Atkins-Diät
Die Atkins-Diät ist eine stark kohlenhydratreduzierte, fettreiche und eiweißbetonte Ernährungsform mit dem primären Ziel der Gewichtsreduktion. Charakteristisch ist der weitgehende Verzicht auf Kohlenhydrate bei gleichzeitig freiem Verzehr von Fett und Protein, ohne explizite Kalorienrestriktion.
Die Diät gehört zum Spektrum der Low-Carb- bzw. Very-Low-Carb-Diäten und zielt darauf ab, den Energiestoffwechsel in eine ketogene Stoffwechsellage zu überführen.
Es handelt sich um eine Lifestyle- und Reduktionsdiät ohne krankheitsspezifische Indikation.
Entstehung und wissenschaftliche Grundlagen
Die Atkins-Diät wurde Anfang der 1970er Jahre von dem US-amerikanischen Kardiologen Robert Atkins entwickelt und erstmals 1972 publiziert. Sie entstand vor dem Hintergrund der Kritik an fettarmen Ernährungskonzepten und stellt Kohlenhydrate als zentralen Treiber von Übergewicht in den Fokus.
Die theoretische Grundlage bildet ein vereinfachtes hormonelles Modell, in dem Insulin als Hauptfaktor der Fettakkumulation angesehen wird. Zentrale Annahmen sind, dass eine starke Reduktion der Kohlenhydratzufuhr den Insulinspiegel senkt, die Lipolyse (Fettabbau) fördert und zu einer Gewichtsabnahme auch ohne bewusste Kalorienrestriktion führt. Diese Annahmen sind biochemisch teilweise plausibel, werden jedoch in ihrer Generalisierung wissenschaftlich kontrovers diskutiert [1, 2].
Zielsetzung der Diät
Ziel der Atkins-Diät ist eine rasche Gewichtsreduktion durch Umstellung des Energiestoffwechsels auf eine überwiegend fettbasierte Energiegewinnung. Die Diät wird primär im Lifestyle-Kontext eingesetzt. Eine spezifische therapeutische Zielsetzung mit definierten Zielparametern wie HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), LDL-Cholesterin oder Blutdruck ist nicht vorgesehen.
Kurzfristig sollen Körpergewicht und Hungergefühl reduziert werden. Langfristig wird eine Gewichtsstabilisierung angestrebt, für die jedoch keine belastbare Evidenz vorliegt [1, 3].
Grundprinzipien
Kernprinzip ist die drastische Einschränkung der Kohlenhydratzufuhr bei gleichzeitig unbegrenztem Verzehr von Fett und Proteinen (Eiweiß). Eine Kalorienbegrenzung erfolgt nicht.
Die Diät ist in vier Phasen gegliedert, die sich hinsichtlich der erlaubten täglichen Kohlenhydratmenge unterscheiden:
- In der Einleitungsphase (≈ 14 Tage) sind maximal 20 g Kohlenhydrate pro Tag erlaubt, vorzugsweise aus Blattsalaten.
- In der Reduktionsphase (2-8 Wochen) wird die Kohlenhydratmenge schrittweise um jeweils 5 g erhöht, solange eine Gewichtsabnahme erfolgt.
- In der Vorerhaltungsphase wird die Zufuhr in 10-g-Schritten gesteigert, bis ein individueller Gewichtsstillstand erreicht ist.
- Die Erhaltungsphase ist als lebenslange Ernährungsform konzipiert und liegt meist bei 40-60 g Kohlenhydraten pro Tag.
Angestrebte Wirkmechanismen
Durch die stark eingeschränkte Kohlenhydratzufuhr werden die Glykogenspeicher (Glykogen = Speicherform der Glucose in Leber und Muskulatur) entleert, sodass der Körper vermehrt Fettsäuren zur Energiegewinnung nutzt. In der Leber entstehen daraus Ketonkörper, die als Energieträger dienen.
Begleitend bleiben Blutglucose- und Insulinspiegel niedrig, was theoretisch die Lipogenese (Fettaufbau) hemmt.
Zusätzlich wird eine appetithemmende Wirkung proteinreicher Kost diskutiert. Diese Mechanismen sind physiologisch erklärbar, ein langfristiger Vorteil gegenüber anderen hypokalorischen Ernährungsformen ist jedoch nicht eindeutig belegt [2, 3].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene ohne relevante internistische Vorerkrankungen
- Personen mit kurzfristigem Gewichtsreduktionsziel
- Personen mit hoher Motivation und Bereitschaft zu strikter Lebensmittelauswahl
Eingeschränkte Eignung
- Ältere Menschen (erhöhtes Risiko für eine Sarkopenie/Muskelabbau und Kraftverlust)
- Personen mit kardiovaskulären (das Herz-Kreislauf-System betreffenden) Risikofaktoren
- Personen mit erhöhtem LDL-Cholesterin
Nicht geeignet
- Kinder und Jugendliche
- Schwangere und Stillende
- Menschen mit Nieren- oder Lebererkrankungen
- Menschen mit Gicht oder Hyperurikämie
- Diabetes mellitus Typ 1
- Personen mit Multimorbidität (gleichzeitiges Vorliegen mehrerer Krankheiten)
In vulnerablen Personengruppen (Personen mit besonderer gesundheitlicher Anfälligkeit) ist von der Atkins-Diät klar abzuraten.
Durchführung und Ablauf der Diät
Die Durchführung erfolgt meistens selbstständig und ohne ärztliche Begleitung.
Häufige Anfangsbeschwerden sind Müdigkeit, Kopfschmerzen und Benommenheit im Rahmen der metabolischen Umstellung.
Typische Fehler sind eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr sowie eine sehr geringe Ballaststoffaufnahme.
Eine strukturierte Übergangsphase in eine ausgewogene Ernährung ist nicht vorgesehen.
Die Diät kann formal unbegrenzt durchgeführt werden, wird in der Praxis jedoch häufig nach Wochen oder Monaten abgebrochen.
Empfohlene Lebensmittel
- Fleisch, Fisch und Wurstwaren
- Eier
- Käse, Sahne und fettreiche Milchprodukte
- Fette und Öle
- Nüsse
- Blattsalate
- Alkohol
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
- Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln
- Obst
- Zucker, Süßigkeiten, Kuchen
- Hülsenfrüchte
- die meisten Gemüsesorten
Diese Einschränkungen führen zu einer deutlich reduzierten Zufuhr von Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Die Atkins-Diät erfordert eine konsequente Planung und eine dauerhaft stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl. Bereits die tägliche Mahlzeitenplanung muss gezielt auf sehr kohlenhydratarme Lebensmittel ausgerichtet werden, was insbesondere im beruflichen Alltag, bei Schichtarbeit oder bei wechselnden Tagesstrukturen mit erhöhtem organisatorischen Aufwand verbunden ist. Spontanes Essen, Kantinenverpflegung oder Einladungen im sozialen Umfeld lassen sich häufig nur eingeschränkt mit den Diätvorgaben vereinbaren.
Mahlzeiten außer Haus stellen eine besondere Herausforderung dar, da kohlenhydratreiche Beilagen wie Brot, Kartoffeln, Reis oder Nudeln in der Regel ausgeschlossen sind und die Zusammensetzung der Speisen nicht immer transparent ist. Dies kann zu sozialem Rückzug oder zu häufigen Regelverstößen führen.
Ein weiterer praktischer Aspekt ist die empfohlene hohe Flüssigkeitszufuhr, die dem erhöhten Wasserverlust durch den Abbau der körpereigenen Kohlenhydratspeicher entgegenwirken soll. Im Alltag wird diese Empfehlung jedoch häufig nicht konsequent umgesetzt. In Kombination mit der sehr geringen Ballaststoffzufuhr begünstigt dies Verdauungsbeschwerden, insbesondere Obstipation (Verstopfung).
Insgesamt ist die langfristige Integration der Atkins-Diät in den Alltag für viele Personen schwierig. Die hohe Disziplin, die permanente Lebensmittelauswahl und der eingeschränkte soziale Spielraum führen häufig zu einer begrenzten Durchführbarkeit über längere Zeiträume.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Die Makronährstoffverteilung (Verteilung der Hauptnährstoffe Kohlenhydrate, Fette und Proteine) der Atkins-Diät ist deutlich von den Empfehlungen einer ausgewogenen Mischkost abweichend. Der Fettanteil liegt häufig bei etwa 45 % der Gesamtenergiezufuhr, der Proteinanteil bei etwa 35-40 %, während der Kohlenhydratanteil stark reduziert ist. Damit überschreiten sowohl Fett- als auch Proteinzufuhr deutlich die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), während die Kohlenhydratzufuhr deutlich darunter liegt.
Durch den weitgehenden Verzicht auf Vollkornprodukte, Obst, Hülsenfrüchte und viele Gemüsesorten ist die Zufuhr von Ballaststoffen sowie von Vitaminen und Mineralstoffen häufig unzureichend. Besonders betroffen sind Vitamin C, verschiedene B-Vitamine, Calcium, Magnesium und Kalium. Auch die Aufnahme sekundärer Pflanzenstoffe ist deutlich reduziert.
Die hohe Proteinzufuhr kann bei langfristiger Anwendung insbesondere für Personen mit eingeschränkter Nierenfunktion problematisch sein. Gleichzeitig fehlt es der Ernährung an struktureller Vielfalt, was die langfristige ernährungsphysiologische Ausgewogenheit zusätzlich beeinträchtigt. Ohne gezielte Supplementierung ist eine bedarfsdeckende Versorgung mit essentiellen Mikronährstoffen langfristig nicht gewährleistet [1, 2].
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Kurzfristig treten häufig Müdigkeit, Benommenheit und Halitosis (Mundgeruch) im Rahmen der Ketose (Stoffwechselzustand, in dem der Körper aufgrund von Glukosemangel Fett anstelle von Kohlenhydraten zur Energiegewinnung nutzt, indem er Fett in Ketonkörper umwandelt) auf. Die geringe Ballaststoffzufuhr begünstigt Obstipation.
Langfristig können erhöhte LDL-Cholesterin- und Homocysteinspiegel auftreten, insbesondere bei hoher Zufuhr gesättigter Fettsäuren und tierischer Proteine.
Die erhöhte Purinzufuhr kann Hyperurikämie (erhöhte Harnsäurespiegel im Blut) und Gicht fördern.
Große Kohortenstudien zeigen, dass sowohl eine sehr niedrige (< 40 %) als auch eine sehr hohe (> 70 %) Kohlenhydratzufuhr mit einer erhöhten Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert ist [3].
Der zu Beginn auftretende rasche Gewichtsverlust ist überwiegend auf Wasserverlust durch Glykogendepletion (Entleerung der körpereigenen Kohlenhydratspeicher) zurückzuführen.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
- relevante Lebererkrankungen
Relative Kontraindikationen
- Hyperurikämie und Gicht
- Kardiovaskuläre (Herz- und Gefäß-) Vorerkrankungen
- Multimorbidität (Vorliegen mehrerer, oft chronischer Krankheiten bei einer Person)
- Vulnerable Personengruppen
In diesen Fällen ist eine ärztliche Rücksprache zwingend erforderlich.
Vorteile
- Rascher anfänglicher Gewichtsverlust
- Kein Kalorienzählen erforderlich
- Ausgeprägtes Sättigungsgefühl durch hohen Protein- und Fettanteil
- Klare Regeln können kurzfristig motivierend wirken
- Niedrige Blutzucker- und Insulinspiegel
Nachteile
- Sehr einseitige Ernährungsform
- Erhöhtes Risiko für Nährstoffmängel
- Fett- und Proteinzufuhr deutlich über Empfehlungen
- Förderung rigider Essmuster
- Geringe Alltagstauglichkeit
- Hohe Abbruchrate und Jo-Jo-Risiko
- Langfristige gesundheitliche Risiken nicht ausreichend geklärt
Wissenschaftliche Einordnung
Die aktuelle Evidenz zeigt, dass Low-Carb- und Very-Low-Carb-Diäten kurzfristig zu einer Gewichtsreduktion führen können, langfristig jedoch keinen Vorteil gegenüber ausgewogenen, hypokalorischen Ernährungsformen bieten [1, 2]. Fachgesellschaften empfehlen stark kohlenhydratreduzierte, fettreiche Diäten nicht als dauerhafte Ernährungsstrategie. Entscheidend für den langfristigen Erfolg sind die Ernährungsqualität und die langfristige Umsetzbarkeit, nicht die extreme Makronährstoffverteilung.
Fazit
Die Atkins-Diät ist aus ernährungsmedizinischer Sicht keine empfehlenswerte Ernährungsform. Zwar kann es zu Beginn zu einem raschen Gewichtsverlust kommen, dieser beruht jedoch überwiegend auf Wasserverlust und nicht auf einer nachhaltigen Reduktion der Fettmasse. Ein langfristiger Vorteil gegenüber ausgewogenen, leitlinienkonformen Ernährungskonzepten ist nicht belegt.
Dem kurzfristigen Nutzen stehen erhebliche Nachteile gegenüber: eine stark einseitige Lebensmittelauswahl, eine unzureichende Versorgung mit Ballaststoffen und essentiellen Mikronährstoffen, eine dauerhaft ungünstige Makronährstoffverteilung sowie potentielle metabolische und kardiovaskuläre Risiken. Die Alltagstauglichkeit ist gering, die Abbruchrate hoch, und ein Jo-Jo-Effekt ist häufig.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Atkins-Diät ernährungsphysiologisch unausgewogen, langfristig nicht praktikabel und gesundheitlich problematisch ist. Im Vergleich zu ausgewogenen, evidenzbasierten Ernährungsformen ist sie klar unterlegen und aus medizinischer Sicht nicht zu empfehlen.
Literatur
- Johnston BC, Kanters S, Bandayrel K, Wu P, Naji F, Siemieniuk RAC et al.: Comparison of weight loss among named diet programs in overweight and obese adults: a meta-analysis. JAMA. 2014;312(9):923-933. doi: 10.1001/jama.2014.10397.
- Tobias DK, Chen M, Manson JE, Ludwig DS, Willett W, Hu FB: Effect of low-fat diet interventions on long-term weight change: a systematic review and meta-analysis. Lancet Diabetes Endocrinol. 2015;3(12):968-979. doi: 10.1016/S2213-8587(15)00367-8.
- Seidelmann, SB et al.: Dietary carbohydrate intake and mortality: a prospective cohort study and meta-analysis. Lancet Public Health Published: August 16, 2018 doi:https://doi.org/10.1016/S2468-2667(18)30135-X.
- Jenkins DJA, Dehghan M, Mente A et al.: Glycemic Index, Glycemic Load, and Cardiovascular Disease and Mortality. N Engl J Med 2021;384(14):1312-22 doi: 10.1056/NEJMoa2007123.