsum und vorausgegangener Beckenchirurgie (Operationen im Beckenbereich) [LL1]
- Erfahrung des operativen Zentrums – insbesondere bei komplexen Mehrkompartmentdefekten, Rezidivoperationen, Netzimplantationen und Netzkomplikationen [LL1]
Vorderes Kompartiment
- Vordere Scheidenplastik beziehungsweise anteriore Kolporrhaphie (operative Raffung der vorderen Scheidenwand) – soll in der Primärsituation bei einer symptomatischen Pulsions- beziehungsweise medianen Zystozele als vaginales Standardverfahren mit der Patientin diskutiert werden. Die Rekonstruktion erfolgt mit Eigengewebe durch Raffung der pubozervikalen Faszie (stützende Gewebeschicht zwischen Harnblase und Scheide) [LL1].
- Apikale Mitbeteiligung (Mitabsenkung des oberen Scheiden- oder Gebärmutterabschnitts) – bei einem vorderen Prolaps soll geprüft werden, ob zusätzlich eine apikale Fixation erforderlich ist. Eine gleichzeitige Stabilisierung des mittleren Kompartiments reduziert das Rezidivrisiko im vorderen Kompartiment [LL1].
- Vaginale synthetische Netzaugmentation (Verstärkung der Scheidenwand mit einem Kunststoffnetz) – reduziert die anatomischen und subjektiven Rezidivraten gegenüber der alleinigen Eigengewebsrekonstruktion. Wegen des spezifischen Komplikationsspektrums ist jedoch eine konkrete Indikation und eine ausführliche Aufklärung über konservative und operative Alternativen erforderlich. Bei einem Rezidivprolaps oder ausgeprägten Rezidivrisikofaktoren wie Levatoravulsion, großem Totalprolaps oder Adipositas soll die Netzaugmentation mit der Patientin diskutiert werden [LL1].
- Biologische Graftaugmentation (Verstärkung mit biologischem Ersatzgewebe) – führt gegenüber der vorderen Scheidenplastik nicht zu einer gesicherten Verbesserung der subjektiven Beschwerden. Wird eine Augmentation als erforderlich angesehen, kann auf biologische Grafts zugunsten eines synthetischen Netzes mit besser belegter anatomischer Wirksamkeit verzichtet werden [LL1].
- Paravaginale Defektkorrektur (operative Behebung einer seitlichen Ablösung der Scheidenwand) – kann bei einem nachgewiesenen lateralen beziehungsweise paravaginalen Defekt (seitlicher Halteschaden der Scheidenwand) vaginal, abdominal oder laparoskopisch angeboten werden. Aufgrund der unzureichenden vergleichenden Studienlage besteht keine generelle Verfahrensempfehlung [LL1].
- Laparoskopische Sakrokolpopexie mit vorderer Netzextension (Bauchspiegelungsoperation zur Befestigung des Scheidenendes am Kreuzbein mit Netzverlängerung an der vorderen Scheidenwand) – ist bei kombiniertem anterioren und apikalen Prolaps eine Alternative zur vaginalen anterioren Netzoperation. Bei sexuell aktiven Patientinnen soll sie wegen der geringeren Dyspareunierate und der besser erhaltenen Vaginallänge bevorzugt diskutiert werden [LL1].
Die populationsbasierte schottische Kohortenstudie von Morling et al. ergab nach Netzoperationen des vorderen Kompartiments gegenüber nicht netzgestützten Rekonstruktionen ein erhöhtes Risiko für spätere Komplikationen sowie weitere Inkontinenz- und Prolapsoperationen. Aufgrund des nicht randomisierten Studiendesigns und der über einen langen Zeitraum angewandten heterogenen Operationstechniken sind diese Ergebnisse bei der Bewertung aktueller Verfahren differenziert einzuordnen [1].
In der pragmatischen PROSPECT-Studie führte die zusätzliche Verwendung eines synthetischen Netzes oder biologischen Grafts bei primären transvaginalen Operationen des vorderen oder hinteren Kompartiments nach ein und zwei Jahren zu keiner signifikanten Verbesserung der Prolapssymptome oder der prolapsbezogenen Lebensqualität. Bei 51 von 434 tatsächlich mit einem synthetischen Netz behandelten Frauen trat innerhalb von zwei Jahren eine Netzkomplikation auf, entsprechend 12 % [2]. Die Studie wurde in der aktuellen S3-Leitlinie wegen der nicht ausreichend definierten Operationstechniken und der fehlenden konsequenten Trennung der Kompartimente nicht in die verfahrensspezifische quantitative Bewertung der anterioren Prolapschirurgie einbezogen. Die Leitlinie bewertet daher zusätzlich die Ergebnisse verfahrensspezifischer randomisierter Studien und Metaanalysen [LL1].
Hinteres Kompartiment
- Hintere Scheidenplastik beziehungsweise posteriore Kolporrhaphie (operative Raffung der hinteren Scheidenwand) – soll als transvaginale Standardtherapie bei symptomatischer Rektozele mit der Patientin diskutiert werden [LL1].
- Mediane Fasziennaht (mittige Naht der stützenden Gewebeschicht) – weist bei der primären Rektozelenkorrektur bessere Erfolgsraten auf als eine ausschließlich defektspezifische Faszienrekonstruktion (gezielte Wiederherstellung einzelner Gewebedefekte) und soll bevorzugt durchgeführt werden [LL1].
- Levatorraffung (operative Raffung der Beckenbodenmuskulatur) – auf die routinemäßige Vereinigung der Levatorenschenkel soll verzichtet werden, da sie die Erfolgsrate gegenüber der medianen Fasziennaht nicht verbessert und mit hohen Dyspareunieraten verbunden sein kann [LL1].
- Perineorrhaphie beziehungsweise Dammrekonstruktion (operative Naht beziehungsweise Wiederherstellung des Damms) – kann bei einer nachgewiesenen perinealen Insuffizienz (Schwäche des Dammgewebes) und einem vergrößerten genitalen Hiatus ergänzend durchgeführt werden. Für eine routinemäßige Dammplastik unabhängig vom Befund besteht keine ausreichende Evidenz [LL1].
- Biologische Implantate – auf Xenografts (Gewebeersatz tierischen Ursprungs) soll im hinteren Kompartiment wegen fehlender Vorteile verzichtet werden [LL1].
- Synthetische Netze – sollen im hinteren Kompartiment in der Primärsituation wegen fehlender Vorteile für die Patientin nicht eingesetzt werden [LL1].
- Multikompartimentärer Prolaps (Senkung mehrerer Beckenbodenabschnitte) – bei kombiniertem apikalem und hinterem Prolaps kann eine Sakrokolpopexie, Sakrohysteropexie (Befestigung der Gebärmutter am Kreuzbein) oder Sakrozervikopexie (Befestigung des Gebärmutterhalses am Kreuzbein) mit hinterer Netzextension angeboten werden [LL1].
- Kombinierter vaginaler und rektaler Prolaps (gleichzeitiger Vorfall der Scheide und des Enddarms) – soll interdisziplinär durch Urogynäkologie (Fachgebiet für Erkrankungen des weiblichen Beckenbodens) und Koloproktologie (Fachgebiet für Erkrankungen des Dick- und Enddarms) beurteilt werden. Bei entsprechender Indikation können eine Sakrokolporektopexie (Befestigung von Scheide und Enddarm am Kreuzbein), Sakrohysterorektopexie (Befestigung von Gebärmutter und Enddarm am Kreuzbein) oder Sakrozervikorektopexie (Befestigung von Gebärmutterhals und Enddarm am Kreuzbein) mit ventraler Netzrektopexie (Befestigung der Vorderwand des Enddarms mit einem Netz) angeboten werden [LL1].
Mittleres beziehungsweise apikales Kompartiment
Die Korrektur des apikalen Aufhängungsdefekts (Halteschadens des oberen Scheiden- oder Gebärmutterabschnitts) ist ein wesentlicher Bestandteil der Prolapschirurgie. Sakrokolpopexie, sakrospinale Fixation, Sakrouterinligamentfixation, Pektopexie und ventrolaterale Suspension sind geeignete Therapieoptionen. Die Verfahrenswahl erfolgt unter Berücksichtigung des Befunds, der Begleiterkrankungen, der sexuellen Aktivität, eines geplanten Uteruserhalts beziehungsweise einer Hysterektomie, des individuellen Risikoprofils und der operativen Expertise [LL1].
- Sakrokolpopexie (Befestigung des Scheidenendes am Kreuzbein) – netzgestützte Fixation des Vaginalapex (oberen Scheidenendes) am Sakrum (Kreuzbein). Sie weist gegenüber der vaginalen sakrospinalen Fixation höhere Erfolgsraten und weniger postoperative Dyspareunie auf und soll insbesondere bei sexuell aktiven Patientinnen bevorzugt diskutiert werden [LL1].
- Laparoskopische Sakrokolpopexie – führt bei vergleichbaren objektiven und subjektiven Erfolgsraten zu geringerem Blutverlust und schnellerer Rekonvaleszenz (Erholung) als das offen abdominale Verfahren. Bei fehlenden Kontraindikationen soll der laparoskopische Zugang bevorzugt werden [LL1].
- Sakrospinale Fixation beziehungsweise Hysteropexie (Befestigung der Scheide beziehungsweise Gebärmutter an einem Halteband nahe dem Kreuzbein) – etablierte vaginale Fixation des Vaginalapex, der Zervix (Gebärmutterhals) oder des Uterus (Gebärmutter) am Ligamentum sacrospinale (Halteband am Kreuzbein). Bei der Operationsplanung sind insbesondere ein erhöhtes Risiko für Rezidive des vorderen Kompartiments sowie mögliche vorübergehende Gesäß- und Nervenschmerzen zu berücksichtigen [LL1].
- Sakrouterinligamentfixation (Befestigung an den natürlichen Gebärmutterhaltebändern) – vaginale, laparoskopische oder offene Fixation des Vaginalapex beziehungsweise des Uterus an den Sakrouterinligamenten. Bei einer hohen vaginalen Sakrouterinligamentfixation soll wegen des Risikos einer Ureterobstruktion (Blockierung des Harnleiters) eine intraoperative Zystoskopie (Blasenspiegelung während der Operation) zur Kontrolle der beidseitigen Urinpassage erfolgen [LL1].
- Pektopexie (Befestigung an Haltebändern hinter dem Schambein) – Fixation des Uterus, der Zervix oder des Vaginalapex an den Ligamenta pectinea (Haltebänder am vorderen Becken). Sie kann insbesondere bei geplanter minimalinvasiver Operation als Alternative zur Sakrokolpopexie erwogen werden [LL1].
- Ventrolaterale Suspension (Aufhängung der Gebärmutter oder Scheide nach vorn und zur Seite) – kann bei einem apikalen Prolaps laparoskopisch oder robotisch assistiert erwogen werden. Systematische Langzeitdaten sind jedoch begrenzt [LL1].
Wenig untersuchte Verfahren wie die bilaterale sakrospinale Netzarmfixation (beidseitige Netzbefestigung an den Haltebändern nahe dem Kreuzbein), die unilaterale Fadenpektopexie (einseitige Befestigung mit einem Faden am vorderen Becken), die vaginale bilaterale Fadenhysteropexie (beidseitige Befestigung der Gebärmutter mit Fäden über die Scheide), vaginale selbsthaltende Implantate und die Verwendung einer Semitendinosussehne (Sehne aus dem hinteren Oberschenkel) bei Sakro- oder Pektopexie sollen aufgrund der unzureichenden Evidenz nur unter Studienbedingungen durchgeführt werden [LL1].
Uteruserhalt und Hysterektomie
Ein Uterusdeszensus ist für sich allein keine Indikation zur Hysterektomie. Bei entsprechender Indikations- und Befundkonstellation soll ein Uteruserhalt erwogen und mit der Patientin diskutiert werden. Ein generell erhöhtes Rezidivrisiko nach uterus- beziehungsweise zervixerhaltenden Operationen wurde bislang nicht nachgewiesen [LL1].
Uteruserhaltende Verfahren umfassen insbesondere:
- Sakrospinale Hysteropexie [LL1]
- Vaginale oder laparoskopische Sakrouterinligamenthysteropexie (Befestigung der Gebärmutter an ihren natürlichen Haltebändern über die Scheide oder mittels Bauchspiegelung) [LL1]
- Laparoskopische Sakrohysteropexie (Befestigung der Gebärmutter am Kreuzbein mittels Bauchspiegelung) [LL1]
- Pektohysteropexie (Befestigung der Gebärmutter an Haltebändern hinter dem Schambein) [LL1]
- Ventrolaterale uterine Suspension (Aufhängung der Gebärmutter nach vorn und zur Seite) [LL1]
- Manchester-Operation (Verkürzung des Gebärmutterhalses mit Wiederherstellung der Gebärmutterhaltebänder) – Zervixamputation mit Rekonstruktion der uterinen Haltestrukturen [LL1]
Ein Uteruserhalt soll insbesondere bei uterinen Pathologien wie symptomatischen Myomen (gutartigen Muskelknoten der Gebärmutter), Adenomyose (Einwachsen von Gebärmutterschleimhaut in die Muskelwand), Endometriumhyperplasie (Verdickung der Gebärmutterschleimhaut) oder Endometriumpolypen (gutartigen Schleimhautwucherungen in der Gebärmutter), ungeklärten uterinen Blutungen, zervikaler Dysplasie, ausgeprägter Zervixelongation oder relevanten onkologischen Risikokonstellationen (erhöhtem Krebsrisiko) kritisch geprüft werden. In diesen Situationen kann eine Hysterektomie die geeignetere Option sein [LL1].
Bei geplanter vaginaler Hysterektomie und apikalem Prolaps soll eine zusätzliche apikale Fixation, insbesondere eine transvaginale Sakrouterinligamentfixation, erwogen werden. Eine isolierte Hysterektomie ohne Wiederherstellung der apikalen Aufhängung ist keine adäquate Prolapsoperation [LL1].
Eine gleichzeitige totale Hysterektomie (vollständige Entfernung der Gebärmutter einschließlich des Gebärmutterhalses) und die Implantation eines vaginalen oder abdominalen synthetischen Netzes sollen wegen des erhöhten Risikos für Netzkomplikationen möglichst vermieden werden. Ist eine Entfernung des Corpus uteri (Gebärmutterkörpers) erforderlich, sind uteruserhaltende Verfahren, eine suprazervikale Hysterektomie (Entfernung des Gebärmutterkörpers unter Erhalt des Gebärmutterhalses) mit Sakrozervikopexie oder ein anderes netzfreies Vorgehen entsprechend dem individuellen Befund zu prüfen [LL1].
Manchester-Operation
Bei der Manchester-Operation wird die elongierte Zervix (verlängerte Gebärmutterhals) amputiert und die uterinen Haltestrukturen werden rekonstruiert. In der randomisierten Vergleichsstudie von Enklaar et al. erreichten 87,3 % der Patientinnen nach modifizierter Manchester-Operation und 77,0 % nach sakrospinaler Hysteropexie den zusammengesetzten primären Erfolgsendpunkt [4].
Nach den für die S3-Leitlinie maßgeblichen Kriterien bestanden jedoch keine relevanten Unterschiede bei den subjektiven Senkungssymptomen und den objektiven Rezidiven. Apikale Rezidive waren nach zwei Jahren bei beiden Verfahren selten. Da lediglich eine randomisierte kontrollierte Studie vorliegt, bewertet die Leitlinie die Evidenz als unzureichend. Die Manchester-Operation kann daher bei fehlenden geeigneteren Alternativen erwogen werden; eine generelle Überlegenheit gegenüber der sakrospinalen Hysteropexie kann nicht abgeleitet werden [4, LL1].
Kolpokleisis
Bei ausgewählten Patientinnen kann eine partielle oder vollständige Kolpokleisis (teilweiser oder vollständiger operativer Verschluss der Scheide) erwogen werden. Das Verfahren kommt insbesondere bei älteren oder multimorbiden Frauen infrage, die dauerhaft keinen vaginalen Geschlechtsverkehr mehr wünschen. Die Scheide wird teilweise oder vollständig verschlossen; die Möglichkeit vaginaler Kohabitation (Geschlechtsverkehr über die Scheide) geht dadurch dauerhaft verloren. Diese irreversible funktionelle Konsequenz sowie mögliche persistierende oder neu auftretende Blasen- und Darmfunktionsstörungen müssen ausdrücklich besprochen werden [LL1].
Genitalprolaps und Belastungsinkontinenz
Die operative Behandlung einer Belastungsinkontinenz (Urinverlust bei körperlicher Belastung, Husten oder Niesen) ist von der Prolapsrekonstruktion zu unterscheiden. Ein suburethrales Band (Kunststoffband unter der Harnröhre) stabilisiert die mittlere Urethra (mittleren Abschnitt der Harnröhre) und behandelt die Belastungsinkontinenz, korrigiert jedoch nicht den Genitalprolaps [LL1].
- Kontinente Patientinnen – auf eine prophylaktische Kontinenzoperation soll verzichtet werden, insbesondere wenn eine larvierte Belastungsinkontinenz (erst nach Zurückverlagerung des Prolapses erkennbare Belastungsinkontinenz) ausgeschlossen wurde [LL1].
- Symptomatische Belastungsinkontinenz – der Patientin soll eine gleichzeitige Operation zur Behandlung der Belastungsinkontinenz angeboten werden [LL1].
- Larvierte Belastungsinkontinenz – mit der Patientin soll über die Möglichkeit einer gleichzeitigen suburethralen Bandeinlage im Rahmen der vaginalen Prolapschirurgie gesprochen werden [LL1].
- Zweizeitiges Vorgehen (Behandlung in zwei getrennten Operationen) – die suburethrale Bandeinlage kann auch zeitversetzt, z. B. etwa drei Monate nach der Prolapsoperation, erfolgen, ohne die Erfolgsrate wesentlich zu beeinträchtigen. Dadurch kann bei Patientinnen, die durch die Prolapsoperation bereits kontinent werden, eine unnötige Kontinenzoperation vermieden werden [LL1].
- Kontinenzoperation bei Sakrokolpopexie – bei gleichzeitig bestehender Belastungsinkontinenz können eine suburethrale Bandeinlage oder eine Burch-Kolposuspension (operative Anhebung des Gewebes neben der Harnröhre) erfolgen. Die suburethrale Bandeinlage führt längerfristig zu besseren Kontinenzraten und kann deshalb bevorzugt werden [LL1].
Zu den etablierten spannungsfreien suburethralen Bandverfahren gehören:
- Retropubisches spannungsfreies Vaginalband – TVT (Kunststoffband, das hinter dem Schambein geführt wird) – das Band wird über einen vaginalen Zugang spannungsfrei unter der mittleren Urethra platziert und retropubisch hinter der Symphyse (Schambeinfuge) ausgeleitet.
- Transobturatorisches Band – TOT (Kunststoffband, das durch seitliche Öffnungen des Beckenknochens geführt wird) – das Band wird spannungsfrei unter der mittleren Urethra platziert und durch die Foramina obturatoria (Öffnungen im Beckenknochen) zur Leisten- beziehungsweise Oberschenkelregion geführt.
Die Wahl des Zugangs richtet sich nach der individuellen Befund- und Risikokonstellation. Die Aufklärung muss insbesondere Bandexposition beziehungsweise Banderosion (Freiliegen beziehungsweise Eindringen des Bandes in angrenzendes Gewebe), Blasen- oder Urethraverletzung, Blutung, postoperative Blasenentleerungsstörung, neu auftretende Drangsymptomatik (plötzlicher starker Harndrang), persistierende Belastungsinkontinenz und chronische Schmerzen umfassen [LL1].
Weitere Hinweise
- Höheres Lebensalter – das Alter allein stellt keine Kontraindikation für eine rekonstruktive Prolapsoperation dar. In einer retrospektiven Vergleichsstudie unterschieden sich die Ergebnisse der Sakrouterinligamentfixation bei Frauen ab 70 Jahren nach multivariabler Adjustierung nicht signifikant von den Ergebnissen jüngerer Patientinnen [3].
- Nikotinkonsum – erhöht das Risiko einer Netzerosion (Durchtritt des Netzes durch angrenzendes Gewebe). Bei geplanter synthetischer Netzimplantation soll auf dieses Risiko hingewiesen und ein Nikotinverzicht empfohlen werden [LL1].
- Rezidivprolaps – die Operationsplanung soll die Ursache des Rezidivs, die betroffenen Kompartimente, vorausgegangene Fixationsverfahren, vorhandene Implantate, die Vaginallänge sowie Blasen-, Darm- und Sexualfunktion berücksichtigen [LL1].
- Netzkomplikationen – eine teilweise oder vollständige Netzentfernung kann technisch schwierig sein und garantiert insbesondere bei chronischen Schmerzen keine vollständige Beschwerdefreiheit. Die Behandlung soll in einem entsprechend erfahrenen Zentrum erfolgen [LL1].
- Operatives Zentrum – bietet ein behandelndes Zentrum ein von der Patientin nach sachgerechter Aufklärung gewünschtes und geeignetes Verfahren nicht an, soll eine Vorstellung in einem entsprechend spezialisierten Zentrum ermöglicht werden [LL1].
- Nachsorge – postoperative Senkungs-, Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen sowie die Lebensqualität sollen systematisch erfasst werden. Neue Operationsverfahren sollen vorzugsweise innerhalb prospektiver klinischer Studien mit strukturierter Nachkontrolle angewendet werden [LL1].
Operationsaufklärung
Die verfahrensbezogene Aufklärung soll insbesondere folgende mögliche Folgen und Komplikationen umfassen:
- Rezidivprolaps – im operierten oder in einem anderen Kompartiment [LL1]
- Harninkontinenz – persistierende, rezidivierende, larvierte oder neu auftretende Belastungsinkontinenz [LL1]
- Blasenfunktionsstörungen – überaktive Blase, Dranginkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust bei plötzlich auftretendem Harndrang), Blasenentleerungsstörung oder Harnverhalt (Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren) [LL1]
- Darmfunktionsstörungen – persistierende oder neu auftretende Stuhlentleerungsstörungen, Obstipation (Verstopfung) oder rektale Beschwerden [LL1]
- Sexuelle Funktionsstörungen – Dyspareunie, Verkürzung oder Verengung der Vagina sowie Veränderungen der sexuellen Funktion [LL1]
- Organverletzungen – Verletzungen von Harnblase, Urethra, Ureter (Harnleiter), Darm, Gefäßen oder Nerven [LL1]
- Allgemeine Operationsrisiken – Blutung, Hämatom (Bluterguss), Infektion, Wundheilungsstörung, Thrombose (Blutgerinnsel in einem Blutgefäß) und anästhesiologische Komplikationen (Komplikationen der Narkose) [LL1]
- Implantatbezogene Komplikationen – Netz- oder Bandexposition (Freiliegen des Netzes oder Bandes), Erosion, Schrumpfung, Infektion, Organpenetration (Eindringen in ein benachbartes Organ), Spondylodiszitis (Entzündung eines Wirbelkörpers und der angrenzenden Bandscheibe) und chronische Schmerzen [LL1]
- Weitere Behandlungen – mögliche Notwendigkeit erneuter konservativer oder operativer Maßnahmen [LL1]
Literatur
- Morling JR, McAllister DA, Agur W et al.: Adverse events after first, single, mesh and non-mesh surgical procedures for stress urinary incontinence and pelvic organ prolapse in Scotland, 1997-2016: a population-based cohort study. Lancet 2017;389(10069):629-640. doi:10.1016/S0140-6736(16)32572-7
- Glazener CMA, Breeman S, Elders A et al.: Mesh, graft, or standard repair for women having primary transvaginal anterior or posterior compartment prolapse surgery: two parallel-group, multicentre, randomised, controlled trials (PROSPECT). Lancet 2017;389(10067):381-392. doi:10.1016/S0140-6736(16)31596-3
- Chill HH, Dick A, Cohen A et al.: Surgical outcomes in patients aged 70 years and older following uterosacral ligament suspension: a comparative study. Arch Gynecol Obstet 2023;307(6):2033-2040. doi:10.1007/s00404-023-06974-1
- Enklaar RA, Schulten SFM, van Eijndhoven HWF et al.: Manchester Procedure vs Sacrospinous Hysteropexy for Treatment of Uterine Descent: A Randomized Clinical Trial. JAMA 2023;330(7):626-635. doi:10.1001/jama.2023.13140
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau. (AWMF-Registernummer: 015-006), Januar 2026 Langfassung